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„Den Jugendtraum gelebt“

  • Rosemarie Pexa
  • 1. Mai
  • 6 Min. Lesezeit

Andreas Napetschnig, 2025 in den Ruhestand getreten, zieht Bilanz über drei Jahrzehnte Observation.



Die Entführung des Flick-Schwagers, die Prostituiertenmorde durch Jack Unterweger, der Diebstahl der Saliera und zahlreiche weitere Verbrechen, die in Österreich für Schlagzeilen sorgten – bei all diesen Fällen war Andreas Napetschnig, Chefinspektor i. R., maßgeblich an den Ermittlungen beteiligt. Seine Erfahrungen gab er als Vortragender im Grundausbildungslehrgang Observation und in Schulungen an jüngere Kollegen weiter. 2025 verabschiedete er sich nach 41,5 Dienstjahren in den Ruhestand.

 

Jugendtraum. Napetschnigs Karriere bei der Polizei begann, als er nach abgelegter Gesellenprüfung als Schlosser den Entschluss fasste, sich seinen Jugendtraum zu erfüllen. Er bewarb sich erfolgreich bei der Wiener Polizei und absolvierte 1984/85 die Polizeigrundausbildung in der Marokkanerkaserne. Anschließend trat er seinen Dienst im Wachzimmer Spengergasse in Margareten an.

Ein beträchtlicher Teil der Arbeit im Wachzimmer entfiel auf Verwaltungsstrafverfahren, etwa im Verkehrsbereich wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen oder Falschparkens. Wurden die schriftlichen Zahlungsaufforderungen ignoriert, war es Aufgabe der Exekutive, säumige Zahler persönlich aufzusuchen. Diese Aufgabe, die an Sonntagen erledigt werden musste, fiel oft Napetschnig zu. Die „Hausbesuche“ verliefen ohne Probleme, für die ausstehenden Beträge, in der Regel zwischen 500 und 4.000 Schilling, einigte man sich häufig auf Ratenzahlungen. Mitunter wurde der junge Wachmann sogar auf einen Kaffee eingeladen.

Manchmal durfte Napetschnig im Kommissariat aushelfen, in dem es auch einen Arrestbereich gab. Dieser wurde im Winter mit einem schon in die Jahre gekommenen Kohleofen beheizt. „Ist der Ofen zu heiß geworden, hat das Ofenrohr geglüht und es hat zu rauchen begonnen. Dann haben wir die Arres­tanten ins Freie bringen müssen“, erinnert sich Napetschnig.

 

Erste Observationen. 1990 wurde im Sicherheitsbüro eine Stelle als dienstzugeteilter Observant im Referat 8 – Observation ausgeschrieben. Nach fünf Jahren in Uniform reizte es Napetschnig, in den zivilen Ermittlungsbereich zu wechseln. Er bestand das Auswahlverfahren und erfüllte auch das Kriterium, optisch nicht „zu auffällig“ zu sein – Kollegen über 1,90 Meter Körpergröße hatten hier das Nachsehen. Die zweiwöchige Ausbildung fand in der Ros­sauer Kaserne statt, wo die angehenden Observanten lernten, zu legendieren und sich im Nahbereich einer Zielperson zu positionieren.

Die im Vergleich zu heute bescheidene Ausrüstung und das größere Ver­trauen der Bevölkerung in die Polizei zeigten sich auch im Arbeitsalltag der Kriminalisten. So mussten Napetschnig und seine Kollegen teils monatelang auf Dienstfahrzeuge warten und sich mit alten Autos anderer Dienststellen behelfen. War es für eine Observation erforderlich, aus einer Privatwohnung heraus zu beobachten, kam es vor, dass die Bewohner den Polizisten ihre Wohnungsschlüssel überließen und für die Dauer des Einsatzes in ihr Wochenendhaus übersiedelten.

