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  • Herbert Windwarder

Mehr oder weniger?

Österreich ist gerade dabei, die Schwelle von 9 Millionen Einwohnern zu überschreiten. Ein Grund zum Feiern, oder zur Sorge? Auf jeden Fall eine Herausforderung!

Vor allem für den öffentlichen Dienst. Immer mehr Menschen müssen versorgt werden, inklusive Wohnung, Verpflegung, Infrastruktur, Verwaltung – und Sicherheit. Im Jahr 1970 zählte die Alpenrepublik noch rund 7 Millionen Schäfchen. Alleine im letzten Jahr betrug der Zuwachs rund 47.000 Menschen, das ist mehr als die Einwohnerzahl von Wiener Neustadt. Über 40.000 neue Bürger umfassend zu versorgen ist eine Mammutaufgabe für ein kleines Land.

Wenig Polizeischüler. Wie wir wissen, ist die Bevölkerungsexplosion nicht auf mangelnde Verhütungsmaßnahmen der indigenen Bevölkerung zurückzuführen, sondern vor allem auf Zuwanderung. Es ist natürlich schön, dass Österreich international einen so guten Ruf hat. Und es wird auch immer wieder betont, wie wichtig die Zuwanderung für unseren Arbeitsmarkt ist. Umso verwirrter hinterlässt es mich, wenn man nun vielerorts über Personalmangel klagt. Beginnen wir mit unserem eigenen Bereich. In den nächsten 10 Jahren wird über ein Drittel der Exekutivbediensteten in den Ruhestand gehen. Die Aufnahme von jungen Polizisten stockt aber, freie Plätze in der Polizeischule können nicht besetzt werden, weil zu wenig junge Menschen die Aufnahmeprüfung bestehen. Sehr oft hapert es an den Deutschkenntnissen. Und dies betrifft aber nur Personen mit (mittlerweile) österreichischer Staatsbürgerschaft, oft hier geboren.


Fremdsprache Deutsch. Wenn Kinder nach mindestens 9 Jahren Pflichtschule, meist noch zusätzlich mit Kindergarten, die deutsche Sprache nicht in einem Maß lernen, dass ein Arbeitgeber jenseits von Pizzadiensten damit zufrieden sein kann, zeigt das schon von einer gewissen Einstellung gegenüber der neuen Heimat – die Einstellung ihrer Eltern. Wenn in der Familie und mit den Freunden kaum Deutsch gesprochen wird, ist das keine Überraschung. Wenn Deutsch nur die ungeliebte Fremdsprache ist, die mit Schule und Plage verbunden wird, kann sich keine Freude an der Sprache entwickeln. Wenn das Kickbox-Training wichtiger ist als der Deutschförderkurs, wenn der Koran wichtiger ist als die Schulbücher, dann hat das eventuell Folgen für das berufliche Leben.


Lokführer gesucht. Ein bekannter Wiener Anwalt suchte lange Zeit zwei Sekretärinnen, Mindestgehalt € 2.000,-. Die Bewerber scheiterten meist schon am Bewerbungsschreiben, manche besserten nicht einmal das „Max Mustermann“ der Vorlage aus. Max Stiegl, ein burgenländischer Top-Gastronom, offerierte Abwäschern und Reinigungskräften € 1.700,- Lohn, fand aber niemanden. Der Standard berichtete über Birgit Schattbacher, Chefin des Rosencafé in Salzburg. Sie suchte monatelang vergeblich nach Personal und musste schlussendlich das Lokal zusperren. Kein Einzelfall in der Gastronomie. Auch Bäckereien und andere Handwerksbetriebe beklagen mangelnde Motivation und Qualifikation beim Nachwuchs. Die ÖBB sucht händeringend nach Lokführern und Mechanikern für ihre Werkstätten. Ich denke, es gibt schlechtere Jobs als Lokführer, immer im Trockenen, kein mühsamer Kundenbetrieb, nichts Schweres heben. Früher ein Traumjob, und heute?


