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  • Ernst Vitek

Im Namen der Wahrheit

Mit dem Phänomen der Wahrheit haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte schon sehr viele Menschen unterschied­lichster Herkunft, Denkweise und geistiger

Ausrichtung auseinandergesetzt. Wie dies im Laufe der Geschichte unserer

Spezies ausgegangen ist, lässt sich in zahlreichen Geschichtsbüchern nachlesen. Markante Beispiele ermöglichen es, aus einer späteren Sichtweise die sogenannte Wahrheit zu beleuchten.


Besonders die vielen Religionen, die im Laufe der Geschichte entstanden sind, haben für sich immer wieder in Anspruch genommen, die absolute Wahrheit gefunden zu haben und ließen sich nicht davon abbringen, wenn sich diese anders dargestellt hat. Als Galileo Galilei das bisherige Weltbild, das von der katholischen Kirche vehement vertreten wurde, in Frage stellte und behauptete, die Erde bewege sich und kreise um die Sonne, wurde er von Teilen der Kirche verfolgt und unter die Anklage der Inquisition gestellt. Erst 1757, also lange nach dem Tod Galileis, gab die katholische Kirche die Ablehnung ihrer Meinung auf. Es dauerte noch bis ins Jahr 1992, als Papst Johannes Paul II das Urteil gegen Galilei aufhob und sich für die damalige Vorgangsweise der Kirchenvertreter entschuldigte.

Die Menschheit ist mit unterschiedlichen Sichtweisen und Meinungen sehr selten konstruktiv umgegangen, meist endeten die Auseinandersetzungen in Kriegen und massiven Konflikten. Bis in die heutige Zeit ist Toleranz ein wenig gelebtes Instrumentarium im Umgang mit Meinungsvielfalt. Es scheint sogar, dass in einer Zeit wie gegenwärtig, wo sich die Wissenschaft sehr weit entwickelt zu haben scheint, noch mehr Dogmatik und Unterdrückung anderer Ansichten herrscht.

Betrachten wir nur die letzten Jahrzehnte auf unserem Planeten. Mitte des 20. Jahrhunderts wütete ein schrecklicher Krieg auf dieser Erde und kostete Millionen von Menschen das Leben. Jeder vernünftige Mensch hätte gedacht, dass danach Verstand und Toleranz in das Verhalten und den Umgang der Länder, Nationen und Menschen untereinander einkehren würde. Stattdessen entwickelte sich der sogenannte „Kalte Krieg“ zwischen den kommunistisch beziehungsweise sowjetisch beeinflussten und regierten Ländern und den sich selbst so bezeichnenden „westlichen“ Ländern. Man bedrohte einander mit den fürchterlichsten Waffensystemen und hielt die eigene Ideologie als die einzige Wahrheit hoch. Jahrzehnte lang dauerte dieser Zustand an und bis heute ist es nicht gelungen, ein gemeinsames Ganzes der Menschheit zu generieren, das ein friedliches, freundschaftliches und konstruktives Zusammenleben aller menschlichen Wesen dieser Erde hervorbringen könnte.


Wirtschaftskriege. Gegenwärtig haben sich viele Auseinandersetzungen von der militärischen Ebene auf die wirtschaftlichen Mechanismen verlegt. Regelrechte Wirtschaftskriege werden zwischen mächtigen Konzernen betrieben, wo es nicht um eine friedliche Koexistenz verschiedenartiger Systeme geht, sondern nur darum, die Konkurrenz auszustechen, wenn dies nicht gelingt, einfach aufzukaufen und so unter seinen Einflussbereich zu bringen. Die Vielfalt von Meinungen und Ideen wird so unterdrückt und damit die Chance verspielt, noch hochwertigere Produkte und Ideen zu entwickeln und auf diese Weise den Fortschritt zu fördern. Letztendlich geht es nur um Macht und Unterdrückung von Andersdenkenden.

Betrachtet man die Situation in unserem Land in den letzten Jahren, so scheint sich die Gesellschaft derzeit in zwei extreme Lager zu spalten, was eine äußerst bedrohliche Situation darstellt. Anstatt sich mit Entwicklungen und Zukunftsvisionen zu beschäftigen, wird die Seite, welche andere Meinungen vertritt, diffamiert, verächtlich gemacht, als lächerlich abgetan.

Es ist traurig, nahezu bizarr, wenn man verfolgt, wie unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen, reale Szenarien negiert und wie wissenschaftliche Ansichten und Fakten in Abrede gestellt werden. In der Politik wird derjenige, der eine andere Meinung vertritt, nicht ernst genommen, verfolgt, an den Pranger gestellt, werden seine Ansichten zerpflückt, als widersinnig dargestellt.

Betrachtet man die politische Meinungsbildung in Österreich in den letzten zehn Jahren, so entwickeln sich immer radikalere Szenarien. Anschauungen des politisch Andersdenkenden werden nicht akzeptiert und so entsteht ein immer größerer Graben zwischen Teilen der Bevölkerung. Im letzten sogenannten Wahlkampf für die Position des Bundespräsidenten bildeten sich oft radikale Gegensätze aus. Schon allein der Begriff des Wahlkampfs stellt ein Szenario dar, bei dem es nicht um eine Vielfalt von Meinungen geht, sondern darum, die eigenen Ansichten als die einzig richtigen und unerschütterlichen den Menschen zu verinnerlichen. Danach hat sich seither scheinbar noch einiges mehr in eine negative Richtung entwickelt.


