Homo corruptus?
- Rosemarie Pexa
- 1. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Der Österreichische Anti-Korruptionstag 2026 befasste sich mit den Ursachen von Korruption.

Ein fauler Apfel verdirbt das ganze Fass. Oder ist das Fass beschädigt und lässt den Apfel faulen? Diese „Bad apples in bad barrels“-Metapher der Korruptionsforschung sprach Dr. Otto Kerbl, MA, Direktor des Bundesamtes zur Korruptionsprävention und Korruptionsbekämpfung, in seinen einleitenden Worten zum Österreichischen Anti-Korruptionstag 2026 am 8. April an. Damit nahm er Bezug auf den Titel der diesjährigen Veranstaltung: „Homo corruptus? Korruption (sozial-)wissenschaftlich erklärt“. Die Antwort auf die in der Metapher gestellte Frage nahm er gleich vorweg: „Nach den Erkenntnissen der jüngsten Korruptionsforschung geht es weniger um ein Entweder-Oder, sondern vielmehr darum, wie Apfel und Fass miteinander interagieren.“
La Paz. Als Beispiel für ein „verdorbenes Fass“ nannte Kerbl die Stadtregierung La Paz in den 1980er-Jahren. Ronald MacLean-Abaroa, später Gründungsmitglied von Transparency International, wurde 1985 zum Bürgermeister der Stadt gewählt. „Bei seinem Amtsantritt hat er keine Stadtverwaltung, sondern einen Selbstbedienungsladen vorgefunden“, beschreibt Kerbl die damalige Situation. MacLean-Abaroa wandte die Klitgaardsche Formel praktisch an und ermittelte, welche Gelegenheiten für korruptes Verhalten es in der Stadtverwaltung gab. Dann setzte er unter Beteiligung der Belegschaft einen Reformprozess in Gang, der auch zu einem Kulturwandel führte.

Zu den Maßnahmen des Bürgermeisters zählte eine stückweise Privatisierung des Bausektors, um zu verhindern, dass durch eine Quasi-Monopolstellung immer dieselben Unternehmen zum Zug kommen. Für die Bürger der Stadt, die es gewohnt waren, für die Erledigung ihrer Anliegen Angehörige der Stadtverwaltung zu bestechen, erstellte er einen Bürgerleitfaden. In diesem waren die Anforderungen für behördliche Bewilligungen verschiedenster Art leicht verständlich beschrieben. Die Bewohner von La Paz kannten nun ihre Rechte, die Ermessensspielräume der Stadtverwaltung wurden damit eingeschränkt. 20 Städte auf der ganzen Welt führten nach dem Vorbild von La Paz Reformprozesse durch; je eine Stadt in Rumänien und der Slowakei erhielt dafür sogar den United Nations Public Service Award.
Zur Erklärung des Phänomens Korruption zitierte Kerbl MacLean-Abaroa: „Korruption ist ein Symptom, keine Ursache. Man muss den Ursachen auf den Grund gehen und Institutionen formen, in denen Gelegenheiten für Korruption wenig bis gar nicht existieren.“ Das Problem seien nicht korrupte Individuen, sondern korrupte Systeme.
Faktoren. Mag. Dr. Mathias Vogl, Leiter der Sektion Recht im Bundesministerium für Inneres, erläuterte in seinem Vortrag die bereits von Kerbl erwähnte Formel des Korruptionsforschers und Harvard-Professors Robert Klitgaard: „Corruption equals monopoly plus discretion minus accountability (C = M + D – A).“ Sie sagt aus, dass Korruption das Ergebnis der Faktoren Monopolmacht (M) und zu großer Ermessensspielräume (D) der Amtsträger sowie deren mangelnder Rechenschaftspflicht (A) ist.
