• Herbert Windwarder

Gustav ans an Gustav zwa, ...

... wir mochen heut‘ a Razzia. Wie lange noch? Können wir uns den Sprit für die Funkwägen in einem Jahr noch leisten? Werden die Zellen nur mehr bis 18 Grad geheizt, gibt’s genug Nachwuchs, um alle Wägen besetzen zu können? Und wieso muss es „Gustav“ heißen?

Nach den beiden Corona-Seuchenjahren jagt eine Schreckensmeldung die nächs­te. Energie ist knapp und teuer, das spüren sowohl die Industrie, jeder Betrieb und jeder Bürger daheim. Die Preise steigen und somit sinkt der Konsum. Der allgemeine Wohlstand ist in Gefahr. Die Inflation und steigende Wohnkosten machen es für die Jugend immer schwerer eine Familie zu gründen. Qualifizierte Arbeitskräfte sind immer schwerer zu finden, auch für die Polizei. Achja, und die Firma Hakle hat Insolvenz angemeldet, wir haben also den zweiten Häuslpapier-Notstand innerhalb von zwei Jahren. Wobei, Insolvenz ist so ein hässliches Wort, der deutsche Wirtschaftsminister Habeck würde sagen, dass Hakle einfach aufgehört hat zu produzieren und zu verkaufen.


Dreadlocks canceln. Aber es gibt in diesen schweren Zeiten auch Positives zu vermelden! Ein Winnetou-Kinderbuch wurde gecancelt, da „ein romantisierendes Bild mit vielen Klischees gezeichnet“ wurde. Nein, ein Kinderbuch mit Klischees, und dazu nicht 100 % wahrheitsgemäß. Jetzt sagt bloß noch, dass Karlsson gar nicht vom Dach fliegen konnte und Pipi Lang­strumpf gar kein Pferd heben kann! Meine ganze Kindheit war eine einzige Lüge. Auf die öffentliche Verbrennung der Winnetou-Bücher wurde aber – noch – verzichtet. Weiters: Dreadlocks dürfen nur mehr von Menschen mit einem entsprechenden Familienstammbau getragen werden, drei kiffende Rastafaris in der Historie müssen schon dabei sein. Ob die Behörden einen entsprechenden Nachweis für die richtige Blutlinie ausstellen sollen, ist angeblich noch Gegenstand einer Arbeitsgruppe.


Die Lebensrealität. Und: Das „Deutsche Institut für Normung (DIN)“ überarbeitet gerade die Buchstabiertafel: „Bislang werden vor allem Vornamen genutzt, und zwar 16 Männer- und nur sechs Frauennamen. Das entspricht nicht der heutigen Lebensrealität.“ Es sei nicht möglich, alle relevanten ethnischen und religiösen Gruppen und dann auch noch geschlechtergerecht ausgewogen darzustellen. Ähh, ja. Welcher Polizist hat sich nicht schon um 3 Uhr früh beim Buchstabieren am Funk gedacht: „Diese Namen entsprechen doch überhaupt nicht mehr unserer Lebensrealität, da muss dringend etwas gemacht werden!“ Nun, es wird trotzdem nicht in naher Zukunft „Aische Ans an Mustafa Zwa“ heißen, wenn sich zwei Funkwägen verabreden wollen.

Da sich derzeit immer jemand beleidigt oder verletzt fühlt, hat das Deutsche Institut für Normung richtig erkannt, dass es mit Vornamen nicht funktionieren wird. Also werden Städte- und Ortsnamen verwendet. Nun, sollte Österreich nachziehen, – was wir ja meis­tens machen –, kann man nur hoffen, dass „Unterfeichten am Hochlecken“, eine malerische Gemeinde nächst dem Attersee, zu seiner verdienten Nennung kommt.


