• Rosemarie Pexa

„Es geht auch um das Image“

Die ehemalige Leiterin der Geldwäschemeldestelle im Bundeskriminalamt,

Elena Scherschneva, gibt Meldepflichtigen Tipps für die Praxis.

Elena Scherschneva: „Ich bringe meldepflichtigen Berufsgruppen näher, wie sie die Präventionsbestimmungen korrekt umsetzen können.“

Dr. Elena Scherschneva, MA, war bis Ende 2017 Leiterin der Geldwäschemeldestelle und stellvertretende Leiterin des Büros Finanzermittlungen im Bundeskriminalamt. 2018 hat sie sich als Vortragende, Sachverständige und Unternehmensberaterin im Bereich der Prävention von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung selbstständig gemacht und die AML-Compliance e.U. gegründet.


Kriminalpolizei: Sie haben 2018 vom Kriminaldienst in die Privatwirtschaft gewechselt, sind dem Thema Geldwäscherei aber treu geblieben. Wie ist es Ihnen beim Umstieg gegangen?

Elena Scherschneva: Der Ausstieg aus dem öffentlichen Dienst war mit vielen Ängsten verbunden. Ich habe allerdings gewusst, dass in dem Bereich, in dem ich Fachexpertise habe, ein hoher Bedarf besteht. Trotzdem war die Geldwäscheprävention mein Plan B, den ich aus der Notwendigkeit heraus, Geld zu verdienen, umgesetzt habe.

Was war Plan A?

Scherschneva: Plan A war Personenberatung und Coaching. Ich habe im zweiten Bildungsweg die Ausbildung zur diplomierten Lebens- und Sozialberaterin und NLP-Trainerin gemacht, habe Freude an der Arbeit mit Menschen. Mittlerweile konnte ich die beiden Welten vernetzen. Im Bereich der Geldwäscheprävention Experten auszubilden und Projekte durchzuführen, die am Markt positive Veränderungen bringen, das mache ich richtig gern.

Plan B hat dann ja gut funktioniert. Worauf führen Sie das zurück?

Scherschneva: Ich kenne den Bedarf, habe durch das vernetzte Wissen ein Alleinstellungsmerkmal und bin durch die Selbständigkeit zeitlich flexibel. Allerdings besteht derzeit am Markt insgesamt eine sehr hohe Nachfrage nach qualifizierter Beratung.

Welche Aufträge lehnen Sie ab und wen nehmen Sie als Kunden an?

Scherschneva: Jeden, der sich mit dem Thema Geldwäsche-Compliance ernsthaft auseinandersetzen will, unterstütze ich gern. Ich gebe meinen Namen aber nicht her, wenn sich jemand nur nach außen absichern und reinwaschen möchte. Außerdem habe ich mich bewusst für eine enge Spezialisierung entschieden und vermittle Aufträge, die hier nicht hineinfallen, gerne an mein Kooperationsnetzwerk.

Was haben Sie aus Ihrem früheren Beruf für Ihre jetzige Tätigkeit mitnehmen können?

Scherschneva: Das Verständnis dafür, wie die Behörde „tickt“ und natürlich auch das entsprechende Spezialwissen, das mir den Start in die Selbständigkeit überhaupt erst ermöglicht hat. Auch ist es bei größeren Projekten, etwa einem PPP (Anm.: Private-Public-Partnership), hilfreich zu wissen, wer in welcher Reihenfolge eingebunden werden sollte, damit das Ergebnis am Ende stimmt. In manchen Bereichen gibt es so viele Zuständigkeiten, dass sich keiner mehr zuständig fühlt, da braucht man ein Grundverständnis für eben diese Strukturen.

In Ihrer Zeit beim Bundeskriminalamt haben Sie sich ein Netzwerk aufgebaut, auf das Sie jetzt zurückgreifen können. Kooperieren Sie mit anderen Experten im Bereich Geldwäscherei?

