Stichhaltige Aussprachen
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Bandenkämpfe zwischen syrischen und tschetschenischen Jugendlichen in Wien eskalierten im Sommer 2024. In einem Fall schoss ein Tschetschene mit einer Faustfeuerwaffe in einen Busch, wo sich ein Syrer versteckt hatte. In einem anderen Fall stach ein Syrer mehrmals mit einem Messer auf einen Tschetschenen ein.

Was als Aussprache unter syrischen und tschetschenischen „Brüdern“ geplant war, endete für einen 30-jährigen Tschetschenen mit acht Messerstichen über den Leib verteilt und Lebensgefahr. Der Cousin des Opfers hatte einige Monate zuvor auf TikTok ein Video verbreitet, auf dem ein Tschetschene einem Syrer eine Ohrfeige gab. Das war eine unehrenhafte Beleidigung und Demütigung nicht nur für den Geschlagenen, sondern für die gesamte syrische Gemeinde in Wien. Sie schwor Rache.
Vom 2. auf den 3. Juni 2024, gegen Mitternacht standen sechs Tschetschenen vier Syrern gegenüber. Die Tschetschenen hatten um eine „Aussprache“ gebeten. Schauplatz war der Arthaberpark im 10. Wiener Bezirk. Die zehn jungen Männer waren eine Generation über jener, die den Streit ausgelöst hatte. Sie waren allesamt über 25, die jüngeren Streithälse waren unter 20.
Die Älteren, die eigentlich den Streit beilegen sollten, verfingen sich in einem Wortgefecht, es kam zu einem Handgemenge und plötzlich zog einer der Syrer ein Messer. Er stach Schamil M., 30, achtmal in den Leib: in Hals, Bauch, Penis und Hoden. Zeugen leisteten Erste Hilfe. M. wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Er wurde fünf Stunden lang notoperiert. Die anderen Männer ergriffen großteils die Flucht. Eine Sofortfahndung war ergebnislos.
Khazhi Tashu A. war am Tatort. Wie sich später herausstellte, war er der Quell der Auseinandersetzung. Er zeigte den fahndenden Polizistinnen und Polizisten seinen syrischen Kontrahenten auf dessen Instagram-Account.
Am Tatort wurden eine Baseball-Kappe und ein Schlüsselbund sichergestellt. Eine Kriminalistin der Wiener Raubgruppe Werner Schellenbauer ermittelte über TikTok und Instagram unter anderem den Namen des als Messerstecher verdächtigen Ahmad A., 25. Seine DNA stimmte mit den Spuren auf der Kappe und den Schlüsseln überein. „Bei weiteren Ermittlungen hat sich herausgestellt, dass Ahmad A. Teil einer Schlepperbande war“, erzählt Werner Schellenbauer.
Nach und nach wurden die Beteiligten der schief gegangenen Aussprache ausgeforscht und zu Vernehmungen vorgeladen. Eine wichtige Rolle haben dabei die Handys der Burschen gespielt. Die Kriminalbeamten stellten unter anderem das Mobiltelefon eines älteren Bruders von Ahmad A. sicher. Auf diesem entdeckten die Ermittler ein Flugticket von Budapest nach Athen.
Flucht über Budapest. Ahmad A. war noch in der Tatnacht nach Ungarn geflüchtet, und zwar mit zwei Freunden und zwei Verwandten mit dem Auto seiner Ex-Freundin. Von Budapest flog er mit einer Linienmaschine nach Athen. Währenddessen unternahmen die Kriminalisten in Wien sechs Hausdurchsuchungen bei Freunden und Familienangehörigen. Sie fuhren nach Ungarn und erhielten Unterstützung von ihren dortigen Kollegen. Diese versorgten sie mit Videoaufnahmen des Geflüchteten mit seinen vier Fluchthelfern kurz vor dem Abflug seiner Maschine. Ahmad A. war vermutlich mit gefälschten Dokumenten von Athen über die Grenze in die Türkei geflüchtet. Danach verlor sich seine Spur.
Die Fluchthelfer wurden unter anderem ausgeforscht via Gesichtsfelderkennung aus den Bildern der Flughafen-Überwachungsvideos. Bei ihren Vernehmungen bei den Kriminalbeamten in Wien tischten sie eine Lüge um die andere auf. Sie wurden später wegen Begünstigung und Falschaussagen angeklagt und verurteilt.
Auch die tschetschenischen Angehörigen und Freunde des Opfers waren nicht kooperativ. Sie wollten die Angelegenheit selber in die Hand nehmen und „fahndeten“ auf eigene Faust mittels eines „Steckbriefs“ nach dem Täter und seinen Helfern in den sozialen Medien. Die Kriminalpolizei kam ihnen zuvor. Nach dem Haupttäter Ahmad A. wird allerdings per internationalem Haftbefehl und Zielfahndung immer noch gefahndet.
