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  • Rosemarie Pexa

Neue Rip-Deal-Tricks

Die im Mai gegründete Zentralstelle für Rip-Deal-Kriminalität ist kriminellen Familienclans auf der Spur.



Eine Schadenssumme jenseits der 100.000 Euro, falsche Banknoten mit der Aufschrift „Facsimile“, die Tatvollendung im Ausland – trifft das auf ein zur Anzeige gebrachtes Betrugsdelikt zu, sollte die Alarmglocke läuten. Und, zumindest bei in Wien angezeigten Fällen, auch das Telefon in der Zentralstelle zur Bekämpfung der Rip-Deal-Kriminalität. Denn ein Rip-Deal ist nichts Alltägliches, sondern eine von professionell vorgehenden organisierten Verbrechern geplante und ausgeführte Straftat, die sich nur mit dem entsprechenden Know-how aufklären lässt.

„Besteht der Verdacht auf einen Rip-Deal, sollte man uns so schnell wie möglich verständigen, damit die Spuren nicht kontaminiert oder beseitigt werden können“, erklärt Chefinspektor Gerald Goldnagl vom Ermittlungsbereich 05 Betrugskriminalität in der Außenstelle Zentrum-Ost des Landeskriminalamts Wien. Seit 15. Mai 2020 fungiert seine Gruppe – neben ihrer regulären Arbeit – als Zentralstelle für Rip-Deal-Kriminalität für den Wiener Bereich. Ihre Aufgabe besteht darin, das vorhandene Wissen über diese Deliktsform zu bündeln, neue Erkenntnisse zu gewinnen und den Betrügern durch strukturiertes Vorgehen das Handwerk zu legen.

Dringender Handlungsbedarf habe bestanden, so Goldnagl, da durch Polizeireformen und Pensionierungen viel Wissen über diese Tätergruppen verloren gehe. Chefinspektor Rupert Ortner vom LKA Oberösterreich und Chefinspektor Manfred Fichtenbauer vom LKA Wien haben ihre reichen Erfahrungen an die Beamten der Zentralstelle weitergegeben. Für diese sind derzeit fünf Sachbearbeiter tätig, darunter die beiden Hauptsachbearbeiter Bezirksinspektor Jürgen Praprotnik und Revierinspektor Valentin Szaga-Doktor, darüber hinaus zwei Assistenten.


MEM-Phänomene. Es ist nicht das erste Mal, dass Oberstleutnant Martin Roudny, BA, MA, der Leiter der Außenstelle Zentrum-Ost, Ressourcen zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität durch mobile ethnische Minderheiten (MEM) zur Verfügung stellt.

„Wir haben hier drei MEM-Phänomene unter einem Dach: Taschendiebstahl, Einbruchsdiebstahl und jetzt auch Rip-Deal-Kriminalität“, so Szaga-Doktor. Während es sich bei Diebstahl und Raub durch Mobile Organized Crime Groups (MOCG) um eine überfallsartige Tatbegehung handle, würden Rip-Deals eine intensive, oft monatelang dauernde Vorbereitung erforderlich machen.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht laut Szaga-Doktor oftmals in der Schadenshöhe. Diese ist bei typischen von MOCG begangenen Delikten vergleichsweise gering. Dagegen liegt die niedrigste Schadenssumme, die durch einen von der Zentralstelle geklärten Rip-Deal verursacht wurde, bei 9.000, der Durchschnitt bei 120.000 Euro, die höchsten Schadensbeträge belaufen sich auf mehrere Millionen Euro. In den vergangenen beiden Jahren hat die Gruppe Goldnagl, zum Teil schon vor der offiziellen Einrichtung der Zentralstelle, kumuliert Schadenssummen von insgesamt rund 1,2 Millionen Euro bei nur drei Rip-Deal-Taten erhoben. Oft können einer Tätergruppe Dutzende Fakten zugerechnet werden; in einem derzeit laufenden Verfahren („OP RUBENS I“) gegen bekannte Täter sind es derzeit 41 mit einer Schadenssumme von knapp fünf Millionen Euro.

Bei den auf Rip-Deals spezialisierten Tätergruppen handelt es sich um Familienclans, die unterschiedlichen mobilen ethnischen Minderheiten – etwa Roma oder Sinti – angehören. Die in Österreich aktiven Clans stammen zum Großteil aus Serbien. „Die Täter üben keinen normalen Beruf aus, sie werden in den Familien in ihre kriminelle Tätigkeit eingeschult. Die einzelnen Clans gehen arbeitsteilig vor und kooperieren mit anderen Clans, das ist mit einem Firmenkonsortium vergleichbar“, beschreibt Praprotnik. Wie internationale Unternehmen sind die Clan-Netzwerke grenzüberschreitend tätig.


