Lehrfach Korruptionsprävention
- Rosemarie Pexa
- vor 2 Stunden
- 7 Min. Lesezeit
Das BAK bietet für Schüler und Lehrkräfte Bildungsveranstaltungen zum Thema
Integrität und Korruption an.

Ist ein Beamter, der eine Flasche Wein als Geschenk annimmt, korrupt? Gilt es als Bestechung, wenn Eltern einer Lehrerin Blumen bringen? Wieso kann es gefährlich sein, sich ein positives Ergebnis bei der Führerscheinprüfung zu „kaufen“? Mit diesen und anderen Fragen, die für viele nicht leicht zu beantworten sind, befassen sich Jugendliche bei den Bildungsveranstaltungen des Bundesamts zur Korruptionsprävention und Korruptionsbekämpfung (BAK), die zum Teil in Zusammenarbeit mit Transparency International konzipiert und umgesetzt werden.
Angebote. Schon seit 2013 hält das BAK an Schulen interaktive Workshops zum Thema Integrität und Korruption ab. Im Vorjahr konnten mit insgesamt 15 Korruptionsevents in mehreren Bundesländern über tausend Schüler erreicht werden. Zu den Angeboten des BAK zählen auch Fortbildungen für Lehrkräfte, die in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Wien durchgeführt werden. 2025 veranstaltete das BAK zusätzlich einen Fotowettbewerb mit dem Titel „Werte und Vorbilder vor die Linse“; die eingereichten Fotos wurden in einer Ausstellung präsentiert.
Um die Aktivitäten für Schüler und Lehrkräfte unter ein gemeinsames Dach zu stellen, fasste sie das BAK zur Initiative „YOUTH4Integrity“ zusammen und ergänzte sie um ein weiteres Angebot: Lehrkräften steht nun auch das neue Unterrichtsmaterial „Für Integrität – gegen Korruption“ zur Verfügung. „Jugendliche befinden sich in einer Entwicklungsphase, in der die Schule als Plattform für Wertevermittlung genutzt werden kann. Unsere wichtigste Zielgruppe sind Schülerinnen und Schüler Berufsbildender Höherer Schulen, da diese kurz vor dem Berufseintritt stehen“, sagt Mag. Daniela Hatzl, MA, Leiterin der Abteilung Prävention, Edukation und internationale Zusammenarbeit im BAK.
Grundlagen. Für die meisten Jugendlichen ist Korruption ein Thema, mit dem sie sich noch nicht näher befasst haben. „Wir vermitteln daher zunächst einmal grundlegende Informationen“, so Hatzl, „wir erklären den Schülerinnen und Schülern, wie man Korruption definiert und korrupte Handlungen einordnet, wieso sie Korruption so schwer entdecken können und welche Auswirkungen sie hat. Es geht darum, dass die Jugendlichen verstehen, warum man für Integrität und gegen Korruption eintreten soll.“
Transparency International definiert Korruption als „Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“. Wie korrupt Experten und Führungskräfte die Politik und die Verwaltung ihres Staates empfinden, erfasst Transparency International im Korruptionswahrnehmungsindex (CPI). Im CPI 2024 wurde 180 Ländern ein Wert auf der Korruptionsskala zwischen 0 (hohes Maß an wahrgenommener Korruption) und 100 (keine wahrgenommene Korruption) zugeordnet. Österreich hat sich mit einem Wert von 67 zwar verschlechtert, ist aber nach wie vor besser als der EU-Durchschnitt. Zu den Schlusslichtern in der EU zählen Ungarn, Bulgarien und Rumänien.

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat im Jahr 2018 in 34 Ländern erhoben, wie viele Menschen bei Behördengängen korrupte Handlungen erleben, ob sie z. B. Schmiergeld zahlen müssen, um an eine Leistung zu kommen*). In Rumänien hat jeder vierte solche Erfahrungen gemacht, in Bulgarien sind es rund 15 Prozent der Bürger, in Deutschland ist es weniger als ein Prozent. Was dies für das Vertrauen der Bürger in den Staat bedeutet, wird auch bei den Fortbildungsveranstaltungen des BAK thematisiert: In Ländern mit verbreiteter Korruption ist die Zustimmung zur Demokratie schwach ausgeprägt. Laut der genannten Studie ist nur zirka jeder zweite Bürger vom demokratischen System überzeugt. Im Vergleich dazu stehen in Deutschland noch rund 95 Prozent hinter der Demokratie und ihren Institutionen.
