Suche
  • Rosemarie Pexa

Krisenkriminalität

Macht uns die Pandemie zu Verbrechern? Antworten auf diese Frage gab Generalmajor Wolfgang Lackner, Leiter des LKA Steiermark, im „Politik-Café“.


Generalmajor Wolfgang Lackner, Leiter des Landeskriminalamtes Steiermark.

Der Titel der Veranstaltung beabsichtigte offensichtlich, Neugier zu wecken: „Wie kriminell macht uns die Krise?“ Diese Frage sollte beim online stattfindenden „Politik-Café“ am 12. März 2021 beantwortet werden, und zwar mit Hilfe der Kriminalpolizei. Gleich einmal vorweg: Keine Sorge, „uns“ – also die Mehrzahl der Bürger – hat Corona nicht in Verbrecher verwandelt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass bei einigen Demos Masken und Sicherheitsabstand ignoriert worden sind – oder Schlimmeres. Und diejenigen, die schon vor der Pandemie kriminell waren, haben nur ihre „Geschäftsmodelle“ an die veränderte Situation angepasst.

Aber der Reihe nach. Angesichts von Politikern unter Korruptionsverdacht, verbalen Attacken gegen Institutionen des Rechtsstaats, betrügerischen Machenschaften in der Wirtschaft und demokratiefeindlichen Tendenzen in der Gesellschaft könnte man an einen besorgniserregenden Anstieg der Kriminalität denken. Für eine Veranstaltung wie das Politik-Café, das „sich zum Ziel gesetzt hat, Themen aus den Bereichen Politik, Recht, Wirtschaft und Gesellschaft näher zu beleuchten“, lag es daher nahe, sich mit diesem Aspekt der Corona-Krise zu befassen.

Der Veranstalter der Politik-Cafés, das Zentrum für Gesellschaft, Wissen und Kommunikation an der Universität Graz, „die 7. fakultät“, vernetzt laut Eigendefinition Forschung und Wissenschaft mit einer breiten Öffentlichkeit. Für letztere warf der Rechtswissenschafter Univ.-Prof. Dr. Markus Steppan, rechtlicher Berater der Uni Graz, gemeinsam mit dem Leiter des Landeskriminalamts Steiermark Generalmajor Wolfgang Lackner einen Blick auf die Entwicklung der Kriminalität seit dem Frühjahr 2020.

Corona-Demos. Steppans erste Frage zielte auf die Demonstrationen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen ab. Dass da lauter stramme Rechte und Verschwörungstheoretiker marschieren, entspricht für Lackner nicht den Tatsachen: „Das ist ein Konglomerat von einfachen Menschen, die mit von der Politik auferlegten Einschränkungen nicht zufrieden sind, bis zu denjenigen, die Radau schlagen wollen.“ Auch wenn die Polizei für den Großteil der Demonstranten kein Feindbild sei, bewundere er die Kollegen, die zu diesen Einsätzen fahren müssten. Dazu zählen auch Steirer, die die Wiener bei der Anti-Corona-Demonstration Anfang März mit hundert Mann unterstützt hatten.

Obwohl es dabei zu Ausschreitungen und Angriffen auf Polizisten gekommen war, ging Lackner nicht davon aus, dass der Umgang rauer und das Aggressionspotential größer geworden sei: „Man darf nicht nur die letzte Woche sehen. Es ist nicht so, dass wir nicht auch bisher mit Aggressionen zu kämpfen gehabt hätten, z. B. bei Fußballspielen wie dem Wiener Derby oder bei internationalen Spielen. Der Beruf bringt das mit sich. Die Aggression hat nicht überhand genommen.“


Weniger Einbrüche. Aber wie sieht es seit Beginn der Pandemie mit den „klassischen Eigentumsdelikten“ aus? Da die Kriminalstatistik 2020 zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht war, konnte Lackner nur anhand seiner persönlichen Einschätzung Auskunft geben. Für die fallende Tendenz bei Wohnungs- und Wohnhauseinbrüchen hatte er eine einfache Erklärung: „Im ersten harten Lockdown war alles zu, alle waren zu Hause. Der nächste Schritt waren geschlossene Grenzen. Im Sommer hat es Lockerungen gegeben, da haben wir bemerkt, dass die Delikte wieder zugenommen haben. Im Herbst sind die nächsten rigorosen Maßnahmen gekommen. Durch Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Ausgangssperren war das Haus nie leer. Die Reisefreiheit ist zum Erliegen gekommen. Die Klientel hat uns verlassen.“

„Kann man daraus schließen, dass der überwiegende Teil der Einbrüche von Banden aus dem Ausland verübt wird?“, wollte Steppan daraufhin wissen. Sein Gesprächspartner bestätigte diese Einschätzung, ohne genauere Angaben zur Herkunft der Tätergruppen zu machen. Die Heimatländer würden sich je nach Deliktsfeld unterscheiden. „Bei Dämmerungseinbrüchen haben wir es mit Menschen zu tun, die aus ärmeren Ländern der EU kommen“, formulierte er diplomatisch.

Steppan spannte den Bogen von der Angst vor Einbrüchen zur in den letzten ein bis zwei Jahren – also auch schon vor der Pandemie – deutlich gestiegenen Anzahl der Waffenbesitzkarten. Ob eine Waffe sinnvoll sei, um sich vor Einbrechern zu schützen oder eine Eskalation begünstigen würde, wollte er wissen. Lackner verriet, dass er persönlich kein Befürworter einer Waffe im Haus sei, sogar seine Dienstwaffe würde er im Büro lassen.