 

Flick-Entführung. Einer der ersten großen Fälle, bei denen Napetschnig sein Können als Observant unter Beweis stellen musste, war die Entführung von Günter Ragger, dem Schwager des deutsch-österreichischen Milliardärs Friedrich Karl Flick, im Jahr 1991 in Kärnten. Die Entführer verlangten 70 Millionen Schilling Lösegeld. Karl Flick wandte sich sofort an die Polizei, es wurde eine Übergabe der geforderten Summe vereinbart. Diese erfolgte am Wiener Westbahnhof, nachdem der Entführte freigelassen worden war. „Bei dem Entführungsfall waren alle Kräfte der damals noch recht kleinen Abteilung im Einsatz, ausgenommen Kranke und Urlauber. Wir haben die Täter observiert, bis der Schwager frei war, dann ist der Zugriff erfolgt“, berichtet Napetschnig. Alle drei Entführer wurden festgenommen, das Lösegeld konnte sichergestellt werden.

Nach Absolvierung des 31. Zentralen Grundausbildungslehrgangs für den Kriminaldienst war Napetschnig 1995/96 als Sachbearbeiter in der Kriminalabteilung Donaustadt tätig. Dort machte sich die Nähe zur Donau auch im täglichen Arbeitsanfall bemerkbar. Immer wieder wurden Wasserleichen angeschwemmt, vermehrt nach dem jährlich stattfindenden Donauinselfest. Den Toten musste die Kleidung abgenommen werden, was einige von Napetschnigs Kollegen angesichts der Entkleidungspauschale gern übernahmen. Er selbst war froh, sich auf die schriftliche Dokumentation beschränken zu können.

Die folgenden beiden Jahre verbrachte Napetschnig im Referat 2 – Einbruch des Sicherheitsbüros. Damals waren sowohl die ÖBB als auch die Post mit dem Problem in den Verteilzentren abhanden gekommener Geldsäcke und Pakete konfrontiert. Der Verdacht fiel auf die eigenen Mitarbeiter, was sich laut Napetschnig auch bestätigte. Auslöser war in vielen Fällen akute Geldnot, oft wegen Drogen- oder Spielsucht. Die Diebstähle bei den ÖBB konnten in Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst der Bahn geklärt werden.

 

Unterweger. Auch an der Klärung der Morde durch Jack Unterweger war Napetschnig beteiligt. Dem als „Häfnpoet“ gefeierten und als Beispiel für gelungene Resozialisierung gehandelten Kriminellen gelang es, nach der zweiten Mordserie den Verdacht von sich abzulenken. Er wurde von der Polizei observiert, wobei den Beamten zu Beginn ein Irrtum unterlief, wie Napetschnig schildert: „Wir haben eineinhalb Tage lang den Falschen observiert. Der Mann hat im selben Haus gewohnt wie Unterweger und ihm ähnlich gesehen.“ Schließlich konnten ausreichende Beweise gesammelt werden, um 1994 einen Schuldspruch zu erwirken.

1998 wechselte Napetschnig wieder ins Referat 8 – Observation, nun als Sachbearbeiter. In den folgenden Jahren absolvierte er mehrere berufsbegleitende Fortbildungen, darunter 1999 die Flugbeobachter- und Peiloperatorausbildung. Die Verfolgungspeilung erfolgt vom Hubschrauber aus. „Bei dieser komplizierten Funkpeilung kann man ein Fahrzeug am Land auf ein paar Kilometer genau, in der Stadt auf ein paar hundert Meter genau lokalisieren. Diese Methode ist mittlerweile veraltet, heute nutzt man GPS“, so Napetschnig, der die „alte“ Art der Verfolgungspeilung später in der Praxis von einem Fahrzeug, aber nie von einem Hubschrauber aus anwendete.

 

Geldüberbringer. Er nahm am Grundausbildungslehrgang und an sechs Fortbildungslehrgängen für Geldüberbringer teil. Eine Hospitation zu diesem Thema führte ihn 2000 zum Mobilen Einsatzkommando München. „Die Bayern sind ähnlich wie wir vorgegangen. Sie haben eine etwas bessere Ausrüstung gehabt, waren uns aber – ohne Digitalfunk – funktechnisch weit unterlegen“, zieht Napetschnig einen Vergleich. Eine Woche lang hatte er die Möglichkeit, seine deutschen Kollegen auf Einsätzen zu begleiten.

