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„Preisverdächtig waren alle“

Kriminalbeamte aus dem Bundeskriminalamt und dem Landeskriminalamt Niederösterreich wurden „Kriminalisten des Jahres 2021“. Der kürzlich verstorbene Ernst Sramek erhielt den „Ernst-Hinterberger-Preis“ für sein Lebenswerk.

Die Vereinigung österreichischer Kriminalisten ehrte die Top-Kiberer 2021.

„Preisverdächtig waren sämtliche Einsendungen“, sagte Mag. Alfred Ellinger, Präsident der Vereinigung österreichischer Kriminalisten, bei der Preisverleihung des „Kriminalisten des Jahres 2021“ am 15. Oktober 2021 im Wiener Rathaus. Der Preis „Kriminalist des Jahres“ wurde zum 18. Mal verliehen. Als „heuer besonders schwierig“ bezeichnete er die Auswahl aus den drei Bestgereihten.

Das Bundeskriminalamt plus das Landeskriminalamt Niederösterreich machten gemeinsam das Rennen – mit der Klärung eines international angelegten Anlagebetrugs im Internet. Zweite wurden Kriminalisten aus Salzburg, die zwei Tschechen nach einem besonders brutalen Raub in einem Wohnhaus ausgeforscht und festgenommen hatten. Dritte wurden Wiener Kriminalpolizisten, die Waffen- und Drogenhändlern das Handwerk gelegt hatten. Den „Ernst-Hinterberger-Preis“ für sein kriminalistisches Lebenswerk erhielt Ernst Sramek – leider posthum. Er ist im Sommer dieses Jahres verstorben.

„Diese Bühne hier im Rathaus wäre viel zu klein, wenn wir alle Kriminalpolizistinnen und -polizisten ehren wollten, die es verdienten“, sagte Godwin Schuster, ehemaliger und langjähriger Sicherheitssprecher im Wiener Gemeinderat. Er vertrat den Gastgeber, Bürgermeister Dr. Michael Ludwig. Der aktuelle Sicherheitssprecher Christian Hursky war Corona-K1-Person und konnte deshalb nicht kommen. Schuster lobte das Zusammenspiel von Polizei, der Stadtverwaltung und der Politik im Rathaus.

Das Innenministerium war vertreten durch Dieter Csefan, BA MA, dem Leiter der Abteilung „Kriminalpolizeiliche Ermittlungen bei allgemeiner und organisierter Kriminalität“ im Bundeskriminalamt. Er betonte, Innenminister Karl Nehammer und Generaldirektor Dr. Franz Ruf hätten es „sehr bedauert“, nicht zu der Ehrung der Kriminalisten zu kommen. Sie waren durch ein internationales Treffen in Stuttgart an diesem Abend verhindert.


Cybercrime im Wachstum. Dieter Csefan, Nachfolger von Dr. Ernst Geiger im Bundeskriminalamt und somit gleichzeitig Vertreter der „Sieger-Dienststelle“, hob hervor, wie wichtig es sei, Cybercrime-Fälle zu verfolgen. „Das ist die am stärksten wachsende Kriminalitätsform in Österreich“, sagte Dieter Csefan. Cybercrime sei die Kehrseite der raschen Globalisierung und Digitalisierung. Die Corona-Pandemie habe viele Lebensbereiche in die virtuelle Welt verlagert, beispielsweise Produktbestellungen. Der On­line-Handel hat enorm zugenommen. Hier geht es ums Geld, und wo es ums Geld geht, sind Kriminelle nicht weit.

Durchhaltevermögen bezeichnete Michael Renghofer, BA, als wichtigste Eigenschaft eines Cybercrime-Bekämpfers. Der Oberstleutnant vertrat den niederösterreichischen Landespolizeidirektor Franz Popp, BA MA. „Man sieht das auch in unserem Fall“, unterstrich Renghofer. „Hier haben die Ermittlungen 2017 begonnen und erst 2020 zum Erfolg geführt.“ Die Kriminalisten hätten ein Datenmeer durchsiebt, analysiert, und hätten immer wieder dranbleiben müssen, um den Tätern auf die Schliche zu kommen.