Gerald Goldnagl: „Die Täter rechnen oft mit der Ahnungslosigkeit oder der Gier des Opfers.“

Seriös und professionell. Auch das Aussehen und Auftreten der Täter erinnert laut Praprotnik an Firmenchefs: „Sie tragen Markenkleidung und fahren teure Autos, wirken seriös, wohlhabend und professionell.“ Gekonnt bedienen sie Klischees wie das des jüdischen Immobilienmaklers, des in Geld schwimmenden arabischen Ölscheichs oder des russischen Investors. Das Opfer soll den Eindruck bekommen, es mit jemandem zu tun zu haben, der es sich leisten kann, seinen Geschäftspartner gönnerhaft einzuladen und für ein begehrtes Objekt ruhig etwas mehr zu bezahlen. Durch ihre Betrügereien haben die Täter oft tatsächlich ein Vermögen angehäuft, auch wenn sie offiziell oft von der Mindestsicherung leben.

Kein Wunder, dass sich nicht nur leichtgläubige Personen täuschen lassen, sondern auch solche, die bereits Erfahrung mit Privatverkäufen haben. Häufig sind es Immobilien oder hochpreisige Fahrzeuge, die jemand auf einer Handelsplattform anbietet und für die sich die Rip-Deal-Betrüger scheinbar interessieren. Bevor sie mit dem Opfer Kontakt aufnehmen, haben die Täter schon einiges an Vorarbeit ge­leis­tet: Während der Vortatphase werden Visitenkarten und Pässe gefälscht, Fake-Internetseiten erstellen, Autos geleast, Wertkarten-Handys besorgt und die Akteure mit Legenden ausgestattet. Wenn nötig, bezieht man Angehörige befreundeter Clans, die über das erforderliche Know-how verfügen, mit ein.

In der darauffolgenden ersten Tatphase meldet sich ein Anbahner, der sich als Agent des Kaufinteressenten ausgibt, bei dem potentiellen Opfer und handelt Bedingungen für das ursprünglich geplante Geschäft sowie für Nebengeschäfte aus. „Das Opfer wird hofiert, ins Ausland eingeladen und man bietet ihm ein lukratives Zusatzgeschäft an oder verlangt z. B. ‘schwarz’ Provisionszahlungen. Die Täter rechnen oft mit der Ahnungslosigkeit oder der Gier des Opfers – und damit, dass es die Sprache und die rechtlichen Gegebenheiten in dem anderen Land nicht kennt“, erläutert Goldnagl.


Treffen im Ausland. Das erste Treffen mit dem vorgeblichen Kaufinteressenten findet oft in Norditalien, manchmal auch in den Niederlanden, Frankreich, Luxemburg oder Spanien statt. Der Haupttäter zeigt sich dabei sehr spendabel, bezahlt dem Opfer den Flug und lädt es in ein teures Hotel oder Lokal ein. War ausgemacht, dass das Opfer einen Wertgegenstand, z. B. eine Luxusuhr, mitbringt, kauft ihm der Betrüger diesen – mit echtem Geld – zu einem guten Preis ab, wodurch das Vertrauen in den Täter gefestigt wird. Der Käufer vereinbart nun ein weiteres Treffen, das ebenfalls im Ausland stattfinden soll.

Bei diesem Treffen, in der dritten Tatphase, wird der Betrug ausgeführt. Das „lukrative Zusatzgeschäft“ läuft so ab, dass das Opfer den Betrügern Banknoten, die gegen eine hohe Provision in eine andere Währung gewechselt werden sollen, Gold, Juwelen oder teure Uhren übergibt und dafür Bargeld erhält. In der Regel ist es echtes Geld, das in einem unbemerkten Moment vertauscht wird – etwa, wenn das Kuvert mit den Banknoten „versehentlich“ unter den Tisch fällt oder der Geldkoffer abgestellt und durch einen gleich aussehenden ersetzt wird.

Szaga-Doktor beschreibt einen besonderen unter dem Namen „rumänisches System“ bekannten Trick: „Tatort ist ein Hotel bzw. ein Hotelzimmer. Dort übergibt der Betrüger dem Opfer echte Geldscheine und lässt sie nachzählen. Das Geld steckt er in ein Kuvert, versiegelt oder verklebt es und legt es in die Lade einer Kommode.“ In der Kommode verborgen sitzt ein Mittäter, der das Kuvert gegen ein mit Falschgeld gefülltes austauscht. Der Haupttäter setzt sein Opfer unter Zeitdruck – etwa durch die Warnung, die Finanzpolizei würde gleich auftauchen, das Opfer solle das Kuvert nehmen und schnell verschwinden.


Facsimile und Bitcoins. Im Unterschied zu den üblichen in Umlauf gebrachten gefälschten Banknoten werden bei Rip-Deals meist Scheine verwendet, die bei näherer Betrachtung als nicht echt erkennbar sind, etwa durch den Aufdruck „Facsimile“. Goldnagl liefert eine Erklärung dafür: „Das Falschgeld wird oft länderübergreifend transportiert, wobei das Risiko besteht, dass man die Scheine bei einer Kontrolle entdeckt. Die Täter erklären dann, es handle sich nur um Spielgeld, das sie fürs Pokern verwenden.“ Wenn der Rip-Deal auffliegt, hoffen die Betrüger ebenfalls, nicht wegen Geldfälschung angeklagt zu werden – allerdings existiert als Präzedenzfall ein OGH-Urteil (14Os117/13g), das zur Einstufung von Facsimlie-Banknoten als Falschgeld keine hohe Qualität voraussetzt.

