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  • Alfred Ellinger

Taliban in Afghanistan

Der Westen, die USA und ihre Verbündeten, haben den Krieg gegen die Taliban verloren. Der Abzug aus Afghanistan war schlicht ein Desaster.



Die Amerikaner haben noch bis kurz vor der Machtübernahme durch die Taliban tatsächlich geglaubt, dass die von ihnen ausgebildete und mit sehr viel Geld modern ausgerüstete afghanische Armee – immerhin 300.000 Soldaten – in der Lage sein werden die Taliban aufzuhalten. Aber diese Armee wollte gar nicht kämpfen. Die Taliban haben binnen weniger Tage fast das ganze Land unter ihre Kontrolle gebracht.

Jetzt geht es darum, zu den Taliban, den neuen Machthabern in Kabul, ein Verhältnis zu finden, auf dessen Basis eine Kooperation zumindest im humanitären Bereich möglich ist. Die EU – Außenminister ließen vollmundig verlauten, dass es humanitäre Hilfszahlungen nur geben werde, wenn sich die Taliban an Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat hielten. Was für ein kolossaler Selbstbetrug!

Der Westen hat zwanzig Jahre gegen die Taliban mit hohen Verlusten gekämpft, weil sie Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat eben nicht respektieren. Was für eine Fehleinschätzung zu glauben, der Verlierer könne dem Sieger Bedingungen diktieren. Zweifellos brauchen die Taliban Unterstützung, aber sie sind nicht vom Westen abhängig. China und das Emirat Katar haben sich bereits angeboten.


Wer sind die Taliban? Die Taliban sind eine im September 1994 gegründete Terrorgruppe, die von 1996 bis 2001 bereits große Teile Afghanistans beherrscht und seit wenigen Monaten wieder die Macht im Land übernommen haben. Das aus dem Arabischen stammende Wort „talib“ bedeutet soviel wie „Suchender“.

Die Talibanbewegung hat ihren Ursprung in religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan. Die Taliban traten erstmals 1994 in der Stadt Kandahar in Erscheinung. 1996 nahmen sie die Hauptstadt Kabul ein und errichteten das „Islamische Emirat Afghanistan“, das von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Seit 2003 führten die Taliban von Pakistan aus terroristische Aktionen gegen die Islamische Republik Afghanistan und die westlichen Allianzen – ISAF (International Security Assistance Force) durch. Die Anschläge der Taliban richteten sich überwiegend gegen die Zivilbevölkerung, viel weniger gegen Regierungseinrichtungen oder die internationalen Truppen. Es war leichter und ungefährlicher die Zivilbevölkerung zu terrorisieren.

Nach der Machtübernahme der Taliban 1996, wurden die von ihnen kontrollierten Gebiete zum islamischen Gottesstaat (politische und juris­tische Interpretation des Islam). Als staatliches Rechtssystem galt die Scharia. Frauen hatten, unter Berufung auf den Koran, so gut wie keinerlei Rechte und lebten weitgehend unter Hausarrest. An (oft vermeintlichen) Straftätern wurden barbarische Strafen, so genannte hadd-Strafen vollzogen. Es wurde gefoltert, geköpft, gesteinigt oder es wurden Gliedmaßen abgeschlagen.


Ahmad Schah Massoud war der einzige Kommandeur, der das von ihm beherrschte Gebiet erfolgreich gegen die Taliban verteidigen konnte und ihr Angebot, sich ihnen anzuschließen und Ministerpräsident zu werden, ablehnte. In einem Interview erklärte er im August 2001: „Wir können ihre Konditionen für einen Kompromiss nicht akzeptieren, sonst müssten wir die Prinzipien einer modernen Demokratie aufgeben... Es sollte ein Afghanistan geben, in dem sich jeder Afghane und jede Afghanin glücklich fühlen kann. Und ich denke, dies kann nur durch eine Demokratie, die auf Konsens basiert, gesichert werden.“ Am 9. September 2001 wurde Ahmad Schah Massoud, nachdem er vor einem geplanten großen Anschlag in den Vereinigten Staaten gewarnt hatte, ermordet.