Türöffner V-Mann. Unser letztes Heft hat große Reaktionen im Leserkreis hervorgerufen. Der Artikel über die Probleme bei der Führung von Vertrauenspersonen hat offenbar einen Nerv getroffen. Nun, viele Kriminalis­ten sind auf Informationen von Insidern angewiesen, speziell im Bereich OK-, Suchtmittel- und Terrorismusbekämpfung. Auch große Einbruchs- oder Raubserien wurden schon durch Infos aus dem Milieu geklärt. Die meisten Verdeckten Ermittlungen wären ohne die Hilfe eines Informanten, der mit seinem Namen in der Gruppierung bürgen muss, nicht möglich. Die deutschen Kollegen probieren immer wieder sogenannte Kaltstarts, d.h. ein Verdeckter Ermittler pirscht sich an eine Gruppierung heran und versucht, das Vertrauen zu gewinnen, um an die guten Informationen heranzukommen. Es dauert meis­tens viele Monate und tausende Euro bis das erste Eis gebrochen ist und erste Ergebnisse zu erwarten sind. Ein Türöffner in Form eines Informanten verkürzt diese Phase wesentlich, er garantiert ja dafür, dass es sich nicht um einen Polizisten handelt. Dass diese Informanten gefährlich leben und auch ihre Familien in Ländern wie Serbien oder Albanien, ist naheliegend.


Evaluierung. Österreichs VP-Führer warten nun schon viele Monate auf den neuen VP-Erlass, der diese Arbeit regeln wird. Es gibt Befürchtungen, dass einige Punkte des Erlasses die tägliche Arbeit erschweren werden. Nun, man kann ja nach einer ersten Evaluierungsphase nachbessern, sollte der Erlass so nicht umsetzbar sein. Es muss jedem Beteiligten klar sein, dass mit dem Wegbrechen der Erkenntnisse aus Telefonüberwachungen eine wesentliche Quelle von verwertbaren Informationen fehlt. Diese große Lücke wird sich so schnell nicht wieder schließen, also müssen alternative Quelle angezapft werden und davon sind die Informanten jene, die am nächsten an den Erkenntnissen sitzen. Das Anzapfen dieser Quelle ist mit Kosten und Risiken behaftet, aber trotzdem ohne Alternative. Die Kosten sind sogar wohlfeil im Vergleich zu den Kosten einer mehrtägigen Observation, mit vielleicht weniger Wissensgewinn.


Karriereplan. Gerade im OK- und Terrorismusbereich ist ein böses Erwachen vorprogrammiert, wenn man jetzt nicht am Ball bleibt. Durch die Soko Achilles werden laufend führende Köpfe der Balkangruppierungen festgenommen und für viele Jahre weggesperrt. Nun ist es ja nicht so, dass die Nummer Zwei der Organisation dann aus Angst, dass ihm das gleiche Schicksal droht, zum Regalbetreuer umschult. Es ist eher vergleichbar mit der Pensionierung eines Kollegen in einer Führungsposition. Der Nächste rutscht nach und will es besser machen.

Es findet also gerade eine gewaltige Neuorganisation in einigen Gruppierungen statt, es werden neue Allianzen geschmiedet und Vertriebswege umorganisiert. Da die Kriminalpolizei von der Kommunikation aber gänzlich ausgeschlossen ist, bleiben die Erkenntnisse sehr dünn und trüb. Wir müssen also derzeit nicht nur proaktiv neue Polizis­ten suchen, sondern genauso proaktiv neue Informanten rekrutieren. Und in beiden Fällen müssen gute Arbeitsbedingungen und eine faire Bezahlung dafür sorgen, dass gute Leute nicht wieder abspringen.


Feuerwehrende. Und hier kommen wir gleich zum nächsten Dilemma dieser Tage, die Personalsituation und der fehlende Nachwuchs. Dass Nachwuchs­probleme keineswegs gottgewollt und zufällig sind, sieht man am Beispiel der Berufsfeuerwehr in Wien. Als Blaulichtorganisation ein guter Vergleich. Nachwuchssorgen kennt man nicht, man kann sich aus hunderten Bewerbern die Besten aussuchen. Woran kann das liegen? Kennen Sie einen Feuerwehrmann (äh... Feuerwehrfrau, Feuerwehrmann *In, Feuerwehrenden – Sie wissen was ich meine), der bei der Arbeit bespuckt, beschimpft oder angegriffen wurde, der danach noch medial durch den Dreck gezogen und mit einem Disziplinarverfahren bedroht war? Die Bezahlung ist besser und der schwere Dienst wurde durch eine frühere Pensionierungsmöglichkeit ausgeglichen. Und der Dienst in einer Feuerwache ist zumeist etwas angenehmer als der Dienst in einer Polizeiinspektion.


