„Wir sind Weltmeister in der Suchtverlagerung“
Von der Operation Spring bis zum Kokain-Boom – ein Streifzug durch vier Jahrzehnte Wiener Drogenszene mit Oberst Wolfgang Preiszler.

Wien, 27. Mai 1999, kurz vor Sonnenaufgang. In rund 60 bis 70 Wohnungen, Unterkünften und Flüchtlingsheimen quer durch Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und die Steiermark klopft es fast zeitgleich an die Türen. Rund 850 Polizistinnen und Polizisten sind im Einsatz – der bis dahin größte kriminalpolizeiliche Zugriff der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Monatelang ist der Zerschlagung ein Instrument vorausgegangen, das es in dieser Form zuvor noch nie gegeben hat – die akustische und optische Wohnraumüberwachung, besser bekannt als „Großer Lauschangriff“. Mittendrin in den Ermittlungen, ein junger Kriminalbeamter namens Wolfgang Preiszler.
Bis gegen Mittag werden rund 120 Menschen festgenommen, ein Großteil von ihnen nigerianische Staatsbürger. Ziel der „Operation Spring“ ist ein mutmaßlich international agierender Drogenring, dessen Aktivitäten die Ermittler über Monate observiert haben. In den folgenden Wochen wächst die Zahl der Festgenommenen auf über 150. Die Aktion wird zur bis heute umstrittensten kriminalpolizeilichen Maßnahme der Zweiten Republik: Nur einen Tag vor dem Zugriff schaltet die Wiener FPÖ ein Wahlkampf-Inserat mit dem Titel „Machtlos gegen 1000 Nigerianer“ – ein freiheitlicher Polizeifunktionär hatte die bevorstehende Aktion verraten. Und nur wenige Wochen zuvor war der nigerianische Schubhäftling Marcus O. bei seiner Abschiebung erstickt, was zu heftigen Protesten geführt hatte. „Durch den medial erzeugten Druck wurde tatsächlich überlegt, die gesamten Ermittlungen abzubrechen“, erinnert sich Preiszler. „Erst nach fachlicher Intervention von höchsten Stellen wurde entschieden, den Akt weiterzuführen.“ Verfilmt und in mehreren Büchern verarbeitet, ist die Operation Spring bis heute ein Fixpunkt der österreichischen Kriminalgeschichte.
Über 25 Jahre ist dieser Morgen mittlerweile her. Wolfgang Preiszler, heute Stellvertretender Leiter des Landeskriminalamtes Wien, ist seit 1982 im Dienst und seit 2003 ehrenamtlicher Drogenkoordinator der LPD Wien. Kaum jemand hat die Wiener Drogenszene über einen längeren Zeitraum so genau beobachtet wie er – und kaum jemand kann so präzise erzählen, wie sehr sich diese Szene seither verändert hat. „Eigentlich haben sich in diesem Zeitraum alle wesentlichen Parameter verändert“, sagt Preiszler, „nicht immer zum Guten aus Ermittlersicht.“
Ein Dienststellen-Vakuum und die Geburt der EGS. Der nächste Wendepunkt folgt nur wenige Jahre später. Anfang der 2000er-Jahre stößt die klassische Polizeistruktur in Wien bei bestimmten Kriminalitätsformen an ihre Grenzen. Am Schwedenplatz, mitten in der Inneren Stadt, hat sich eine offene Drogenszene etabliert, die selbst hartgesottene Beamte erschüttert. Der damalige Polizeigeneral Horngacher schreitet die Szene persönlich ab – gemeinsam mit Preiszler. „Ich habe damals selber 114 bis 116 afrikanische Drogendealer im Bereich des U-Bahnbauwerks und oben am Schwedenplatz direkt gezählt“, erinnert sich Preiszler. „Der jüngste Heroinsüchtige an diesem Ort war damals gerade einmal elf Jahre alt.“ Der uniformierte Streifendienst zeigte zwar Präsenz, vertrieb die Dealer aber oft nur vorübergehend; die klassischen, meist erfahrenen, aber überalterten Kriminalbeamten waren mit Ermittlungen und Nachbearbeitung ausgelastet. „Was fehlte, war eine hochmobile, zivile Komponente direkt auf der Straße“, so Preiszler. 2003 gründet er die Einsatzgruppe Ost, aus der später die EGS Wien hervorgeht – bis heute jenes „Zugriffsorgan“, das die Basis bei riskanten Zugriffen, Hausdurchsuchungen und Schwerpunktaktionen unterstützt und seit ihrer Gründung zehntausende Festnahmen verantwortet.