Das Gelernte setzte er als Geldüberbringer bei Erpressungen in die Praxis um. Der polizeiliche Erfolg hängt laut Napetschnig maßgeblich von der Gesprächstechnik, sowohl face-to-face als auch telefonisch, ab. Man muss sich auf das Gegenüber einstellen – manche Erpresser treten fordernd auf, andere verlieren die Nerven und beginnen zu schreien. Oft hinterlegen die Täter schriftliche Botschaften und schicken die Ermittler damit auf eine „Schnitzeljagd“.

Eine der größten Operationen der österreichischen Polizei im Kampf gegen den organisierten Drogenhandel, die „Operation Spring“ 1999/2000, verlangte den beteiligten Beamten viel ab. „In Wien und Graz sind rund 150 Schwarzafrikaner fünfeinhalb Monate lang täglich observiert worden. Das war meine längste Einsatzzeit, ich bin kaum dazugekommen, meine Kinder zu sehen“, beschreibt Napetschnig die Operation, die etwa hundert Gerichtsverfahren zur Folge hatte. Fast alle Angeklagten wurden zu teilweise langjährigen Haftstrafen verurteilt.

 

Saliera. Von 2001 bis 2013 war Napetschnig in der BK-Außenstelle Ost – Observation tätig, zuerst als dienstzugeteilter Spezialsachbearbeiter, ab 2003 als Spezialsachbearbeiter. In diesem Jahr sorgte der Diebstahl der Saliera des Florentiner Künstlers Benvenuto Cellini aus dem Kunsthistorischen Museum für Aufsehen. Der Täter, Inhaber einer Alarmanlagen-Firma, war über ein Baugerüst ins Museum eingestiegen. Er stellt für die Rückgabe des berühmten Salzfasses Lösegeldforderungen und schickte die Polizei per SMS quer durch Wien, brach dann aber den Kontakt ab. 2006 konnte der Täter schließlich anhand eines Fahndungsfotos ausgeforscht werden.

Aufgrund eines bundesweiten Anstiegs der Zahl an Kfz-Diebstählen wurde am 1. Oktober 2009 die „Soko Kfz“ gegründet. Die BK-Außenstelle Ost fungierte dabei öfter als unterstützende Einheit. Mehrere Tätergruppen, vor allem aus Polen und vom Balkan, waren im Osten Österreichs aktiv. Meist wurden Pkw gestohlen, eine Gruppe hatte sich laut Napetschnig jedoch auf Lkw-Zugmaschinen spezialisiert: „Sie haben die Zugmaschinen aufgebrochen und ein neues Steuergerät eingebaut. Mit einem Jammer haben sie unseren Funk, unsere Peiltechnik und unsere Ortungssysteme gestört.“ Die Festnahme von vier Mitgliedern der Tätergruppe beendete die Lkw-Diebstahlserie.

Die letzte Station von Napetschnigs Polizeikarriere war von 2013 bis zu seiner Pensionierung das Referat 2.2.2 EKO/DSE. Ab 2017 fungierte er als stellvertretender Gruppenführer, 2024 wurde er zum Gruppenführer ernannt. Gleich zu Beginn war er mit der Erpressung des Getränkeherstellers Red Bull befasst. Der Täter hatte damit gedroht, Getränkedosen mit Fäkalkeimen, Hepatitisviren oder ätzender Säure zu kontaminieren. Bei einer fingierten Geldübergabe konnte die Polizei den Erpresser festnehmen.

 

Bankomatsprenger. 2024/25 wurde Österreich von Banden niederländischer Täter mit nordafrikanischen Wurzeln heimgesucht, die in mehreren Bundesländern Bankomaten sprengten. Die Polizei ergriff umfangreiche technische und personelle Überwachungsmaßnahmen. Letztere bedeuteten für Napetschnig und seine Kollegen einen hohen Arbeitsaufwand. Dieser lohnte sich: Einer Tätergruppe konnte im April 2025, einer weiteren im August das Handwerk gelegt werden.

„Die Bankomatsprenger gehen über Leichen, sie sind der Polizei mit über 200 km/h davongefahren. Das Gegen­über der Polizei ist brutaler geworden. Da müsste ich mir überlegen, ob ich heute noch zur Polizei gehen würde. Aber die Jungen sind das gewöhnt“, so Napetschnig. Sein Taufkind, eine junge Polizistin in der Praxisphase, ist von ihrem Beruf schwer begeistert.










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