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  • Rosemarie Pexa

Pionierin im Kriminaldienst

Ines Zwatz, pensionierte Leiterin des EB Wirtschaftskriminalität im LKA Kärnten, wurde für ihr Lebenswerk geehrt.



Sie waren ein starkes Team, die ersten acht Frauen in der Kriminalbeamtinnen-Grundausbildung bei der Gendarmerie. Kein Wunder also, dass Chefinspektorin i. R. Mag. Ines Zwatz, die am 6. Oktober 2023 im Wiener Rathaus von der Vereinigung österreichischer Kriminalisten mit dem Award „Kriminalistin des Jahres“ geehrt wurde, nicht allein angereist war. Chefinspektorin Monika Noppinger, Stellvertreterin des Kommandanten und Kriminalreferentin in Bezirkspolizeikommando Hallein, eine weitere der acht Pionierinnen, freute sich mit Zwatz über deren Auszeichnung für ihr Lebenswerk mit dem Ernst-Hinterberger-Preis. Und wenn Zwatz von ihren Erfahrungen in der Ausbildung und im Dienst erzählt, steuert Noppinger einiges selbst Erlebtes dazu bei.

Dass Zwatz zu einer Zeit, als Frauen im Exekutivdienst noch Seltenheitswert hatten, Kriminalbeamtin werden wollte, lag unter anderem an ihrem damaligen Deutschprofessor im Gymnasium. Dieser gab ihr ein Buch über eine US-amerikanische Kriminalbeamtin zu lesen und meinte zu der 17-jährigen Schülerin, die Lektüre würde zu ihr passen. Damit hatte er recht, so Zwatz: „Die Art, wie die Kriminalpolizistin in dem Buch mit Menschen umgeht, was sie bewegen kann und wie sie jemanden auf einen geraden Weg bringt, das war spannend und hat auf mich positiv gewirkt.“

 

Wunschberuf. Zwatz konnte einige Schulkolleginnen für die Idee begeistern, bei der Gendarmerie in den Kriminaldienst einzutreten. „Wir sind nach Krumpendorf zur Gendarmeriekaserne gefahren und wollten uns dort bewerben. Die haben einen Lachkrampf bekommen und gesagt: 'Frauen bei der Gendarmerie gibt es nicht und wird es nie geben.' Aber wir könnten ja in Wien nachfragen“, beschreibt Zwatz die wenig motivierende Reak­tion der Beamten.

Nicht die Bundes-, sondern die Landeshauptstadt war die nächste Anlaufstelle, bei der es Zwatz versuchte. In der Bundespolizeidirektion Klagenfurt gab es nämlich eine – einzige – Beamtin, die in der kriminalpolizeilichen Abteilung Dienst machte. Diese riet davon ab, es ihr gleichzutun, da Frauen weder von den Uniformierten noch von den Kriminalbeamten wirklich akzeptiert würden. Außerdem sei die Absolvierung der Sozialakademie ein Aufnahmekriterium.

Also meldete sich Zwatz für ein Aufnahmegespräch bei der Sozialakademie an, allerdings wurden bei dem Gespräch „sonderbare Fragen“ gestellt. Zwatz verwarf diese Ausbildungsoption und begann stattdessen, in Klagenfurt Pädagogik, mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung und der Fachkombination Bildungssoziologie, zu studieren. Im Hinterkopf hatte sie nach wie vor den Plan, in den Kriminaldienst zu gehen, und wählte die Lehrveranstaltungen dementsprechend aus. Sie bewarb sich mehrmals um die Stelle einer Kriminalbeamtin bei der Polizei in Wien, jedoch erfolglos.

1983 rückte der Traumberuf endlich in greifbare Nähe; den Wendepunkt beschreibt Zwatz folgendermaßen: „Die Mutter meines Freundes hat angerufen und gesagt: 'Es gibt eine Ausschreibung. Auch Frauen können sich jetzt bei der Gendarmerie bewerben, sie suchen Kriminalbeamtinnen.'“ Die Absolvierung der Sozialakademie war nicht mehr Pflicht, sondern wurde nur empfohlen.

 

Grundausbildungslehrgang. Zwatz war eine von 88 Frauen, die sich in Kärnten bewarben, und eine von 28, die eine Einladung zum Auswahlverfahren erhielten. Bei diesem wurden Schreib- und Rechenkenntnisse, Merkfähigkeit, psychologische und körperliche Eignung abgetestet. Zwatz bestand als Beste und durfte 1984 – gemeinsam mit je einer Bewerberin aus den anderen Bundesländern außer Wien – den Grundausbildungslehrgang in der Gendarmeriezentralschule in Mödling beginnen. Ihr Studium legte sie vorübergehen auf Eis, erst später setzte sie es, ergänzt durch das Wahlfach Frauen und Geschlechterforschung – Gender Studies, fort.