Seit einiger Zeit kommen auch Rip-Deals vor, bei denen dem Opfer eine Bezahlung in Kryptowährung angeboten wird. Praprotnik erinnert sich an einen konkreten Fall: „Einem Wiener Geschäftsmann sind zwei Rolex-Uhren reell um einen überhöhten Preis abgekauft worden. Der Anbahner hat den Geschäftsmann gefragt, ob er noch mehr Uhren habe – sein Chef sei von den Uhren so begeistert. Der Mann hat daraufhin 14 Rolex-Uhren besorgt und dafür einen USB-Stick ausgehändigt bekommen, auf dem ein Bitcoin-Wallet gespeichert war.“ Während eines geschickten Ablenkungsmanövers wurde der vom Stick auf den Laptop des Opfers überspielte private Schlüssel, der für die Ausgabe der Bitcoins erforderlich ist, wieder gelöscht. Kryptowährungs-Rip-Deals sind derzeit die einzigen ihrer Art, die oft ohne die Verwendung von Facsimile-Banknoten abgewickelt werden.

Hätte der Geschäftsmann rechtzeitig erkannt, dass man ihn hereinlegen möchte, wären die Täter möglicherweise auch vor Gewalt nicht zurückgeschreckt. „Rip-Deal-Betrüger wollen unerkannt bleiben und versuchen daher, Gewalt möglichst zu vermeiden“, erklärt Szaga-Doktor. Geht es um hohe Beträge, wird aber auch vor einem Raub nicht zurückgeschreckt. Schon in der Vortatphase hecken die Betrüger Fluchtpläne aus, damit sie entkommen können, sollte ihr Opfer die Polizei verständigen.

Bei einer niederschwelligen Version des Rip-Deals lukrieren die Täter nicht aus einer einzelnen Straftat, sondern aus der Summe vieler kleiner Delikte hohe Gewinne. „Die Betrüger senden Flyer aus, in denen sie den Ankauf von Antiquitäten, Pelz oder Schmuck zu Höchstpreisen bewerben. Das Geschäft wird in einem Hotel abgewickelt. Die Leute bekommen für ihre mitgebrachten Gegenstände ein sehr gutes Preisangebot, werden aber darauf hingewiesen, dass nur in Verbindung mit Gold gekauft wird“, so Praprotnik. Holt jemand von daheim z. B. alten Goldschmuck, erhält er vom Täter wesentlich weniger dafür, als es dem Wert entsprechen würde. Die anderen Gegenstände soll der Anbieter wieder mit nach Hause nehmen, von wo sie angeblich später abgeholt und bezahlt werden, was allerdings nie passiert.


Spuren beseitigen. Nach Vollendung eines Rip-Deal-Betrugs bemühen sich die Täter, alle Spuren zu beseitigen. Szaga-Dokor beschreibt diese auch als „Recupero“ bezeichnete Nachphase folgendermaßen: „E-Mail-Accounts werden gelöscht, Wertkarten weggeworfen. Die Betrüger übergeben die Beute an Mittäter, die sie ins Ausland verbringen, wo die Verwertung erfolgt.“

Je früher die Opfer Anzeige erstatten und je rascher die Staatsanwaltschaft tätig wird, umso eher gelingt es, der Täter habhaft zu werden. „Wir arbeiten hauptsächlich mit Zeugenbeweisen, was dadurch erschwert wird, dass die Betrüger Toupets, Brillen oder falsche Bärte verwenden. Spurenbeweise wie Fingerabdrücke auf Falschgeld-Scheinen gibt es selten“, erklärt Goldnagl. Ein Anliegen der Zentralstelle für Rip-Deal-Kriminalität ist es, sowohl die Kollegen als auch Richter und Staatsanwälte mit Informationen zu versorgen, damit trotz der oft schwierigen Beweislage möglichst viele Verfahren mit einer Verurteilung der Täter enden.

Auch neue Tricks der Rip-Deal-Betrüger sollten so schnell wie möglich bis in die Polizeiinspektionen bekannt sein. Wie flexibel die Täter reagieren, zeigte sich zuletzt im Lock-down: Nach einem Einbruch der Fallzahlen spezialisierte sich eine Tätergruppe darauf, Firmen aus dem Gesundheitssektor aktiv anzusprechen und ihnen ein Expansionsangebot in den russischen bzw. arabischen Raum zu unterbreiten. Erstattet z. B. ein Desinfektionsmittel-Hersteller, der sich einen neuen Markt erhofft, Anzeige, eine angeblich erforderliche Zahlung geleistet und dann von seinem Geschäftspartner nie wieder etwas gehört zu haben, liegt der Verdacht auf einen „Corona-Rip-Deal“ nahe.


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