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  • Rosemarie Pexa

Gewalt in der Haft

Eine Dunkelfeldstudie des Instituts für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie der Uni Innsbruck zu Gewalterfahrungen in Justizanstalten liefert eine Grundlage für Präventionsmaßnahmen.


Studienautorinnen Andrea Fritsche und Veronika Hofinger (Fotos: Astrid Eisenprobst / IRKS

Gewalt in Haft ist „normal“ – das sehen zumindest viele Insassen heimischer Justizanstalten so. Zuschlagen, wenn man „provoziert“ wird, gilt als akzeptierte Form der Problemlösung und verschafft einem eine respektable Position in der Häfenhierarchie. Zuzugeben, selbst Opfer geworden zu sein, fällt den meisten schwer. Zu diesen und anderen teils erwartbaren, teils aber auch überraschenden Erkenntnissen kommen Dr. Veronika Hofinger und Dr. Andrea Fritsche, Senior Scientists am Institut für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) der Universität Innsbruck. In einer von ihnen verfassten und vom Sicherheitsforschungsprogramm KIRAS finanzierten Studie wird die Situation aus der Sicht der Betroffenen dargestellt.

Damit handelt es sich bei „Gewalt in Haft. Ergebnisse einer Dunkelfeldstudie in Österreichs Justizanstalten“ um die erste repräsentative Dunkelfelderhebung zu Gewalterfahrungen von Inhaftierten im österreichischen Strafvollzug. Sie untersucht, ob, in welchem Ausmaß, durch wen, in welchen Situationen und mit welchen Folgen Insassen von Justizanstalten Opfer von Gewalt werden. Mit der heuer veröffentlichten Studie haben die Autorinnen eine evidenzbasierte Grundlage für Präventionsmaßnahmen, aber auch für einen verbesserten Umgang mit Gewaltvorfällen geschaffen.

Für die 2019 durchgeführte Erhebung wurde eine repräsentative Stichprobe weiblicher und männlicher Insassen von zehn österreichischen Justizanstalten gezogen. 386 Personen nahmen an der persönlichen Befragung teil, die mittels eines 25-seitigen mehrsprachigen Fragebogens durchgeführt wurde. Dazu kamen zehn vertiefende Interviews mit von Gewalt betroffenen Inhaftierten. Zur Erhebung der Bedingungen und Herausforderungen in den Justizanstalten dienten eine Online-Befragung der Anstaltsleitungen und Interviews mit sechs Experten aus den Bereichen Beschwerdemanagement, Einsatztraining, Opferschutz und Menschenrechte sowie von Fachdiensten.

Haftbedingungen. Die hohe Aus­las­tung und der niedrige Personal-Insassen-Schlüssel beeinflussen laut Hofinger das Ausmaß der Gewalt: „Wie viel Gewalt es gibt, hängt stark von den Haftbedingungen ab – je enger und voller eine Justizanstalt, je schlechter das Verhältnis zwischen Personal und Insassen, desto mehr Gewalt. Ein Grund dafür ist, dass sich Kleinigkeiten unter schlechten Anhaltebedingungen leichter aufschaukeln, schneller eskalieren. Wenn es genug Platz gibt, kann man auch Konflikte entschärfen, indem man Insassen verlegt.“ Der Aufbau einer Vertrauensbasis, die schlimmere Übergriffe verhindern könne, falle bei mehr Personal ebenfalls leichter.

Die Auslastung, die in österreichischen Justizanstalten durchschnittlich bei fast hundert Prozent liegt, variiert je nach Anstalt stark. Das gleiche gilt für die Haftraumbelegung: Während die Insassen im Jugendstrafvollzug durchgehend in Ein-Personen-Hafträumen untergebracht sind, gibt es in der Justizanstalt Josefstadt nach wie vor 34 für zehn Personen ausgelegte Hafträume. Durch die gemeinsame Unterbringung auf engem Raum verschärfen sich Konflikte, etwa zwischen Angehörigen unterschiedlicher Ethnien oder zwischen Rauchern und Nichtrauchern.

Haben die Insassen keine Möglichkeit, ihre Zeit sinnvoll zu verbringen, wirkt sich das ebenfalls negativ aus. Die Studienautorinnen zitieren einen Bericht des Justizministeriums: „Je mehr Betreuung und Beschäftigung, desto weniger Gewalt. Beschäftigung und Ausbildung im weiteren Sinne stellen (...) einen wesentlichen Faktor der Tagesstrukturierung sowie der Verbesserung des Anstaltsklimas in Justizanstalten dar und sorgen so für die Verhinderung strafbarer Handlungen.“ Tatsächlich liegt der Anteil der arbeitswilligen Häftlinge, die nicht beschäftigt werden können, laut Rechnungshof bei 44 Prozent, die durchschnittliche Arbeitszeit bei nur 2,6 Stunden pro Tag. Kürzungen erfolgen vor allem wegen Personalknappheit oder Auftragsproblemen.