Diese hatten online auf unterschiedlichen Plattformen für angeblich sichere Anlageformen geworben. Die „Kunden“ sollten in angebliche Firmen investieren. Hatten die „Broker“ ein Opfer an der Angel, forderten sie immer mehr und immer höhere „Investitionen“. Sie belegten angeblich steigende Kurse mit einer manipulierten Software. Waren „Kunden“ nicht mehr bereit zu „investieren“ oder waren sie finanziell ausgeblutet, ließen die Betrüger über die Fake-Software die Kurse abstürzen. Im internen Sprachgebrauch der Betrüger hieß es dann „Burn the Client“ („Verbrenne den Kunden“). Die Täter behaupteten nun, das sei eben das Risiko, das jeder zu tragen habe, der für hohe Renditen viel Geld riskiere – und verabschiedeten sich von ihren Opfern, um sich auf deren Folgeopfer zu konzentrieren und sie auszusaugen. Viele Betrogene hatten ihr gesamtes Vermögen den Betrügern überlassen – sie gingen oft so weit, dass sie Kredite aufnahmen, in der Hoffnung, mit dem Schein-Investment zum großen Geld zu kommen.

Die Kriminalisten forschten in Österreich insgesamt 50 Verdächtige aus, mit etwa 3.000 Opfern. Die Schadenssumme betrug insgesamt 100 Millionen Euro pro „Geschäftsjahr“. Das Betrügernetzwerk war seit 2015 aktiv. Federführend waren im Landeskriminalamt Niederösterreich Martin Grasel und im Bundeskriminalamt Thomas Purgar.

Als Sieger im Bewerb um den „Kriminalisten des Jahres 2021“ wurden geehrt: vom LKA NÖ Martin Grasel, Thomas Purgar und Günter Ofenböck; vom Bundeskriminalamt Thomas Patek, Thomas Mocnik und Ronald Rumpl.


Immer noch wichtig: herkömmliche Kriminalbeamtenarbeit. Auf die gleichbleibende Bedeutung herkömmlicher Kriminalitätsbekämpfungsmethoden wies Dr. Bernhard Rausch hin. Der Landespolizeidirektor von Salzburg war als oberster Chef der Zweitplatzierten in das Wiener Rathaus eingeladen worden. „Vieles an Kriminalität hat sich in den virtuellen Raum verlagert“, sagte Bernhard Rausch. „Trotzdem darf man die klassische Kriminalitätsbekämpfung nicht aus dem Blickfeld verlieren, etwa mit Spurensicherungsmaßnahmen und sonstigen Ermittlungsschritten“ – was der Fall aus Salzburg zeige.

Am 15. August 2019, dem Maria-Himmelfahrtstag, hatten vermutlich drei Männer eine Familie mit zwei Kindern (zwei und vier Jahre) überfallen. Der Hauptteil der Tat spielte sich im abgelegenen Wohnhaus der Familie ab. Die beiden Erwachsenen waren bzw. sind Besitzer eines bekannten Juwelierladens in der Salzburger Innenstadt.

Die Tat zog sich über mehrere Stunden am Vormittag des Tattages. Die Täter hatten geplant, die Frau aus dem Wohnhaus in das Juweliergeschäft nach Salzburg zu schicken und den Laden leer zu räumen. Aus unerfindlichen Gründen verzichteten sie auf diesen Teil der Beute. Nachdem sie das Wohnhaus ausgeraubt hatten, machten sich zwei der Täter im Wagen der Familie auf den Weg – mit den beiden Kleinkindern als Geiseln, einem völlig eingeschüchterten Kindermädchen und dem Vater der Kinder, gefesselt im Kofferraum.

Auf der Flucht verbrannten sie Beweisgegenstände. Schließlich blieben sie mit dem Fluchtauto in einer Schlucht stecken und ließen die Geiseln im Wagen zurück. Es kam noch am weiteren Weg der Räuber zu einer Schussabgabe bei der Konfrontation mit einem Wanderpärchen.

