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  • Rosemarie Pexa, Ferdinand Germadnik

Geiger-Krimi „Heimweg“

In seinem Kriminalroman über die Favoritner Mädchenmorde gibt der ehemalige „Chefermittler“ Einblicke in einen der spektakulärsten Fälle der jüngeren Polizeigeschichte.


Hofrat Ernst Geiger verarbeitete Erlebtes in „Heimweg“.

Dass ein hochkarätiger Ermittler einen Kriminalroman über einen aufsehenerregenden Mordfall schreibt, kommt nicht oft vor. Dementsprechend groß ist das Interesse an Hofrat Dr. Ernst Geigers Wien-Krimi „Heimweg“. Bereits nach der Buchpräsentations-Premiere war die erste Auflage vergriffen.


Kriminalpolizei: Ihr soeben erschienener Wien-Krimi „Heimweg“ behandelt die Favoritner Mädchenmorde, zu denen Sie selbst ermittelt haben. Auf dem Buchcover steht „Nach wahren Begebenheiten“. Was ist wahr, was Fik­tion?

Ernst Geiger: Wahr ist die ganze Geschichte. Die Favoritner Mädchenmorde sind real so abgelaufen, wie ich sie beschrieben habe. An den Ermittlungen waren über einen Zeitraum von zwölf Jahren etliche Personen beteiligt. Im echten Leben hat man Tatortgruppen, in Kriminalromanen muss man sich auf ein Team von ein paar Leuten beschränken, das habe ich auch getan. Fiktion ist alles, was die Schilderungen aus Sicht des Mörders von Alexandra Schriefl betrifft, er hat nie ein Geständnis abgelegt.


Warum haben Sie über diese Morde geschrieben – ist das eine Bewältigung des Erlebten? Ihr Alter Ego im Buch gesteht sich ein, in Fällen wie diesem die übliche professionelle Distanz nicht wahren zu können.

Geiger: Das trifft vor allem auf Fälle zu, die einen über Jahre beschäftigen. Auch auf Jack Unterweger, das war ein richtiger Zweikampf. Die Favoritner Mädchenmorde waren mein erster Mordfall. Wir haben den Täter in den ersten Wochen fast erwischt, aber dann ist bei der Bestimmung der Blutgruppe ein Fehler passiert. Der Täter hat mit der Polizei gespielt, den Schuh des ers­ten Opfers im Nachhinein am Tatort drapiert. Wir haben damals ohne DNA-Analyse, Standortpeilung und Rufdatenauswertung arbeiten müssen, das hat zu vielen Frustrationen geführt.


Schilderungen grausamer Verbrechen wie dieser Mädchenmorde scheinen die Menschen zu faszinieren. Habe Sie eine Idee, warum?

Geiger: Das Verbrechen und die Berichte darüber haben die Menschen schon immer interessiert. Das ist das Abgründige, das man normalerweise nicht erlebt, vor dem man sich fürchtet, obwohl andere Risiken viel höher sind. Im Zuge der Ermittlungen gegen Unterweger habe ich mit rund 150 Frauen gesprochen, mit denen er zu tun gehabt hat, vom Schulmädchen über die Unternehmersgattin bis zur Klosterschwester. Er war durchschnittlich hübsch und durchschnittlich gebildet, aber er hat gut manipulieren können.


Sie schreiben in dem Buch, dass grausame Mörder oft durchschnittliche Menschen sind. Was macht einen Menschen zum Mörder?

Geiger: Durchschnittlich meine ich vom äußeren Erscheinungsbild her. Bei Pritsch (Anm.: Mörder von Schriefl) habe ich es nie nachvollziehen können. Er hat jahrelang ein normales Leben geführt, dann die Morde begangen und ist wieder in ein normales Leben zurückgekehrt, wie ein biederer Kleinbürger.


In dem Buch erklärt ein Kollege von Ihnen, dass man dem Verdächtigen das Gefühl geben soll, ihn zu verstehen, um ein Geständnis zu erwirken. Funktioniert das tatsächlich?

Geiger: Bei abartigen Tätern funktioniert es eben nicht, da erzielt man meist kein Geständnis. Das war auch bei Pritsch und Unterweger so. Bei anderen Tätern kann man als Kriminalist verstehen, warum sie so gehandelt haben, auch wenn man es moralisch nicht billigt.


Die Kriminalbeamten in Ihrem Buch machen sich Gedanken über Moral und Gerechtigkeit, über das Böse, inwieweit man es verstehen kann und ob es jeder in sich hat. Was ist Ihre persönliche Meinung dazu?

Geiger: Über diese Dinge denken viele nach, die in diesem Bereich tätig sind. Ich glaube, dass der Mensch von sich aus die Fähigkeit zum Bösen hat.


Jeder Mensch?

Geiger: Ja, jeder hat beide Seiten, das Gute und das Böse.