Eine Szene, die wandert. Was seither auffällt: Die offene Drogenszene in Wien verschwindet nie ganz, sie zieht weiter. 2005 ist die Längenfeldgasse in Wien-Meidling ein Brennpunkt der afrikanischen Dealerszene, bei einer einzigen Schwerpunktaktion samt Nachbarszene Ullmannstraße sind 550 Beamte im Einsatz. Heute existiert diese Szene laut Preiszler „so nicht mehr“. Am Handelskai hingegen verzeichnet die Polizei 2013 einen massiven Anstieg – bis zu acht Dealer gleichzeitig in U-Bahn-Garnituren und auf den Bahnsteigen, verteilt über zahlreiche Aufgänge und Stiegenhäuser. „Es ist an dieser Örtlichkeit unbedingt notwendig, mit einer gut eingespielten Gruppe von zumindest 14 zivilen Beamten zu arbeiten“, sagt Preiszler dazu. „Andernfalls sind die Erfolgsaussichten aufgrund der Weitläufigkeit sehr gering.“
Die bekannteste dieser wandernden Szenen ist zweifellos jene rund um den Karlsplatz – eine der am längsten bestehenden offenen Drogenszenen Europas, national wie international bekannt. Als Preiszler 2010 zum Einsatzkommandanten der „Aktion Karlsplatz“ bestellt wird, liegen bereits Jahrzehnte gescheiterter Anläufe hinter der Wiener Polizei. Was diesmal den Unterschied macht: eine glasklare, gemeinsame Absichtserklärung von Polizei und Stadt Wien, getragen von Behördenleiter Dr. Pürstl und dem städtischen Drogenkoordinator Michael Dressel. Innerhalb von drei Jahren werden über 41.000 Personen kontrolliert und 5.884 festgenommen – die Szene gilt danach als zerschlagen, mit dem Bau des Justus-Jedmayer-Hauses als nachhaltiger Lösung.
Doch verschwunden ist das Problem damit nicht, es hat sich abermals nur verlagert. „Aktuell hat sich die Szene im Bereich der Gumpendorfer Straße neu formiert und erstreckt sich von dort einmal rund um Wien“, erzählt Preiszler. „Über die Linien 6 und 18 in die U-Straßenbahn, weiter über S-Bahn-Schnittstellen wie Rennweg und Landstraße zurück in den Bereich der U6 und schließlich Richtung Westbahnhof und wieder zur Gumpendorfer Straße. Natürlich erfolgt auch ein permanentes Wechseln der Haltestellen, Verkehrsmittel und auch Zeiten.“
Neue Gesichter auf der Straße. Verändert haben sich in diesen Jahrzehnten nicht nur die Orte, sondern auch die Menschen, die dort agieren. „Zu Beginn noch sehr dominiert durch westafrikanische Täter, sind es heute vielfach serbische Tätergruppierungen, die im Straßenbild aber sehr unauffällig und diskret agieren“, beschreibt Preiszler die Entwicklung. Dazwischen lagen Phasen, in denen mazedonische Gruppen den Ton angaben, während heute auch nordafrikanische, afghanische und zunehmend syrische Täter zum Bild gehören. Die Bandbreite reicht dabei von hochgradig strukturierten Organisationen über lokale Bündnisse bis zu Einzeltätern.