Dieser vorhergesagte große Anschlag erfolgte dann am 11. September 2001 durch Mitglieder des Islamischen Staates (IS). Vier Verkehrsflugzeuge wurden entführt. Zwei wurden in die Türme des World Trade Center in New York City und eines in das Pentagon in Arlington, Virginia, gelenkt. Das vierte Flugzeug, welches vermutlich das Kapitol zerstören sollte, stürzte nach heftigen Widerstand der Passagiere in Shanksville, Pensylvania, ab.


„Enduring Freedom“. Die tief im Mark getroffenen Vereinigten Staaten reagierten auf diese Anschläge mit der Operation „Enduring Freedom“ bereits am 7. Oktober 2001. Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen wurde in Afghanistan 2003 eine Übergangsregierung gebildet und 2004 erhielt Afghanistan eine demokratische Verfassung.

Bereits 2003 konnten sich die Taliban mit der Unterstützung Pakistans neu formieren und verübten zahlreiche Terror-Anschläge, neuerlich überwiegend gegen die Zivilbevölkerung. 2012 nahmen die USA überraschend Friedensgespräche mit den Taliban in Doha auf. Das nach einigen Jahren zustande gekommene Friedensabkommen, das fahrlässiger Weise keinen Waffenstillstand beinhaltete, wurde von den Taliban rasch gebrochen.

Nach dem Sieg der Taliban gaben sich diese zunächst sehr zurückhaltend und erklärten, dass die Menschenrechte und die Rechte der Frauen in Afghanistan künftig selbstverständlich gewahrt würden. Der, von den Taliban hinzugefügte Satz: „..im Rahmen der Lehre des Koran und der Scharia... Sheriatsgerichte würden jeweils entscheiden...“ allerdings klingt wenig beruhigend, sondern vielmehr wie eine gefährliche Drohung. So wurde auch Berichten zufolge bereits das Frauenministerium in ein Tugendministerium umgewandelt. Frauen, die nicht verschleiert waren und allein auf der Straße waren, seien verprügelt worden, die Zwangsverheiratung junger Mädchen finde weiterhin statt, ohne einen „mahram“, einen männlichen Verwandten dürfen Frauen nicht das Haus verlassen, an der Universität in Kabul unterrichten nur mehr Männer, Frauen dürfen nicht mehr zur Universität, in den Schulen werden die männlichen und weiblichen Schüler durch einen Vorhang voneinander getrennt. Afghanische Bürger, die für die fremden Truppen gearbeitet haben, wurden aufgefordert sich zu melden, sonst würde man sich an ihre Familien wenden, die Leichen angeblicher Verbrecher wurden – zur Abschreckung – öffentlich aufgehängt.


Afghanistan ist ein islamischer Staat. Das heißt Politik, Staat und Religion stellen eine Einheit dar. Alle rechtlichen Fragen werden von Sheriatsgerichten auf Grundlage der Scharia beurteilt. Die Sharia (das aus dem Arabischen stammende Wort bedeutet eigentlich soviel wie „Weg zur Wasserquelle“) beschreibt „die Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen, Mechanismen zur Normfindung und Interpretationsvorschriften des Islam“. Es handelt sich also um Regeln und Regulierungen, die das gesamte Leben der Muslime bestimmen. Allah, der einzige Gott, ist oberster Gesetzgeber. Sein Gesetz ist die Grundlage der göttlichen Offenbarung im Koran. Die Scharia ist aber kein kodifiziertes, unveränderliches Rechtssystem, sondern ein sich im steten Wandel befindliches Regelwerk.

Der Scharia liegen eine Vielzahl von Quellen zugrunde. Wichtigste Quelle des islamischen Rechts und in der gesamten islamischen Welt anerkannt ist der Koran, der aber nur einige Rechtsnormen enthält, die sich mit straf- und zivilrechtlichen Fragestellungen auseinandersetzen.

Die zweite wichtige Quelle ist für Sunniten (Afghanen sind Sunniten) die Sunna. Dabei handelt es sich überwiegend um die Überlieferungen aus dem Leben Muhammads, Darlegungen, die er als Prophet und nicht als Mensch gemacht hat.