Risikofaktoren. Weitere Risikofaktoren werden von den Insassen in die Haft „mitgebracht“. So hat mehr als ein Drittel den Sicherheitscode „Drogen/Medikamente“, jeder Zehnte den Code „Heptadon/Ersatzdrogen“. Suchtmittelbeschaffung und -handel führen in der Haft zu Konflikten. Auch psychische Probleme stehen oft in Zusammenhang mit Substanzmissbrauch. Fritsche weist darauf hin, dass Gewalt­erfahrungen in der Kindheit eine große Rolle spielen für die Wahrscheinlichkeit, später zum Täter, aber auch zum Opfer von Gewalt in Haft zu werden: „Insassen haben doppelt so oft schwere körperliche Gewalt in der Kindheit erlebt wie Personen in der Gesamtbevölkerung. Die Zahlen zeigen, dass gerade diese Gruppe auch signifikant häufiger Gewalt in Haft erlebt.“

Die Studie erfasst neben körperlicher Gewalt auch psychische und sexuelle Übergriffe, die Täter und Opfer nicht immer als Gewalt wahrnehmen und über die sie oft auch nicht sprechen wollen. Insbesondere sexuelle Gewalt ist stark tabuisiert. Auch strafrechtlich nicht relevante Vorkommnisse werden in der Erhebung berücksichtigt.


Psychische Gewalt. Rund 70 Prozent der befragten Insassen sind bereits Opfer psychischer Gewalt durch Mithäftlinge oder Personal geworden. Dazu zählen lächerlich machen, abwerten oder psychisch „fertig machen“, aber auch Drohungen und Erpressungen. Insgesamt kommt psychische Gewalt im Jugendstrafvollzug häufiger vor. Laut einer Mitarbeiterin des Psychologischen Dienstes werden Insassen in Anstalten mit viel Aus- und Freigang unter Druck gesetzt, anderen z. B. Geld, Tabak oder Handys mitzubringen.

Mit Abwertung sind Personen aufgrund ihrer Herkunft bzw. ethnischen Zugehörigkeit konfrontiert, insbesondere aber Sexualstraftäter, wenn die ihnen zu Last gelegten Delikte bekannt werden. In den Interviews fielen immer wieder Bemerkungen wie „Denen g'hörts auch.“ oder „Pädophile sind Schweine, keine Menschen.“ Übergriffe gehen auch manchmal vom Kollektiv aus, z. B. die Drohung gegen einen Sexualstraftäter, den ganzen Tag im Klo eingesperrt zu werden, wenn er nicht im oberen Stockbett bleibe. Obwohl der Strafvollzug um die erhöhte Gefährdung von Sexualstraftätern in Haft weiß und diese besonders zu schützen versucht, zeigen die Daten, dass deren Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, immer noch signifikant erhöht ist.

Im Bezug auf das Personal ist vor allem von Machtdemonstration und Einschüchterung die Rede, wobei die Befragten betonen, dass diese Art der Gewalt von Einzelpersonen ausgehe. Auch bei rassistischen Beschimpfungen handelt es sich laut Berichten von Betroffenen eher um Äußerungen einzelner Bediensteter. Insassen, die die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen, haben aufgrund der Sprachbarriere weniger Zugang zu Informationen. Als sehr belastend beschrieben die Insassen auch, wenn ihnen wegen einer Verleumdung sämtliche Vergünstigungen entzogen wurden, ohne dass das Personal den falschen Vorwürfen nachging.


Körperliche Gewalt. Mehr als vier von zehn Insassen haben körperliche Gewalt erlebt, bei Jugendlichen ist es jeder zweite. Leichte Formen körperlicher Gewalt wie unnötig hartes Anfassen oder Schubsen sind deutlich häufiger als schwere Gewalt, etwa verprügelt oder gewürgt werden. Zu körperlichen Übergriffen kommt es oft als Folge psychischer Gewalt wie Provokationen und Beleidigungen, das ursprüngliche Opfer wird somit zum Täter. Häufig führen Kleinigkeiten wie Meinungsverschiedenheiten zu Rauchen, Wahl des Fernsehprogramms oder Einhaltung der Spielregeln beim Fußball zu Konflikten, die in der beengten Situa­tion des Vollzugs leichter eskalieren.

