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Bias und Noise: Urteile verzerrt


Anfang der 1970er-Jahre deckte der US-Richter Marvin Frankel auf: Die Höhe einer verhängten Strafe hängt sehr davon ab, welchen Richter man zugewiesen bekommt. In seinem Buch „Criminal Sentences: Law Without Order“ (Strafurteile: Recht ohne Ordnung) führte Frankel eine Reihe von Fällen auf, deren Unterschiedlichkeit in der Strafbemessung nicht nachvollziehbar war: Wegen der Einlösung gefälschter Schecks wurde ein bislang Unbescholtener zu 15 Jahren Haft verurteilt, ein anderer zu 30 Tagen.

Wegen ähnlicher Fälle von Unterschlagung erhielt ein Verurteilter 20 Jahre Gefängnis, ein anderer 117 Tage. Die Umstände der beiden Taten waren eins zu eins vergleichbar.

An die Veröffentlichung Frankels Buch wurde eine Reihe von Untersuchungen geknüpft. Frankel selbst leitete eine Studie, in der er 50 Richtern mehrere gleichlautende Sachverhalte vorlegte und sie urteilen ließ. Die Ergebnisse waren jenen ähnlich, die Frankel aus der Rechtspraxis für sein Buch herausgeholt hatte: Die fiktiven Strafen für einen fiktiven Heroinhändler lagen zwischen einem und zehn Jahren. Für einen Bankräuber schwankten sie zwischen 5 und 18 Jahren. Für eine Erpressung bemaß ein Richter 3 Jahre Haft, ein anderer 20 Jahre. In einer Studie 1981 wurden 208 US-Bundesrichter eingeschlossen. Sie hatten über 16 fiktive Fälle zu urteilen und kamen in nur drei davon zu vergleichbaren Ergebnissen.

Das Ausmaß des „Noise“ (Grundrauschen) wurde mittlerweile auf verschiedenen Ebenen belegt: Im Jugendrecht, im Asylrecht genauso wie im Finanzrecht.

In Experimenten fanden Forscher zudem heraus, dass Richterinnen und Richter unterschiedlich urteilen, wenn sie hungrig waren oder satt. Selbst mit der Temperatur schien es zusammenzuhängen, welche Strafen sie verhängten. Urteilsverzerrungen dieser Art nennen die Autoren des Buches „Bias“. Bias und Noise kommen in allen Lebenslagen vor, nicht nur vor Gericht. Wie man mit ihnen umgeht, beschreiben die Autoren im Buch „Noise“.


Daniel Kahneman, Olivier Sibony, Cass R. Sunstein: „Noise – Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können“, Siedler Verlag, München, 2021, www.siedler-verlag.de

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