Strafunmündige Intensivtäter im Fokus
Ein umfangreiches Maßnahmenpaket soll Extremismus und Kriminalität bei Jugendlichen eindämmen.

Die Jugendkriminalität gehöre zu den „Sorgenkindern“ seines Ressorts, betonte Innenminister Gerhard Karner bei einer Pressekonferenz am 20. August 2026. Generell werde die Kriminalität „immer jünger und digitaler“. Gemeinsam mit Jörg Leichtfried, Staatssekretär für Staatsschutz im BMI, der Leiterin der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst Sylvia Mayer und Dieter Csefan, Landespolizeivizepräsident in Wien und Bundeskoordinator der Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Jugendkriminalität (EJK), präsentierte Karner aktuelle Zahlen und stellte sein Maßnahmenpaket vor. Mit diesem sollen Extremismus und Kriminalität bei Jugendlichen eingedämmt werden.
Mehr Tatverdächtige. Wie ernst das Problem ist, zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik. Die Zahl der unter 18-jährigen Tatverdächtigen ist von 37.185 im Jahr 2021 auf 49.067 im Vorjahr gestiegen – ein Plus von knapp 32 Prozent. Noch deutlicher wird diese Entwicklung im Vergleich der letzten 20 Jahre: 27.963 Tatverdächtige unter 18 im Jahr 2006 stehen 49.067 im Jahr 2025 gegenüber – das sind über 75 Prozent mehr. Bei den 10- bis unter 14-Jährigen betrug die Steigerung sogar rund 137 Prozent. Einzelne jugendliche Intensivtäter, viele von ihnen noch nicht strafmündig, sind für hunderte Delikte verantwortlich.Auffällig ist die hohe Zahl unter 18-jähriger Tatverdächtiger ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Deren Anzahl hat sich von 2021 auf 2025 verdoppelt und lag im Vorjahr bei rund 22.000. Die stärksten Zuwächse waren bei syrischen Tatverdächtigen im Alter von zehn bis 14 Jahren zu verzeichnen: Ihre Anzahl stieg von 318 im Jahr 2021 auf 1.528 im Vorjahr und damit auf rund das Fünffache.
Extremismus. Der Trend zu immer jüngeren Tatverdächtigen zeigt sich auch bei verfassungsgefährdenden Delikten. Das Durchschnittsalter der Hochrisikogefährder sei von 31 Jahren im Jahr 2020 auf 23 Jahre im Vorjahr gesunken, zitierte Leichtfried den Verfassungsschutzbericht 2025 der DSN. Bei der Radikalisierung spielt der digitale Raum eine zentrale Rolle: Extremistische Gruppen nutzen soziale Netzwerke, Messengerdienste und Onlinespiele, um junge Menschen zu erreichen. Wie stark extremistische Aktivitäten zugenommen haben, zeigen die im Verfassungsschutzbericht dokumentierten Tathandlungen. Im Rechtsextremismus stieg ihre Zahl von 2024 auf 2025 um über ein Drittel, im islamistischen Extremismus um rund 42 Prozent.Mayer beschrieb anhand eines fiktiven Beispiels, wie der typische Weg zur Radikalisierung aussehen kann: Ein sozial wenig integrierter Jugendlicher wird in einem Onlinespiel über die Chatfunktion in einen Chat eingeladen. Dabei lernt er andere kennen, die sich wie er ausgegrenzt und missverstanden fühlen. Er kommt in Kontakt mit verbotenen Inhalten und Symbolen, beginnt, diese selbst weiterzuverbreiten und Gewalt zu verherrlichen. Das kann bis zur Planung eines Anschlags gehen, von dem er sich erhofft, einen „Märtyrerstatus“ zu erlangen.Interessant dabei ist, dass die Ideologie anfangs nicht im Vordergrund steht. Jugendliche werden mit der Anerkennung geködert, die sie in der extremistischen Gruppe erhalten. Gleichzeitig bietet man den Jugendlichen eine Erklärung für ihre eigene Situation an, die sie als unfair empfinden: Schuld sind Frauen, LGBTIQ-Personen, Juden und andere zu Feindbildern hochstilisierte Gruppen. Gegen diese wird in sozialen Medien zu Gewalt aufgerufen.Mayer sprach von einer niedrigen dreistelligen Zahl von Gefährdern aus dem extremistischen Bereich 2025 – im Jahr 2022 war es noch eine mittlere zweistellige Zahl. Auch die Anzahl terroristischer Anschlagsplanungen steigt; 2025 konnten in Österreich sechs Anschläge rechtzeitig verhindert werden. Für Schlagzeilen sorgte die Festnahme eines damals 14-Jährigen im Februar 2025, der einen Anschlag auf den Wiener Westbahnhof geplant hatte. „Die höchste Gefährdung für die Öffentlichkeit geht von Islamismus und Rechtsextremismus aus“, so die DSN-Direktorin. Online-Communities mit nihilistischen, satanistischen oder esoterischen Inhalten sind derzeit von geringer Bedeutung.
