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  • Rosemarie Pexa

„Es gibt keine Lobby gegen Korruption“

In seinem neuesten Buch zeichnet Maximilian Edelbacher die Stationen seiner Karriere nach und analysiert bedeutende Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte.


Maximilian Edelbacher: „Das Antikorruptions-Volksbegehren ist ganz wichtig.“

Kriminalpolizei: Im Vorwort Ihres neuen Buchs „Aufgabe: Kriminalitätsbekämpfung“ schreiben Sie, dass Sie während der Pandemie über die Relevanz des eigenen Daseins nachzudenken begonnen haben. Wie sind Sie zu Ihrer persönlichen Lebensaufgabe, dem Kampf gegen die Kriminalität, gekommen?

Maximilian Edelbacher: Eigentlich wollte ich Mathematik und Psychologie studieren, aber dann ist meine Mutter schwer krank geworden, mein Vater war kriegsverwundet. Meine Eltern haben gesagt: Wenn du studieren willst, musst du auch etwas arbeiten. Mein Vater war Straßenbahner, meine Mutter hat ein Friseurgeschäft gehabt, wo ich als Herrenfriseur zu arbeiten angefangen habe. Mit dem Smalltalk im Geschäft habe ich die ersten Spuren der Einvernahmetechnik gelernt: Wie steigst du in ein Gespräch ein? Wie findest du eine Vertrauensbasis?

Nach der Matura habe ich aber nicht Mathematik studiert, sondern Jus. Dann habe ich mich verliebt und bin Vater geworden. Der nächste Schritt war die Dokumentenabteilung in der Länderbank. Ich habe einen Studienkollegen getroffen, der mir den Rat gegeben hat, mich bei der Wiener Polizei zu bewerben. Das habe ich gemacht und am 1. April 1972 als provisorischer Polizei-Kommissär am Polizeikommissariat Meidling meinen Dienst angetreten.


Wie ist es Ihnen als Polizeijurist in Meidling gegangen?

Edelbacher: Damals waren die Juristen kein Feindbild. Ich habe das Glück gehabt, mit erfahrenen Kollegen zusammenzuarbeiten. Die Kriminalbeamten haben mich zu Festnahmen, Hausdurchsuchungen und Observationen mitgenommen, da habe ich viel gelernt. Für mich war die kriminalistische Tätigkeit viel spannender als der Verwaltungskram. Nach der Dienstprüfung bin ich in den 1. Bezirk gekommen.


Die nächste Station Ihrer Karriere war das Sicherheitsbüro.

Edelbacher: Damals hat es die Mittagseinbrecher gegeben. Vier unserer jungen Kriminalbeamten haben sich auf die Lauer gelegt und zwei Einbrecherbanden aus Serbien erwischt, die Aufklärungsquote ist auf 140 Prozent gestiegen. Das Sicherheitsbüro hat uns den Fall weggenommen, darüber habe ich mich fürchterlich aufgeregt. So ist der Korinek auf mich aufmerksam geworden und hat mir das Angebot gemacht, das Referat zur Bekämpfung des Kraftfahrzeugsdiebstahls im Sicherheitsbüro zu übernehmen. In Wien war gerade die Mercedes-Diebstahlwelle, rund 70 teure Mercedes der S-Klasse sind gestohlen worden.


Welche Fälle sind Ihnen aus Ihrer Zeit im Sicherheitsbüro besonders in Erinnerung geblieben?

Edelbacher: 1986 habe ich mit Ernst Geiger Ermittlungen gegen zwei Richter vom Landesgericht wegen Verdachts auf Versicherungsbetrug durchgeführt. Sie haben einen Einbruch in das Tonstudio eines Richter-Gesangs­chors im 4. Bezirk in der Doblhoffgasse und den Diebstahl eines teuren Tonaufnahmegeräts gemeldet. Das Gerät war auf drei Millionen Schilling versichert, aber es war gar nicht nachweisbar, dass sie es überhaupt gehabt haben. Der Vater des einen Richters war Nationalrat bei der SPÖ, damit sind meine Chancen für die Bewerbung als Vorstand des Sicherheitsbüros massiv gesunken.