Nine to five only! Vor allem die Arbeitszeiten in der Gastronomie seien ein Problem, so hört man. Mit den gesteigerten Anforderungen an die Work/Life-Balance hat auch die Polizei ihre Sorgen, viele Jungpolizisten kündigen in den ersten Jahren. Ein Phänomen, das es so früher nicht gegeben hat. Für frühere Generationen war logisch, dass Polizeiarbeit auch in der Nacht und am Wochenende zu erledigen ist, dass man teilweise Weihnachten und Silvester bei den Kollegen statt der Familie verbringt. Dafür gibt’s auch mehr Geld und ein freier Wochentag hat auch seine Reize. Aber offenbar hat man es nicht notwendig für Zulagen etwas härter anzupacken. Aber auch leichtere Jobs werden nicht angenommen. Der Kurier berichtete, dass der Handel in Österreich rund 48.000 Mitarbeiter, großteils VerkäuferInnen, sucht. Keine Nachtdienste, nicht Wind und Wetter ausgesetzt, trotzdem bleiben die Jobs unbesetzt.


Fachkräftemangel. Eine Umfrage des Wirtschaftsprüfers „EY“ bei 600 Firmen ergab, dass 83 % der Unternehmen Schwierigkeiten hat, qualifiziertes Personal zu finden. Der Fachkräftemangel ist vor allem für mittelständische Unternehmen die größte Gefahr, noch vor Lieferkettenproblemen und den Rohstoffpreisen.

Genauso wenig rosig schaut die Lage für Europas Digitalwirtschaft aus. Eine Studie der Universität Bonn im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung kam zu dem Ergebnis, dass Deutschland und die anderen EU-Länder im Vergleich zu Staaten wie China, Südkorea und den USA immer weiter ins Hintertreffen geraten. Die Forscher entwickelten den „Digital Dependence Index“, der das Verhältnis von inländischer Nachfrage und Angebot bei digitalen Technologien verdeutlicht. Die EU-Länder weisen eine hohe Abhängigkeit und Verwundbarkeit in der Digitalwirtschaft auf, die Abhängigkeit von ausländischen Digitalplattformen ist sehr hoch. Das Bild zeigt sich auch bei der Anmeldung von Patenten im Umfeld der Digitalwirtschaft, die wieder von Südkorea, China und den USA dominiert werden.


Motivationsproblem. Es scheint, dass Österreich und auch andere EU-Länder, ein massives Bildungsproblem haben. Aber nicht nur die fachliche und sprachliche Eignung sind ein Problem, es scheitert offenbar auch an der Motivation. Dass entgegen mancher optimistischer Jubelberichte nicht nur Neurochirurgen und Raketentechniker nach Österreich zuwandern, war zu erwarten. Dass aber sogar Berufe wie Kellner, Verkäufer oder Bäcker die Qualifikation der jungen Menschen in Österreich überstrapazieren, damit haben viele Sozialromantiker offenbar nicht gerechnet.


Lohn und Selbstachtung. Warum beschäftigt sich ein Polizeimagazin mit Arbeitszeiten und Motivation? Nun, Arbeit ist ein wesentlicher Faktor, um nicht in falsche Kreise zu gelangen und die Kriminalität abzurutschen. Die richtige Arbeit gibt dem Leben Sinn und dem Menschen Selbstachtung. Ein großer Teil der Straftäter ist arbeitslos, und das meist nicht erst seit gestern. Die Polizei kommt zum Zug, wenn Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter erfolglos waren. Eine gute Sozial- und Bildungspolitik erspart der Exekutive einiges an Arbeit. Dass es auch anders geht, zeigen viele hundertausend hart arbeitende Migranten, die ganz wesentlich dazu beitragen, dass der Laden hier läuft. Sie sind den anstrengenden Weg gegangen, mit Lernen, zeitigem Aufstehen und festem Zupacken. Ohne Migranten wären manche Berufszweige gar nicht mehr vorstellbar, ich möchte hier nur stellvertretend die Pflegeberufe nennen. Es geht also, wenn man will. Leider nehmen zu viele den leichteren Weg zum AMS.