Scherschneva: Ich habe zu Beginn meiner Selbständigkeit die AML-Akademie als Verein zur Förderung der Bekämpfung und Verhinderung von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung gegründet. Dahinter ist ein Vernetzungsgedanke gestanden, die Idee, die Leute zusammenzubringen. Im Lauf der Tätigkeit habe ich gemerkt, dass dieser Anspruch ehrenamtlich nicht gewährleistet werden kann, daher habe ich die Akademie mit Jahreswechsel in mein Unternehmen eingegliedert. Die Vernetzung von Experten steht aber nach wie vor im Mittelpunkt: Es finden etwa regelmäßige AML-Cafés statt, das nächste im Herbst zum Thema Korruption. Die Cafés werden hybrid abgehalten, der Hauptgedanke ist aber die persönliche Vernetzung vor Ort.

Mit welchen Problemen wenden sich Ihre Kunden an Sie?

Scherschneva: Es geht einerseits um Beratung im Einzelfall, z. B., ob eine auffällige Transaktion durchgeführt oder eine Verdachtsmeldung gemacht werden soll, andererseits um strategische Beratung, wie man etwa eine Risikoanalyse verfasst oder Prozesse und Strategien im Unternehmen aufbaut. Wenn es schnell gehen soll, beantworte ich Ad-hoc-Fragen telefonisch, vor allem im Zusammenhang mit der konkreten Anwendung von Sorgfaltspflichten wie der Prüfung der Mittelherkunft oder der Feststellung wirtschaftlicher Eigentümer. Die Meldepflichtigen wollen konkrete, praxisnahe Handlungsempfehlungen haben.

Im Wesentlichen geht es häufig darum, was sich die Aufsichtsbehörde erwartet: „Reicht es, wenn ich das so mache, oder kriege ich eins auf den Deckel?“ Da ist die langjährige Betrachtung durch das Auge der Behörde von Vorteil.

Zu welchen Punkten gibt es die meisten Fragen?

Scherschneva: Am häufigsten werden branchenübergreifend zwei Punkte angesprochen: erstens, wie Geldwäsche in der Praxis stattfinden kann, zweitens, wie die Anforderungen ressourcenschonend, effizient und trotzdem rechtlich korrekt umgesetzt werden können. Generell ist der Wunsch nach konkreten Informationen sehr hoch, besonders wenn diese von den zuständigen Behörden kommen.

Ist das Erkennen von gefälschten Dokumenten in der Praxis ein Thema?

Scherschneva: Soweit mir bekannt ist, finden immer wieder solche Schulungen mit Unterstützung der Landeskriminalämter statt. Meine praktische Erfahrung ist: Wenn ein Dokument schlecht gefälscht ist, erkennt es eine geschulte Person häufig. Eine sehr gute Fälschung erkennen auch Experten kaum.

Neben den Beratungen machen Sie auch Schulungen zum Thema Geldwäscherei. Was sind da die Schwerpunkte?

Scherschneva: Mein Schwerpunkt im Training ist, meldepflichtigen Berufsgruppen nähezurbringen, wie sie die Präventionsbestimmungen korrekt umsetzen können. Dazu biete ich neben In-House-Schulungen auch Online- und Präsenzseminare an.

In Kooperation mit Austrian Standards habe ich zwei Personenzertifizierungen ins Leben gerufen: Die Zertifizierung zum Geldwäsche-Compliance-Experten und zum Geldwäsche-Compliance-Trainer. Die Schulung zum Compliance-Experten habe ich kurz vor Covid ins Leben gerufen, als Online-Schulung ist sie einer der am häufigsten gebuchten Kurse. Meine persönliche Vision bei der Gestaltung meiner Dienstleistung ist die flächendeckende Information von Verpflichteten und eine standardisierte Ausbildung für alle betroffenen Unternehmen. Geldwäscheprävention kann nur dann erfolgreich funktionieren, wenn Zugang zu Informationen branchenunabhängig möglich wird.

Neben der Online-Plattform AML-Compliance.eu möchte ich auch mit meinem YouTube-Kanal „Die Geldwäscheexpertin“ für das Thema Geldwäscheprävention sensibilisieren.

Würde eine Beweislastenumkehr dabei helfen, dass mehr Fälle von Geldwäsche strafrechtlich verfolgt werden können?