Es hat dann mehrere Gespräche mit dem Polizeipräsidenten Bögl gegeben, der mir aufgetragen hat, den Mord an Bezirksinspektor Friedrich Roger aufzuklären. Es hat sich herausgestellt, dass der Täter der Johann Kastenberger war, der Bankräuber mit der Ronald-Reagan-Maske. Er war ein militanter Nichtraucher und sein Nachbar hat immer getschickt. Der Kastenberger hat den Nachbarn um vier Uhr in der Früh herausgetrommelt, und als der die Tür aufgemacht hat, mit einer Pumpgun niedergeschossen. Dieser Modus Operandi ist auch in St. Pölten bei einer Tankstelle aufgefallen, und so ist auch der Roger Fritzl mit einem Steinwurf auf die Fensterscheibe aus dem Wachzimmer Freudenau herausgelockt und erschossen worden.

Am 6. Juli 1988 bin ich dann zum Vorstand des Sicherheitsbüros bestellt worden, da habe ich gleich mit den Morden in Favoriten und im Krankenhaus Lainz zu tun gehabt.


Wie haben Sie die Morde in Lainz erlebt?

Edelbacher: Bereits 1988 hat es einen bedenklichen Todesfall im Krankenhaus Lainz gegeben, der Ermittlungen zur Folge gehabt hat. Auch 1989 haben zunächst zwei weitere bedenkliche Todesfälle zum Einschreiten der Kriminalpolizei geführt. Nachdem Stadtrat Stacher den Herrn Polizeipräsidenten ersucht hat, dass die Kriminalpolizei neuerlich Ermittlungen vornehmen sollte, hat das Sicherheitsbüro mit massiver Unterstützung des Instituts für Gerichtsmedizin erfolgreich erheben können.

Man hat untersucht, ob Fremdverschulden vorliegt. Die Tötungsarten waren die sogenannte Mundspülung, subkutane Spritzen von Rohypnol und Insulin. Beide Mittel verflüchtigen sich rasch, nach 24 Stunden findet man sie im Körper kaum mehr. Sachbeweis hat man also keinen gehabt. Zwei junge Kriminalbeamte sind nach Lainz geschickt worden und mit den beiden Haupttäterinnen ins Sicherheitsbüro gefahren. Auf der Fahrt haben die zwei Krankenschwestern ihr Verhalten geschildert, aber später in der U-Haft alles widerrufen. Mit Fallanalysen ist es uns gelungen, den Nachweis für die Morde zu erbringen.


Das Sicherheitsbüro ist im Zuge der Polizeireform geschlossen worden. Was hat das für Sie bedeutet?

Edelbacher: Strasser hat nach der Übernahme des BMI sukzessive die sozialdemokratischen Führungskräfte innerhalb von zwei Jahren abgesetzt, indem er die Organisationsstruktur jeweils geändert hat. So hat er beispielsweise das Sicherheitsbüro aufgelöst, daher hat es auch keinen Vorstand des Sicherheitsbüros mehr gegeben. Ich bin als Leiter in das damalige Kriminalkommissariat Wien Süd nach Favoriten gekommen. Es ist schon ein Abstieg, wenn man in der Bekämpfung der Schwerkriminalität tätig war. Wir Polizeijuristen haben am Anfang noch die Kleinkriminalität machen können, für die haben wir keinen Kriminalbeamten gebraucht, z. B. Kellereinbrüche. Dann haben sie uns das auch weggenommen. 2006 hat es mir gereicht und ich bin in Pension gegangen.


Auch in der Pension haben Sie sich weiter mit der Kriminalistik beschäftigt, z. B. als Vortragender.

Edelbacher: Von Universitätsprofessor Dr. Gilbert Norden vom Institut für Soziologie der Uni Wien habe ich das Angebot bekommen, für das Seminar „Polizeisoziologie“ die Praxismodule zu organisieren. Das waren Besuche in der Landespolizeidirektion, im Bundeskriminalamt, im Landeskriminalamt, im Wiener Kriminalmuseum, wenn es möglich war, in der Gerichtsmedizin und in einem Gefangenenhaus. Ich habe auch ehemalige Kriminelle eingeladen, z. B. den Richard Steiner oder den Einbrecherkönig Stummer. Im Wintersemester 2022/23 wird das Seminar wieder stattfinden.