Noch mehr als diese Aussage überraschte, dass er selbst betroffen gewesen war: „Innerhalb von zwei Jahren ist zweimal bei mir eingebrochen worden, daraufhin habe ich mir eine Alarmanlage angeschafft.“ Das riet er auch all jenen, die mit dem Gedanken liebäugeln, sich mit der Waffe in der Hand gegen ungebetene Gäste zu verteidigen. Immerhin gibt es ja auch gelindere Mittel, z. B. einen Hund, den man so abgerichtet hat, dass er bei Bewegung bellt. So ein Vierbeiner sei „ein guter Alarmknopf“. Darüber hinaus appellierte Lackner an die Gesetzestreue (potentieller) Waffenbesitzer: „Wenn man eine Schusswaffe ordnungsgemäß verwahrt, Patronen und Magazin getrennt aufbewahrt, dann ist die ganze Sache vorbei, bevor die Waffe schuss­bereit ist.“

Auch ein weiteres Eigentumsdelikt, Autodiebstähle, kamen zur Sprache. Der LKA-Leiter erinnerte sich an einen 2009 begonnenen Trend, der gut fünf Jahre andauerte. Auftragstäter hatten es damals vor allem auf höherpreisige Fahrzeuge abgesehen, die sie ins Ausland schafften. Aktuell beobachte er ein anderes, offenbar wieder verstärkt auftretendes Phänomen, so Lackner: KFZ-Einbrüche, bei denen Wertgegenstände aus dem Auto entwendet werden. Es sei anzunehmen, dass es sich dabei hauptsächlich um Beschaffungskriminalität handle.


Tatort Internet. Als nächstes muss­ten die Besucher des virtuellen Cafés Steppan bei einem thematischen Sprung zurück zum Pandemiegeschehen folgen, und zwar zum illegalen Handel mit – angeblichem – Corona-Impfstoff. Der werde im Internet angeboten, bestätigte Lackner: „Wenn sich wo ein neues Kriminalitätsfeld auftut, kann man sicher sein, dass es in ein paar Tagen bis Wochen genutzt wird.“ Den gleichen Effekt konnte die Polizei auch bei Schutzmasken beobachten, die weltweit in großen Mengen benötigt wurden, aber oft Mangelware waren. Ob es sich auch um eine Mängelware handelte bzw. ob sie überhaupt geliefert wurden, darüber liegen dem LKA Steiermark keine Daten vor.

Eine Verlagerung ins Internet hat es auch beim Handel mit illegalen Suchtmitteln gegeben. Während der Ausgangssperren waren insgesamt wenige Menschen, aber vergleichsweise viele Polizisten auf der Straße unterwegs, was die potentiellen Abnehmer vor ein Problem stellte. Die Szene reagierte laut Lackner flexibel. Einerseits sei man in Hinterhöfe ausgewichen, andererseits habe es „einen Schub gegeben, dass das Gift im Internet bestellt und per Post geliefert wird.“ Knapp ist die heiße Ware auch im ersten Lockdown nicht geworden, da noch genügend Drogen gebunkert waren.

Und so ganz „dicht“ dürften auch die Grenzen zumindest nach dem Lockdown Nummer eins nicht gewesen sein, da ein weiteres lukratives Geschäft nach wie vor floriert, wie Lackner erklärte: „Die Schlepper sind hoch aktiv, sie schleusen Asylwerber in die EU ein. Der Transport auf der Straße funktioniert weiterhin, man kann an den Grenzen nicht alles durchkämmen, nicht alle Grenzen rigoros schließen.“


„Unsichtbare“ Kriminalität. Die eigene Wohnung ist Schauplatz einer anderen Art der Kriminalität, der Gewalt in der Privatsphäre. Auf die diesbezügliche Frage von Steppan wusste der LKA-Leiter auch keine Antwort: „Warum ist im ersten Lockdown die häusliche Gewalt nicht in dem Maß angestiegen wie erwartet, aber im zweiten schon?“ Lackner bestätigte, dass die Befürchtungen bezüglich vermehrter Gewalttaten im „harten Lockdown“ sehr groß gewesen waren. Ob die Anzahl der Anzeigen, die wesentlich geringer ausgefallen war als gedacht, die tatsächliche Situation widerspiegle oder durch eine hohe Dunkelziffer verfälscht sei, könne die Polizei nicht erklären. Ebenso wenig, warum die häusliche Gewalt in der zweiten Jahreshälfte 2020 beträchtlich zugenommen habe.

Informationen fehlen laut Lackner auch darüber, ob in Wohnungen dem in der Pandemie als zu „körpernah“ verbotenen ältesten Gewerbe der Welt nachgegangen wird: „Das ist momentan schwer abzuschätzen. In Graz gibt es ja keinen Straßenstrich mehr und die Laufhäuser sind jetzt auch geschlossen. Ich glaube nicht, dass sich die Prostitution in Wohnungen verlagert hat, weil viele Menschen zu Hause sind. Da würde es auffallen, wenn eine Dame acht Männerbesuche am Tag hat, das sehen jetzt ja alle.“

Wie „sichtbar“ kriminelles Handeln ist, wirkt sich auch auf die subjektiv empfundene Sicherheit aus. Dass diese nicht immer mit der objektiven über­einstimmt, erläuterte Lackner anhand eines Beispiels: „Vor zehn Jahren ist das Problem des Suchtgifthandels im Stadtpark in Graz von den Medien extrem gepusht worden. Das haben wir polizeilich so nicht bestätigen können, aber die Menschen haben Angst gehabt und sind im Dunkeln nicht durch den Park gegangen.“ Beruhigend ist jedoch, dass sich eines trotz des befürchteten Anstiegs der Kriminalität in Zeiten der Pandemie nicht geändert haben dürfte: Bei der objektiven Sicherheit, so Lackner, sei Österreich im Ranking nach wie vor weit vorne.









22 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen