Teamgeist und kriminalistischer Spürsinn
- Rosemarie Pexa
- vor 5 Stunden
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Chefinspektor Christian Lerchster wurde bei der Ehrung zum Kriminalisten des Jahres 2025 für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Es war ein Freund, der Chefinspektor Christian Lerchster vom Stadtpolizeikommando Innsbruck, Fachbereich 1 Gewalt des Kriminalreferats, einst für den Polizeiberuf begeisterte. Beide bewarben sich bei der Innsbrucker Polizei, doch nur Lerchster bestand die Aufnahmeprüfung. Dass er wieder die Schulbank drücken musste, fiel ihm leichter als ursprünglich angenommen: „Nach dem Abschluss der HTL für Holzwirtschaft habe ich vom Lernen erst einmal genug gehabt – aber das Lernen in der Polizeischule hat mir Spaß gemacht.“
Nach Abschluss der Polizeigrundausbildung an der Polizeischule Innsbruck wurde Lerchster 1986 dem Wachzimmer Pradl in Innsbruck zugeteilt. Aus seinen ersten Dienstjahren sind ihm vor allem die zahlreichen Todesfälle im Gedächtnis geblieben, die er auf die hohe Anzahl betagter Menschen im Rayon zurückführt. Auch wenn es sich meist um einen natürlichen Tod handelte, empfand er den Anblick der Leichen anfangs als bedrückend. Das habe sich mittlerweile gründlich geändert, so Lerchster: „Jetzt sind Todesfälle und Obduktionen für mich Alltag, bei Bedarf springe ich nach wie vor ein.“
Unfälle. Ein Fall, der den damals jungen Polizisten bis in den Schlaf verfolgte, war ein Auffahrunfall mit zwei Lkw. Der hintere Lastwagen geriet in Brand, dessen Fahrer war in der Fahrerkabine eingeklemmt und starb in den Flammen. Während eines Einsatzes wie diesem konzentriere man sich auf seine Arbeit, erst im Nachhinein würden einen die Gedanken an das Erlebte verfolgen, beschreibt Lerchster. Umso wichtiger sei es, dass erfahrene Polizisten ihren jüngeren Kollegen nach belastenden Ereignissen mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Als Beispiel für ein erschütterndes Unglück, bei dem sich das kameradschaftliche Verhalten der Kollegen zeigte, nennt Lerchster den Snowboard-Event „Air & Style“ im Innsbrucker Bergiselstadion 1999. Es kam zu einer Massenpanik, bei der fünf junge Menschen zu Tode getrampelt wurden. Lerchster, der Journaldienst hatte, erinnert sich: „Wir haben die ganze Nacht und den folgenden Vormittag durchgearbeitet. Keiner von uns ist heimgegangen, auch die nicht, deren Dienst schon beendet gewesen wäre.“
Psychisch Kranke. Herausfordernd ist auch der Kontakt mit psychisch Kranken, der von Polizisten sowohl emotionale Stabilität als auch empathisches Verhalten verlangt. Lerchster nennt den Fall einer psychisch kranken Mutter, die Suizid begehen, aber ihre dreijährige Tochter nicht zurücklassen wollte und diese tötete. Sie selbst überlebte schwer verletzt. Ein anderer Einsatz nach dem Anruf einer Frau, die sich durch Außerirdische und Strahlung bedroht fühlte, entbehrte nicht einer gewissen Tragikomik, wie Lerchster schildert: „Wir haben nachgesehen, ob es eine tatsächliche Bedrohung gibt. Dann haben wir der Frau versichert, dass ihr nichts passieren kann, weil die Polizei da ist.“
Seine Erfahrungen zeigten Lerchster, dass psychisch kranke Menschen oft vor allem Zuwendung brauchen. Häufig handelt es sich um Personen, die keine Angehörigen mehr haben oder deren Familienmitglieder mit der Situation nicht umgehen können und die Betroffenen daher meiden. „Als Polizist versucht man, einen psychisch Kranken zu beruhigen und ihn dazu zu bewegen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen“, so Lerchster.
MEK. Mit einer anderen Klientel hatte Lerchster während seiner Zeit im Wachzimmer Pradl als Angehöriger des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) zu tun. Auch bei den Einsätzen des MEK waren eine gute Gesprächsführung und die Fähigkeit, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen, essenziell. „Meistens haben wir die Kripo bei Festnahmen unterstützt, bei denen Gegenwehr zu erwarten war. Wir haben in eskalierten Situationen versucht zu deeskalieren“, beschreibt Lerchster seine Hauptaufgabe beim MEK.
Da Dialog und Deeskalation nicht immer zum Ziel führen, mussten sich angehende MEK-Beamte umfassende einsatztechnische Kompetenzen aneignen. Lerchster bezeichnet die Ausbildung, bei der unter anderem Schieß- und Abseilübungen auf dem Programm standen, als „spannend“. Das MEK, als eigener Wachkörper für ganz Innsbruck zuständig, verfügte über eine bessere Ausrüstung und PS-stärkere Fahrzeuge als die Wachzimmer. Besonders stolz waren die Angehörigen des MEK auf ihre Dienstpistole – eine Glock statt der damals noch üblichen Walther.
Als Beispiel für einen MEK-Einsatz nennt Lerchster die Unterstützung des Amts für Jugendfürsorge, um eine Kindesabnahme durchzuführen. Es handelte sich um ein Baby, dessen beide Elternteile drogenabhängig waren, eine Eskalation wurde befürchtet. Lerchster schildert die heikle Situation: „Der Vater hat das Baby an sich gedrückt. Er hat gesagt, er tut dem Kind etwas an, wenn die Polizei versucht, es ihm wegzunehmen. Im Gespräch haben wir geschafft, ihn dazu zu bringen, uns das Kind zu übergeben.“
Kriminalpolizei. 1995 absolvierte Lerchster den E2a-Grundausbildungslehrgang in Wien. Das Vorurteil, die Wiener seien grantig und „Fremden“ wie Tirolern gegenüber unfreundlich, bestätigten seine Erfahrungen während des einjährigen Aufenthalts in der Bundeshauptstadt nicht. Im Gegenteil – wenn ortsunkundige angehende Kriminalbeamte in der fremden Stadt die Orientierung verloren hatten, halfen die Wiener gern, den richtigen Weg zu finden.
