„Die Ermittlungen werden deutlich komplexer“
- Ferdinand Germadnik
- vor 1 Tag
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Österreich ist sowohl Absatzmarkt als auch Transitland – Brigadier Daniel Lichtenegger, BA, MA, MA, MPS, Leiter des Büros 3.3 (Suchtmittelkriminalität) im Bundeskriminalamt zur Drogensituation in Österreich.

Kriminalpolizei: Der Europäische Drogenbericht 2026 beschreibt eine anhaltend hohe Verfügbarkeit nahezu aller illegalen Drogen in Europa. Wie ist die aktuelle Lage aus Sicht der österreichischen Drogenfahndung?
Daniel Lichtenegger: Aus österreichischer Sicht kann dieses Lagebild bestätigt werden. Der illegale Drogenmarkt ist weiterhin von einer hohen Verfügbarkeit nahezu aller Suchtmittel geprägt. Besonders dynamisch entwickeln sich die Märkte für Kokain sowie synthetische Drogen. Organisierte Tätergruppen agieren international vernetzt, äußerst professionell und nutzen moderne Kommunikationsmittel sowie digitale Plattformen, um ihre kriminellen Aktivitäten zu verschleiern. Österreich ist Teil dieses europäischen und internationalen Marktes und steht daher vor denselben Herausforderungen wie andere Mitgliedstaaten – etwa der Rekordproduktion von Kokain, steigende Verfügbarkeit synthetischer Drogen sowie die zunehmende Professionalisierung der internationalen Tätergruppierungen. Dazu kommen verschlüsselte Kommunikationsdienste, soziale Medien und das Darknet, über die Handel und Logistik immer effizienter organisiert werden.
Welche Drogen verursachen derzeit die größten Probleme für Polizei und Justiz?
Lichtenegger: Mengenmäßig dominiert weiterhin Cannabis. Aus kriminalpolizeilicher Sicht stehen vor allem Kokain sowie der organisierte Handel mit synthetischen Drogen im Mittelpunkt. Die Sicherstellungen von Kokain erreichen seit Jahren neue Höchstwerte. Gleichzeitig zeigen Methamphetamin und MDMA deutliche Zuwächse, wodurch sowohl Polizei als auch Justiz zunehmend gefordert werden, weil es speziell im Bereich der synthetischen Suchtgifte zu rasch änderten Märkten kommen kann.
Gibt es regionale Schwerpunkte in Österreich, in denen die Drogenkriminalität besonders stark zunimmt?
Lichtenegger: Die Entwicklungen unterscheiden sich regional. Aufgrund ihrer internationalen Verkehrsanbindungen und ihrer Bevölkerungsdichte stehen insbesondere Wien sowie weitere urbane Zentren im Fokus. Wien weist außerdem den höchsten Anteil fremder Tatverdächtiger bei Suchtmitteldelikten auf. Gleichzeitig zeigen die Lagebilder aller Bundesländer, dass Suchtmittelkriminalität mittlerweile flächendeckend präsent ist. Auch die entsprechenden Entwicklungen in den Nachbarstaaten haben hier ihren Einfluss auf die Bundesländerbelastung.
Der EU-Drogenbericht spricht von einer Rekordproduktion von Kokain und einer weiterhin hohen Verfügbarkeit in Europa. Spüren Sie diese Entwicklung auch in Österreich?
Lichtenegger: Ja. Die Sicherstellungen von Kokain sind in Österreich erneut gestiegen und liegen mittlerweile bei rund 275 Kilogramm. Gleichzeitig weist Kokain immer höhere Reinheitsgrade auf. Diese Entwicklung deckt sich mit den europaweiten Erkenntnissen, wonach die weltweite Produktion historische Höchststände erreicht hat.
Wird Kokain zunehmend zu einer „Alltagsdroge“ in der Mitte der Gesellschaft?
Lichtenegger: Die hohe Verfügbarkeit auf verschiedenen analogen sowie digitalen Wegen, sinkende Großhandelspreise und steigende Reinheitsgrade sprechen dafür, dass Kokain heute deutlich breitere Konsumentenkreise erreicht als noch vor einigen Jahren.
Welche Schmuggelrouten spielen für Österreich beim Kokainhandel die größte Rolle?
