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  • Julia Brunhofer, Herbert Zwickl

Im Visier: die Impfpass-Mafia

Eine andauernde Pandemie, bestehende Einschränkungen für Ungeimpfte und eine drohende Impfpflicht – das Geschäft mit gefälschten Impfpässen blüht.



Bereits Anfang Dezember wurde eine Österreicherin in der bayrischen Bodensee-Stadt Lindau festgenommen, weil sie in einer Apotheke versucht hatte, mit einem gefälschten Impfpass an ein digitales Impfzertifikat zu kommen. In der Steiermark gerieten zwei Männer bei 2G-Kontrollen in einem Lokal ins Visier der Beamten, weil sich Auffälligkeiten an der Stempelung ihres Impfpasses erkennen ließen. Und schließlich Anfang Jänner eine Razzia im Austria Center Vienna, wo ein ganzes Netzwerk aus Mitarbeitern Impfpässe im großen Stil gefälscht haben soll.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Deutschland ab: hier berichten der Apothekerverband und die 16 Landeskriminalämter von einer vierstelligen Zahl an Ermittlungsverfahren wegen gefälschter Impfpässe. Außerdem erkennen deutsche Ermittler einen regelrechten Impfbetrugs-Tourismus in Grenzgebieten. Wieso gerade deutsche Apotheken für Impfpassbetrüger aus Österreich so attraktiv sind, weiß man noch nicht. Impfpassfälschungen sind also keine Einzelfälle mehr – und auch kein Kavaliersdelikt.

Der Impfpass gilt als „einfache Urkunde“ und fällt damit unter § 223 StGB mit einem Strafrahmen von bis zu 1 Jahr Freiheitsstrafe“, weiß Christian Uzsak vom Landeskriminalamt Wien, EB 05-Betrug. „Grunddelikt ist die Urkundenfälschung. Im Falle der Vorlage des QR-Codes bei Kontrollen ist das Delikt der Fälschung von Beweismitteln erfüllt. Des Weiteren sollten auch die Vorsätzliche Gemeingefährdung oder Vorsätzliche Gefährdung durch übertragbare Krankheiten im Einzelfall und anlassbezogen geprüft werden.“


Einfache Beschaffung. An solch einen gefälschten Impfpass kommt man relativ einfach heran, ohne viel kriminelle Energie – im Rahmen der Google-Suche auf verschiedenen Social-Media-Kanälen wie dem Messengerdienst Telegram. Aber natürlich auch im Darknet. Das Prozedere ist denkbar einfach: Angeboten auf Telegram – der bekanntesten österreichischen Gruppe „Impfpässe aus Österreich“ folgen inzwischen mehr als 31.000 User –, bezahlt mittels Bitcoin, geliefert mit der heimischen Post. Die Fälschungen kosten meist um 100 Euro, manches Mal bis zu 350 Euro. Wie die Fälscher zu ihren notwendigen Unterschriften und Stempel kommen? Ebenfalls über Social Media – entgegen unzähligen Warnungen durch die Exekutive posten immer wieder viele User ihre Impfpässe samt eingetragenen Impfungen – ein wahrer „Selbstbedienungsladen“ für Fälscher.

Dahinter stecken „einerseits ge­winn­orientierte kriminelle Gruppierungen, andererseits Impfgegner oder Impfkritiker, die den Lockdown oder die Einschränkungen für Ungeimpfte umgehen wollen“, weiß Uzsak. „Jedenfalls handelt es sich um ein sehr junges Deliktsfeld, daher sind die Rückschlüsse auf ‘richtige Organisationen’ noch nicht vorhanden. Gefälscht werden die Eintragungen in den gelben internationalen Impfpass. Der Impfpass alleine (blanko) ist im Handel erhältlich und muss daher nicht gefälscht werden, allerdings enthält er auch keinerlei Fälschungssicherheitsmerkmale – aber: gefälscht werden dann die Eintragungen, der Stempel und die Chargenkleber.“