Killerkommando. Die prekären Arbeitsbedingungen bei der Polizei kann man nicht ändern, unser Gegenüber wird auch in den nächsten Jahren nicht zum Elmayer gehen. Ändern kann man die Bezahlung und das Verhalten des Dienstgebers bei Vorwürfen. In Tirol hat man unlängst schnell mit einer Pressekonferenz reagiert, als ein Anwalt das Einschreiten der Beamten nach einer halbstündigen Verfolgung inklusive lautem Knall auf einer Gleisanlage im Dunklen mit einem Killerkommando verglichen hat. Dass die Flüchtenden – einschlägig bekannte – Jugendliche waren, konnten die Polizisten zu dem Zeitpunkt nicht wissen. Und hätte auch nichts an der potentiellen Gefährlichkeit der Situation geändert. Etwas mehr Rückhalt von der Organisation, für die man seine Gesundheit aufs Spiel setzt, ist nicht zu viel verlangt.


Jugend kündigt. Work-Life Balance ist der Jugend immer wichtiger. Bei der Polizei schlägt das Pendel immer öfter Richtung Life und weniger Richtung Work aus. Ist die Bezahlung dafür noch zeitgemäß? Unser Gegenüber hat sich verändert, vor 20 Jahren ist man bei 30 Grad im Schatten noch nicht mit der Stichschutzweste in den Rayon gegangen. Die Anforderungen werden immer schwerer, soziale Konflikte nehmen zu, verschiedene Ethnien treffen aufeinander und kämpfen um die Vormacht auf der Straße. Immer mehr Einsätze enden mit verletzten Polizisten. Ist das Grundgehalt, die Gefahrenzulage, dafür noch angemessen? Immer mehr junge Poli­zis­ten sagen „nein“ und kündigen.


Schuhlversaagen. Viele Bewerber für den Polizeiberuf scheitern an der Deutschprüfung. Der 8. September war der Weltalphabetisierungstag. Und da wurde bekannt, dass in Österreich ca. eine Million Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben können, die Hälfte davon mit deutscher Muttersprache. Österreich hat eines der teuersten Schulsysteme weltweit. Wie ist das möglich, Stichwort Facharbeitermangel? In 9 Jahren Pflichtschule plus Kindergarten nicht lesen und schreiben zu lernen, ist ja auch irgendwie eine Leistung. Da muss schon eine gesunde Portion „ist mir egal und meinen Eltern auch, weil ich geh nachher AMS“ dabei sein. Und offenbar haben Lehrer die Weisung, Kinder positiv zu beurteilen, obwohl sie eigentlich wiederholen müssten. Wenn man bei diesem Thema etwas genauer hinschauen würde, würden vielleicht ein paar unschöne Wahrheiten ans Tageslicht kommen – die man gar nicht so genau wissen will. Denke ich mir. Aber ich würde mich über ein paar Leserbriefe von Lehrerinnen und Lehrern freuen.


Danke! Anfang Oktober hatte unsere Kriminalistenvereinigung wieder die schöne Aufgabe, den Award Kriminalist 2022 im Wiener Rathaus zu verleihen. Und ich möchte die Gelegenheit nutzen, allen Bewerbern die nicht unter die ersten Drei gekommen sind, unsere Hochachtung auszusprechen. Die Arbeit in der Jury ist zugleich schön und schwierig. Schön, weil es eine Freude zu sehen ist, mit wieviel Engagement, Ausdauer und Ideen viele Polizisten Österreich zu einem sicheren Land machen. Wie sie interne und externe Hindernisse überwinden, weil aufgegeben wird nur ein Brief. Da hätten sich viele Fälle einen Platz am Stockerl verdient! Und das ist das Schwierige, man muss halt eine Reihung machen. Gewalt gegen Wirtschaft, Suchtgift gegen Schlepperei, Bundeskriminalamt gegen Kriminalreferat – wir vergleichen Äpfel mit Birnen und genauso ist unsere Reihung zu verstehen. Deshalb, auch wenn es diesmal nicht ins Rampenlicht gereicht hat, bitte macht so weiter und es gibt auch einen Kriminalist 2023, da werden die Karten neu gemischt.


Meinungen und Leserbriefe (auch vertraulich) bitte an: krimi@aon.at