Anti-Korruptionsevents. Die Anti-Korruptionsevents für Schülerinnen und Schüler ab der 9. Schulstufe, also für über 14-Jährige, finden an der jeweiligen Schule statt und dauern vier Stunden. Bis zu 80 Schüler können pro Termin teilnehmen. Der interaktive Workshop beginnt mit einer Vorstellung des BAK und einer Erklärung, was Korruption und Integrität bedeuten. Es folgen drei Stationen: die „Korruptionsskala“, das „Korruptionstheater“ sowie eine Station, bei der die Schule aus drei Angeboten wählen kann.
Bei der Station „Korruptionsskala“ bekommen die Schüler die Aufgabe, verschiedene auf Bildern dargestellte Situationen in einem Koordinatensystem zwischen den Dimensionen „Das ist korrupt“ bis hin zu „Das ist moralisch vertretbar“ zu platzieren. Dabei entstehen meist intensive Diskussionen darüber, welche Handlungen noch legitim sind und welche man als korrupt und damit als illegal einstufen sollte.
Diese Grenze zur Rechtswidrigkeit ist oftmals eine sehr schmale und für die Betroffenen nicht leicht zu erkennende. Ob das Verhalten rechtens ist oder es sich doch um eine strafbare Verletzung dienstlicher bzw. betrieblicher Vorschriften oder gar strafrechtlicher Normen handelt, kann in der jeweiligen Situation eine äußerst komplexe Fragestellung darstellen. Dies hängt nämlich von verschiedenen Faktoren ab, z. B. vom Wert eines Geschenks oder von der Motivation der Beteiligten, weshalb dieses gegeben bzw. angenommen wird.
Geschenke von Eltern an Lehrkräfte ihrer Kinder sind ein anschauliches Beispiel dafür. Nimmt die Lehrkraft etwa ein Geschenk oder einen sonstigen Vorteil – beispielsweise einen wertvollen Wellness-Gutschein – für eine sachlich nicht nachvollziehbar bessere Schulnote an, so wird von einem strafbaren Verhalten auszugehen sein. Erhält sie andererseits eine Aufmerksamkeit als reines Dankeschön – etwa einen Blumenstrauß für ihre fürsorgliche und aufopfernde Art den Kindern gegenüber – ohne jeglichen weiteren „Beeinflussungsgedanken“, dann handelt es sich in der Regel um ein zulässiges Verhalten der Beteiligten.
Zwischen diesen beiden Sachverhalten liegt jedoch eine Vielzahl an alternativen Verhaltensweisen, die nicht so plakativ und daher nicht einfach einzuordnen sind. Das sind häufig Situationen im Alltag, in denen durch ein spezifisches Verhalten bestimmte Erwartungen des Gegenübers geweckt werden. Das Bedürfnis, dass man etwas zurückgeben will, wenn man ein Geschenk erhalten hat, wird Reziprozität genannt, und stellt immer wieder ein probates Mittel in der Anbahnung einer geplanten korrupten Beziehung dar.
„Korruptionstheater“. Um solche Situationen zu erkennen, besser einordnen zu können und das dahingehende Bewusstsein zu schärfen, wird mit den Schülern durch verschiedene erprobte Unterrichtsmethoden im Rahmen der Anti-Korruptionsevents gearbeitet.
Eine Methode ist z. B. das „Korruptionstheater“. Dieses improvisierte Rollenspiel wird von Mitarbeiterinnen von Transparency International angeleitet. Dabei stellen die Schüler eine Bewerbungssituation dar, in der es potenziell zu einer korrupten Handlung kommen kann. Eine Person, die sich für eine Stelle in einem Unternehmen bewirbt, versucht, einen Manager zu bestechen, um den begehrten Posten zu bekommen.
Für die dritte Station stehen drei unterschiedliche Vorträge zur Auswahl. Ein Vortrag gibt Einblicke in den Arbeitsalltag eines Korruptionsermittlers, ein anderer widmet sich unter dem Titel „Would I – Should I?“ dem Thema Integrität. Der dritte Vortrag befasst sich mit Korruptionsbekämpfung im internationalen Kontext.
Den Abschluss des Workshops bildet ein Quiz, bei dem die Schüler ihr neu erworbenes Wissen über Korruption unter Beweis stellen können. „Die Teilnehmenden an den Workshops hören aufmerksam zu und machen interessiert mit, denn Korruption ist für viele ein komplett neues Thema. Die Inhalte sollten daher nach dem Workshop im Unterricht auf jeden Fall diskutiert und aufgearbeitet werden“, rät Hatzl.
Lehrerfortbildung. Um Lehrkräfte zu unterstützen, wenn sie Korruption und Integrität in der Klasse behandeln wollen, schuf das BAK gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Wien eine aus drei Modulen bestehende Fortbildung. Diese beruht auf einem Train-the-Trainer-Konzept nach dem Mehrebenenansatz. Die Lehrkräfte erhalten einerseits die nötigen Informationen, um für Schüler Unterrichtseinheiten über Korruption und Integrität zu gestalten, andererseits sollen sie auch als Multiplikatoren für ihre Kollegen fungieren und diese für den Problembereich Korruption sensibilisieren.