„Verbrechen zahlt sich aus“ heißt ein Buch von Günther Zäuner, das Sie in „Aufgabe: Kriminalitätsbekämpfung“ erwähnen. Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Edelbacher: Die Kriminellen sind flexibler und haben mehr Zeit. Im Versicherungsbetrug sind drei Prozent gut organisiert, die sind effizienter, als die Polizei erlaubt.


In Ihren Buch schreiben Sie, dass Betrug, insbesondere Versicherungsbetrug, zu geschätzt 85 Prozent von davor unbescholtenen Menschen begangen wird. Welche Motive stehen dahinter?

Edelbacher: Der Täter hat einen Schaden erlitten, den er zu kompensieren versucht. Oder er tut es als Hilfeleistung, erweist jemandem einen Freundschaftsdienst, oder aus Gier.


Glauben Sie, dass es jetzt, wo die Zeiten schlechter werden, zu mehr Betrugsfällen kommt?

Edelbacher: Wenn es wirtschaftlich enger wird und die Arbeitslosigkeit steigt, nimmt der Betrug zu, jetzt vor allem im Internet. Beim Versicherungsbetrug fehlt die Täter-Opfer-Beziehung, das macht es für viele leichter. Es treten mehr Frauen als Täter auf als bei Gewaltdelikten, die sind eher männerdominiert.


Sie gehen in Ihrem Buch auch auf die „Freunderlwirtschaft“ als typische Form der

Korruption in Österreich ein. Was kann man gegen diese tun?

Edelbacher: In Hongkong ist Bertrand de Speville von Queen Elisabeth zu Korruptionsbekämpfung eingesetzt worden. Er sagt, dass drei Voraussetzungen erfüllt sein müssen: Ernster politischer Wille, den gibt es bei uns bis heute nicht. Transparenz und Schaffen eines Bewusstseins in der breiten Masse, da sind die Medien wichtig. Drittens braucht man ein Amt und fähige Leute, also gute Kiberer, die mit allen Wassern gewaschen sind. De Speville hat es geschafft, dass Hongkong nach der Einschätzung von Transparency International immer noch vor Österreich ist. Wir waren einmal am 12. Platz und haben uns verschlechtert.


Was fehlt bei uns?

Edelbacher: Der ernste politische Wille fehlt. Wien ist ein Dorf, jeder kennt jeden, da ist der Freunderlwirtschaft Tür und Tor geöffnet.


Wie könnte die Polizei zu einer effizienten Korruptionsbekämpfung beitragen?

Edelbacher: Die Polizei ist nur ein Hilfsorgan, aber man könnte sie mit größeren Machtbefugnissen ausstatten. Die Zusammenarbeit mit der Antikorruptionsstaatsanwaltschaft wäre das Gebot der Stunde. Und eine ausgebaute Spezialabteilung im Bereich der Polizei – wobei sich die Frage stellt, ob die Polizei oder ein unabhängiges Amt diese Aufgabe übernehmen soll, weil bei weisungsgebundenen Beamten sowohl der Justizminister als auch der Innenminister die Ermittlungen abdrehen oder steuern kann. Ob wir das in Österreich schaffen, ist sehr fraglich.

Nötig wäre es, ein Bewusstsein zu schaffen, da ist das Antikorruptionsvolksbegehren ganz wichtig. Die Mächtigen spielen auf Zeit, unterstützen es zwar verbal, aber in Wirklichkeit stehen sie auf der Bremse – und irgendwann sinkt das Interesse. Wir haben eine schnelllebige Zeit und es gibt keine Lobby gegen Korruption.


Trauen Sie sich, eine Prognose abzugeben?

Edelbacher: Es hängt auch von den Rahmenbedingungen ab. So lange wir noch eine gute Lebensqualität haben, auf Urlaub fahren können, ist das Interesse gering, massiv etwas gegen Korruption zu tun. Gibt es wirtschaftliche Probleme, eine Epidemie, Arbeitslosigkeit, dann geht es um das eigene Überleben, auf welche Art auch immer. Das Hemd ist einem näher als der Rock.








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