Auch wenn er beim Anti-Korruptionstag im Vorjahr global Rückschritte in der Korruptionsbekämpfung beklagt habe, gebe es auch positive Entwicklungen, so Vogl: „Der Rat und das Europäische Parlament haben eine vorläufige Einigung darüber erzielt, wie die Mitgliedsstaaten Korruptionsdelikte in ihrem Strafgesetzbuch definieren und ahnden sollen. Die folgenden Straftaten werden nun in ihrer Definition und in ihrem Strafmaß angeglichen: Bestechung im öffentlichen und privaten Sektor, Veruntreuung, unerlaubte Einflussnahme, Behinderung der Justiz, Bereicherung durch Korruptionsdelikte, Verschleierung und bestimmte schwere Verstöße durch die rechtswidrige Ausübung öffentlicher Ämter.“
Als Erfolg, der dem österreichischen Bundesamt zur Korruptionsprävention und Korruptionsbekämpfung (BAK) zu verdanken ist, führte Vogl eine Resolution bei der weltweit größten Anti-Korruptionskonferenz der Vereinten Nationen an, dem Entscheidungs- und Beschlussorgan der Vertragsstaaten der United Nations Convention against Corruption (UNCAC). Bei der Konferenz im Dezember 2025 in Katar wurde auf Initiative des BAK in Zusammenarbeit mit dem BMEIA sowie mit den Staaten Slowenien und Chile die Resolution zu Korruptionsprävention und Integritätsförderung im Kindes- und Jugendalter erarbeitet und im Konsens von den 192 Vertragsparteien angenommen. „Durch diese Initiative hat Österreich seine Vorreiterrolle in der internationalen Korruptionsbekämpfung und -prävention unterstrichen“, so Kerbl.

Betrug. Keynote-Speaker Hon.-Prof. Dr. Thomas Müller vom Institut für Wissenschaft und Forschung der Sicherheitsakademie des BMI, Kriminalpsychologe, Fallanalytiker und Buchautor, berichtete in seinem Vortrag von einem seiner ungewöhnlichsten „Lehrmeister“ – einem Heiratsschwindler, der ihm aus Sicht des Täters erklärt hatte, welche Faktoren für einen erfolgreichen Betrug erforderlich sind. Daraus lassen sich Präventionsmaßnahmen nicht nur gegen Betrug, sondern auch gegen Korruption ableiten, so Müller.
Laut dem Betrüger, den Müller in einem Hochsicherheitsgefängnis in Nordrhein-Westfalen interviewt hatte, sind drei Faktoren ausschlaggebend: 1. eine gute, glaubhafte Geschichte, die dem Ego des Opfers schmeichelt, 2. genügend Personen, die diese Geschichte glauben, und 3. Erzeugen von Zeitdruck, damit das Opfer keine Möglichkeit hat, über das Gehörte nachzudenken. Bei Korruption muss die Geschichte das Handeln der Zielperson gegen ihre eigenen Normen und Werte rechtfertigen. Das Gegenüber soll das Gefühl bekommen, wichtig zu sein. Auch Korruption funktioniert nur, wenn es genügend Amtsträger gibt, die dafür anfällig sind, und wenn sie unter Zugzwang gebracht werden.
Kennt man als Entscheidungsträger diese Mechanismen, kann man sie bei der Auswahl der Personen für wichtige Positionen berücksichtigen. „Als psychologischer Sicherheitsberater des BMI gebe ich Ihnen folgende Empfehlung: Achten Sie nicht nur auf die fachliche, sondern auch auf die soziale Kompetenz“, riet Müller. Menschen, deren Selbstwertgefühl schwach ausgeprägt ist und die das Gefühl haben, von anderen nicht als wichtig angesehen zu werden, lassen sich leichter zu korruptem Handeln verführen. Eine wesentliche Rolle für die Prävention spielt auch eine Betriebskultur, die Korruption nicht toleriert.
Unternehmensnutzen. Dass es bei Korruption nicht ausschließlich um materielle Vorteile geht, betonte Prof. Dr. Markus Pohlmann, Professor für Soziologie am Max-Weber-Institut der Universität Heidelberg. Als Beispiel für die anders gelagerte Logik organisationaler im Vergleich zu individueller Kriminalität verwies Pohlmann auf den VW-Diesel-Skandal: „Die Angestellten haben es für das Unternehmen getan. Das sind keine Altruisten, sie bekommen Karrierevorteile, Boni und Anerkennung – aber sie tun es, ohne sich illegal persönlich zu bereichern.“ Charakteristisch für solche Konstellationen sind Old Boys’ Networks und ungeschriebene Regeln innerhalb eines Unternehmens.
