• Rosemarie Pexa

Ein Leben wie ein Krimi

Dietmar Wachter von der Landespolizeidirektion Tirol wurde mit dem Ernst-Hinterberger-Preis für sein Lebenswerk geehrt.


Dietmar Wachter: „Früher hat jeder Täter seine Arbeitsweise gehabt. “

Wenn ein Kriminalbeamter für sein Lebenswerk geehrt wird, kann dieser meist auf eine Vielzahl von beruflichen Erlebnissen zurückblicken, mit denen sich ein ganzes Buch füllen ließe. Im Fall des Tirolers Dietmar Wachter tun sie es auch: Der Gruppeninspektor im Ruhestand schrieb nach fünf Tiroler Heimatkrimis anlässlich seiner Pensionierung am 1. Juni 2022 ein Buch mit wahren Begebenheiten aus seinem polizeilichen Alltag.

Dass Wachter nicht nur Humor hat, sondern auch eine besondere Begabung im Umgang mit Menschen – darunter jene, die auf der anderen Seite des Gesetzes stehen –, lässt die Widmung des Buches erahnen: „Ich widme es auch allen Verbrechern, Gaunern und Falotten, die mit ihren Straftaten für meinen sicheren Arbeitsplatz sorgten.“

Der Titel des Buches, „Geh rüber, da ist einer vom Hochhaus gesprungen!“, bezieht sich auf den „ersten Toten“, den Wachter im Lauf seiner Polizeikarriere zu Gesicht bekam. An­schließend an die Ausbildung in der Tiroler Gendarmerieschule trat er 1985 seinen Dienst in einem kleinen Gendarmerieposten in der Nähe von Innsbruck an. Schon nach ein paar Tagen schickte ihn der Abteilungsinspektor mit der Aufforderung, die später als Buchtitel diente, in eine nahe Wohnsiedlung. Dort lag auf dem Rasenstück vor einem Hochhaus ein Mann, der vom obersten Stockwerk gesprungen war. Das Aussehen des Toten bezeichnet Wachter als „ziemlich demoliert“.


Rustikal. Einen Grund, warum ihn ein derartiger Anblick weniger schockierte als andere junge Kollegen, sieht Wachter in seiner Kindheit. Bei einem Suizid würde zwar niemand „cool“ bleiben, allerdings helfe es, wenn man „rustikal“ aufgewachsen sei: „Wir haben schon als Kinder beim Schlachten zugeschaut. Später habe ich von einem Koch gelernt, wie man Geißen abzieht. Da schreckt es einen nicht, wenn etwas grauslich ausschaut.“

Wachter wuchs mit seinen Eltern und neun Geschwistern in einer kleinen Wohnung in der „Südtirolersiedlung“ auf. Das Geld war knapp, und in der Nachbarschaft wohnten nicht nur rechtschaffene Leute. Es gab ein Brüderpaar, das als Einbrecherduo zweifelhafte Berühmtheit erlangt hatte, einen jungen Mann, der in Italien auf den Strich ging, und einen zur Bar umgebauten Pferdestall, in dem die Größen der lokalen Unterwelt verkehrten. Auch einen Polizeieinsatz wegen eines amtsbekannten Dealers konnte Wachter beobachten. Die unterschiedlichen Rollen probten er und seine Freunde beim „Räuber und Gendarm“-Spielen. Damals war er sich noch nicht sicher, auf welcher Seite er später stehen wollte.

Sein erster Bildungsweg nach der Pflichtschule, eine Kaufmannslehre, führte ihn als Verkäufer in eine Waffenhandlung. Dort deckten sich unter anderem zwei als Wilderer bekannt gewordene Brüder mit Munition ein. Eine von Wachters Aufgaben als Lehrling war es, den Gehsteig vor dem Geschäftslokal zu kehren. Diese Tätigkeit verschaffte ihm die Gelegenheit, aus nächster Nähe mitzuerleben, wie Mitglieder der deutschen RAF einen Raubüberfall auf die Bezirkshauptmannschaft Landeck verübten.