Maßnahmen. Ob extremistische oder „nur“ kriminelle Taten Minderjähriger – es sei wichtig, gezielt dagegen vorzugehen, betonte Karner: „Wenn Jugendliche oder Kinder Straftaten begehen, andere terrorisieren, schlagen oder mobben, dann muss es klare Konsequenzen geben. Es muss gezeigt werden, dass wir das nicht dulden.“ Mit polizeilichen Schwerpunktaktionen könne die Jugendkriminalität kurzfristig bekämpft werden, für eine nachhaltige Reduktion brauche es jedoch ein Maßnahmenpaket. Dieses wurde vom Innenministerium gemeinsam mit dem Justizministerium erarbeitet.
Regelbelehrung. Zu den Maßnahmen zählt die polizeiliche Regelbelehrung. Sie sieht vor, dass jugendliche Intensivtäter unter 14 Jahren nach einer gewissen Anzahl von Taten gemeinsam mit ihren Eltern bzw. Erziehungsberechtigten verpflichtend bei der Polizei erscheinen müssen. Dabei werden sie über die Konsequenzen des strafbaren Handelns aufgeklärt. Ein Fernbleiben werde mit „empfindlichen Strafen“ für die Erziehungsberechtigten sanktioniert, erklärte Karner.
Gefährder. Für unter 14-jährige Intensivtäter sind sicherheitspolizeiliche Fallkonferenzen vorgesehen, vergleichbar mit jenen, die bei High-Risk-Fällen im Gewaltschutz abgehalten werden. Bei den Fallkonferenzen sollen die Polizei sowie weitere zuständige Behörden und Institutionen, etwa aus dem Bereich der Sozialarbeit, Informationen zu straffällig gewordenen Jugendlichen austauschen und Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Taten koordinieren können.Karner kündigte an, die Gefährderüberwachung mittels elektronischer Fußfessel auszuweiten. Geplant sei das für Gefährder, die zwar aus der Haft entlassen worden sind, aber weiterhin eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen. In Einzelfällen könnten möglicherweise auch jugendliche Täter betroffen sein. Die konkreten Regelungen dafür werden derzeit mit dem Justizministerium verhandelt.
Waffenverbotszonen. In Wien bestehen mehrere Waffenverbotszonen, unter anderem rund um den Reumannplatz, einem Brennpunkt, an dem es wiederholt auch zu mit Waffen ausgetragenen Konflikten zwischen Jugendlichen kam. In diesen Zonen ist das Mitführen von Waffen und Gegenständen, die zur Ausübung von Gewalt bestimmt sind, untersagt. Besteht der begründete Verdacht eines Verstoßes, darf die Polizei die betreffende Person durchsuchen und aufgefundene Waffen bzw. entsprechende Gegenstände sicherstellen. Zur Bekämpfung der Jugendkriminalität sollen österreichweit Waffenverbotszonen eingerichtet werden.