Ende 1995 begann Lerchsters kriminalistische Karriere in der Kriminalpolizeilichen Abteilung der Bundespolizeidirektion Innsbruck. Er lernte die Tätigkeit in allen vier Referaten kennen, beginnend mit Betrug und Wirtschaftskriminalität.
Als junger Gruppeninspektor ermittelte Lerchster gegen einen Allgemeinmediziner, der Einstellungsuntersuchungen für die Gendarmerie und für Beamte der Landesregierung durchführte. Die Krankenkassa schöpfte Verdacht, weil der Arzt eine große Anzahl an Gesundenuntersuchungen an Personen verrechnet hatte, die nicht seine Patienten waren. Es stellte sich heraus, dass der Allgemeinmediziner bei Einstellungsuntersuchungen zusätzlich nur auf dem Papier vorhandene Gesundenuntersuchungen in Rechnung gestellt hatte. Im Zuge einer Diversion zahlte er der Kassa mehrere 100.000 Schilling zurück.
Im Suchtgiftreferat waren Lerchster und seine Kollegen vor allem mit Marokkanern befasst, welche die Innsbrucker Drogenszene dominierten. Probleme bereitete der Polizei auch die Beschaffungskriminalität. Lerchster schildert den kuriosen Fall eines Süchtigen, der sich in einer Schule auf die Suche nach Beute gemacht hatte. Die Schulleitung rief die Polizei, weil in der Nacht mehrere Klassenräume aufgebrochen worden waren. Beamte mit Diensthund durchsuchten das Gebäude, fanden niemanden und zogen wieder ab. Kurz darauf meldete sich die Schulleitung erneut bei der Polizei: Mitten im Unterricht war der Einbrecher plötzlich aus einem Kasten getaumelt. Er wurde festgenommen.
LKA. Im Zuge der Zusammenlegung der Wachkörper wechselte Lerchster 2005 ins Landeskriminalamt, wo er im AB 05 – Einsatzgruppe gegen Straßenkriminalität (EGS) Tirol die Funktion des stellvertretenden Assistenzbereichsleiters übernahm.
Die EGS Tirol erhielt den Auftrag, den für ihr Bundesland ersten Lauschangriff durchzuführen. Dieser sollte – begleitend zu Observationen – dazu beitragen, marokkanische Suchtgifthändler zu überführen. Sie standen im Verdacht, Cannabis und Kokain aus Italien über den Brenner nach Österreich geschmuggelt zu haben. Die Gespräche der Marokkaner in ihrer Innsbrucker Wohnung hörten die Tiroler Kriminalisten, unterstützt von einer Dolmetscherin, in einem geschützten Bereich in Wien ab.
Mordfall. 2014 wurde Lerchster dem Ermittlungsbereich 1 Leib/Leben des Landeskriminalamts Tirol zur Unterstützung bei einem Mordfall zugeteilt. Ein Mann, der sexuelle Kontakte zu mehreren Männern gepflegt hatte, war von Angehörigen ermordet in seinem Haus aufgefunden worden, es gab Blutspuren im ganzen Haus. Der Täter, ein im Tiroler Unterland wohnhafter Slowake, konnte ausgeforscht und der Tathergang rekonstruiert werden: Eine sexuelle Handlung war eskaliert, bis der Slowake schließlich zu einem Messer gegriffen und zugestochen hatte. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Verfassungsschutz. Eine weitere Zuteilung erfolgte zum Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Lerchster und ein Kollege vom LKA unterstützten das LVT bei der Aufarbeitung eines umfangreichen Ermittlungsakts zu einer Gruppierung, die dem rechten politischen Spektrum zuzuordnen war. Die Gruppe hatte im Internet große Mengen einer Chemikalie bestellt, die als Vorläufersubstanz für den Bau von Bomben verwendet werden kann, und Waffendepots angelegt.
In den Jahren 2017 und 2018 wurde Lerchster der DSE zugeteilt, um die Außenstelle Verfassungsschutzobservation West in Tirol aufzubauen. Die dafür nötige Erfahrung sollten Lerchster und seine Kollegen in der Bundeshauptstadt sammeln. „Wir haben in Wien bei Observationen mitgearbeitet. Das Projekt ist in Tirol leider nicht verwirklicht worden“, bedauert Lerchster. Danach kehrte er wieder zur EGS Tirol zurück.
Veränderungen. Die letzte berufliche Station Lerchsters vor seiner Pensionierung im Jahr 2025 war der Fachbereich 1 Gewalt des Kriminalreferats. 2019 wurde er stellvertretender Leiter, 2022 Leiter des Fachbereichs. Rückblickend zieht er Bilanz: „Heute ist alles stärker geregelt. Die Ausrüstung ist besser geworden, da hat man viel Geld für die Polizei in die Hand genommen. Auch die Kriminalität hat sich verändert. Täter mit Migrationshintergrund sind anders sozialisiert, sie respektieren die Polizei nicht.“ Nun freut sich Lerchster darauf, endlich mehr Zeit mit seiner Partnerin und mit Sport verbringen zu können – es sei nicht selbstverständlich, sich nach 40 Jahren Polizeidienst gesund in den Ruhestand verabschieden zu können.




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