Ob das Motiv für korruptes Handeln häufiger im direkten persönlichen Nutzen liegt oder der Unternehmensnutzen im Vordergrund steht, untersuchten Pohlmann und seine Kollegen anhand von 214 Fallkomplexen aus den USA. Dabei handelte es sich um Verstöße gegen den Foreign Corrupt Practices Act (FCPA), ein US-Bundesgesetz, das Zahlungen und Wertgeschenke an ausländische Amtsträger untersagt, wenn diese den Zweck haben, den Zuschlag für ein Geschäft zu bekommen oder eine Geschäftsbeziehung aufrechtzuerhalten. In 46 Prozent der Fälle stand persönliche Bereicherung im Vordergrund, in 45 Prozent der Unternehmensnutzen; in 9 Prozent lagen Mischformen vor.
Pohlmann stellte eine Reihe evidenzbasierter Maßnahmen vor, die zur Prävention von Korruption beitragen können. Um den Einfluss informeller Netzwerke zu verringern, empfiehlt es sich, Führungspositionen nicht nur intern, sondern auch abteilungsübergreifend bzw. durch Externe zu besetzen. Eine größere Vielfalt in Bezug auf Geschlecht und ethnische Herkunft hat sich in der Praxis ebenfalls als wirksam erwiesen. Ein umfassendes Bild von Integrität lässt sich durch 360-Grad-Feedback gewinnen, wobei sich „schlechte Gewohnheiten“ vor allem beim horizontalen Austausch zwischen Kollegen erkennen lassen.
Normen. Dr. Ina Kubbe, Professorin an der Tel Aviv University und an der International Anti Corruption Academy, bezeichnete Korruption als „Fehlverhalten mit System“: „Korruption stellt ein kollektives Handlungsproblem dar. Wir orientieren uns nicht nur an unseren eigenen Präferenzen, sondern auch daran, was andere von uns erwarten, und passen unser Verhalten entsprechend an.“ Soziale Normen, also geteilte Erwartungen, sind zentral für die Stabilität von Korruption. Diese wird dadurch zur Normalität, auch wenn sie den formalen Regeln widerspricht.
Kubbe beschrieb, unter welchen Bedingungen soziale Normen besonders stark wirken. Erweisen sich formale Institutionen als schwach, unzuverlässig oder wenig durchsetzungsfähig, richten sich die Menschen stärker nach den Erwartungen ihres sozialen Umfelds. Wo Großfamilien bzw. Clans eine wichtige Rolle spielen, vertraut man eher auf informelle Mechanismen – etwa, dass einem ein Verwandter einen Job „besorgt“. In solchen sozialen Strukturen ist die Angst vor dem Ausschluss aus der Gruppe bei Missachtung informeller Regeln größer als die Furcht vor staatlichen Sanktionen. Ein positives Beispiel sind dagegen die skandinavischen Staaten, in denen das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen hoch ist – und die Bereitschaft zu korruptem Verhalten entsprechend gering.
Ergebnisse zahlreicher Studien belegen laut Kubbe, dass es weniger auf das tatsächliche Ausmaß von Korruption ankommt als darauf, wie diese wahrgenommen wird. Viele überschätzen, wie häufig solche Praktiken vorkommen. Die Bereitschaft, Amtsträger zu bestechen, nimmt ab, wenn die potentiell Zahlungswilligen über die tatsächliche Häufigkeit aufgeklärt werden. Umgekehrt können Informationskampagnen, die darauf hinweisen, wie weit verbreitet Korruption ist, sogar kontraproduktiv wirken. Eine wesentliche Aufgabe der Prävention besteht daher darin, die Erwartungen der Menschen zu korrigieren.




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