In der Gendarmeriezentralschule lernte sie Noppinger kennen. „Monika und ich waren die Kämpferinnen in der Gruppe. Wir acht Frauen waren unterschiedliche Charaktere, aber eine verschworene Einheit, wir haben zusammengehalten“, erinnert sich Zwatz. Die gegenseitige Unterstützung konnten die Pionierinnen gut gebrauchen, denn die Ausbildung war aus unterschiedlichen Gründen eine Herausforderung. Das begann mit den schriftlichen Unterlagen – Gesetzestexte, die eine ganze Reisetasche füllten. Man ließ Zwatz und ihre Kolleginnen in dem Glauben, dass sie das alles auswendig lernen müssten.

Der militärisch anmutende Drill, der für die gleichzeitig im Haus befindlichen männlichen Teilnehmer am Lehrgang für dienstführende Beamte eine Selbstverständlichkeit darstellte, war für die Frauen gewöhnungsbedürftig. Sie hatten ja keinen Grundwehrdienst beim Bundesheer geleistet und waren daher auch mit dem morgendlichen Melden nicht vertraut. Zwatz hielt dieses für überflüssig und ließ es einen der Ausbildner auch wissen: „Ich habe gesagt: 'Man sieht ja, dass wir acht Frauen sind. Warum soll ich das melden?' Die Burgenländerin, Tochter eines leitenden Gendarms, hat geflüstert: 'Frag nicht, hau die Hacken zusammen und melde.'“

 

Auf Distanz. Die männlichen Ausbildungsteilnehmer wussten nicht so recht, wie sie auf die acht Frauen reagieren sollten. „Einige haben den Kontakt zu uns vermieden, andere haben uns gezeigt, dass sie von Frauen im Gendarmeriedienst nichts halten. Wieder andere waren auf der persönlichen Ebene freundschaftlich, aber im Dienstlichen neutral bis distanziert“, schildert Zwatz. Zu dieser Haltung trug auch die Weisung bei, einen näheren Kontakt zwischen den Frauen und den Männern zu vermeiden. Zwatz wunderte sich darüber, da sie und ihre Kolleginnen später in den Dienststellen mit Männern zusammenarbeiten würden.

Die gewünschte Distanz kam auch in der räumlichen Trennung zum Ausdruck. Außerdem schien es, als würde man die Ausbildung von Frauen nicht als Dauerlösung betrachten. „Wir waren in einem Gebäudeteil untergebracht, der schon zum Abriss vorbereitet war. Unsere Zimmer waren ehemalige Büros, der Wasch- und Duschraum war gleichzeitig unser Sozialraum, beschreibt Noppinger die Unterbringung. Später wurde ein Theatervorhang aufgehängt, der den „Frauentrakt“ vom Rest des Stockwerks abteilte.

Die angehenden Kriminalistinnen wurden nicht gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen unterrichtet. „Wir waren in einer separaten Klasse, unsere Unterrichtseinheiten und Essenszeiten sind so gelegt worden, dass wir nicht mit den Männern zusammengekommen sind“, so Noppinger. Die Frauen hatten neun Stunden täglich Unterricht und damit eine Stunde mehr als ihre männlichen Kollegen.

Trotzdem galten die weiblichen Ausbildungsteilnehmer aufgrund der kürzeren Grundausbildung als bevorzugt. Diese müsse man allerdings als Teil der gesamten Ausbildung betrachten, gibt Zwatz zu bedenken. Frauen absolvierten zuerst eine sechsmonatige Grundausbildung, die mit einer Dienstprüfung abschloss, dann ein Jahr lang eine praktische Ausbildung im jeweiligen Landesgendarmeriekommando und schließlich drei weitere Monate Grundausbildung – macht in Summe 21 Monate. Im Unterschied dazu stand für die Männer eine 16-monatige Grundausbildung einschließlich einer Praxisphase auf dem Programm, danach konnten sie die Dienstprüfung ablegen.