Auszeit-WGs. Ebenfalls auf ganz Österreich ausgeweitet werden soll die „gefängnisähnliche Unterbringung“ für strafunmündige Intensivtäter. In Wien wurde diese in Form einer „Auszeit-WG“ mit zwei Plätzen umgesetzt. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz war ein unter 14-Jähriger in der WG untergebracht. Jugendliche Straftäter von 11 bis unter 14 Jahren, bei denen andere Mittel wirkungslos geblieben sind, erhalten in der Auszeit-WG eine intensive sozialpädagogische Betreuung. Die Freiheitsbeschränkung soll verhindern, dass die Betroffenen weiter in einem kriminell geprägten Umfeld negativ beeinflusst werden.
Familiennachzug. Als weitere Maßnahme nannte Karner die vorübergehende Aussetzung des Familiennachzugs, bei der das Innenministerium federführend war: „In den ersten sieben Monaten 2024 kamen 6.000 Menschen über den Familiennachzug nach Österreich, davon über 70 Prozent nach Wien, in erster Linie Jugendliche. Im heurigen Jahr waren es in sieben Monaten 60 Personen.“ Karner erwartet aufgrund des deutlich geringeren Zuzugs vor allem jugendlicher Familienangehöriger eine Entlastung im Bereich der Jugendkriminalität.
Digitaler Raum. Leichtfried begrüßte die von der Bundesregierung geplante Altersbeschränkung für die Nutzung von sozialen Medien zum Schutz unter 14-Jähriger. Der entsprechende Gesetzentwurf befindet sich derzeit in Begutachtung. Die Zugangsbeschränkung betrifft bestimmte Dienste wie TikTok, Instagram, YouTube oder Snapchat und soll mit Jahresbeginn 2027 in Kraft treten. Strengere Regelungen für Telegram sowie eine demokratische Kontrolle problematischer Algorithmen würden zur Extremismusprävention beitragen, so der Staatssekretär für Staatsschutz.Ein Ansatzpunkt ist die Überwachung verschlüsselter Kommunikation, für die bereits die gesetzlichen Rahmenbedingungen gegeben sind; die technischen Voraussetzungen für den Einsatz der sogenannten Messenger-Überwachung werden derzeit geschaffen. Auf die Wichtigkeit dieser Maßnahme wies Mayer hin: „Die Sicherheitsbehörden benötigen effektive Befugnisse im digitalen Raum, um Gefährder zu erkennen.“ Die Überwachung soll voraussichtlich ab 2027 eingesetzt werden.
Einsatzgruppe. Csefan bot einen Überblick über die Entwicklung der Jugendkriminalität in Wien. Diese war im Juli 2026 in mehreren Bereichen rückläufig – etwa bei Raubdelikten, die auch im Brennpunktbezirk Favoriten um 24 Prozent im Vergleich zum Vormonat zurückgegangen waren. Im Juli wurden in der Bundeshauptstadt 126 Einbruchsdiebstähle geklärt; 59 davon sind strafunmündigen Personen unter 14 Jahren zuzurechnen.In Wien stellen österreichische Staatsangehörige mit 37 Prozent die größte Gruppe unter den jugendlichen Tatverdächtigen, gefolgt von syrischen Staatsangehörigen mit 20 Prozent. Afghanen und Rumänen sind mit jeweils rund vier Prozent vertreten. Als Problemzonen weist das Lagebild insbesondere öffentliche Parkanlagen aus, aber auch Gerichte und Justizanstalten. Bei Gerichtsverhandlungen gegen einen jugendlichen Täter oder während seiner Haft würden sich seine Freunde am Ort des Geschehens einfinden und für Unruhe sorgen, so Csefan.Er wies auch auf die Erfolge der bundesweiten Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Jugendkriminalität hin: Seit ihrer Einrichtung im März 2024 wurden rund 1.600 Personen festgenommen, darunter rund 600 Minderjährige. Mehr als 200 Waffen, insbesondere Messer und Schlagringe, konnten sichergestellt werden.




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