Bei der Frage, inwieweit es bei Einsätzen des Personals in kritischen Situationen zu unverhältnismäßiger Gewaltanwendung kommt, gehen die Ansichten der Befragten auseinander. „Die Einsatzgruppe arbeitet gezielt daran, dass sie nur so viel Zwangsgewalt einsetzt, wie nötig ist, um Insassen zu fixieren bzw. transportfähig zu machen. Da ist in den vergangenen Jahren viel passiert. Dennoch gab es Schilderungen, dass – zumindest aus Sicht der Insassen – in Einzelfällen unverhältnismäßig viel Gewalt eingesetzt wurde“, merkt Hofinger an. Um Vorfälle aufzuklären und falsche Vorwürfe von Insassen zu entkräften, hält sie den Einsatz von Bodycams für sinnvoll.

Mehr als ein Viertel der Befragten ist auch von Diebstahl betroffen. Oft geht es dabei um Güter wie Kaffee oder Zigaretten, die unter den Insassen als Zahlungsmittel fungieren. Der Verlust wird als schwerwiegender empfunden als in Freiheit, da es in Haft schwieriger ist, einen Ersatz zu bekommen.

Bei Insassen von Justizanstalten gilt sexuelle Belästigung bzw. Gewalt als Tabuthema, über das auch bei der Befragung nicht gern gesprochen wurde. Weniger als zehn Prozent der Inter­viewten outeten sich als Betroffene. Ob derartige Vorfälle tatsächlich so selten sind, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Insgesamt berichteten die Insassen „nur“ von einer vollendeten und einer versuchten Vergewaltigung. Häufiger kommen Belästigungen durch Zeigen von Nacktheit ohne Körperkontakt oder Anstarren vor. Was als unerwünschte sexuelle Handlung gewertet wird, hängt dabei auch vom kulturellen Kontext ab.


Stigmatisierung. Für jede Form der Gewalt gilt, dass davon Betroffene Angst vor Stigmatisierung haben. „Wenn man in Haft zugibt, Opfer von Gewalt geworden zu sein, besteht die Gefahr, dass man den Opferstatus nicht mehr loswird und neuerlich viktimisiert wird“, betont Hofinger. Wer nicht zurückschlage, sei kein Mann, sondern eine „Pussy“, sagte einer der Befragten. „Durch den Vorfall (...) mit dem einen Syrer, dem ich das Kiefer gebrochen hab, lassen mich die Leute in Ruhe“, wird ein anderer Insasse in der Studie zitiert. Stärke zu demons­trieren erachten auch weibliche Insassen als notwendig, um sich vor Übergriffen zu schützen.

Nur selten meldet jemand einen Fall von Gewalt der Justizwache, am ehesten bei schwerer Gewalt. „Die Trennlinie zwischen Personal und Häftlingen ist Teil der Subkultur in Haft und zeigt sich auch an der Relevanz des Verbots zu „wamsen“, das heißt, andere zu verraten, anzuschwärzen“, erklärt Fritsche. Ob ein Ersuchen um Hilfe überhaupt in Erwägung gezogen wird, hängt vom Vertrauen ab, das der Insasse der jeweiligen Person – einem Justizwachebeamten, einem Angehörigen des Psychosozialen Dienstes bzw. einer externen Organisation wie der Volksanwaltschaft oder dem Weissen Ring – entgegenbringt.

Ein für die Studienautorinnen unerwartetes Ergebnis der Befragung ist die geringe Bekanntheit externer Organisationen, obwohl Informationen über die Volksanwaltschaft auf allen Abteilungen ausgehängt sein sollten. Bei Ansprechpartnern, die außerhalb der Gefängnishierarchie stehen, fürchten Inhaftierte weniger, Repressionen ausgesetzt zu sein, wenn sie sich beschweren. Ein großes Redebedürfnis hat Fritsche während der Befragung festgestellt: „Die teilweise sehr ausführlichen Schilderungen können auch als Hinweis verstanden werden, dass in Haft die Gelegenheiten sehr begrenzt sind, Schwierigkeiten, Schikanen und eben auch Gewalterlebnisse offen und in einem sicheren Rahmen erzählen zu können.“


Quelle: Veronika Hofinger, Andrea Fritsche: Gewalt in Haft. Ergebnisse einer Dunkelfeldstudie in Österreichs Justizanstalten. Schriften zur Rechts- und Kriminalsoziologie. Wien 2021.

Die Studie kann kostenlos als E-Book heruntergeladen werden: https://bit.ly/3hDIu3l









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