Das Opfer, der Tschetschene Schamil M., erholte sich allmählich im Krankenhaus. Nach seiner Entlassung wurde er zu einem ärztlichen Gutachter vorgeladen. Dabei erschien er mit einem Hakenkreuz-Ring am Finger. Das brachte ihm eine Anzeige wegen Wiederbetätigung ein – und eine Hausdurchsuchung. Dabei fanden die Kriminalisten eine große Hakenkreuzfahne. Zudem kam zutage, dass er 2020 als „Sittenwächter“ im Donauzentrum polizeilich aufgefallen war. Er hatte die Handys junger Syrer „kontrolliert“. Einem Syrer hatte er das Jochbein gebrochen, weil dieser einem tschetschenischen Mädchen bei den Hausaufgaben geholfen hatte.
Unruhe in der Brigittenau. Den nächsten Höhepunkt erreichte der Bandenkrieg zwischen Syrern und Tschetschenen am 5. Juli 2024, kurz vor 22 Uhr. Zusehends wurden auch Afghanen zur Zielscheibe der Tschetschenen, weil sie sie optisch nicht von den Syrern auseinanderhalten konnten. An diesem Abend schlugen die Kämpfe an vier Orten im 20. Wiener Bezirk (Brigittenau) auf: in der Treustraße, im Anton-Kummerer-Park, in der Klosterneuburger Straße und im Hugo-Gottschlich-Park. Bis dahin hatten sich die Syrer und Tschetschenen die „Hoheitsgebiete“ untereinander aufgeteilt. Der Anton-Kummerer-Park beispielsweise galt bzw. gilt als „syrisch“.
Die Polizei wurde von verschiedenen Zeugen alarmiert. Unter anderem meldete eine Frau „Maskierte, die mit einer Machete durch den Park zogen“. Andere beobachteten, wie „schwarz gekleidete, offenbar russische (tschetschenische) Männer“ aus einem BMW ausgestiegen waren und der Fahrer „Waffen aus dem Kofferraum des Wagens verteilt“ habe. Syrer wiederum rannten Tschetschenen durch die Klosterneuburger Straße hinterher. Eine Gruppe Syrer sei in einen Kebap-Laden gestürmt und habe Tschetschenen gesucht, denen sie nachgelaufen waren. Der Anführer der Gruppe habe den Laden-Inhaber, einen Afghanen, bedroht: „Bei Allah, ich steche Dich in den Kopf, wenn Du jemanden hier versteckst oder die Polizei rufst!“, schrie er. Tatsächlich kauerte ein Tschetschene unter dem Tresen des Geschäfts. Er blieb unentdeckt. Die Syrer liefen weiter in den Anton-Kummerer-Park – ihr „Hoheitsgebiet“. Dort attackierten sie zwei tschetschenische Burschen im Alter von 14 und 15 Jahren.
Währenddessen hatte die Polizei bereits die Hinweise auf den Kampf erhalten und fahndete. Im Bezirk liefen Verfolger und Verfolgte einander nach, teils bereits verletzt. Opfer und Täter waren nicht auseinanderzuhalten, die meisten Beteiligten waren beides. Im Anton-Kummerer-Park feuerte ein Tschetschene mit einer Faustfeuerwaffe in einen Busch, hinter dem sich ein syrischer Verfolgter versteckt hatte. Das wurde ihm später als versuchter Mord zur Last gelegt.
Die junge Generation sowohl der Tschetschenen als auch der Syrer hatte offenbar die ältere auf den Plan gerufen. Die älteren Angehörigen der ethnischen Gruppen sollten den Konflikt lösen – auf ihre Art und teils mit Waffengewalt.
Am Ende fuhr die Polizei mit großem Tatort-Spuren-Besteck auf und sammelte Fotos und Videos aus dem Konflikt vom Vorabend. Den Opfern und Tätern nahm die Polizei fünf Messer ab, Macheten, drei Pfeffer-Sprays, Baseballschläger, eine Faustfeuerwaffe, eine Gaspistole, eine Holzlatte, ein Alu-Vierkantrohr, eine Luftdruckpistole samt Munition und am Tatort wurden sechs Patronenhülsen sichergestellt. Es folgten zahllose Identitätsfeststellungen und Personendurchsuchungen sowie zwei Hausdurchsuchungen. Die Kriminalisten hatten jeden befragten Teilnehmer des Kampfes fotografiert und glichen ihre Bilder mit jenen ab, die sie von Zeugen, Opfern und Tätern erhalten hatten. Zum Einsatz kam auch Gesichtsfelderkennung. So wurde auch jener Syrer identifiziert, der im Kebab-Laden dem Besitzer gedroht hatte, ihn „in den Kopf zu stechen“. Es handelte sich um den 28-jährigen Ali A. Er war noch am Tatabend von Tatortbeamten fotografiert worden – zum Glück war auch ein Ganzkörperfoto angefertigt worden, auf dem das T-Shirt des mutmaßlichen Täters erkennbar war. Aufgrund verschiedener Merkmale wurde er der Drohung überführt, unter anderem aufgrund des T-Shirts.
