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Ein Suizid, der gar nicht stattfand?

Das politisch rechte Internetportal wochenblick.at berichtete im Februar 2021 in einem Artikel über den angeblichen Suizid einer 15-Jährigen. Nach Recherche des Presserats ist gar nicht sicher, ob der Suizid überhaupt stattgefunden hat.

Der Presserat verurteilt detaillierte Berichterstattung über Suizide und schlampige Recherche.

Das Medium sei durch eine Telegram-Gruppe auf den Fall aufmerksam geworden, in der eine Oberösterreicherin eine Parte geteilt habe. Telegram steht seit Längerem in der Kritik, da über den Messenger-Dienst immer wieder Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen verbreitet wer­den. Informationen, die ausschließlich über Telegram geteilt werden, seien laut Presserat nicht als zuverlässig einzustufen. Medien müssten Recherchen anstellen. Im Artikel war neben der Parte aus einem „virtuellen Kondolenzbuch“ zitiert worden. Allerdings ging nicht hervor, wo sich das Kondolenzbuch befinde. Recherchen des Presserats dazu waren erfolglos.

In der Landespolizeidirektion Ober­österreich konnte der angebliche Siuzid nicht verifiziert werden: Die LPD OÖ teilte dem Presserat mit, dass eine Nachfrage in den Bezirkspolizei- und Stadtpolizeikommanden zu keinem Ergebnis geführt habe; die LPD könne nicht bestätigen, dass der behauptete Suizid stattgefunden habe.

Der Presserat sieht in der mangelden Recherche des Mediums einen Verstoß gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex (Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten und Kommentaren).


Suizid im Detail. Zudem war in dem Artikel recht detailreich geschildert worden, wie die angebliche Selbsttötung vonstatten gegangen sein soll. „Suizidgefährdete Personen könnten die genaue Beschreibung der Tötungsmethode zum Anlass nehmen, auf eine ähnliche Weise Suizid zu begehen“, merkte der Presserat an. Eine detaillierte Suizidberichterstattung wie im vorliegenden Fall sei zudem geeignet, die Trauerarbeit der Angehörigen zu erschweren.

Bezüglich der Motive für den Suizid war im Artikel behauptet worden, dass der Lockdown gekommen sei und das Mädchen ohne ihre Freunde nicht mehr weiterleben habe wollen und sich deshalb das Leben genommen habe. Der Presserat stellte dazu fest, dass Suizide auf einem komplexen Geschehen beruhten; vereinfachende Erklärungen seien falsch.

Der Presserat erkannte einen Verstoß gegen Punkt 12 des Ehrenkodex (Suizidberichterstattung). Der wochenblick.at wurde aufgefordert, über den Ethikverstoß zu berichten – was er nicht tat.

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