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  • Rosemarie Pexa

Zentrum für Hochrisikofälle

Ein professionelles Team betreut die Opfer von Gewalt in der Privatsphäre.



Nach einem halben Jahr Probebetrieb ziehen Rätin Mag. Nina Lepuschitz, MSc, die Leiterin des Opferschutzzentrums, und Chefinspektorin Margit Kassan, MSc, die stellvertretende Leiterin des Opferschutzzentrums, Bilanz.

 

Kriminalpolizei: Im Oktober 2023 wurde das Opferschutzzentrum des Landeskriminalamts Wien eröffnet. Wie ist die Idee dafür entstanden?

Margit Kassan: Auslöser war die Einführung des GiP-Supports der Landespolizeidirektion Wien im Juli 2021. Ruft ein Kollege, der ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen hat, beim Support an, wird das Risiko mit einem Gefährdungseinschätzungstool ermittelt. Je nachdem, ob ein niedriges, ein erhöhtes Risiko oder ein Hochrisiko vorliegt, ergeben sich in der Folge Zuständigkeiten im Hinblick auf die Aktenbearbeitung in Zusammenhang mit der Opferschutzarbeit. Nina Lepuschitz und ich wollten eine professionelle Lösung für Hochrisikofälle schaffen und haben sie General Lepuschitz vorgetragen. Er hat im August 2022 den Projektauftrag erteilt.

Wir haben eine Projektgruppe gegründet, die zwei Vorschläge für ein Opferschutzzentrum entwickelt hat. Im großen Konzept sollte das Opferschutzzentrum bei Hochrisikofällen auch die Ermittlungstätigkeit übernehmen und den Akt gerichtsfertig machen, das wäre extrem personalintensiv gewesen. Im kleinen Konzept kommt dem Opferschutzzentrum die Aufgabe zu, tiefgreifende Gefahrenanalysen zu erstellen und die Opferschutzarbeit zu machen. Das kleine Konzept ist dann bewilligt worden, und wir haben den Probebetrieb gestartet.

 

Margit Kassan: „Einige Fälle betreuen wir bis zu einem halben Jahr oder auch länger.“

Wie viele Fälle hat das Opferschutzzentrum seit Beginn des Probebetriebs bearbeitet?

Nina Lepuschitz: Bis Ende Februar waren es 312 Akte. Wir haben bis dahin 309 Opferkontaktgespräche geführt und 147 präventive Rechtsaufklärungen gemacht. 13 bis 14 Prozent aller Betretungs- und Annäherungsverbote sind als Hochrisiko eingestuft, diese werden automatisch durch das Opferschutzzentrum übernommen.

 

Welchen Personalstand hat das Opferschutzzentrum aktuell?

Lepuschitz: Das Konzept war auf 22 Mitarbeiter ausgelegt. Aktuell arbeiten elf Beamte hier, eine Kollegin ist derzeit im Chargenkurs. Ein paar auf GiP spezialisierte Präventionsbeamte haben wir von der Opferschutzgruppe in der Prävention im LKA mitgenommen. Zusätzlich haben wir eine Interessentensuche gestartet und geschaut, wer als Zusatzausbildung ein Psychologiestudium oder eine psychosoziale Ausbildung hat.

 

Wie werden die Mitarbeiter für ihre Tätigkeit im Opferschutzzentrum eingeschult?

Lepuschitz: Sie absolvieren eine zweitägige Zusatzausbildung im Bereich Risikoanalyse und Gefährdungseinschätzung, vor allem zu psychischen Erkrankungen in Zusammenhang mit dem delinquenten Verhalten. Im GiP-Support ist uns aufgefallen, dass die Anzahl an psychisch kranken Tätern gestiegen ist, daher ist die Verbindung von Polizei und Psychologie so wichtig. Das Wissen aus der Schulung hilft in der Kommunikation mit dem Gefährder: Ist er kognitiv überhaupt in der Lage zu verstehen, dass er sich dem Opfer nicht nähern darf? Wenn er es nicht ist, müssen andere Schutzmaßnahmen für das Opfer getroffen werden.

 

Ist für die Mitarbeiter auch eine Fortbildung geplant?

Lepuschitz: Es ist eine jährliche Schulung mit externen Vortragenden geplant, z. B. mit gerichtlich beeideten Psychiatern oder Klinischen Psychologen.


Nina Lepuschitz: „Im GiP-Support ist uns aufgefallen, dass die Anzahl an psychisch kranken Tätern gestiegen ist.“

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Hochrisikofall bekommen?

Lepuschitz: Wir führen eine individualspezifische Risikoanalyse durch. Checklisten sind praktisch und liefern schnell ein Ergebnis, aber sie können die Qualität eines Übergriffs nicht messen und nicht erfassen, welche Faktoren zusammengespielt haben, dass es zur Tat gekommen ist. Unsere Risikoanalyse geht in die qualitative Richtung: Welche Informationen über Opfer und Täter haben wir zusätzlich? Wie war die Beziehungsdynamik davor? Hat sich die Gewaltintensität gesteigert? Waren Alkohol oder Suchtgift im Spiel? Gibt es eine Eifersuchts-, Kontroll- und Stalkingthematik oder finanzielle Probleme?