Spuren auf Smartphones. Bei jeder Vernehmung – auch an den Tagen nach der Zuspitzung des Konflikts – nahmen die Kriminalbeamten den Verdächtigen die Handys ab und fanden darauf jede Menge weiterer Hinweise und Spuren: Fotos, Videos, Chat-Nachrichten, teils geschrieben, teils als Sprachnachrichten. Das sprach sich unter den Burschen um. Etliche von ihnen behaupteten später, ihr Handy verloren zu haben, es gelöscht oder verkauft zu haben oder es sei gestohlen worden.
Ein Zeuge hatte mit seinem Smartphone gefilmt, wie der BMW-Fahrer mit seinen Begleitern zur Waffenausgabe den Kofferraumdeckel öffnete. Aufgrund des Videos wurde der Besitzer des Fahrzeugs ausgeforscht. Es handelte sich um Emir K., 30. Er wurde am Morgen nach der Tat in seiner Wohnung festgenommen und der BMW in seiner Garage sichergestellt. Emir K. behauptete, seinen Wagen am Vortag nicht angerührt zu haben – er habe ihn verborgt gehabt. Ein Schmauchspurentest war jedoch nicht nur an Emir Ks. Hand positiv, sondern auch am Lenkrad des BMWs. Er wurde wegen des Mordversuchs durch den Schuss in den Busch auf einen Syrer in das Landesgericht eingeliefert.
Im Fahrzeug wurden DNA-Spuren verschiedener Personen gesichert. In einer Bauchtasche fanden die Kriminalisten einen Ausweis, lautend auf Schamil G., einen mutmaßlichen Komplizen von K. Ein Zeuge hatte angegeben, einer der Täter habe eine Bauchtasche bei sich gehabt, aus der er eine Pistole genommen habe.
DNA-Spuren im BMW hatte auch Mansour T., 29, hinterlassen. „Auch auf ihn hat es Hinweise von Zeugen gegeben“, sagt Martin Fiby von der Gruppe Schellenbauer. Emir K. und Mansour T. waren zur Tatzeit in einem Fitness-Center eingeloggt, in dem sie Mitglied waren. „Für Zutritt und Ausgang loggen sich Mitglieder dort per Fingerabdruck ein bzw. aus“, erklärt Fiby. K. und T. gaben die Logdateien als Alibi an. Doch die Kriminalisten wiesen ihnen unter anderem durch Videoaufnahmen nach, dass sie das Fitness-Studio durch einen Hinterausgang verlassen hatten. Zumindest K. war durch diesen Hintereingang wieder in das Fitness-Center zurückgekommen und hatte sich danach per Fingerprint ausgeloggt. Widerlegt wurden die Alibis von Emir K. und Mansour T. auch durch Rufdatenrückerfassungen und Zeit-Weg-Diagramme. Die Kriminalisten zogen alle Register.
Schamil G. wurde etwa zwei Wochen nach der Tat vor dem Fitness-Studio verhaftet, Mansour T. in der Wohnung seiner Mutter. Insgesamt wurden 13 Personen ausgeforscht und als Beschuldigte geführt. G. und T. wurden jedoch mittlerweile freigesprochen. Einige der Täter erhielten Kurzstrafen. Die Hauptverhandlung gegen Emir K. steht noch aus.
Showdown zwei Tage später. Bereits zwei Tage nach der unruhigen Brigittenauer Nacht kam es erneut zu einem Showdown. Am frühen Nachmittag des 7. Juli 2024 hatten sich 20 bis 30 tschetschenische Burschen am Bahnhof Wien-Floridsdorf zusammengefunden. Der eine oder andere war auch an der Brigittenauer Tatnacht zwei Tage vorher beteiligt. Eingeladen hatte zu dem als „Konferenz“ bezeichneten Treffen bereits am 3. Juli 2024 der 24-jährige Tschetschene Abu Bakar D. in sozialen Medien. Dabei sollte es um „Maßnahmen zur Ausschaltung der 505er“ gehen. „505er“ oder auch „515er“ ist eine Insider-Bezeichnung für einen syrischen Clan und im übertragenen Sinn für Migranten aus Syrien generell. „Es handelt sich um die Postleitzahl einer syrischen Stadt, aus der die Clan-Mitglieder stammen“, erklärt Andrea Steinhofer, MSc von der Gruppe Lehner.