Vermutlich von einem im Wohnhaus verbleibenden Täter wurde dieses an mehreren Stellen mit Brandbeschleunigern in Brand gesetzt. Den Salzburger Kriminalisten Thomas Artbauer und Wilhelm Dürager gelang es, zwei Tschechen als jene Täter auszuforschen, die mit den Kindern als Geiseln geflohen waren. Die Kriminalbeamten waren mit dürftigen Aussagen der traumatisierten Opfer konfrontiert, mit einer teils zerstörten Spurenlage und einiger dürftiger Videobeweise. Es gelang ihnen, das Wesentliche daraus zu holen.

Als Zweite im Bewerb um den „Kriminalisten des Jahres 2021“ wurden geehrt: Thomas Artbauer, Wilhelm Dürager, Peter Noppinger, Richard Macheiner, Florian Leixnering, Martin Laubichler, Matthias Nebel, Daniel Schnötzinger, Matthias Herzog, Friedrich Kinner und Elena Haslinger.


Waffen und Drogen. „Waffen und Suchtgift haben eines gemeinsam: Man kann viel Geld damit machen“, zog der Wiener Landespolizeipräsident Dr. Gerhard Pürstl Bilanz über den Fall aus Wien, der Kriminalis­ten der Gruppe Rudolf Hetfleisch den dritten Platz im Bewerb um den Kriminalisten des Jahres einbrachte.

Der Kriminalbeamte Mario Leitner hatte einen Hinweis erhalten, wonach ein Gefängnisinsasse bei Freigängen mit Waffen und Drogen handle. Die Spuren führten in die rechte Szene in Österreich und in Deutschland. Es kam zu Scheinkäufen und letztlich zum Erfolg gegen eine verzweigte Bande. In Deutschland war ein Motorradclub involviert, mit nicht ungefährlicher Klientel. Es gab auch Verbindungen zur Staatsverweigerer-Szene in Deutschland und Österreich.

Nach einer Großsicherstellung von Waffen in Wien und Umgebung sprach Innenminister Karl Nehammer von einer Sicherstellung von Waffen „für eine kleine Armee“.

Als Dritte im Bewerb um den „Kriminalisten des Jahres 2021“ wurden geehrt: Mario Leitner, Rudolf Hetfleisch, Walter Knes, Gerhard Zehetbauer, Thomas Holsan, Yunus Kara und Markus Folta.


Verdeckte Ermittlungen. Informanten sind das eine, verdeckte Ermittler das andere wichtige Mittel, um unbemerkt Einblick in kriminelle Szenen zu erhalten. Zweiteres hatte sich der Kriminalbeamte Ernst Sramek zur Lebensaufgabe gemacht. „Verdeckte Ermittlungen sind in den vergangenen Jahren deutlich professioneller und zielgerichteter geworden“, betonte Landespolizeipräsident Pürstl. Ernst Sramek hat diesen Teil der Polizeiarbeit in seiner Entwicklung in über 30 Jahren seines Dienstlebens begleitet und geprägt.

„Ernst war ein Mann der klaren Worte und hat überlegte Entscheidungen getroffen“, sagte Oberstleutnant Harald Kubik, BA MA, Leiter des Büros 5.3 für verdeckte Ermittlungen im Bundeskriminalamt. „Er war kompetent, voller Ideen, national und international anerkannt und respektiert. Er war ein ausgeprägter Teamspieler und als Vorgesetzter immer für seine Leute da.“

Kollegen aus dem Ausland hatten ihm den Spitznamen „Legende vom Balkan“ gegeben. Das hing mit seinem Tatendrang in diesem Teil der Welt zusammen, von wo aus immer wieder Straftäter nach Europa gekommen waren. „Ich kenne nur wenige Menschen mit derartig vielen Spitznamen“, sagte Kubik in seiner Laudatio für den verstorbenen Geehrten. „Von ,Amigo‘ über den ,Sir’, den ,alten Jugo’ bis hin zum ,Herrn Direktor’.“ Alle diese Spitznamen sollten Ernst Sramek Respekt zollen. Wo er hinkam, kam ihm Wertschätzung entgegen.

Ernst Sramek war zuletzt im Führungsteam des Büros 5.3 im Bundeskriminalamt. Er starb kurz nach seiner Pensionierung 2021. Den „Ernst-Hinterberger-Preis“ für sein Lebenswerk nahmen seine Witwe und seine Kinder im Rathaus entgegen.











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