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  • Rosemarie Pexa

Recht verständlich formulieren

Der PR-Experte Mag. Martin Dunkl befasst sich in seinem neuen Buch mit der verständlichen Formulierung juristischer Texte.

Martin Dunkl: „Gesetze werden eher befolgt, wenn man sie versteht.“ (Foto: Tom Poe Photography)

Kriminalpolizei: Herr Mag. Dunkl, Sie sind Corporate-Identity-Berater und Fachbuchautor, aber kein Jurist. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Fachbuch über juristische Sprache zu schreiben?

Martin Dunkl: Als CI-Berater habe ich mich damit beschäftigt, was eine Firma unverwechselbar macht. Dazu zählt neben Firmenname, Logo und Slogan der Sprachstil, bei dem es auch um Verständlichkeit geht. Ich habe zu diesem Thema ein Buch veröffentlicht: „Corporate Code: Wege zu einer klaren und unverwechselbaren Unternehmenssprache“. Mehrere Juristen haben mich darauf angesprochen und gesagt, dass sie ein eigenes Buch speziell für Juristinnen und Juristen brauchen würden. An dem habe ich dann fünf Jahre lang gearbeitet.


Wie ist es Ihnen als Nicht-Jurist dabei mit juristischen Texten gegangen?

Dunkl: Für mich sind sie oft unverständlich formuliert. Was Fachbegriffe betrifft, habe ich mir Informationen von Juristen aus Österreich und Deutschland geholt; ich bin ja in Deutschland aufgewachsen und das Buch erscheint auch in Deutschland. Für die Beispiele einfacher formulierter Rechtstexte habe ich mir viel Zeit genommen und sie mit einem Juristenteam abgecheckt.


Sie haben sich mit deutschen und österreichischen Texten befasst. Ist die Sprache in Österreich umständlicher?

Dunkl: Ja, auf jeden Fall. Es gibt auch unterschiedliche Ausdrücke, z. B. heißt die Einvernahme in Deutschland Vernehmung. „Erkenntnis“ wird in der österreichischen Rechtssprache als Neutrum verwendet: „das Erkenntnis“. In Deutschland verwendet man den Begriff „Gerichtsurteil“. In der Umgangssprache wird „Erkenntnis“ als Femininum – „die Erkenntnis“ – verwendet und bedeutet Einsicht.


Wie würden Sie Rechtssprache generell charakterisieren?

Dunkl: Rechtssprache ist eine Fachsprache, die sich in Expertensprache, Praxissprache und Transformationssprache einteilen lässt. Juristen untereinander verwenden Expertensprache. Laien sprechen über Rechtliches in Praxissprache, z. B. wenn eine Groß­mutter ihr Testament gemacht hat und mit ihrem Enkel darüber redet. In meinem Buch geht es vor allem um Transformationssprache. Das ist die Kommunikation von Experten wie Behördenvertretern oder Rechtsanwälten zu Laien.


Was sind die charakteristischen Merkmale der Rechtssprache?

Dunkl: Sie verwendet Fachbegriffe, die erklärt werden müssen, z. B. in einem Nebensatz, in Klammern, in einer Fußnote oder einem Glossar.


Können Sie ein Beispiel für die Erklärung eines Fachbegriffs nennen?

Dunkl: „Obliegenheit“ ist eine mindere Pflicht, eine Pflicht, die man nicht einklagen kann, deren Erfüllung aber erwartet wird. Beispielsweise, dass man einen Versicherungsschaden unverzüglich und korrekt meldet.


Wie kann man Missverständnisse vermeiden, wenn Wörter in der Fachsprache und in der Alltagssprache eine unterschiedliche Bedeutung haben, z. B. Eigentümer, Besitzer und Inhaber?

Dunkl: Ich muss sie erklären und kann sie anhand eines Beispiels beschreiben: „Das bedeutet für Sie ...“. Als Inhaber haben Sie eine Sache in Ihrem Gewahrsam. Gewahrsam bedeutet, dass Sie die tatsächliche Gewalt über eine Sache haben. Als Besitzer verwenden Sie eine Sache und wollen sie behalten. Als Eigentümer sind Sie derjenige, dem eine Sache gehört.


Welche Merkmale hat die Rechtssprache noch?

Dunkl: Passivstil und Nominalisierung, das wird leider schon von den Jus-Studenten verlangt. Der Passivstil verschleiert die handelnde Person, z. B.: „Sie werden aufgefordert, die Strafe bis zum 15. zu bezahlen.“ Aktivstil wäre: „Ich fordere Sie auf, die Strafe bis zum 15. zu bezahlen.“ Der Passivstil drückt aus, dass etwas nicht persönlich ist, etwa, wenn die Polizei ein Strafmandat ausstellt. Nicht der Beamte persönlich straft, sondern er handelt im Namen des Gesetzes.

