• Gerhard Brenner

Mythen in der Medizin



George Washington, der Gründungspräsident der Vereinigten Staaten starb 1799 an einer Kehlkopfentzündung, weil ihn die Ärzte starke Abführmittel verabreicht und ihn zur Ader gelassen hatten. Er hatte fast zwei Liter Blut verloren. Manche Esoteriker praktizieren den Aderlass noch heute.

Der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis forderte Mitte des 19. Jahrhunderts, Ärzte sollten sich die Hände waschen, wenn sie nach einer Obduktion im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) auf die Geburtsklinik wechselten. Semmelweis’ Kollegen bezeichneten das als „spekulativen Unfug“, obwohl er es mit Sterberaten belegte.

Obduktionen waren lange Zeit verboten. Die Kirchen waren dagegen – obwohl man sonst auch nicht zimperlich war, was Folter und Leichenschändung betraf. Der britische König Heinrich VIII. ließ zwei seiner sechs Frauen hinrichten. Gegen das Sezieren von Leichen im Dienste der Wissenschaft hatte er dennoch etwas. Er gestattete den Universitäten Großbritanniens lediglich die Obduktion von vier Hingerichteten pro Jahr.

Selbst den Schmerz zu lindern, war nicht immer selbstverständlich: 1846 wurde in Massachusetts (USA) zum ersten Mal eine Äthernarkose bei einem operativen Eingriff angewendet. Doch viele Ärzte sahen den Schmerz als wichtigen Begleitfaktor für die Heilung des Menschen. Und die Kirche orientierte sich am Alten Testament, wo es heißt: „Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären.“

Die Lebenserwartung betrug Anfang des 16. Jahrhunderts 32 Jahre bei Männern und 25 bei Frauen (viele starben bei der Geburt eines Kindes). Heute werden Männer durchschnittlich 79 und Frauen 84 Jahre alt. Dennoch ist es für viele nicht selbstverständlich, wissenschaftlich basierte Medizin anzuwenden. Der Journalist Herbert Lackner und der Universitätsprofessor für Innere Medizin und klinische Immunologie Christoph Zielinski machen einen Streifzug durch den oft verschwörerischen Umgang mit der Medizin – bis hinauf zur Jetztzeit.


Herbert Lackner, Christoph Zielinski: Die Medizin und ihre Feinde. Carl Ueberreuter Verlag, ­Wien, 2022, www.ueberreuter.com