Entscheidung. Er kam zu dem Schluss, dass die Rolle des „Räubers“ doch nicht zu ihm passte. Außerdem hätte er als Gendarm einen entscheidenden Vorteil: Wachter, der mit Begeisterung bei der Militärmusik Tirol und in einer Musikkapelle spielte, würde die Gelegenheit bekommen, auch in der Gendarmeriemusik zu spielen. Den Anstoß gab schließlich die Behauptung des Obmanns der Musikkapelle, es sei „aussichtslos“, sich bei der Gendarmerie zu bewerben. „'Jetzt erst recht!', habe ich mir gedacht“, kommentiert Wachter seine damalige Entscheidung, die er bis heute nicht bereut hat.

Die ersten Jahre bei der Gendarmerie verbrachte er in mehreren kleineren Dienststellen, eine Saison lang machte er im Wintersportort Ischgl Dienst. Spannend fand er das nicht sonderlich: „Wir haben vor allem Schidiebstähle, Schi- und Lawinenunfälle bearbeitet, das hat mich weniger interessiert.“ Einmal musste Wachter um fünf Uhr früh zu einer Lawinenbergung ausrücken. Gemeinsam mit seinen Kollegen brachte er den geretteten Wintersportler auf die Wachstube und versorgte ihn mit heißem Tee. Der Mann dankte es den Gendarmen mit frechen Kommentaren, woraufhin ihn diese vor die Tür setzten.

In seinem Element fühlte sich Wachter, nachdem er 1990 zum Gendarmerieposten – der späteren Polizeiinspektion – Landeck gewechselt war, wo er bis zu seiner Pensionierung blieb. Er wirkte bei der Schaffung einer kleinen Kriminaldienstgruppe mit, die im Lauf der Zeit erweitert wurde. Von 1992 an war er 30 Jahre lang vorwiegend im Kriminaldienst eingeteilt, auch als Tatortbeamter. Er bearbeitete insgesamt 173 Todesfälle und war bei etwa 40 Obduktionen dabei.


Kontakte. Schon in den ersten Jahren begann er, Kontakte zu knüpfen – zu Unternehmern, Gemeindevertretern, Behörden und Gerichten, aber auch zu Personen und Gruppen am Rande der Gesellschaft wie ethnischen Minderheiten, Bettlern, Obdachlosen, Suchtkranken und dem Rotlicht-Milieu. Passierte ein Raub oder Einbruch, stattete er den üblichen Verdächtigen einen Besuch ab, so Wachter: „Früher hat man gewusst, wer es sein könnte, da hat jeder Täter seine Arbeitsweise gehabt. Er hat dann auch zugegeben, dass er es war.“

Insbesondere die Osterweiterung brachte eine Veränderung mit sich. Die Täter kamen, begingen eine Straftat und setzten sich danach wieder ins Ausland ab. Auch die Polizei passte ihre Vorgehensweise an. „Die Technik hat uns sehr geholfen“, zeigt sich Wachter gegenüber neuen Entwicklungen aufgeschlossen. Fortschritte in der Spurensicherung trugen vermehrt zur Klärung von Fällen bei.


Opferstockdiebe. Wachter nützte selbst einfache Kriminaltechnik und war dabei äußerst kreativ – etwa, als es darum ging, Opferstockdiebe zu überführen. „Wir haben bei den Opferstöcken Wildkameras in Blumentöpfen, Kerzenständern oder herumstehenden Putzmittelbehältern versteckt“, verrät Wachter. Er ersuchte Pfarrer, Messner, Friedhofsgärtner und -besucherinnen, die Augen offen zu halten. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. So wurde einmal ein bulgarisches Diebspärchen auf frischer Tat ertappt, ein anderes Mal ein Rumäne, der Beute und Einbruchswerkzeug bei sich hatte, noch am Tag der Tat festgenommen.


Kindesmörderin. Unter den Mordfällen ist Wachter besonders einer in Erinnerung geblieben, der mit einer Anzeige wegen Betrugs begann. Eine junge Frau hatte im Krankenhaus ein Kind zur Welt gebracht, die ihr zugestellte Rechnung für den Spitalsaufenthalt wurde allerdings mit dem Vermerk „unbekannt“ retourniert. Wachter und seine Kollegen konnten die Adresse der Frau, die bei ihren Eltern wohnte, herausfinden, und statteten ihr einen Besuch ab. Ihr Vater öffnete und erzählte, seine Tochter sei vor kurzem wegen eines Blinddarmdurchbruchs im Krankenhaus gewesen. Die Tochter, die hinter ihm stand, legte den Finger auf ihre Lippen.

Wachter verstand die Geste und brachte die Frau zur Dienststelle, wo sie folgende Geschichte erzählte: Sie hatte ein Mädchen geboren und es per Flugzeug zu einer Tante nach Anato­lien gebracht. Darauffolgende Ermittlungen in der Türkei führten jedoch zu keinem Ergebnis. Ein Jahr später legte die Kindesmutter ein Geständnis ab: Sie hatte ihr Baby erwürgt und die Leiche in einer Kühlbox in einem Heustadel versteckt. „Ich hörte mir die Verhandlung am Landesgericht an und war erschüttert, als der Gerichtsmediziner den Todeskampf des Säuglings schilderte“, so Wachter, für den Fälle, in denen es um den Tod von Kindern ging, immer die schlimmsten waren.


Todesnachricht. Zu den Aufgaben, die kein Polizist gern übernimmt, zählt das Überbringen von Todesnachrichten. Einmal musste Wachter einem Norweger, der in Tirol Schiurlaub machte, eine Hiobsbotschaft mitteilen: Seine Frau, die zu Hause geblieben war, hatte die beiden gemeinsamen Kinder und dann sich selbst getötet. „Der Mann nahm seinen Autoschlüssel und wollte sofort heimfahren. Ich konnte nicht zulassen, dass er sich in so einem Zustand ans Steuer setzt, und organisierte eine Abholung“, erklärt Wachter. Sein Wissen, worauf es im Gespräch mit Menschen ankommt, die mit einer Todesnachricht konfrontiert sind, vermittelte er Mitgliedern von Kriseninterventionsteams in Vorträgen.


Hilfsbereitschaft. Zu den erfreulichen beruflichen Erlebnissen zählt es, wenn jemand, der die Polizei als Freund und Helfer erlebt hat, selbst zur Aufklärung eines Falls beiträgt. So z. B. eine Mutter von sieben Kindern, deren Ehemann trotz Wegweisung mitten im Winter die gemeinsame Wohnung okkupiert hatte. Wachter schaffte den betrunken auf der Couch liegenden Mann aus dem Haus und brachte den Rest der Familie, die frierend draußen gewartet hatte, zurück in die warme Stube.

Einige Jahre später traf Wachter die Frau in einem Schwimmbad wieder. Sie steckte ihm einen Zettel mit einer Telefonnummer zu und flüsterte, dass es sich dabei um die Handynummer eines Dealers handelte. Dieser war der Polizei schon einmal trotz Telefonüberwachung durch die Lappen gegangen, hatte nun aber weniger Glück. Die Kollegen vom Landeskriminalamt konnten ihm den Schmuggel von insgesamt über einer Tonne Cannabis nachweisen, die er als Behinderter getarnt in einem Rollstuhl über die Grenze geschafft hatte.

Diese und noch viele andere Fälle sind in dem vorerst letzten von Wachter geschriebenen Buch verewigt; das nächste ist schon in Vorbereitung. Dabei handelt es allerdings weder um weitere Anekdoten aus seinem Berufsleben noch um den sechsten Band seiner beliebten Tiroler Krimis. Ein Gesetzesbrecher kommt trotzdem darin vor. Vorbild für die Hauptfigur des geplanten historischen Romans ist ausgerechnet ein entfernter Verwandter Wachters, der 1914 geboren wurde. Als Betrüger, Hochstapler und Heiratsschwindler ist er nicht gerade ein Sympathieträger, aber, so Wachter augenzwinkernd: „Er hat sogar die NSDAP betrogen.“