Nicht einmal die Hälfte. In der Zeitschrift „Profil“ erläuterte unlängst Rainer Eppel vom Wirtschaftsforschungsinstitut, dass geringe Bildung, neben dem Alter und einer körperlichen Beeinträchtigung, einer der Hauptgründe für Langzeitarbeitslosigkeit ist. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen hat sich seit dem Jahr 2008 auf 40,3 % verdoppelt.

Österreich hat derzeit eine Arbeitslosenquote von rund 6 %, das sind über 250.000 Menschen. In Wien ist die Quote mit 12,7 % doppelt so hoch. Alexander Schönherr hat in der Kronen Zeitung die Zahlen von Statistik Austria, dem Jahrbuch der Stadt Wien 2021, Agenda Austria und Eurostat verwoben. Das Ergebnis: „Nicht einmal die Hälfte der Wiener geht arbeiten!“ Die Statistik Austria wies bei 1,9 Millionen Einwohnern knapp 887.000 Erwerbstätige aus, wobei geringfügig Beschäftigte und Studenten mit Nebenjob bereits inkludiert sind.


Wien, Istanbul. Die Entwicklung der letzten 20 Jahre ist ziemlich eindeutig: Während die Zahl der Pensionisten nur um 3 % und die der Beschäftigten um 13 % gestiegen sind, sind die Arbeitslosen von über 63.000 im Jahr 2001 auf über 126.000 um 100 % gestiegen. Journalist Schönherr hat dazu den Arbeitsmarktexperten Dénes Kucsera befragt, dieser führt diese Entwicklung auf die geringe Qualifikation und den relativ hohen Ausländeranteil zurück. Eurostat liefert noch die Zahlen, wie Wien im internationalen Vergleich liegt: Im unteren Mittelfeld. Zürich, Berlin, Stockholm oder Hamburg liegen besser. Aber immerhin ist Wien besser als Istanbul oder Palermo. Juhu!


Schwacher Staat. Die Befürchtungen, dass ein Sozialstaat nicht gleichzeitig ein Einwanderungsland sein kann, scheinen sich zu bestätigen. Der Ansporn, gut Deutsch zu lernen und einen einträglichen Job zu finden, ist für viele offenbar zu gering. Der Versuch der oberösterreichischen Regierung, die Sozialhilfe an gewisse Sprachkenntnisse zu binden, wurde vom Verfassungsgerichtshof gekippt. Wenn Polizisten jugendliche Straftäter zurück in ihr Quartier des Jugendamts bringen, klagen des Öfteren die Betreuer: „Er ist morgen Früh wieder weg. Aber nicht in der Schule. Wir haben da keine Handhabe.“ Und, Schlepper kümmern sich nicht um die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes in den Zielländern. Im ers­ten Quartal des heurigen Jahres gab es rund 12.000 Aufgriffe von illegal eingereisten Migranten. So kann der Staat nur sehr bedingt darauf Einfluss nehmen, wer kommt und wer nicht.


Integration gescheitert. Schweden, Deutschland und Österreich haben in den letzten Jahren gemessen an der Einwohnerzahl europaweit die meis­ten Flüchtlinge aufgenommen. Schweden erlebte unlängst schwere Ausschreitungen, Banden aus dem Migrantenmilieu richteten großen Schaden an. Die sozialistische Premiermi­nis­terin Magdalena Andersson resümierte: „Die Integration war zu schlecht, während wir gleichzeitig zu viel Zuwanderung hatten. Die Gesellschaft war zu schwach, die Ressourcen für Polizei und Sozialdienste waren zu schwach.“ Deutschland versucht gerade, die Clankriminalität etwas zurückzudrängen, mit wechselhaftem Erfolg. Zuletzt gab es in Duisburg bei einer Auseinandersetzung zwischen rund 100 Personen aus dem Rocker- und Clanmilieu, eine Schießerei auf offener Straße. In Österreich gibt’s regelmäßig größere Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Gruppen, im Schnitt fünf Raubüberfälle pro Tag und die Messer sitzen locker. Die Täter heißen selten Rudi und Franz. Österreich hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Eine Erfolgsgeschichte? Mehr oder weniger.


Herbert Windwarder

Meinungen und Leserbriefe (auch vertraulich) bitte an: diekriminalisten@aon.at

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