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  • Rosemarie Pexa

Häusliche Gewalt im Lockdown

Aktualisiert: Jan 4

Die Auswirkungen der Corona-Krise waren ein Schwerpunkt bei der Fortbildungsveranstaltung Kinderschutz des AKH.


Maria Rösslhumer: Vorbereitung auf Flucht.

Verdreifacht hat sie sich während des Lockdowns, die ohnehin schon hohe Anzahl der Fälle häuslicher Gewalt. Diese schockierende Bilanz stammt zum Glück nicht aus Österreich, sondern aus China. „Wir haben erwartet, dass es bei uns wie in China sein wird, wo die Gewalt eindeutig zugenommen hat“, erklärte Mag. Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), bei der Fortbildungsveranstaltung Kinderschutz am 21. Oktober 2020. Laut Polizei habe die Zahl der Betretungsverbote um 22 Prozent zugenommen, in den größeren Städten um 26 Prozent – allerdings müsse man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen.

Die in Form einer Videokonferenz abgehaltene Veranstaltung des Allgemeinen Krankenhauses Wien befasste sich mit Kinderschutz aus der Sicht der Angehörigen von Gesundheitsberufen. Ein Schwerpunkt war den Auswirkungen der Corona-Krise und des Lockdowns im Frühjahr 2020 gewidmet – ein Thema, zu dem das AKH derzeit ein Forschungsprojekt durchführt: „Belastungserleben, Risiko- und Resilienzfaktoren in Familien im Rahmen der Auswirkungen der SARS-CoV-Pandemie im Zusammenhang mit Verdacht auf Kindeswohlgefährdung“.

Federführend dabei ist Mag. Sophie Klomfar von der Forensischen Kinder- und Jugenduntersuchungsstelle (FOKUS) an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Uni Wien. „Bei FOCUS arbeitet ein interdisziplinäres Team von Ärzten und Psychologen, das die tatzeitnahe Abklärung und Untersuchung bei Verdacht auf Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellem Missbrauch unterstützt“, so Klomfar. Zu den Aufgaben des Teams zählen Spurensicherung, klinische und psychologische Untersuchungen, Befundung und Berichterstattung. FOKUS kooperiert mit der Kinder- und Jugendhilfe, mit Sozialen Diensten, Exekutive und Staatsanwaltschaft.


Schutz- und Risikofaktoren. Für die Untersuchung der Auswirkungen der Corona-Krise hat FOKUS einen Fragebogen zu Evaluierung der psychosozialen Belastungsfaktoren sowie der Risiko- und Resilienzfaktoren erstellt. Erste Ergebnisse liegen bereits vor; zur Verlaufskontrolle und zur Evaluierung der Langzeitfolgen sind nach einen Jahr und nach zwei Jahren weitere Befragungen geplant.

Ob und wie stark die infolge der Pandemie entstandene Krise überhaupt als solche erlebt wird und zu einer Traumatisierung führt, hängt von mehreren Faktoren ab. Laut Studie wirken soziale Kompetenz, Anpassungsfähigkeit, Selbstwert, Intelligenz und Bildung des Kindes, fürsorgliche Erziehung, ein stabile finanzielle Lage sowie ausreichend Wohnraum, der Rückzugsmöglichkeiten bietet, als Schutzfaktoren.

Risikofaktoren sind ein introvertiertes Temperament und eine geringe Anpassungsfähigkeit des Kindes, Konflikte zwischen den Eltern, dysfunktionale Erziehung, eine isolierte Familiensituation, schlechte Bildung und Arbeitslosigkeit. Außerdem spielt – verstärkt durch die während des Lockdowns gestiegene Nutzung digitaler Medien – nicht kindgerechte Medienberichterstattung eine Rolle.

„Viele Kinder und Jugendliche sind durch den Anstieg der Risikofaktoren infolge der Covid-19-Pandemie vermehrt von Gewalt betroffen. Soziale Isolation und intensivierte räumliche Nähe, Entlassungen und Einkommensverlust haben zu mehr und schwereren Gewalttaten geführt“, fasste Klomfar zusammen. Das spiegelt sich auch in den Anrufen bei Rat auf Draht wider: Im April 2019 gab es 31 Beratungen wegen psychischer Gewalt in der Familie, 2020 waren es 149. Bei physischer Gewalt verzeichnete man einen Anstieg um 88 Prozent.