 

Waffe und Rock. Ein Streitpunkt, bei dem sich Zwatz und ihre Kolleginnen durchsetzen konnten, war das Tragen von Waffen. Sogar Oberst Dr. Anna Vogel, Juristin und erste Frau bei der Kriminalpolizei, die in Mödling zu den Ausbildnern zählte, sprach sich zuerst dagegen aus. Zwatz konnte sie mit dem folgenden Argument überzeugen: „Wenn wir keine Waffe haben, heißt es, dass jemand auf uns aufpassen muss und wir nicht die gleichen Aufgaben wie unsere Kollegen verrichten können.“ Das konnte nicht Sinn der Sache sein, fand dann auch die bei den Frauen beliebte und als höchst kompetent betrachtete Ausbildnerin.

Bewaffnet und trotzdem weiblich – so wollte der Fotograf einer deutschen Illustrierten die Teilnehmerinnen am Grundausbildungslehrgang bei einem Pressetermin ablichten. „Ich sollte mich für die Fotos schminken, dafür habe ich mir von Ines die Wimperntusche ausborgen müssen. Sie ist mit Gewehr fotografiert worden“, erzählt Noppinger. Wobei kein Make-up zu besitzen noch das geringste Problem war – Zwatz und Noppinger hatten auch keine Röcke, und die waren Pflicht, wenn die Frauen der Öffentlichkeit präsentiert wurden. „Pressekleidung anziehen!“, hieß es dann.

Mit der „Pressekleidung“ war es nach Ablegen der Dienstprüfung Ende Juli 1984 vorbei, nicht aber mit gewissen Ressentiments gegenüber weiblichen Kriminalbeamten. Zu Beginn der praktischen Ausbildung dauerte es mehrere Wochen, bis der Leiter der Kriminalabteilung Zwatz „erlaubte“, gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen auf Außendienst zu fahren. Als Problem wurden – mit dem gleichen Argument – auch Nachtdienste gesehen: Wenn eine junge Frau mit Männern allein war, könnte ja etwas „passieren“, außerdem müsse man mit Beschwerden von Ehefrauen der Kollegen rechnen.

 

Sexuelle Gewalt. Rund einen Monat nach Dienstantritt bei der Kriminalabteilung befragte Zwatz zum ersten Mal das Opfer eines Sexualdelikts – ein Thema, das sie während ihrer gesamten Karriere beschäftigte. „Ich habe versucht, das auf der Uni zu sexueller Gewalt Gelernte bei der Polizei einzubringen. Unter den Kollegen waren Alltagstheorien verbreitet, die nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprachen. Von der wissenschaftlichen Seite her betrachtet geht es auch um Macht, das hängt mit dem gesellschaftspolitischen System und den patriarchalen Strukturen zusammen“, erläutert Zwatz, und Noppinger bringt ein Beispiel für eine oft gehörte Aussage zur „Mitschuld“ des Opfers: „Warum muss die Frau auch so spät in der Nacht allein auf die Straße gehen?“ Es ist hinlänglich bekannt, dass die meisten Sexualdelikte im nahen Beziehungsumfeld passieren.

Nach fünf Jahren als eingeteilte Beamtin für das Sachgebiet „Sitte“ und ab Juni 1988 für den Sachbereich Wirtschaftsdelikte absolvierte Zwatz mit ihren Kolleginnen 1990/91 den Grundausbildungslehrgang für dienstführende Exekutivbeamte, der ebenfalls in der Gendarmeriezentralschule in Mödling stattfand. Danach war sie als Sachbearbeiterin für Wirtschaftskriminalität tätig. Nach der Zusammenführung von Gendarmerie und Polizei fungierte sie als stellvertretende Leiterin des Ermittlungsbereichs für Wirtschaftskriminalität im Landeskriminalamt Klagenfurt und von 2013 bis zu ihrer Pensionierung 2023 als Leiterin.

 

Wirtschaftskriminalität. Aus ihrer Zeit als Sachbearbeiterin für Wirtschaftskriminalität ist Zwatz ein Fall in besonderer Erinnerung geblieben: Ein Arzt in leitender Funktion nutzte seine Vertrauensstellung gegenüber einer großen Zahl von Patientinnen aus und bereicherte sich in betrügerischer Absicht auf Kosten dieser Patientinnen, der Krankenkassen und seines Dienstgebers. Als Aktführerin ermittelte Zwatz gemeinsam mit Kollegen in Kärnten, der Steiermark und in Wien.

An den Ermittlungen zu einem Fall, der jahrelang immer wieder für Schlagzeilen sorgte, war Zwatz ab 2010 ebenfalls beteiligt: Da das LKA Kärnten die eigens gegründete „Soko Hypo“ unterstützte, war sie auch bei großangelegten Hausdurchsuchungen und anderen Ermittlungstätigkeiten mit dabei. Nacherhebungen dauern bis heute an und werden vom Ermittlungsbereich Wirtschaftskriminalität geführt.