Das Islamverständnis der Taliban kann getrost als „Steinzeitislam“ bezeichnet werden, ein Islamismus, der durch einen besonders starken Fundamentalismus gekennzeichnet ist. Es scheint derzeit nicht so, als wollten die Taliban ihre Ankündigung die Menschenrechte zu achten, auch tatsächlich einhalten.

Für die westliche Welt stellen sich in diesem Zusammenhang neben zahlreichen Menschenrechts-Themen, vordergründig die Fragen nach den Rechten der Frauen, der Zulassung eines freien, unbehinderten Journalismus und einer freien Meinungsäußerung, die Behandlung von Andersgläubigen und Minderheiten, sowie nicht zuletzt eine menschenrechtskonforme Handhabung des Strafrechts (immerhin hatte Afghanistan schon 1924 und 1976 ein säkulares Strafrecht).


Hidschab und Burka. Frauen müssen in Afghanistan zumindest einen Hidschab, ein besonders geschnittenes Kopftuch, das Kopf, Hals, Schultern und den Brustansatz verhüllt, tragen, teilweise wird sogar eine Burka, die den ganzen Körper und das Gesicht verhüllt, verlangt.

Die Verschleierung der Frauen als religiöse Pflicht wird aus dem Koran, Sure 24:31 abgeleitet: „Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Augen niederschlagen, und ihre Keuschheit bewahren, den Schmuck, den sie tragen nicht offen zeigen, soweit er nicht sichtbar ist, ihren Schal sich über den Schlitz des Kleides ziehen und den Schmuck den sie tragen niemandem offen zeigen, außer ihrem Mann, ihrem Vater, ihrem Schwiegervater, ihren Söhnen, ihren Stiefsöhnen, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und ihrer Schwes­tern, ihren Frauen, ihren Sklavinnen, den männlichen Bediensteten, die keinen Geschlechtstrieb mehr haben (Sklaven, Eunuchen), und den Kindern, die noch nichts von weiblichen Geschlechtsteilen wissen. Und sie sollen nicht mit ihren Beinen aneinander schlagen und damit auf den Schmuck aufmerksam machen, den sie verborgen tragen. Und wendet euch allesamt wieder Allah zu, ihr Gläubigen, vielleicht wird es euch dann wohl ergehen“.

Weitere Grundlage ist auch der Koranvers Sure 33:53 (sog. Hidschab-Vers), der sich aber eigentlich nur auf die Frauen des Propheten bezog. Der Zwang zum Hidschab wird mit dem koranischen Grundsatz, „das Rechte zu gebieten und das Verwerfliche zu verbieten“, begründet. Zwangsmittel sind daher nicht nur erlaubt, sondern Pflicht.


Sündhaftigkeit der Frau. Von 1996 bis 2001 wurde im islamischen Emirat Afghanistan das islamische Recht in besonders brutaler, menschenverachtender Weise ausgelegt. Bildung und Berufstätigkeit war für Frauen ausgeschlossen. Frauen wurden aus der Öffentlichkeit verbannt. Die Taliban begründeten dies mit der Sündhaftigkeit der Frau. „Die Frauen verursachen Unruhe in der Welt, weil sie allein schon die Verkörperung der Sünde sind, deshalb dürfen sie nicht in die Öffentlichkeit“. In Afghanistan ist ein umfassendes Patriarchat gelebte Tradition, insbesondere bei den religiösen und politischen Eliten, dies bedingt daher die Unterwerfung der Frau. Es bestehe ein fundamentaler Unterschied zwischen Mann und Frau. Der Frau obliegt „die göttliche Pflicht der Mutterschaft“, ihr Platz ist daher in der Familie und im Haus. Vers 4:34 des Koran lautet: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat“. Daher besteht die Pflicht der Ehefrau, ihrem Mann gehorsam zu sein. Frauen, denen es an Unterwerfungsbereitschaft mangelt, dürfen von ihrem Mann auch geschlagen werden. Das wird regelmäßig damit beschönigt, dass es keinesfalls um Gewalt gehe, leichte Schläge hätten nur einen ermahnenden Charakter.