In den meisten Krimis ist es ganz einfach, wer der Gute und wer der Böse ist. In „Heimweg“ schreiben Sie, dass sie als Schüler auf der Bahnfahrt zum Gymnasium in Wiener Neustadt Romanhefte über Interpol gelesen haben. War das ausschlaggebend für Ihre Entscheidung, als Jurist zur Polizei zu gehen?

Geiger: Das waren die „Allan Wilton“-Krimis über einen Mordgruppenleiter, die haben mir gefallen. Ich habe mir gedacht, dass ich so etwas auch gern machen würde, habe aber dann doch angefangen, Jus zu studieren. Nach dem Gerichtsjahr bin ich ins Bezirksgericht für Handelssachen gekommen, das war sehr fad. Als ich gelesen habe, dass die Wiener Polizei Juristen sucht, habe ich mich beworben.


Wie haben Sie die Zusammenarbeit von Kriminalbeamten und Polizeijuristen erlebt?

Geiger: Damals noch als völlig unproblematisch, ich habe das beste Einvernehmen mit der Kriminalbeamtengruppe gehabt. Konflikte sind viel später gekommen, das war ein Machtkampf zwischen Polizeijuristen und leitenden Kriminalbeamten.


Was macht Ihrer Ansicht nach einen guten Kriminalisten aus? Braucht man dafür eine kriminalpolizeiliche Ausbildung?

Geiger: Die Ausbildung allein reicht nicht. Man braucht Liebe zum Beruf, Einsatzwillen und Menschenkenntnis. Heute sind auch andere Fähigkeiten notwendig, vor allem technische.

Der Mord an Alexandra Schriefl war der erste in Österreich, der mittels DNA-Analyse gelöst worden ist. Deren Treffsicherheit hat man auch innerhalb der Polizei angezweifelt.


Wie sieht Ihrer Meinung nach eine ideale Mischung zwischen „Old-School“-Methoden und dem Einsatz moderner Technik aus?

Geiger: „Old-School“-Methoden braucht man immer. Die Technik ist dazugekommen und leistet Dinge, die man früher für unmöglich gehalten hat. Wenn noch Spurenmaterial erhalten geblieben ist, kann man „Cold Cases“ klären.


Hat es auch beim Arbeitsklima Veränderungen gegeben? Nach den Schilderungen in Ihrem Buch haben Kriminalbeamte mit Rauchen, Trinken und viel Stress alles andere als ein gesundes Leben geführt.

Geiger: Damals sind wir zusammengesessen, einer hat Brot, Schmalz und einen Doppler geholt, oder wir sind in ein Beisl in der Bergasse gegangen. Die Leute waren unsportlich. Einige haben ihre Pension gar nicht mehr erlebt. Die jetzige Generation geht ins Training.


In Ihrem Krimi erwähnen Sie am Rande auch politische Ereignisse. Inwiefern haben sich diese auf die polizeiliche Arbeit ausgewirkt?

Geiger: Die Polizei war damals rot, die Gendarmerie schwarz, das ist im Jahr 2000 mit Strasser zerbrochen. Personen in Führungspositionen bis hinunter zum Gruppenführer sind ausgewechselt worden. Diese Veränderung hat viele Existenzängste hervorgerufen.


Auch das Thema Gewalt gegen Frauen kommt immer wieder vor. Die Polizisten in ihrem Buch haben in ihrer Ausbildung nicht gelernt, damit umzugehen. Wie sieht das heute aus?

Geiger: Man kann nie auf alles vorbereitet werden, weil der Polizeidienst so vielfältig ist. Durch die Favoritner Mädchenmorde ist etwas aufgebrochen, wir sind von Anzeigen wegen Gewalttaten gegen Frauen überschwemmt worden. Das hat einen gewaltigen Druck auf die Polizei ausgeübt.


Im Epilog Ihres Buches schreiben Sie, dass Österreich das einzige Land in der EU ist, in dem mehr Frauen als Männer ermordet werden. Wird genug zur Prävention getan?

Geiger: Früher hat es mehr Femizide gegeben als jetzt, aber die Anzahl der Morde an Männern war noch höher. Das ist heute in anderen Ländern auch noch so. Früher sind gefährliche Drohungen gegen Frauen oft als milieubedingte Unmutsäußerungen abgetan worden, der Täter ist auf freiem Fuß angezeigt worden. Mit dem Gewaltschutzgesetz hat die Polizei ein zusätzliches Instrument zur Verfügung gestellt bekommen.


Könnte man noch mehr Frauenmorde verhindern?

Geiger: Alle kann man nicht verhindern – voriges Jahr hat es bei der Hälfte der Taten keine Vorzeichen gegeben.


In „Heimweg“ haben Sie Frauenmorde thematisiert. Planen Sie, einen weiteren Krimi zu einem anderen Thema zu schreiben?

Geiger: Das weiß ich noch nicht, Fälle würde es ja genug geben.










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