Traumaerfahrungen. Haben Kinder schon vor der Corona-Krise Traumaerfahrungen gemacht, etwa durch Gewalt in der Familie, kann durch die zusätzliche Belastung eine Retraumatisierung verursacht werden. Seltener treten traumatisierende Ereignisse in der Zeit der Pandemie neu auf, z. B. wenn eine überforderte Mutter ihr Kind während des Lockdowns erstmalig schlägt. Zu einem Trauma kommt es, wenn keine adaptiven Bewältigungsmechanismen zur Verfügung stehen oder entwickelt werden.

Auch ohne physische oder psychische Gewalt in der Familie kann das Erleben der Pandemie traumatisierend wirken. Die Sorgen und Ängste der Eltern übertragen sich auf die Kinder. „Sie machen sich mehr Sorgen um ihre Familie als um sich selbst. Sie haben Angst, wen anzustecken, z. B. wenn die Mutter gesundheitliche Probleme hat“, so Klomfar. Insbesondere jüngere Kinder seien von der Komplexität der Situation überfordert. Die Welt sei jetzt „komisch“, „früher war es megaschön für mich“, zitierte Klomfar aus einem im Rahmen der Studie geführten Gespräch mit einem Kind.

Für Kinderschutzeinrichtungen war es während des Lockdowns kaum möglich, den Kontakt mit Kindern und Jugendlichen aufrechtzuerhalten. „Man kann mit dem Kind nicht telefonieren, ohne dass die Eltern zuhören“, sprach Klomfar eine besondere Herausforderung an. Gerade in Familien, in denen es schon davor zu Gewalt gekommen war, befürchtete man eine weitere Eskalation. So bestand in einem Fall bereits Ende 2019 der Verdacht auf Missbrauch durch den Kindsvater; während des Lockdowns kam es zu weiteren Vorwürfen. Insgesamt gab es mehr Verdachtsfälle von Misshandlung oder Missbrauch.


Anlaufstelle Krankenhaus. Häufig wird häusliche Gewalt durch einen Besuch in der Notaufnahme, der Unfallambulanz oder der Kinderklinik entdeckt. „Angehörige von Gesundheitsberufen sind oft die ersten oder einzigen Ansprechpersonen für Gewaltopfer“, erklärte Mag. Susanne Klima vom Vorstandsressort Recht & Compliance, Fachbereich 6, im Wiener Gesundheitsverbund. Sie betonte, dass Krankenhausmitarbeiter aber nicht die „Löser aller Probleme“ sein und nur kurzfristig Schutz bieten könnten. Um längerfristig weitere Gewalttaten zu verhindern, müsse Anzeige erstattet werden.

In welchen Fällen Anzeigepflicht besteht und welche Ausnahmen es gibt, wird im Gewaltschutzgesetz 2019 geregelt. Laut Gesetz sind Angehörige von Gesundheitsberufen zur Anzeige an die Kriminalpolizei oder die Staatsanwaltschaft verpflichtet, wenn sich in Ausübung der beruflichen Tätigkeit der begründete Verdacht auf bestimmte gerichtlich strafbare Handlungen ergibt. Dazu zählen Tod, schwere Körperverletzung oder Vergewaltigung sowie Misshandlung, Quälen, Vernachlässigung oder sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Eine Ausnahme besteht z. B., wenn durch eine Anzeige das für die Tätigkeit erforderliche Vertrauensverhältnis beeinträchtigt würde und keine unmittelbare Gefahr besteht.

„Den Opfern wird die Entscheidung abgenommen, Anzeige zu erstatten“, so Klima. Damit verhindert man, dass Gewaltbetroffene aus Angst, oder weil sie vom Täter abhängig sind, vor einer Anzeige zurückschrecken. Die Verantwortung liegt damit beim Gesundheitspersonal, das aber laut Klima „keine juristische Prüfung vollziehen“ müsse, sondern auf Basis der eigenen Einschätzung handeln und diese dokumentieren soll. Ein begründeter Verdacht besteht beispielsweise, wenn Verletzungen nicht zu dem von einer Patientin geschilderten „Sturz über die Stiege“ passen.