Nominalisierung soll Sicherheit vermitteln, z. B.: „Sie erhalten die Beförderung von uns.“ Verbal wäre: „Wir befördern Sie.“ Wenn eine Nominalisierung ein Fachausdruck ist, z. B. „Strafverfügung“, muss sie bestehen bleiben: „Sie erhalten eine Strafverfügung.“ anstatt „Wir verfügen eine Strafe.“

Typisch für die Rechtssprache sind auch sehr lange Sätze mit vielen Einschüben und Nebensätzen. Das ist das „Ideal des einzigen Satzes“, in dem man alles ausdrücken soll. Schachtelsätze entstehen oft, wenn sich politische Parteien oder Lobbys auf eine Formulierung einigen müssen. Schon Beschlossenes will man nicht mehr antasten, da hängt man lieber eine Ergänzung an.


Im Buch nennen Sie als die drei Säulen moderner Rechtssprache Verständlichkeit, Empfängerorientierung und wiedererkennbaren Schreibstil. Was ist unter diesen Begriffen genau zu verstehen?

Dunkl: Die Merkmale der Verständlichkeit sind Einfachheit, Gliederung/Ordnung, Kürze/Prägnanz und anregende Zusätze. Der Psychologe Daniel M. Oppenheimer von der Princeton-Universität hat für eine Studie Testpersonen unterschiedlich komplizierte Texte vorgelegt. Je unverständlicher ein Text formuliert ist, umso weniger intelligent wird der Autor eingestuft.

In Deutschland gibt es im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz eine Gesellschaft, die von allen Ministerien angerufen werden kann, um Vorschläge zur sprachlichen Verbesserung von Gesetzen zu machen. In der Schweiz müssen alle Gesetze vor der Verabschiedung auf Verständlichkeit geprüft werden. In Österreich haben wir so etwas nicht.


Warum?

Dunkl: Da fehlt das Problembe­wusstsein. Es hat im Bundeskanzleramt eine Stelle gegeben, bei der man Texte freiwillig auf Verständlichkeit überprüfen lassen konnte, die existiert nicht mehr.

Bei der Empfängerorientierung geht es darum, dass ich mir überlege, welche Erwartungen und Ängste meine Zielgruppe hat. Ich muss mich auf ihr Sprachniveau einstellen.


Wie kann das gelingen, wenn die Lebensrealität des Autors weit von der des Lesers entfernt ist?

Dunkl: Am wichtigsten ist, dass man am Leben des Gegenübers interessiert ist und den anderen ernst nimmt. Man kann Paraphrasen verwenden. Wenn man die Frage des anderen wiederholt, signalisiert das, dass man ihn verstanden hat, z. B.: „Vielen Dank, dass Sie sich nach unseren Öffnungszeiten erkundigt haben.“ Die dritte Säule ist die Erkennbarkeit des Schreibstils, der Corporate Code. Ein guter Schreibstil hilft einer Behörde, erfolgreicher zu kommunizieren. Man sollte eine Blacklist mit „verbotenen“ und eine Whitelist mit verständlicheren Begriffen anlegen.


Was könnte auf so einer Liste stehen?

Dunkl: Zum Beispiel „nach § 1“ statt „gemäß § 1“, „Davon werden verständigt“ statt „Hievon werden verständigt“ oder „Antwort“ statt „Rückäußerung“.


Auch bei der Polizei bedient man sich der Juristensprache – einerseits, um Akten für das Gericht in einer adäquaten Weise zu verfassen, andererseits, um Bürgern rechtliche Auskünfte zu geben. Haben Sie spezielle Tipps für Polizisten?

Dunkl: Bei Gesprächen, z. B. bei einer Einvernahme, sollte der Beamte nachfragen, ob sein Gegenüber das Gesagte verstanden hat.

Schriftstücke der Polizei sind besonders förmlich, da werden Sprachbausteine seit Generationen unverändert eingesetzt, Gesetze wörtlich zitiert. Natürlich gibt es auch eine Erwartungshaltung des Bürgers an die Rechtstexte. Bei einer Geschwindigkeitsübertretung kann die Polizei nicht „Du warst zu schnell unterwegs.“ schreiben, da muss man einen Mittelweg finden, vor allem kürzere Sätze verwenden.


Fallen Ihnen Beispiele für besonders schwer verständliche Rechtstexte ein?

Dunkl: In der Corona-Pandemie war oft missverständlich, was erlaubt ist und was nicht. Erlässe hat man mindestens zehnmal lesen müssen, damit man sie verstanden hat. Der Bürger hält sich eher an Regeln, wenn er sie auch versteht.


Quelle: Martin Dunkl, Recht verständlich formuliert, 2021, 125 Seiten, € 26,-, Springer Verlag.

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