• Alfred Ellinger

Ein paar Erinnerungen

Der Verleger einer meiner Bücher meinte, ich sollte alle diese Geschichtchen niederschreiben und in einem Buch veröffentlichen. Aber ich habe bisher immer nur Gesetzeskommentare und Sachbücher geschrieben. Ich glaube, diese mehr oder weniger heiteren Geschichten passen durchaus in diese Zeitung.


„Hansee“, wie er von seinen Freunden genannt wurde war ein hervorragender Boxer, ein Bewegungstalent mit einem Kämpferherz und wurde immerhin jüngs­ter Europameister. Erst ein (völlig unnötiger) Kampf mit dem gefürchteten Ex-US-Weltmeister Eddie Perkins war der Beginn seines sportlichen Abstiegs. Vier weitere, teils umstrittene Niederlagen gegen Ralph Charles, Juan Carlos Duran, Jacques Kechichian und Jose Manuel Duran bedeuteten schließlich das Ende seiner Boxkarriere.

Bedauerlicherweise begann damit auch sein sozialer Abstieg – falsche Freunde, Schulden und Alkohol. In seinem Gasthaus „Zum Rauchfangkehrer“ in der Goldschlagstraße, im 15. Wiener Gemeindebezirk, war er meist sein bester Gast.

Von den vierzehn Verurteilungen war ich für einige verantwortlich. Ich war damals noch Richter am Strafbezirksgericht am Hernalser Gürtel. Bis heute ist es für mich nur schwer erklärlich, dass Orsolics, ein Profiboxer, immer nur „leichte Körperverletzungen“ zustande brachte.

Aber Hansi Orsolics hatte auch viel Glück. Als ihn seine damalige Freundin wegen eines Unterweltlers verließ, wollte Orsolics das nicht hinnehmen und begab sich zu der nahe gelegenen Wohnung seines Konkurrenten, in der er auch zu Recht seine Freundin vermutete. Nach mehrfachen heftigen Klopfens und der lautstarken Aufforderung die Türe zu öffnen und herauszukommen, beschied ihm sein Widersacher, dass er sich „schleichen“ möge. Als Hans Orsolics schließlich begann die Türe einzutreten, griff der auch in Zuhälterkreisen verkehrende Liebhaber seiner Freundin zum Revolver und schoss durch die geschlossene Türe die Trommel – sechs Schuss – leer. Kein einziger Schuss hat Hans Orsolics getroffen. Als sein Gegner die durchlöcherte Türe öffnete um den Erfolg seiner Schüsse zu sehen, verprügelte ihn Hans Orsolics nach allen Regeln der (Box-)Kunst. Aber es waren wieder nur leichte Verletzungen. Daher meine Zuständigkeit am Strafbezirksgericht. Hans Orsolics, aber eher sein Verteidiger, ein bekannter Staranwalt, erklärten ´nicht schuldig´ im Sinne des Strafantrags zu sein, sondern in Notwehr gehandelt zu haben. Seine ehemalige Freundin sagte als Zeugin vor Gericht für den Beschuldigten Hans Orsolics desaströs aus. Sie legte ganz klar dar, dass keine Notwehrsituation mehr vorlag. Als ich Hans Orsolics die Aussage seiner ehemaligen Freundin vorhielt, war die Reaktion des Beschuldigten für mich doch einigermaßen überraschend: „Gölns, des is normal a Wahnsinn, sie liebt mich immer noch!“ Eine Verurteilung folgte.

Es dauerte nicht sehr lange, da stand Hans Orsolics wieder als Beschuldigter vor mir. Der Hintergrund: Orsolics kam in einer Bar in Wien mit einem dort engagierten Magier ins Gespräch. Das besondere dabei: der Magier hatte einen ausgewachsenen Puma als Begleiter. Es konnte nicht mehr geklärt werden, was Hans Orsolics so ärgerte, dass er dem Magier ein blaues Auge schlug. Bemerkenswert war aber, dass der Puma ruhig blieb und keine Anstalten machte seinen Herrn zu verteidigen. Vielleicht mochte er ihn auch nicht. Jedenfalls ein Glück für Hans Orsolics.

Nur wenig später stand Hans Orsolics wieder vor mir, ohne Staranwalt, den konnte er sich nicht mehr leisten. Der Sachverhalt war einfach. Ein Mann betrat das Wirtshaus „Zum Rauchfangkehrer“ und bestellte einen Spritzer. Um mit Hans Orsolics ins Gespräch zu kommen erklärte er, dass er auch Rauchfangkehrer sei (Hans Orsolics hat den Beruf des Rauchfangkehrers erlernt). Einer der anwesenden „Freunde“ von Orsolics rief diesem zu: „Herst, der sagt Rauchfangkehrer zu dir, lass da des net gfalln“. Orsolics ließ es sich nicht gefallen und brach dem Gast das Nasenbein – ohne Verschiebung, daher nur eine leichte Körperverletzung.

Schließlich wurde ich zum Richter am Landesgericht Eisenstadt ernannt. An Hans Orsolics habe ich nicht mehr gedacht. Der Präsident des Landesgerichtes ersuchte mich, eine Arrestvisite vorzunehmen. Als ich, begleitet von einem Justiz­wachebeamten, durch die eher trostlosen Gänge des Gefangenenhauses ging fiel mir ein Türschild auf: Hans Orsolics stand da. Ich ersuchte den Justizwachebeamten die Zelle aufzuschließen – und tatsächlich stand Hans Orsolics vor mir. Sein Gesicht erhellte sich sogleich, und er rief mir entgegen: „Des is normal a Wahnsinn, mei Richter kommt extra ins Burgenland!“ Ich war nicht für ihn zuständig. Hans Orsolics hatte nach seiner völligen Mittellosigkeit Zuflucht im Haus seines Vater im südlichen Burgenland gefunden. Zu seiner Verhaftung war es gekommen, weil er beim gemeinsamen Schnaps brennen mit seinem Vater den frisch gebrannten Schnaps aus Viertelgläsern trank und dann mit seinem Vater, weil dieser eine Freundin in der Nachbarschaft hatte und Hans Orsolics um sein Erbe fürchtete, in Streit geriet. Dabei schlug und bedrohte er seinen Vater und ließ sich auch von den herbeigeeilten Gendarmen nicht beruhigen.

Dank der Hilfe seines wirklichen Freundes Sigi Bergmann und der Ehe mit einer braven Frau, fand Hans Orsolics wieder zurück in ein bescheidenes, aber wie er sagte, glückliches Leben.


Der Gerichtsmediziner. Während eines Schöffenverfahrens wegen mehrerer Suchtgiftdelikte kam es im Verhandlungssaal zu einem Zwischenfall. Eine Zeugin, die selbst in Suchtgiftkreisen verkehrte, kollabierte plötzlich und fiel zu Boden. Ich hatte einen sehr bekannten gerichtsmedizinischen Sachverständigen zugezogen, der neben mir am Richtertisch saß. Ich wandte mich zum Sachverständigen und bat ihn doch „einen Blick auf die Bewusstlose zu werfen“. Gemeint hatte ich natürlich, der Sachverständige möge der Bewusstlosen erste Hilfe leisten. Der Sachverständige erhob sich nur leicht von seinem Sitz und blickte auf die junge Frau hinab. Dann wandte er sich zu mir und sagte: „Ja, man sollte die Rettung verständigen“. Ich war zunächst etwas perplex und meinte: „Herr Professor sollten sie sich nicht doch um die Zeugin kümmern“? Der Rechtsmediziner und Menschenfreund antwortete mir: „Ich bin nur für die Toten zuständig, um die noch Lebenden soll sich der Rettungsarzt bemühen.“ Das tat dann auch der herbeigerufene Notarzt.


Kapitän zur See. Journaldienst – Samstag gegen Mitternacht - Widerstand gegen die Staatsgewalt. Ein Anruf von Kriminalbeamten: „Wir haben einen Mann perlustriert, der auf der Hauptstraße seine Notdurft verrichtet hat. Er ist stark alkoholisiert und hat sich gewehrt“. Meine Gegenfrage: „Gewehrt wogegen?“ Antwort: „Er wollte sich nicht ausweisen, er hat uns gefrozzelt und gesagt, er sei Kapitän zur See. Meine Antwort: „Das ist ja noch kein Widerstand. Überprüfen Sie die Generalien und verständigen Sie mich wieder“. Kurze Zeit später kam die Mitteilung, dass der gute Mann tatsächlich „Kapitän zur See“ ist. Es wurde Anzeige auf freien Fuße erstattet. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren später eingestellt.


Der Polizeidirektor als Mörder. Tatort im Nordburgenland. In einem Garten wurde eine männliche Leiche mit zertrümmerten Schädel aufgefunden. Ich schickte die Tatortgruppe hin und ordnete die Beiziehung eines Gerichtsmediziners und die Durchführung einer Obduktion an. Am Tatort erschien plötzlich der Polizeidirektor und begann Anweisungen an die Tatortbeamten zu richten, die diese erfahrenen Beamten wirklich nicht benötigten. Mir war die Situation sehr unangenehm, schließlich ging ich einmal im Monat mit dem leitenden Staatsanwalt und dem Polizeidirektor Mittagessen. Bei dieser Gelegenheit tauchte er regelmäßig seine Krawatte in sein Gulasch. Ich nahm ihn also zur Seite und machte ihn darauf aufmerksam, dass es sich hier um einen gerichtlich angeordneten Lokalaugenschein handelt und die Leitung der Tatortarbeit daher dem Gericht obliegt. Plötzlich erhob sich der Leiter der Tatortgruppe vom Boden, blinzelte mir zu und sagte: „Wir haben den Täter. Wem dieser Füllfederhalter (den er in die Höhe hob) gehört, ist der Mörder“. Der Polizeidirektor wurde erst blass, dann rot und sagte: „Dass ist ja mein Füller, den muss ich verloren haben“. Ob solch derber Scherze zog es der Polizeidirektor dann doch vor, uns zu verlassen. Bei der Obduktion stellte sich schließlich heraus, dass es sich um einen Selbstmord gehandelt hat. Der Tote, der an Depressionen litt, hatte eine Selbstmordvariante gewählt, wie sie im alten Rom gelegentlich geübt wurde: Er ist mit dem Kopf mit voller Wucht gegen die Wand seiner Garage gelaufen. Die Folge war ein offener Schädelbruch, der unmittelbar zum Tode geführt hat. Familienangehörige hatten die Garage versperrt und den Blutfleck mit Knochensplittern an der Wand verdeckt. Es sollte wie ein Gewaltverbrechen aussehen. Die strenggläubige Familie hatte Angst, dass der tote Familienvater kein kirchliches Begräbnis bekommen würde.


Die Beichte. Während meines Journaldienstes wurde ein ägyptischer Staatsbürger wegen des Verdachts des Betruges, der schweren Körperverletzung und des Widerstands gegen die Staatsgewalt in die Justizanstalt Eisenstadt eingeliefert. Ich bestellte einen Dolmetscher für die arabische Sprache und ließ den Verdächtigen vorführen. Die Schriftführerin bekam keine Arbeit. Der Dolmetscher erklärte mir, nachdem er wenige Worte mit dem Inhaftierten gesprochen hatte, dass der Mann kein Arabisch spricht. Es gäbe in Ägypten eine Minderheit, die aramäisch (die Sprache Jesu) spreche. Er vermute, dass der Verdächtige dieser Minderheit angehöre. Die Suche nach einem Dolmetscher für die aramäische Sprache gestaltete sich schwierig. Der Arabisch-Dolmetscher hatte mir gesagt, dass er glaube, es gäbe einen Klosterbruder in Wien, der früher als Missionar im arabischen Raum tätig war und aramäisch spreche. Befreundete Kriminalbeamte in Wien konnten mir schon bald das Kloster, den Namen des Mönchs und die Telefonnummer des Klosters im siebenten Wiener Gemeindebezirk nennen. Es gelang mir schließlich, nach geraumer Zeit, den Ordensmann an das Telefon zu bekommen. Der Geistliche bestätigte mir, dass er aramäisch spreche. Einer Ladung, noch dazu so kurzfristig, könne er aber nicht nachkommen. Er sei bereits achtzig Jahre alt und wisse nicht, wie er so einfach nach Eisenstadt zum Gericht kommen könne. Ich versprach ihm, ihn von der Polizei abholen und wieder nach Hause bringen zu lassen und auch alle finanziellen Auslagen würden ersetzt werden. Er beschied mir immer wieder freundlich aber bestimmt, dass er nicht kommen könne. In meiner Not – schließlich lief die Haftfrist – erklärte ich ihm ohne allzu großer Hoffnung, dass ich schon sehr lange nicht mehr bei der Beichte gewesen sei und dass dies doch auch eine Gelegenheit wäre, dies nachzuholen. Ich würde gerne beichten. Diesem überzeugenden Argument, durchaus geleitet von seelsorgerischem Eifer, beugte sich der Pater schließlich, und er wurde von einer Kriminalbeamtenstreife abgeholt und zu Gericht gebracht. Er war ein großer, in seinem Habit Ehrfurcht gebietender Mann, mit ernstem, aber freundlichem Gesicht, das ein langer weißer Bart rahmte. Offenbar von der Persönlichkeit des dolmetschenden Paters beeindruckt, legte der Verdächtige ein umfassendes Geständnis ab. Nachdem der Gefangene abgeführt worden war, blickte mich der Pater mit seinen freundlichen Augen bestimmt an und sagte, er verzichte auf seine Dolmetschgebühren, aber die zugesagte Beichte wolle er doch hören. Ich habe gebeichtet und erhielt die Absolution, drei „Vater unser“ und drei „Gegrüßet seist Du Maria“ waren die Buße, die ich verrichtete. Ich blieb mit diesem klugen und gütigen Mann bis zu seinem Tode verbunden und beichtete noch einige Male bei ihm.

Es gäbe durchaus noch einige, doch etwas aus dem Rahmen des Gerichtsalltags gefallene Geschichten, die ich, wenn mich wieder einmal keine aktuelle Rechtsfrage, rechtspsychologische, kriminalistische, ethische oder auch nur politische Frage zu einem Bericht oder einer Analyse drängt, gerne erzählen werde.