Cyberbetrug auf Achse
Ein neuartiger Fall von SMS-Betrug beschäftigte monatelang die Wiener Polizei und führte zu Ermittlungen gegen mutmaßlich international vernetzte Täter. Mithilfe technischer Analysen gelang es, einen mobilen SMS-Blaster aufzuspüren und dessen Betreiber festzunehmen. Für die erfolgreiche Ermittlungsarbeit wurde das Wiener Team bei einer internationalen Cybercrime-Konferenz in Straßburg ausgezeichnet.

Es war der erste Fall dieser Art in Österreich: Über einen SMS-Blaster wurden in Wien monatelang Tausende Phishing-SMS verschickt. Die Betrugsmasche flog auf, als ein Mobilfunknetzbetreiber bei einer Routinekontrolle seines Netzes Unregelmäßigkeiten feststellte und die Polizei verständigte. Der Täter wurde gefasst, die Ermittlungen zu seinen Hintermännern dauern noch an. Anhand der Anzeigen Geschädigter ließ sich ein Schaden von mehr als 50.000 Euro nachweisen, wobei die Dunkelziffer weit höher liegen dürfte.
Smishing. Der „Smishing“-Angriff – also Phishing über SMS – begann im November 2025. Im Großraum Wien war ein Pkw unterwegs, in dessen Kofferraum sich ein SMS-Blaster befand. Dieser verschickte pro Stunde bis zu 100.000 Phishing-SMS, darunter gefälschte Nachrichten im Namen von Telekommunikationsanbietern oder Paketzustelldiensten. Als Routen wählte der Pkw-Lenker Hauptverkehrsstraßen wie Ring und Gürtel sowie Straßen in der Nähe von Veranstaltungsorten.
Oberstleutnant Florian Finda, BA MA, leitender Kriminalbeamter im Assistenzdienst des Landeskriminalamts Wien, erklärt die technischen Grundlagen eines derartigen SMS-Blasters: Ein speziell für diesen Zweck geschaffenes Gerät samt Batterie und Antenne fungiert als Funkzelle, die ein stärkeres Signal aussendet als die Funkmasten der Mobilfunknetzbetreiber. Handys im Umkreis – in diesem Fall bis zirka 300 Meter – verbinden sich mit dem SMS-Blaster statt mit dem nächstgelegenen Handy-Funkmast. Über diese Verbindung lassen sich Phishing-SMS an die eingebuchten Mobiltelefone versenden.
Signalabbrüche. Auf die Spur des SMS-Blasters führte eine ungewöhnliche Entdeckung, die der Mobilfunknetzbetreiber A1 bei einer routinemäßigen Überprüfung der Netzverfügbarkeit machte: Signalabbrüche „bewegten“ sich durch Wien, Funkmasten tauchten an Stellen auf, an denen es keine geben sollte. Diese Beobachtungen meldete A1 der Polizei. Der Assistenzbereich 06 IT-Beweismittelsicherung des LKA Wien begann in Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt, der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst sowie der Kompetenzstelle Cybercrime der Staatsanwaltschaft Wien sofort mit den Ermittlungen.
Die Polizei erhielt von A1 Ortungsdaten, die jeweils mit einer Zeitverzögerung von rund zehn Minuten vorlagen. Auf einer Karte waren die erfassten Positionen als eine Art „Wolke“ sichtbar, die sich entlang der Hauptverkehrswege bewegte. Die Ermittler erstellten ein Zeit-Weg-Diagramm und eine Heatmap, um das Bewegungsmuster analysieren und eine Prognose für die weitere Route abgeben zu können. Durch Hinweise von DSN und BK konnte ein SMS-Blaster als Quelle des Signals identifiziert werden, der offensichtlich in einem Fahrzeug mitgeführt wurde.
Alarm. Besondere Sorge bereitete der Polizei, dass das Fahrzeug mit dem SMS-Blaster auch in der Umgebung einer Großveranstaltung geortet wurde. „Hätten die Besucher eine Alarmmeldung auf ihr Handy bekommen, wäre schlimmstenfalls eine Massenpanik ausgebrochen, bei der es Verletzte und Tote gegeben hätte“, gibt Finda zu bedenken. Tatsächlich hatte der Lenker des Fahrzeugs die Nähe des Veranstaltungsorts nur gesucht, da sich dort besonders viele Mobiltelefone an einem Ort befanden.
Festnahme. Am 14. Mai gelang es bei einer Großaktion des LKA Wien gemeinsam mit der DSE, den verdächtigen Fahrzeuglenker unter Verwendung spezieller technischer Einrichtungen zu lokalisieren und auf frischer Tat zu ertappen. Zivile Spezialkräfte der DSE stoppten den Pkw und nahmen den Mann – einen 32-jährigen chinesischen Staatsbürger – fest. Im Fahrzeug und bei einer anschließend durchgeführten Hausdurchsuchung konnten SMS-Blaster, Notebooks, Mobiltelefone, Spannungswandler und weiteres technisches Equipment, das mutmaßlich für den Betrieb der Geräte verwendet worden war, sichergestellt werden.
Der Täter legte ein Teilgeständnis ab, er befindet sich derzeit in U-Haft. „Wir gehen von ‚Crime as a Service‘ aus und ermitteln in Richtung organisierter Kriminalität“, erklärt Finda. Ob der Beschuldigte seinen Auftraggeber überhaupt persönlich kennt, ist unklar. Mittlerweile hat es in dem Fall eine zweite Festnahme gegeben; die Ermittlungen zur dahinterliegenden internationalen Struktur laufen weiter.
Prämierung. Finda und Mag. Carmen Kainz, Leiterin der Kompetenzstelle Cybercrime der Staatsanwaltschaft Wien, präsentierten den Fall bei der Underground Economy Conference 2026 von 7. bis 10. September in Straßburg, am Sitz des Europarats. Die jährlich stattfindende internationale Fachkonferenz zur Bekämpfung von Cyberkriminalität wird vom Europarat gemeinsam mit Team Cymru veranstaltet. Sie bringt Strafverfolgungsbehörden, Cybersecurity- und Threat-Intelligence-Experten, Vertreter des privaten Sektors, Finanzinstitutionen, internationale Organisationen und die Wissenschaft zusammen. Ziel ist der internationale und sektorübergreifende Austausch über aktuelle Entwicklungen der Cyberkriminalität, digitale Ermittlungen und Möglichkeiten zur gemeinsamen Bekämpfung krimineller Online-Infrastrukturen. An der diesjährigen Konferenz nahmen Polizei- und Justizbehörden aus 52 Staaten teil.
Im Rahmen einer Law Enforcement Case Competition wurden 15 Fälle vorgestellt und die besten von einer internationalen Fachjury prämiert. Österreich belegte alle drei Stockerlplätze:
Den zweiten Rang erreichte das Wiener Ermittlerteam mit dem Fall „SMS-Blaster“. Am erstplatzierten Fall war die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft beteiligt, der dritte Preis ging an die Landespolizeidirektion Salzburg, die den Fall gemeinsam mit Lettland und Europol bearbeitet hatte.
Die Konferenz bot Finda Gelegenheit, international polizeiliche Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. „Wir erhalten derzeit sehr viele Anfragen zu unserem Fall aus anderen Ländern“, berichtet Finda. Auch Europol hat bereits Interesse an einem Informationsaustausch bekundet – da SMS-Blaster weltweit zunehmend ein Problem darstellen, gewinnt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit an Bedeutung.




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