Auch die Ware selbst hat sich gewandelt. „Über Jahrzehnte prägten Heroin und Kokain die Wiener Szene, inzwischen kommen zunehmend Substitutionsmedikamente, psychotrope Substanzen und Cannabisprodukte hinzu“, weiß Preiszler. Bemerkenswert ist vor allem eine Entwicklung der jüngeren Vergangenheit: 2025 wurde in Wien erstmals wesentlich mehr Kokain als Heroin sichergestellt – ein Trend, den Preiszler seit rund vier Jahren deutlich beobachtet. „Kokain hat sich von der Modedroge der Schönen und Reichen hin zu einem auf der Straße, in fast jeder Szene erhältlichen Produkt entwickelt“, so Preiszler.
Wenn die Gesetzgebung der Straße hinterherhinkt. Nicht jede Veränderung der vergangenen Jahre kam der Polizei zugute. 2015 wurde der Begriff der „Gewerbsmäßigkeit“ im Strafgesetzbuch neu definiert – mit gravierenden Folgen für die operative Straßenarbeit. Reichte es früher aus, dass sich ein Täter durch regelmäßige Taten eine fortlaufende Einnahmequelle verschaffen wollte, musste fortan nachgewiesen werden, dass er ein „nicht bloß geringfügiges monatliches Einkommen“ anstrebte – orientiert an einem Richtsatz von damals rund 400 bis 420 Euro. „Wie soll ich einen Dealer festnehmen, der nur 0,5 Gramm Heroin verkauft hat und mit 70 Euro betreten wurde?“, fragt Preiszler rückblickend. „Ich kann ja nicht einmal beweisen, dass diese 70 Euro aus dem Suchtgifthandel stammen.“ Erst Preiszlers beharrlicher Einsatz bis an die Spitze von LPD und Innenministerium führte zur Schaffung des neuen § 27 Abs. 2a SMG, der die Lücke in der Straßenkriminalität wieder schließen sollte.
Dass sich Politik und Polizei mit dem ewigen Katz-und-Maus-Spiel zwischen Repression, Substitution und Prävention schwertun, ist dabei keine rein Wiener Erfahrung. Der Journalist und Autor Günther Zäuner brachte das Dilemma der heimischen Drogenpolitik in seinem Buch „Drogenreport Österreich“ auf den Punkt: „Wir sind Weltmeister in der Suchtverlagerung, wir sind Weltmeister im Substituieren.“ In der tatsächlichen Behandlung, in Richtung Abstinenz, bleibe man dagegen weit zurück, so der Befund – eine Einschätzung, die auch Preiszler in seiner täglichen Arbeit als Drogenkoordinator immer wieder bestätigt findet.
Eine Szene, die sich nur verdrängen lässt. Was bleibt nach über vierzig Dienstjahren, von denen mehr als zwanzig im Zeichen der Suchtgiftbekämpfung standen? Für Preiszler vor allem die Erkenntnis, dass sich eine offene Drogenszene nie endgültig zerschlagen, sondern höchstens immer wieder verdrängen lässt. Die Handelskais, Karlsplätze und Gumpendorfer Straßen dieser Stadt werden von neuen Namen abgelöst werden – die Beamtinnen und Beamten der EGS und ihrer Nachfolgeorganisationen, davon ist Preiszler überzeugt, werden auch dort sein. Nach seiner Erfahrung braucht es dafür vor allem eines: Ausdauer. „Das Durchhaltevermögen über Jahre“, sagt er über die Aktion Karlsplatz, „gilt im Grunde für die gesamte Suchtgiftbekämpfung. Dieser Erfolg hat somit hunderte Väter und Mütter auf allen Hierarchieebenen.“ Und macht Wien dennoch zu einer der sichersten Großstädte weltweit.
Julia Brunhofer/Herbert Zwickl




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