Scherschneva: Eine Beweislastenumkehr wäre zweifellos hilfreich, aber ich bezweifle aufgrund der verfassungsrechtlichen Lage, dass sie bald kommen wird. Bevor man eine Beweislastenumkehr diskutiert, sollte man als möglichen Schritt über die Auslegung von Anfangsverdacht reden. Viele Staatsanwälte und Gerichte haben hier eine sehr enge Auslegung: Erst wenn man eine Vortat erkennt, ist eine Verfolgung möglich. Wenn jemand die Vortat wirklich gut verschleiert hat, was nebenbei bemerkt das vorrangige Ziel der Geldwäscher ist, stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren häufig mangels Anfangsverdachts ein, bevor überhaupt ermittelt werden kann.

Seit Sie die Behörde verlassen haben, hat sich einiges verändert, z. B. durch die Umsetzung der 5. Geldwäscherichtlinie, von der auch Virtual Asset Service Providers (VASPs) betroffen sind.

Scherschneva: In der Kryptobranche merkt man, dass die Verpflichtungen neu sind, die Nachfrage nach Schulungen und strategischer Beratung ist relativ hoch. In Österreich haben derzeit rund 20 Unternehmen eine Regis­trierung, die haben sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und sich auch Expertenhilfe geholt. Die Finanzmarktaufsichtsbehörde prüft Neuregistrierungen sehr genau und hat in der Vergangenheit sogar erteilte Konzessionen wieder zurückgezogen.

Gibt es viele Verdachtsmeldungen aus diesem Bereich?

Scherschneva: Die VASPs melden brav – aber es geht auch darum, von dem Gedanken wegzukommen, dass wir Erfolge an der Anzahl von Verdachtsmeldungen messen. Die Meldeverpflichtung ermöglicht es den Betroffenen, die Behörde von verdächtigen Transaktionen zu informieren. Primäre Aufgabe ist es aber, den Finanzmarkt zu schützen und keinen Missbrauch zuzulassen, indem man den Zugang zur Dienstleistung blockiert. Die Geldwäscherichtlinie hat im Titel die „Verhinderung der Nutzung des Finanzsystems zum Zwecke der Geldwäsche“, also die Prävention. Wenn ich einen verdächtigen Kunden wegschicke, war ich in der Prävention zu hundert Prozent erfolgreich. Die Meldung selbst ist dabei nur das i-Tüpferl auf der Präventionsmaßnahme. Wenn jemand, der keine ordentliche Erklärung für die Herkunft seines Vermögens hat, keinen Dienstleister findet, hat sich auch das Erfordernis einer Beweislastenumkehr erledigt, denn dann bekommt er kein Konto und keine andere Dienstleistung.

In vielen Branchen wird auf Provisionsbasis gearbeitet, das heißt, wenn jemand Kunden ablehnt, bekommt er weniger Geld. Wie kann man da die Motivation heben, trotzdem Meldung zu erstatten?

Scherschneva: Es ist eine Frage der Unternehmenskultur, der Compliancekultur, welche Kunden man anziehen möchte. Da geht es auch um das Image. Die Zeitungen berichten schließlich früher oder später darüber, wenn der Großteil der Kunden eines Unternehmens bedenklich ist.

Man sollte sich nicht von Kriminellen, die Geld aus fragwürdigen Quellen haben, missbrauchen lassen, sondern den Hausverstand einschalten. Es ist nicht im Sinne des Erfinders, dass man die 80-Jährige, die ihr Leben lang gespart und das Geld unter dem Polster versteckt hat, abweist, weil sie die Herkunft ihres Vermögens nicht nachweisen kann. Gleichzeitig kann eine Person des öffentlichen Lebens, ein Geschäftsmann oder Politiker, alles machen, weil man ja weiß, dass er Geld hat.

Um welche Summen geht es bei Geldwäsche meistens?