Wenn Zwatz von ihrer Tätigkeit als Kriminalbeamtin erzählt, merkt man, dass es nicht nur die großen, spektakulären Fälle sind, die ihr am meisten am Herzen gelegen sind, sondern der Kampf gegen Diskriminierung und sexuelle Übergriffe sowie der Schutz der Menschenrechte. Diese waren ab dem Ende der 1990er Jahre auch bei der Polizei ein Thema, da das BMI das Selbstverständnis der Polizei als größte Menschenrechtsorganisation Österreichs propagierte.

 

Menschenrechte. 1997 initiierte das BMI eine Schulungsinitiative zum Thema Menschenrechte. Unter dem Titel „Woche der Menschenrechte“ wurden Multiplikatoren ausgebildet und beauftragt, die erarbeiteten Themen bei Schulungen und Informationsveranstaltungen an Polizei- und Gendarmeriebeamte zu vermitteln sowie weitere Multiplikatoren auszubilden. Die Multiplikatoren des Landesgendarmeriekommandos Kärnten initiierten 1998 das Projekt „Menschenrechte in der Exekutive“. Zwatz gestaltete mit Kolleginnen ein begehbares Ausstellungsobjekt mit dem Titel „Straße der Menschenrechte“, das 2001 mit dem Menschenrechtspreis, der mit 100.000 Schilling dotiert war, ausgezeichnet wurde.

Um die Wahrung der Menschenrechte geht es auch beim Kontakt der Exekutive zu Migranten. Dieses Thema wurde von der EU aufgegriffen, die 2003 in den Mitgliedsländern Projekte für die Ausbildung von sogenannten Interkulturlotsen förderte. In Österreich wurden interessierte Polizisten und Gendarmen, darunter Zwatz, als Ansprechpersonen bei Einsätzen mit Migranten geschult. In der Folge setzte sich Zwatz dafür ein, dass ein interkulturelles Team zur Beratung von Kolleginnen und Kollegen installiert werden sollte. Die Idee wurde allerdings nie umgesetzt, da in den folgenden Jahren der Fokus auf der Restrukturierung der Exekutive samt Zusammenlegung von Polizei und Gendarmerie lag.

 

Opferschutz. Durch ihre langjährige Arbeit im Bereich Sexualdelikte konnte sich Zwatz ein Netzwerk aufbauen, das sich aus Vertreterinnen in diesem Bereich tätiger Institutionen wie der Kinder- und Jugendanwaltschaft, dem Jugendamt, dem Kinderschutzzentrum und dem Frauenhaus zusammensetzte. Aus diesem Netzwerk entstand 1995 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gegen sexuellen Miss­brauch, die von sexueller Gewalt Betroffene bei der Bewältigung des Erlebten unterstützte und sich dafür einsetzte, dass speziell ausgestattete Vernehmungsräume für eine kontradiktorische Einvernahme der Opfer von sexueller Gewalt eingerichtet wurden.

Ebenfalls im Jahr 1995 war Zwatz Mitbegründerin des Mädchenzentrums Klagenfurt, das als Anlaufstelle für gewaltbetroffene Mädchen und junge Frauen diente – und über die Grenzen Kärntens hinaus als Best-Practice-Beispiel dient. „Durch das Zentrum haben wir endlich eine Adresse gehabt, an die wir Gewaltbetroffene verweisen konnten“, so Zwatz. Mittlerweile hat sich das ehemalige Mädchenzentrum zu einem feministisch orientierten Kompetenzzentrum mit vielfältigen Angeboten für unterschiedliche Zielgruppen entwickelt.

 

Gleichbehandlung. Der Einsatz von Zwatz gegen sexuelle Belästigung und Diskriminierung auch in den eigenen Reihen wurde 1996 „amtlich“: Das BMI bestellte sie zur Kontaktfrau, die bei der Gendarmerie Kärnten für Fragen der Gleichbehandlung und Frauenförderung verantwortlich war. Von 2002 bis zu ihrer Pensionierung fungierte sie als Gleichbehandlungsbeauftragte für Kärnten und die Steiermark. Ihr Fazit: Bezüglich der gleichen Behandlung von Männern und Frauen bei der Exekutive gibt es Fortschritte, ganz verschwunden ist der Widerstand gegen die Gleichstellung jedoch weder auf personeller noch auf institutioneller Ebene. Eine Ansicht, die Noppinger teilt: „Es hat sich viel geändert, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“                                  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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