 

Wie laufen die Gespräche mit Gewaltopfern ab?

Kassan: Wichtig ist, dass wir durch ein umfangreiches Aktenstudium und die Risikoanalyse vorbereitet sind. Das Opfer muss nicht alles noch einmal erzählen, wir fragen gezielt bestimmte Parameter ab. Wir versuchen, die Angst des Opfers zu minimieren, es aber auch zu sensibilisieren, Tipps zu geben, was es in gefährlichen Situationen tun kann. Wir bauen eine Vertrauensbasis zum Opfer auf und sagen ihm, dass es mit dem Opferschutzzentrum eine polizeiliche Ansprechstelle hat, an die es sich jederzeit wenden kann.

 

Wie lange werden Gewaltopfer durchschnittlich betreut?

Kassan: In Hochrisikofällen führen wir zumindest für drei Monate ein Monitoring durch, einige Fälle betreuen wir bis zu einem halben Jahr oder auch länger. Dies gestaltet sich unterschiedlich und individuell.

Lepuschitz: Wenn sich eine Person, die wir betreuen, länger nicht bei uns meldet, rufen wir proaktiv an und fragen nach, wie es ihr geht.

 

Arbeiten Sie mit einem Dolmetscher, wenn ein Gewaltopfer nicht ausreichend gut Deutsch spricht?

Kassan: Ja – wir wissen schon von der Einvernahme, ob wir eine Übersetzung brauchen werden. Uns geht es um Objektivität, wir arbeiten mit Dolmetschern von der Dolmetschliste der Polizei.

 

Wie gehen Sie bei Gesprächen mit Gefährdern vor?

Lepuschitz: Die Gefährder reden zum Teil sehr offen mit uns. Wir erklären, was ein Betretungs- und Annäherungsverbot bedeutet und was passiert, wenn man dagegen verstößt. Kommt ein schwerer Alkoholiker zu uns, der zuschlägt, wenn er zu viel getrunken hat, fragen wir, ob er sich schon einmal überlegt hat, eine Therapie zu machen. Am ehesten nimmt jemand Hilfe an, wenn die Idee dazu von ihm selbst stammt.

Kassan: Der Gefährder ist oft froh, dass er jemanden hat, der ihm zuhört. Wenn wir eine Vertrauensbasis zu ihm aufgebaut haben, ruft er an, wenn er ein Problem hat. Wir begleiten ihn z. B. in der „heißen Phase“ einer Scheidung.

 

Gibt es typische Fälle von Gewalt in der Privatsphäre?

Lepuschitz: Wir haben von gefährlicher Drohung, die als Hochrisiko eingestuft worden ist, über Sexualdelikte und Missbrauch Unmündiger bis zum versuchten Mord alles. „Mann schlägt Frau“ ist häufig, aber wir haben auch Kinder, oft mit einer substanzinduzierten Psychose, die ihre Eltern bedrohen. Die Mutter ruft zwar die Polizei, will aber nicht, dass sie den gewalttätigen Sohn mitnimmt.

 

Wie belastend ist die Arbeit im Opferschutzzentrum und wie gehen die Mitarbeiter damit um?

Lepuschitz: Belastend ist vor allem schwerer sexueller Missbrauch von Kindern. Wir machen zweimal pro Woche eine Morgenbesprechung, bei der jeder über belastende Fälle reden kann. Wenn es notwendig ist, übernehme ich als Psychologin die Betreuung eines Mitarbeiters.

 

Mit welchen Opferschutzeinrichtungen arbeiten Sie zusammen?

Lepuschitz: Vor allem mit dem Gewaltschutzzentrum, mit der MA 11, mit Frauenhäusern und mit Neustart.

Kassan: Wir versuchen, die Erkenntnisse zu bündeln und gehen aktiv auf die anderen Einrichtungen zu, um einen Austausch in Gang zu bringen.

 

Kann das Opferschutzzentrum Ihrer Ansicht nach zu einer Verringerung der Gewalttaten, vielleicht sogar der Femizide, beitragen?

Lepuschitz: Das gesamte Team des Opferschutzzentrums ist überzeugt, dass wir einen positiven Einfluss haben, weil wir in Hochrisikofällen die Opfer begleiten, ein Monitoring machen.

 

Das Opferschutzzentrum war ja vorerst als Probebetrieb geplant, nach sechs Monaten sollte evaluiert werden, ob es in den Regelbetrieb geht. Wissen Sie schon, ob das der Fall ist?

Lepuschitz: Der Abschlussbericht wird am 2. April vorgelegt, die Endentscheidung liegt beim Ministerium. Die Zeichen sind positiv, dass das Opferzentrum weiter besteht.








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