Pandemie. Als zu Beginn des Jahres 2020 eine Krankheit begann, die Menschheit zu bedrohen, hat dies die Spaltung der Gesellschaft noch weiter vorangetrieben. Die Auseinandersetzung zwischen Impfgegnern und Impfskeptikern bzw. Impfbefürwortern nimmt Formen an, welche einen Konsens in Zukunft schwer vorstellbar machen. Familien und Teile dieser graben sich in ihre Meinungen Für und Wider ein, Freundschaften zerbrechen, weil gegenteilige Meinungen nicht mehr angehört werden können. Politik und Medien tragen dazu bei, dass es offensichtlich immer unmöglicher wird, auf konstruktive und vernünftige Weise miteinander auf einer emotionsfreien Basis zu kommunizieren. Gewissermaßen scheinen sich auf den sich gegenüberstehenden Meinungsebenen solch radikale Ansichten verfestigt zu haben, dass es verunmöglicht wird, auf gewaltfreier Ebene gegenteilige Auffassungen auszutauschen. Vielfalt ist unerwünscht, die eigenen Überzeugungen werden als die einzig richtigen dargestellt, man beschimpft sich gegenseitig und bisher offensichtlich gebildete und reflektierte Menschen bezeichnen andere als „Idioten“ und bedenken sie mit oft noch radikaleren und diffamierenden Bezeichnungen.


Gemeinsamen Diskurs. Der Mensch, der sich im Laufe seines Lebens mit Wissenschaft und Politik auseinandergesetzt und es bisher immer als normal angesehen hat, dass auch verschiedene Meinungen vertreten werden konnten und durften, erlebt sich selbst als verständnislos. Man fragt sich, wie es möglich ist, dass es meist ausgeschlossen ist, Andersdenkenden zuzuhören, deren Argumente zu akzeptieren, sich in einen gemeinsamen Diskurs zu begeben und so eventuell wirklich brauchbare Lösungen herauszubilden.

Die Welt befindet sich derzeit unzweifelhaft in einem Veränderungsprozess, der die Menschheit vor große Herausforderungen stellen wird. Die Pandemie wird möglicherweise das geringere Übel sein, das die Existenz der Menschen und unseres Planeten bedroht. Ein exorbitanter Zuwachs der Weltbevölkerung stellt die Ressourcen der Erde in Frage. Die Bedrohung durch einen weltweiten Wandel des Klimas, wirtschaftliche und politische Umbrüche sind höchstwahrscheinlich gigantische Herausforderungen. Diese erfordern es, umzudenken, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, Meinungen auszutauschen, Lösungen zu erarbeiten und so konstruktiv gegenzusteuern.

Das scheint leider nicht möglich zu sein. Es gibt jede Menge Lobbys, Politiker, Wirtschaftsmagnaten, Leugner, die sehenden Auges in eine Katastrophe laufen und sich nicht beirren lassen, von ihren Meinungen abzuweichen. Wie ist es möglich, dass Tatsachen, die immer bedrohlicher erscheinen, einfach negiert werden? Welche Wahrheiten werden von diesen diversen Meinungsträgern vertreten? Wird es wie im Fall von Galilei Jahrhunderte dauern, bis falsche Ansichten revidiert werden?


Lösungen erarbeiten. Wie wäre es, wenn die Wissenschaft wieder ihrer Aufgabe nachkommen würde, unterschiedliche Meinungen zu diskutieren, diese zusammenzuführen und daraus brauchbare und akzeptable Lösungen zu generieren? Dass es keine absolute Wahrheit gibt, müsste schon lange klar sein und wäre zu akzeptieren, sie entwickelt sich immer weiter und darf einfach nicht stehen bleiben. Es nützt auch nicht, wenn man die Meinung anderer zurückweist und nur die eigene gelten lässt. Dies verhindert jeden Fortschritt, der nur möglich wird, wenn ein breiter Diskurs stattfindet, der zu einem praktikablen Konsens führt.

Immer wenn sich Menschen, Gehirne zusammengefunden haben, sich ausgetauscht haben und es schafften, sich einander anzunähern, die Meinung des jeweils anderen zu akzeptieren, hat es die Menschheit geschafft, Großartiges zu entwickeln. Positive Konkurrenz ist wünschenswert und schafft Neues, Überlegungen, Auseinandersetzung mit anderen Ansichten beflügelt den Geist und lässt Wunderbares entstehen.

Vielleicht gelingt es uns, diese Richtung einzuschlagen, Toleranz und Vielfalt entstehen zu lassen und wieder mehr ein Miteinander als ein Gegeneinander zu fördern. Wenn nicht, stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll. Worauf steuern die Menschen und die Menschheit dann zu?

Es gibt keine einzige unumstößliche Wahrheit, sondern eine Vielzahl von Wahrheiten, die alle in irgendeiner Form eine Berechtigung haben sollten.

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