Die von Abu Bakar D. einberufenen Tschetschenen beschlossen, einen Großangriff auf die verhassten Syrer zu starten. Gegen 21 Uhr trafen sie sich in Wien Meidling an der Philadelphiabrücke, Bereich Schedifkaplatz. Von hier weg marschierten die Männer in Richtung Meidlinger Hauptstraße. „Unabhängige Zeugen haben von einem ,militärisch anmutenden Vorgehen‘ berichtet“, erzählt Wolfgang Lehner. „Die Täter sind in Schlägertrupps gekommen, ausgestattet mit diversem Schlagwerkzeug, wie Hämmern, Schlagstöcken, aber auch Messern und Glasflaschen.“ Sie hatten sich über mehrere Gassen aufgeteilt und gingen auf vermeintliche Syrer los, die sie in den Straßen und Seitengassen in der Nähe der Philadelphiabrücke antrafen.
Als die Polizei alarmiert wurde, gab es bereits mehrere Verletzte. Abu Bakar D. wurde um 22 Uhr in der Meidlinger Wilhelmstraße angetroffen und kontrolliert. Nachdem ihm keine unmittelbare Tat zur Last gelegt werden konnte, konnte er unbehelligt abziehen. Insgesamt wurden fünf Personen teils schwer verletzt. Zwei der Opfer hatten einen Schädelbruch erlitten, ein weiteres Opfer wies Stichwunden im Bauchbereich auf was als versuchter Mord klassifiziert wurde.
In den kommenden Monaten forschten Kriminalisten 26 Verdächtige aus. Sie waren im Alter zwischen 15 und 24. Drei Täter sind noch unbekannt. Die ermittelnden Kriminalbeamten gehörten der Gruppe Wolfgang Lehner an, Ermittlungsbereich 01, Leib/Leben. Sie werteten ähnlich wie jene der Gruppe Werner Schellenbauer Videomaterial aus, DNA-Analysen, Rufdatenrückerfassungs- und GPS-Daten sowie Chat-Protokolle.
Am Smartphone eines Burschen fanden die Kriminalisten Kinderporno-Dateien. Er hatte auf Telegram Kontakt mit 61 Personen, die die Dateien untereinander austauschten. Der Verdächtige wurde als Betreiber der Telegram-Gruppe identifiziert.
In diesem Fall wurde ein Digitalforensiker zur Aufklärung herangezogen. Der Experte analysierte ein Video, auf dem ein Täter eines der Opfer mit Faustschlägen und Fußtritten malträtierte. Anhand von Kleidung und Einzelheiten wie Bartführung und Art der Bewegungen wurde ein Verdächtiger der Tat überführt. Zudem wurde sein Fluchtweg nachvollzogen – aufgrund seines charakteristischen Aussehens, seiner Gestik und Bewegungseigenart.
Die Ermittlungen zogen sich bis Jahresende. Im November 2024 konnten die Kriminalisten mit Öffentlichkeitsfahndungen nachlegen – nachdem Fotos anhand von Überwachungsvideos rekonstruiert worden waren – weitere Ermittlungen erfolgten auch mithilfe der „Gesichtsfelderkennung“. „Nach und nach sind Beschuldigte festgenommen worden“, erzählt Andrea Steinhofer.
Am 14. November 2024 durchsuchten die Kriminalbeamten mit Unterstützung des Einsatzkommandos Cobra die Wohnung des Abu Bakar D. Er stand nicht nur im Verdacht, an den Kämpfen im Juli 2024 teilgenommen zu haben. Er wurde auch verdächtigt, an einem Bankraub in Oberösterreich am 30. September 2024 beteiligt gewesen zu sein. Die Täter hatten 80.000 Euro erbeutet.
Bei der Hausdurchsuchung war lediglich seine Freundin anwesend. Die Beamten fanden eine Tasche mit 47.000 Euro in bar. Das Geld war teilweise noch eingepackt in die Banderole der Bank. D. wurde am Abend nach der Hausdurchsuchung in Linz in einer Fußgängerzone festgenommen.
Die „rechte Hand“ von Abu Bakar D., der Tschetschene K. wurde im Zusammenhang mit den Plänen zum Anschlag auf das Taylor-Swift-Konzert im August 2024 in Wien festgenommen. Er hatte bei einer Firma angeheuert, die an den Bühnen- und Tribünen-Aufbauarbeiten zu dem Konzert im Wiener Ernst-Happel-Stadion beteiligt war.
Im August 2024 trafen sich die „Ältesten“ aus den Gemeinden der Syrer und Tschetschenen – in einer Moschee in Wien. Sie schlossen Frieden.




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