Scherschneva: Geldwäscheprävention an konkrete Summen zu knüpfen, ist aus meiner Sicht der zweite Denkfehler im System. Man bekämpft keine Geldwäsche, indem man alle Transaktionen ab 10.000 Euro besonders genau ansieht. Die Kriminellen kennen die gängigen Warnmerkmale mindes­tens genauso gut wie die Verpflichteten selbst. Durch meine Tätigkeit im Privatsektor habe ich gesehen, dass sich zahlreiche Meldepflichtige viele Gedanken über Red Flags machen und dabei die tatsächlichen Umstände, die eintreten können, völlig außer Acht lassen.

Wenn ein Glücksspielanbieter schaut, ob ein Kunde plötzlich viel Geld hat und sich anders verhält als sonst, ist das gut, aber er sollte sich auch überlegen, welche Kunden mit Geld aus potentiell kriminellen Handlungen überhaupt zu ihm kommen. Die Beträge bei Sportwetten sind nicht hoch, da kommt keiner, der einen Millionencoup gelandet hat oder Geldwäsche in großem Stil betreibt, sondern der Kleinkriminelle, der jeden Tag spielt, mit Fünfern und Zehnern.

Im Glücksspielsektor gibt es wahrscheinlich wenig Interesse, Kunden rauszuschmeißen.

Scherschneva: Das kleine Glücksspiel ist in Relation zur potentiellen Gefährdung, die sogar durch die Nationale Risikoanalyse als „gering“ eingestuft wird, eine der am stärksten überregulierten Branchen in Österreich. Da wird auf hoher Ebene performed, Behörden und Sektorteilnehmer setzen sich mit dem Thema Geldwäsche auseinander, es gibt viel mehr Schulungen als z. B. in den Bereichen Immobilien oder im Handel mit wertvollen Gütern.

Nutzen die Meldepflichtigen aus den unterschiedlichen Branchen auch die Geldwäschemeldestelle als Informationsquelle?

Scherschneva: Der Kreis der Verpflichteten ist sehr groß, die einen sind in regelmäßigem Austausch mit der Geldwäschemeldestelle, die haben auch mehr Praxiserfahrung. Von den anderen, die diesen Kontakt nicht haben, weiß man nicht viel.

Insgesamt scheinen aber mittlerweile alle Aufsichtsbehörden und Interessenvertretungen in dem Thema angekommen zu sein. In jedem Sektor gibt es zumindest stichprobenartige Überprüfungen, es werden z. B. Risikoanalysen eingefordert.

Welche aktuellen Entwicklungen gibt es im Bereich der Geldwäsche?

Scherschneva: Speziell seit Beginn der Pandemie verlagert sich viel in den Online-Bereich. Die Kriminellen haben die neuen Technologien entdeckt und missbrauchen sie, bei den Vortaten z. B. für Betrug im Internet oder durch Zahlungen mit Kryptowährungen.

Auf der Compliance-Seite geht die Entwicklung stark in Richtung von Künstlicher Intelligenz. Analysetools zum Transaktionsmonitoring sollen nicht nur vom Bediener gesteuert werden, sondern selbstständig Entwicklungen erkennen. Weil man sich davon eine deutliche Effizienzsteigerung verspricht, wird das auch in Zukunft weiter verfolgt werden.


Steckbrief: Elena Scherschneva trat 2003 in den Exekutivdienst bei der Bundespolizeidirektion Wien ein. 2005 bis 2008 war sie als Sachbearbeiterin im Büro zur Bekämpfung der russischen Organisierten Kriminalität im Bundeskriminalamt tätig. 2008 bis 2012 war sie im Bundeskriminalamt Kriminalsachbearbeiterin in der Geldwäschemeldestelle (A-FIU), anschließend bis Ende 2017 deren Leiterin. Als stellvertretende Leiterin des Büros Finanzermittlungen fungierte sie 2014 bis Ende 2017. Nach ihrem Austritt aus dem Bundesdienst machte sie sich als Vortragende, Sachverständige und Unternehmensberaterin im Bereich der Prävention von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung selbstständig.

Scherschneva absolvierte berufsbegleitend das Diplom- und das Doktoratsstudium der Rechtswissenschaften an der Johannes Kepler Universität Linz sowie das Masterstudium der Kriminologie an der Universität Hamburg. Sie ist diplomierte Lebens- und Sozialberaterin und NLP-Trainerin.