Lichtenegger: Österreich ist eng in die europäischen Schmuggelrouten eingebunden. Kokain gelangt überwiegend über internationale Logistik- und Verkehrsachsen nach Österreich, nachdem es zunächst über große Seehäfen Europas eingeführt wurde. Für den Weitertransport werden Straßennetze, Kurierdienste und professionelle Logistikstrukturen genutzt. Organisierte Tätergruppen aus dem Westbalkan spielen dabei weiterhin eine bedeutende Rolle. Ebenso werden sogenannte „Bodypacker“ nach wie vor im Passagierflugverkehr zum Schmuggel von u. a. Kokain eingesetzt.
Wird Österreich primär als Absatzmarkt oder zunehmend auch als Transitland genutzt?
Lichtenegger: Österreich ist sowohl Absatzmarkt als auch Transitland. Aufgrund seiner geografischen Lage im Zentrum Europas wird das Bundesgebiet regelmäßig für den Weitertransport illegaler Suchtmittel genutzt. Gleichzeitig zeigt die hohe Zahl an Sicherstellungen und Ermittlungsverfahren, dass Österreich selbst ein bedeutender Absatzmarkt für unterschiedliche Drogenarten ist.
Cannabis bleibt die meistkonsumierte illegale Droge Europas. Wie entwickelt sich der Cannabismarkt in Österreich?
Lichtenegger: Cannabis ist auch in Österreich nach wie vor die dominierende illegale Droge. Mit rund 2,84 Tonnen sichergestellten Cannabisprodukten entfiel auch 2025 der größte Anteil aller Sicherstellungen auf Cannabis. Gleichzeitig beobachten wir einen kontinuierlichen Anstieg der THC-Gehalte, insbesondere bei Cannabiskraut. Der Markt bleibt stabil, wird aber zunehmend durch professionell organisierte Vertriebsstrukturen geprägt.
Welche Auswirkungen haben die Cannabis-Liberalisierungen in Deutschland und anderen europäischen Staaten auf Österreich?
Lichtenegger: Der Lagebericht zeigt derzeit keine eindeutigen kriminalstatistischen Auswirkungen der Liberalisierungen auf Österreich. Aufgrund der offenen Grenzen und der engen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen sind mittel- und langfristige Auswirkungen auf Schmuggel, Verfügbarkeit und Konsum sind durchaus möglich. Eine abschließende Bewertung wäre zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht.
Der Bericht warnt vor halbsynthetischen Cannabinoiden und hochpotenten Cannabisprodukten. Spielen diese bereits eine Rolle in Österreich?
Lichtenegger: Ja. Die Qualität von Cannabis nimmt seit Jahren zu. Gleichzeitig gewinnen neue psychoaktive Stoffe und halbsynthetische Cannabinoide an Bedeutung. Diese Produkte stellen Ermittlungsbehörden ebenso wie den Gesundheitsschutz vor neue Herausforderungen, weil sie häufig nur schwer zu erkennen sind und ständig neue Varianten auf den Markt kommen.
Wie groß ist die Gefahr, dass Konsumenten nicht mehr wissen, welche Wirkstoffe tatsächlich in den Produkten enthalten sind?
Lichtenegger: Diese Gefahr ist erheblich und konkret gegeben. Gerade bei neuen psychoaktiven Substanzen, synthetischen Cannabinoiden oder gestreckten Produkten wissen Konsumentinnen und Konsumenten oftmals nicht, welche Wirkstoffe oder Konzentrationen tatsächlich enthalten sind. Das erhöht sowohl die gesundheitlichen Risiken als auch die Gefahr schwerer Intoxikationen erheblich.
Beobachten Sie eine Verlagerung vom klassischen Cannabis hin zu Vapes, Edibles oder synthetischen Cannabinoiden?
Lichtenegger: Wir beobachten eine zunehmende Diversifizierung des Marktes. Neben klassischem Cannabis treten neue Konsumformen wie Konzentrate, Öle und andere Produkte verstärkt in Erscheinung. Auch neue psychoaktive Substanzen und synthetische Cannabinoide gewinnen an Bedeutung. Dennoch bleibt klassisches Cannabis weiterhin das mengenmäßig wichtigste Suchtmittel auf dem österreichischen Markt.
Welche neuen Substanzen beschäftigen die Ermittler derzeit besonders?
Lichtenegger: Besonders im Fokus stehen neue psychoaktive Substanzen sowie synthetische Cannabinoide. Hinzu kommen hochpotente synthetische Opioide und ständig neu entwickelte Designerstoffe. Diese Substanzen verändern sich laufend und erschweren dadurch sowohl die Strafverfolgung als auch die kriminaltechnische Analyse. Aber auch Benzodiazepine oder Ketamin beschäftigen vermehrt die Ermittler.
Wie schnell gelingt es den Behörden, auf neue Stoffe und Umgehungsstrategien der Produzenten zu reagieren?
Lichtenegger: Die österreichischen Behörden verfügen über etablierte nationale und internationale Informationsnetzwerke sowie kriminaltechnische Expertise. Dennoch stellt die hohe Innovationsgeschwindigkeit der Produzenten eine permanente Herausforderung dar. Deshalb sind laufende gesetzliche Anpassungen, internationale Zusammenarbeit und ein rascher Informationsaustausch entscheidend. Dennoch können neue Substanzen nicht so einfach in das Suchtmittelgesetz (SMG) oder Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz (NPSG) aufgenommen werden. Dieser Prozess gestaltet sich teilweise sehr bürokratisch. Es müssen einige Stakeholder wie z.B. das Gesundheits- und Justizressort eingebunden werden, da diese nach dem Gesetz hier federführend sind.
Ist das bestehende rechtliche Instrumentarium ausreichend, um gegen ständig neue Designerdrogen vorzugehen?
Lichtenegger: Mit dem Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz sowie laufenden Anpassungen der Suchtmittelverordnungen verfügt Österreich grundsätzlich über wirksame Instrumente. Aufgrund der rasanten Entwicklung neuer Stoffe ist jedoch eine kontinuierliche Anpassung des Rechtsrahmens notwendig. Nur so kann verhindert werden, dass Hersteller bestehende Regelungen gezielt umgehen.
Der Drogenbericht beschreibt eine zunehmende Professionalisierung internationaler Schmuggelnetzwerke. Welche Auswirkungen hat das auf die Arbeit der österreichischen Polizei?
Lichtenegger: Die Ermittlungen werden deutlich komplexer. Das betrifft den rechtlichen, aber auch bürokratischen und ressourcentechnischen Aufwand. Organisierte Tätergruppen arbeiten international, nutzen verschlüsselte Kommunikationsplattformen, professionelle Logistik und Geldwäschekonstruktionen ohne z. B. rechtliche Schranken. Dadurch gewinnen internationale Kooperation, spezialisierte Ermittlungsgruppen, moderne Analysemethoden und digitale Ermittlungsinstrumente weiter an Bedeutung. Die Bekämpfung der organisierten Suchtmittelkriminalität ist heute stärker denn je eine internationale Aufgabe.
Wie stark sind österreichische Tätergruppen in internationalen Drogennetzwerken aktiv?
Lichtenegger: Die Ermittlungen zeigen, dass österreichische Tätergruppen in internationale Strukturen eingebunden sind. Sie übernehmen dabei unterschiedliche Funktionen – von Logistik und Zwischenlagerung bis hin zur Verteilung innerhalb Österreichs. Die dominierenden Akteure im Bereich der schweren Suchtmittelkriminalität stammen jedoch weiterhin überwiegend aus international agierenden Tätergruppierungen, derzeit insbesondere aus dem Westbalkan. Die Bekämpfung dieser Netzwerke erfordert daher eine enge Zusammenarbeit mit internationalen Partnerbehörden.
Welche Rolle spielen verschlüsselte Kommunikationsdienste und digitale Plattformen im heutigen Drogenhandel?
Lichtenegger: Sie spielen mittlerweile eine zentrale Rolle. Kriminelle Netzwerke organisieren ihre Geschäfte zunehmend über verschlüsselte Messenger-Dienste, soziale Medien und das Darknet. Diese Kommunikationsformen erschweren klassische Ermittlungsmaßnahmen erheblich und ermöglichen eine nahezu anonyme Abwicklung von Bestellungen, Zahlungen und Lieferungen. Die Operation „Achilles“ hat gezeigt, wie wichtig die Auswertung verschlüsselter Kommunikation für die Aufklärung organisierter Suchtmittelkriminalität geworden ist. Ein unglaublicher Datenschatz, welcher den Ermittlern ungeahnte Einblicke in die organisierte Kriminalität und entsprechende Mengengerüste gegeben hat. Darüber hinaus wurden seit dem Bestehen der Operation „Achilles“ Freiheitsstrafen von über 1.300 Jahren durch österreichische Gerichte verhängt. Herausragend war ebenso die erste lebenslange Verurteilung nur nach dem SMG in Österreich.
Beobachten Sie eine zunehmende Gewaltbereitschaft im Umfeld der organisierten Drogenkriminalität?
Lichtenegger: Die organisierte Suchtmittelkriminalität ist eng mit anderen Deliktsbereichen wie Gewaltkriminalität, Waffenhandel, Geldwäsche und Korruption verbunden. Österreich weist zwar derzeit noch nicht jene Ausprägungen auf, wie sie aus einzelnen Nachbarstaaten bekannt sind, dennoch beobachten wir eine zunehmende Professionalisierung und ein höheres Gewaltpotenzial innerhalb internationaler Tätergruppierungen. Diese Entwicklung wird von den Sicherheitsbehörden sehr genau beobachtet.
Gibt es Hinweise darauf, dass österreichische Banden ähnliche Strukturen entwickeln wie jene in den Niederlanden oder Belgien?
Lichtenegger: Derzeit zeigen keine Hinweise darauf, dass sich in Österreich vergleichbare Strukturen etabliert haben. Allerdings nutzen internationale Tätergruppen Österreich als Absatz- und Transitland. Dadurch steigt auch hierzulande der Einfluss professionell organisierter krimineller Netzwerke. Ziel der Polizei ist es, solche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und konsequent zu unterbinden.
Der Bericht warnt davor, dass kriminelle Netzwerke gezielt Jugendliche für Drogengeschäfte und Gewalttaten rekrutieren. Sehen Sie diese Entwicklung auch in Österreich?
Lichtenegger: Ja, kriminelle Organisationen versuchen, junge Menschen für niedrigschwellige Aufgaben wie Kurierdienste oder den Straßenhandel zu gewinnen. Jugendliche gelten aus Sicht der Täter oftmals als leichter beeinflussbar und austauschbar.
Deshalb kommt der Präventionsarbeit eine immer größere Bedeutung zu. Polizei, Schulen, Jugendorganisationen und Eltern müssen hier gemeinsam gegensteuern.
Welche Rolle spielen soziale Medien bei der Rekrutierung von Kurieren, Dealern oder sogenannten „Läufern“?
Lichtenegger: Soziale Medien sind heute ein wesentlicher Bestandteil der Vertriebs- und Rekrutierungsstrategien organisierter Tätergruppen. Sie dienen nicht nur der Werbung und Kontaktaufnahme mit Konsumenten, sondern zunehmend auch der Anwerbung von Kurieren oder Dealern. Die Täter nutzen die Reichweite und Anonymität digitaler Plattformen gezielt aus, weshalb die Bekämpfung der Online-Suchtmittelkriminalität zu einem wichtigen Schwerpunkt der Polizeiarbeit geworden ist. Eine belastbare Statistik auszugeben ist hier jedoch nicht möglich.
Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, um Jugendliche besser vor dem Einstieg in die Drogenkriminalität zu schützen?
Lichtenegger: Entscheidend ist ein ganzheitlicher Ansatz. Repression allein reicht nicht aus. Präventionsarbeit muss möglichst früh beginnen und Schulen, Familien, Jugendeinrichtungen sowie Polizei und Gesundheitswesen gleichermaßen einbeziehen. Gleichzeitig müssen Jugendliche über die gesundheitlichen, strafrechtlichen und sozialen Folgen des Drogenhandels umfassend informiert werden. Ebenso wichtig ist es, kriminellen Netzwerken frühzeitig ihre Rekrutierungsmöglichkeiten zu entziehen.
Wenn Sie dem Gesetzgeber konkrete Empfehlungen zur effizienteren Bekämpfung der Drogenkriminalität geben könnten – welche wären das?
Lichtenegger: Vor allem muss den Ermittlungsbehörden das notwendige Werkzeug in die Hand gegeben werden. Hier sind vor allem die rechtlichen Werkzeuge zu nennen. Im Laufe der Jahre wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Ermittlungsbehörden stetig eingeschränkt bzw. verbürokratisiert. Es fehlt beispielsweise die Möglichkeit der Messengerüberwachung, die Sicherstellung und Auswertung von Datenträgern ist erschwert und es müssten die Vermögensabschöpfung – in Bezug auf Geldwäsche und „Beweislastumkehr“ etc. leichter möglich sein.




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