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Die Angst vor Terror steigt mit der Distanz



Wo ist die Angst am größten, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen? Dort, wo die Menschen am weitesten vom Ort eines Anschlags entfernt sind. Dr. Ema Kušen und Univ.-Prof. Dr. Mark Strembeck von der Wirtschaftsuniversität Wien fanden das aus Tausenden Tweets nach dem Terroranschlag von Wien heraus.

Der Abend des 2. November 2020 war der Abend vor dem zweiten Lockdown Österreichs in der Corona-Krise. Die Schanigärten in der Wiener Innenstadt waren voll mit Gästen, das Wetter ungewöhnlich warm. Um Punkt 20 Uhr gingen die ersten Notrufe bei der Polizei ein. In den nächsten Minuten waren es Hunderte. Ein islamistischer Terrorist zog mit einer Schusswaffe neun Minuten lang durch die Wiener Innenstadt und schoss an sechs Stellen auf Menschen – bis er selbst von Polizisten getötet wurde. Vier Menschen waren tot, 23 großteils schwer verletzt.

In den sozialen Medien stand die Welt Kopf. Bald beherrschten auf Twitter Wien und der Anschlag die top 20 Hashtags. In den ersten 24 Stunden nach dem Anschlag gingen durchschnittlich 4 bis 5 Tweets pro Sekunde mit Bezug zu dem Anschlag online. Was die Tweets und Hashtags zu bedeuten hatten, untersuchten jetzt Kušen und Strembeck.

Die Forschenden analysierten relevante Tweets zwischen 2. November 2020 und 30. November 2021. Das waren knapp 550.000 Tweets. Fast 400.000 davon waren in den ersten 24 Stunden nach dem Anschlag abgesetzt worden. Kušen und Strembeck sahen sich die Kurznachrichten nach ihrer zeitlichen Nähe an, nach örtlicher und sozialer Nähe. In Bezug auf soziale Nähe unterschieden sie danach, wie nahe einem die Betroffenen gestanden waren.

Über diese drei Ebenen legten sie sechs emotionale und kognitive Ebenen, etwa welche Tweets Angst vor dem Tod ausgelöst hatten, emotionalen Schmerz oder ein Wir-Gefühl getriggert hatten. Auch welche religiösen Gefühle ausgelöst worden waren, untersuchten die Forscher. Der religiöse Glaube hilft oft, mit traumatisierenden Erlebnissen zurechtzukommen.


Ergebnisse. Unter anderem stellte sich heraus, dass die Posting-Frequenz mit der örtlichen, zeitlichen und sozialen Nähe zu Wien zunahm. Auch die Todesangst war umso höher, je weiter weg vom Geschehen die Twitternden waren. Das zog sich bis über ein Jahr nach dem Anschlag immer noch hin. Zudem fühlten sich die Twitternden an andere Anschläge erinnert.

In Wien und Österreich sowie bei Twitter-Usern mit einer engeren Bindung zu den Opfern wurde am ehesten das Wir-Gefühl angesprochen und die Hoffnung im religiösen Sinn thematisiert. Nach Kušen und Strembeck triggerte Religion insgesamt jedoch eher negative Gefühle wie Angst, Zorn und Trauer, vor allem bei jenen, die weiter entfernt waren vom Geschehen. Je zeitlich weiter man sich wegbewegte, desto kühler und rationaler wurden die Tweets.







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