Wenn die Taliban in ihrer ersten Pressekonferenz versicherten, dass die Menschenrechte und die Rechte der Frauen gewahrt würden, so wird dies allgemein für eine PR-Aktion gehalten.

Die Taliban haben sich in Bezug auf das Strafrecht, abgesehen von häufigen, oft grundlosen Gräueltaten, an das islamische Strafrecht und den Vollzug von besonders grausamen hadd-Strafen gehalten. Eine Reihe von Straftaten, die im Koran genannt werden, unterliegen der im Koran oder durch die Tradition festgesetzten Strafe. Es handelt sich dabei um folgende fünf Delikte:

• Unzucht (zina): Täter, die bereits einmal verheiratet waren, sind nach der Tradition (sunna) mit Steinigung (rajm) zu bestrafen. Täter, die niemals verheiratet waren, haben nach koranischer Weisung nur 100 Geißelhiebe (darb) zu erhalten (Koran 24:1-5)

• Verleumdung wegen angeblicher Unzucht (qadhf) ist mit 80 Geißelhieben zu bestrafen (Koran 24:4).

• Weintrinken (shurb al-khamr) oder trinken anderer berauschender Getränke, hat nach der Tradition (sunna) mit 40, je nach Rechtsschule auch mit 80 Geißelhieben (vgl. Koran 5:30 f.) bestraft zu werden.

• Diebstahl (sariqa): Nach dem Koran und ergänzender Überlieferungen ist beim ersten Mal die rechte Hand, im Wiederholungsfalle der linke Fuß abzuschlagen (Koran 5:38-39). Die hadd-Strafe ist jedoch nur verwirkt, wenn sich der gestohlene Gegenstand in angemessener Verwahrung befunden hat, so dass der Dieb ihn heimlich stehlen musste, was etwa beim Taschendiebstahl nicht der Fall ist. Der gestohlene Gegenstand muss auch einen gewissen Wert darstellen. Außerdem liegt dann kein Diebstahl vor, wenn der Täter auf die weggenommene Sache irgendein Anrecht hat.

• Straßenraub (qat´at-tariq): Es werden vier Arten unterschieden: Hat der Schuldige nur außerhalb einer Ortschaft die öffentlichen Wege unsicher gemacht (Versuch) wird er gefangengesetzt. Hat er dabei einen Raub begangen, werden ihm die rechte Hand und der linke Fuß abgeschnitten, im Wiederholungsfalle auch die linke Hand und der rechte Fuß. Hat ein Täter als Wegelagerer jemanden vorsätzlich getötet, dann wird er selbst getötet, auch wenn die Familie des Opfers mit einem Blutpreis zufrieden wäre. Hat ein Straßenräuber sowohl Raub als auch Tötung begangen, ist er zu kreuzigen (Koran 5:33-34).

Der Abfall vom Islam (irtidad) unterliegt, ohne dass dies als hadd-Strafe gilt, der Todesstrafe, sofern sich die Rückkehr zum Islam als ausgeschlossen erweist.

Das umfassende Bekenntnis zum islamischen Strafrecht schließt auch die Befugnis zur Bestrafung nach eigenem Ermessen des Richters, den sogenannten tatir mit ein. Dadurch ist dem islamischen Staat eine nahezu unbegrenzte Strafgewalt an die Hand gegeben.

Die Handhabung des Rechts und der Menschenrechte in Afghanistan ist äußerst beunruhigend. Die Taliban sind eine Terrorgruppe, die von Politik und Staatsführung keine Ahnung haben, die immer wieder gezeigt haben, dass sie, getreu der Meinung, dass Ungläubige zum Nutzen der Gläubigen belogen werden dürfen, nicht bereit sind, geschlossene Verträge und Zusagen einzuhalten.

Der Westen befindet sich in einer Klemme, einerseits kann und will man die Menschen in Afghanistan nicht verhungern lassen, andererseits aber darf man die islamistischen Ziele der Taliban nicht unterstützen und die immer noch bestehende Gefahr der Unterstützung des weltweiten islamischen Terrors nicht aus den Augen verlieren. Es wird zukünftig wohl sehr vieler, eingehender Verhandlungen und rascher Reaktionen auf Wortbrüche bedürfen.








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