Fälschungen im großen Stil. So geschehen auch jüngst im Austria Center Vienna. Eine Mitarbeiterin des Samariterbundes wendete sich mit schweren Vorwürfen an die Tagezeitung „heute“, wie auch der ORF berichtete: Eine Gruppe von Kollegen soll gegen Geld falsche Impfpässe ausgestellt haben. „Zuerst wurde von den Leuten Geld kassiert, um sie an­schließend ohne verabreichte Impfung als Immunisierte ins System einzutragen“, berichtete die Informantin. Diese Information sei per Mundpropaganda rasch weitergetragen worden. Impfunwillige hätten sich dann bei speziellen Mitarbeitern gemeldet und seien bis in die Impfkabinen geschleust worden, ohne dort tatsächlich einen Stich zu erhalten. „Das musste alles in Absprache passieren. Wer sich seinen Impfpass fälschen lassen wollte, der musste genau wissen, mit wem er reden und in welche Kabine er gehen muss“, so die Mitarbeiterin gegenüber „Heute“.

Mit den Ermittlungen betraut ist das Stadtpolizeikommando Donaustadt, Außenstelle Austria Center. Die Kriminalisten bearbeiten die Vorwürfe gegen die Mitarbeiter der Impfstraße, „wobei die Impfpässe auf unterschiedlichste Weise ge- und verfälscht werden: die Palette reicht von Fakeeintragungen in das EDV System, über die Ausstellung von Impfpässen/Impfbestätigungen ohne tatsächlich erfolgte Impfungen, bis hin zu Diebstahl von Blankoimpfpässen bzw. Impfstoffetiketten. Bezüglich der Fälschungsvorwürfe im Austria Center wird immer wieder Kontakt mit der Impfstraßenleitung aufgenommen und die Vorgangsweise bei der Administration der Impfungen je nach Fall evaluiert bzw. angepasst.“ Die betroffenen Mitarbeiter wurden entlassen und Anzeige erstattet. Die Aufgaben in der Impfstraße wurden nun auf mehrere Stationen verteilt.


QR-Code auf Bestellung. Gefälscht werden aber auch die digitalen Impfnachweise. Erhältlich sind sie mit Fakenamen, „ausgestellt“ von den unterschiedlichsten Gesundheitsbehörden diverser Länder. In Bayern etwa verkaufte ein Apothekenmitarbeiter unter Pseudonym im Darknet laut der deutschen Zeitschrift Stern allein im Oktober 500 gefälschte QR-Codes für den digitalen Corona-Impfausweis zum Preis von je 350 Euro. Die deutsche Bundesregierung hat die Gesetze inzwischen schon nachgeschärft: Fälschern drohen nun bis zu fünf Jahre Haft. Und auch die Benutzung dieser Fälschungen ist nun strafbar. In Österreich steht man hier noch am Anfang.

Festgestellt werden die Fälschungen meist von Kollegen des Streifendiens­tes in ganz Österreich bei Kontrollen. „Aber auch bei Einlasskontrollen in Lokalen oder bei Vorstellungsgesprächen in Bereichen, wo Arbeitgeber dies verlangen,“ weiß Christian Uzsak. Die Fälschungen zu erkennen ist nicht einfach. Das LKA setzt auf den visuellen Check der Eintragungen und zur Person, auf die Kontrolle des Abstands der Impfungen und auf Informationen zum Impfort und den dort verimpften Chargennummern. „Ziel muss immer sein, den oder die Hersteller auszuforschen. Im Rahmen der kriminalpolizeilichen Ermittlungsarbeit ist es jedenfalls möglich, auch an die Hersteller zu kommen.“ Um Urkundenfälschung handelt es sich dann auch im Falle der Fälscher. „Darüber hinaus ist zu ermitteln, ob es sich um eine kriminelle Vereinigung oder kriminelle Organisation handelt.“

Genaue Zahlen liegen für Österreich noch nicht vor. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Um das Fälschen von Impfpässen in Zukunft zu erschweren, sollte man sich laut Uzsak „Sicherheitsmerkmale für den Impfpass überlegen, eine Nummerierung der Impfpässe einführen sowie die Ausgabe nur personifiziert durchführen.“








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