Fotowettbewerb. Der Fotowettbewerb „Werte und Vorbilder vor die Linse“ des BAK, der im Jahr 2025 erstmalig durchgeführt wurde, zielte darauf ab, Schüler der Oberstufe Berufsbildender Höherer Schulen mit Schwerpunkt Fotografie bzw. Kunst anzuregen, sich mit der Bedeutung von Integrität und Werten auseinanderzusetzen. Als Auftakt organisierte das BAK im Jänner 2025 Workshops an der Internationalen Anti-Korruptionsakademie (IACA). Vertreter des BAK, der IACA und Transparency International informierten über Formen von Korruption sowie über die Themen Ethik und Werte in interaktiver und kreativer Form.
Bis Ostern 2025 hatten die Schüler Zeit, ihre kreativen Ideen zum Thema Werte und Vorbilder in Form von Fotografien, begleitet von ihren Lehrkräften, umzusetzen. Gemeinsam trafen sie eine Vorauswahl an Bildern. Diese wurden eingereicht, bei der Abschlussveranstaltung samt Siegerehrung im September 2025 präsentiert und in einer Publikation sowie auf der Internetseite des BAK veröffentlicht. Anschließend wurden und werden die Werke im Zuge einer Wanderausstellung an verschiedenen Standorten und bei unterschiedlichen Gelegenheiten in ganz Österreich gezeigt.
Neues Lehrmaterial. Das neue Lehrmaterial „Für Integrität – gegen Korruption“ wurde vom BAK konzipiert und mit Unterstützung der Partnerschulen Vienna Business School Floridsdorf und Bundeshandelsakademie 10 getestet und weiterentwickelt. Lehrkräfte können das Material, das für die Gestaltung von etwa zwei Lehreinheiten gedacht ist, ohne weitere Vorbereitung im Unterricht einsetzen. Die Unterlagen für Schüler stehen auf der Website des BAK zum Download zur Verfügung, die Version für Lehrkräfte kann kostenlos angefordert werden.
„Für Integrität – gegen Korruption“ enthält einen kurzen Theorieinput, die Beschreibung eines fiktiven Korruptionsfalls und sieben vorgefertigte Arbeitsaufgaben. Besonders interessant ist für die Schüler laut Hatzl das Beispiel eines „gekauften“ positiven Ergebnisses bei der Führerscheinprüfung. Viele von ihnen befinden sich gerade in der Führerscheinausbildung oder stehen kurz davor. In der Lehrunterlage wird auf die möglichen negativen Konsequenzen eines unrechtmäßig erworbenen Führerscheins hingewiesen: Wer das Fahrzeug nicht beherrscht, hat im Straßenverkehr eine höhere Wahrscheinlichkeit, einen Unfall zu verursachen und damit sowohl sich selbst als auch andere zu gefährden.
Dass es bei Korruption nicht „nur“ um finanziellen Schaden geht, zeigt die Lehrunterlage auch anhand des Zusammenhangs zwischen Korruption und den Opferzahlen bei Naturkatastrophen auf. So ist immer wieder nach verheerenden Erdbeben, z. B. in Westasien im Jahr 2023, die Ursache für die vielen tausend Opfer und eingestürzten Gebäude Gegenstand von Ermittlungen. Es geht um gekaufte Baugenehmigungen, mangelhafte Bauweisen, persönliche Bereicherungen – und das alles auf Kosten der Erdbebensicherheit. Mit derartigen Beispielen soll das Verständnis der Schüler für die rechtlichen und moralischen Grenzen des Handelns geschärft werden.
Wie Prävention wirkt. Ziel der Präventionsarbeit des BAK ist es, die Integrität der Schüler dauerhaft zu stärken und sie für ihr späteres Leben gegen Korruption zu sensibilisieren, damit sie korruptes Verhalten erkennen und sich selbst davor schützen können. Um die Wirkung der Präventionsarbeit messen und die Maßnahmen im Bedarfsfall anpassen zu können, hat das BAK mit Unterstützung eines internationalen Korruptionswissenschafters ein Pilotprojekt zur Wirkungsanalyse der Anti-Korruptionsevents an Schulen ins Leben gerufen. Die Schüler beantworteten sowohl vor einem schulischen Antikorruptionsevent als auch danach Fragen zu einer Dilemmasituation, bei der es zu korruptem Handeln kommen könnte. An den Antworten ließ sich – wegen der bisher geringen Anzahl der Befragungen noch nicht repräsentativ – eine Änderung der Einstellung erkennen, so Hatzl.




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