Frauenhelpline und Chat. In der Zeit des Lockdowns war es für Gewaltbetroffene schwierig, aus dem Haus zu gehen, um ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen oder eine Opferschutzeinrichtung aufzusuchen. Einen Ausweg fanden viele durch den Anruf bei der Frauenhelpline gegen Gewalt oder im Help-Chat. „Statt durchschnittlich 21 Anrufe pro Tag haben wir 38 gehabt, derzeit sind es im Schnitt 30“, schilderte Rösslhumer. Das ebenfalls verstärkt in Anspruch genommene Online-Beratungsangebot wurde von einmal wöchentlich auf täglich ausgebaut und um zusätzliche Sprachen erweitert.

Beinahe jede zweite Anruferin bei der Frauenhelpline berichtete über Gewaltvorfälle; meist war eine schon lange andauernde Gewalt während des Lockdowns eskaliert. Rösslhumer führte das auf mehrere Faktoren zurück, etwa die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung, Existenzängste durch Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit und beengten Wohnraum, dem Männer nicht wie üblich durch den Besuch einer Gaststätte oder eines Sportplatzes entfliehen konnten.

Zahlreiche Anruferinnen überlegten, sich von ihrem gewalttätigen Partner zu trennen, wagten den Schritt in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit dann aber doch nicht. Durch die ständige Anwesenheit des Partners bestand auch kaum eine Möglichkeit, sich mit den Kindern in ein Frauenhaus in Sicherheit zu bringen. „Viele Frauen haben sich erkundigt, wie man eine Flucht vorbereitet, wie man unbemerkt die wichtigsten Dokumente und Sachen packt und wann der beste Zeitpunkt ist, um wegzugehen“, erzählte Rösslhumer. Die wenigsten setzten diesen Plan allerdings in die Tat um.

Auch wenn sich aus diesen Gründen der Ansturm auf die Frauenhäuser in Grenzen hielt, waren die Frauenhäuser sehr gefordert. Es mussten Ausweichquartiere für Corona-Verdachtsfälle gefunden werden, z. B. leerstehende Hotels. Frauen mit Corona-Verdacht wurden in Flüchtlingsquartieren untergebracht, damit sie das Frauenhaus-Team nicht anstecken konnten. Zwei getrennte Teams wechselten sich wochenweise ab. Zusätzliche Dolmetscherinnen erklärten Migrantinnen vor der Aufnahme in ein Frauenhaus die Corona-Schutzmaßnahmen und fragten sie nach Symptomen bei sich selbst oder bei Familienmitgliedern.


Tatortarbeit. Thema der Fortbildungsveranstaltung war aber auch, was geschieht, wenn sich eine Gewalttat – bis hin zum Mord – nicht mehr verhindern lässt. Chefinspektor Kurt Herwey, Leiter des Assistenzbereichs 7 Tatort im Landeskriminalamt Wien, erklärte die Tatortarbeit der Polizei und ging auf die Unterschiede zu in US-Fernsehserien dargestellter CSI ein: „Viele Spurensicherungsmethoden in den Serien entsprechen tatsächlich der Realität. Aber unsere Arbeitskleidung ist kein Designeranzug, sondern ein Einweg-Schutzanzug, damit man sich den Tatort nicht mit der eigenen DNA kontaminiert.“

Da zahlreiche Tötungsdelikte im Familienkreis passieren würden, finde man von Täter und Opfer sehr viele – auch zufällige -Spuren, so Herwey, der den berühmten von Sir Arthur Conan Doyle „erschaffenen“ Sherlock Holmes zitiert: „Es ist in der Kriminalistik von größter Wichtigkeit, dass man aus einer großen Zahl von Tatsachen diejenigen erkennt, welche zufällig sind, und diejenigen, die relevant sind.“

Rosemarie Pexa



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