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  • Werner Sabitzer

Ein Jugendlicher als Dreifachmörder

Ein unauffälliger und als höflich beschriebener Lehrling brachte Anfang Mai 1966 in Niederösterreich auf brutale Weise drei ihm nahe stehende Menschen um. Seine rasche Festnahme verhinderte vermutlich weitere Verbrechen.


Der Strafprozess gegen Leopold K. wurde vor dem Jugendgeschworenengericht in Korneuburg geführt.

Eine Nachbarin hörte am 2. Mai 1966 kurz nach fünf Uhr früh Schreie aus einem Wohnhaus in Korneuburg in Niederösterreich. Weil aber die Bewohnerin in der Nachbarschaft als streitsüchtige Alkoholikerin bekannt war, kümmerte sich die Nachbarin nicht weiter um den ungewöhnlichen Vorfall.

Am nächsten Tag drangen aus einem Wohnhaus in der Eichkogelsiedlung in Guntramsdorf in Niederösterreich Schreie. Dort wohnten die 37-jährige Rosa und ihr 53-jähriger Mann Dr. Clemens B. Es kam aber niemand auf die Idee, die Gendarmerie zu verständigen, da in der Nachbarschaft bekannt war, dass sich das Ehepaar häufig in die Haare geriet.

Kurz darauf gab es Mordalarm. In Guntramsdorf wurden die Leichen von Rosa und Clemens B. gefunden und in Korneuburg lag die 61-jährige Rosa K. blutüberströmt auf dem Boden.

Der Verdacht richtete sich gegen den 17-jährigen Leopold K., den unehelichen Sohn des Opfers Rosa B. und Enkel von Rosa K., bei der er gewohnt hatte. Er war Schlosserlehrling in der Schiffswerft in Korneuburg und seit den Morden verschwunden.

Am Morgen des 4. Mai 1966 erkannte eine Bäuerin in Deutsch-Feistritz in der Steiermark den Gesuchten und alarmierte die Gendarmerie. Die Frau hatte das Fahndungsfoto des Mordverdächtigen im Fernsehen gesehen. Leopold K. wurde verhaftet. Bei den Einvernahmen gestand er bald die drei Morde.

Leopold K. wurde am 20. Oktober 1949 als uneheliches Kind von Rosa B. geboren. Seinen Vater hatte er nie kennengelernt. Seine Mutter, in der Anklageschrift als egoistische und vergnügungssüchtige Frau beschrieben, heiratete 1952 Johann K. Die Ehe wurde 1956 wegen alleinigen Verschuldens der Frau geschieden. Die Mutter trieb sich in Lokalen in Wien herum und kümmerte sich kaum um Leopold, der meist bei der Großmutter lebte.

1957 heiratete Rosa den Finanzjuristen Dr. Clemens B. Das Paar zog in eine Wohnung in Guntramsdorf. Rosa hatte den wesentlich älteren Juristen offenbar nicht aus Liebe geheiratet, sondern wohl aus „Versorgungsgründen“. Sie tyrannisierte und betrog ihren Mann, manchmal ging sie auch tätlich gegen ihn vor. Ihr Sohn Leopold blieb bei der Großmutter in Korneuburg, die immer wieder betrunken war und mit den Nachbarn stritt.


„Overkill“. Am 2. Mai 1966 wollte Leopold K. in aller Früh zum Internat der Berufsschule fahren. Da begann seine Großmutter ihn zu beschimpfen und auch über seine Mutter und deren Mann herzuziehen. Leopold K. forderte seine Oma auf, den Mund zu halten, ansonsten werde er sie erschlagen. Als die Frau weiterschimpfte, holte Leopold K. einen Hammer und schlug vierzehnmal auf den Kopf seiner Großmutter ein, bis sie regungslos am Boden lag. Dann schnitt er dem Opfer mit einem Wiegemesser die Kehle durch.

Nach der Bluttat fuhr der Lehrling mit der Schnellbahn nach Wien und ließ sich mit einem Taxi zur Wohnung seiner Mutter nach Guntramsdorf bringen. Er erzählte seiner Mutter von einer „Millionenerbschaft“, die sein nach Kanada ausgewanderte Onkel Franz ihm hinterlassen hätte. Die Nacht verbrachte er in der Wohnung seiner Mutter. Als diese in der Früh Blutspuren an der Kleidung entdeckte, fragte sie ihren Sohn, ob der Großmutter etwas geschehen sei. Leopold stach daraufhin mit einem Messer zehnmal auf seine Mutter ein. Das Opfer verblutete.

Die nächste Bluttat erfolgte in Raubabsicht. Leopold K. lockte seinen Stiefvater Clemens B., der gerade mit seinem Auto wegfahren wollte, in die Wohnung zurück. Dort ermordete er ihn mit 45 Messerstichen, um mit dessen Auto flüchten zu können. Danach fuhr Leopold K. mit dem Pkw des Toten zum Neusiedler See, nach Graz, ins Tullnerfeld und neuerlich in die Steiermark. In der Nacht schlief er im Auto. Nach seiner Festnahme gab Leopold K. an, den Stiefvater eigentlich gemocht zu haben. Er habe ihn nur deshalb erstochen, weil er dessen Auto für die Flucht gebraucht hätte. Durch die rasche Festnahme des Verdächtigen dürften weitere Bluttaten verhindert worden sein.


Der Strafprozess gegen Leopold K. vor dem Jugendgeschworenengericht in Korneuburg begann Anfang Mai 1967. Der Strafverteidiger warnte die Geschworenen vor einem „Fehlurteil“ und verwies auf einen anderen Strafprozess in Korneuburg, bei dem ein junger Mann wegen dreifachen Mordes zu einer lebenslangen Kerkerstrafe verurteilt, aber 17 Jahre später „wegen erheblicher Zweifel an seiner Schuld“ aus der Haft entlassen worden war. Es handelte sich um den Fall Erich R. Der 23-jährige Welthandelsstudent wohnte mit seiner Mutter im Haus seines Onkels, eines Mühlenbesitzers in Göllersdorf, und hoffte, die Mühle übernehmen zu können. Der Mühlenbesitzer heiratete aber eine junge Frau und bekam mit ihr ein Kind. Am 23. Februar 1948 wurden das Ehepaar und ihr zweieinhalbjähriger Sohn erschossen im Schlafzimmer aufgefunden. Da man einen „Abschiedsbrief“ der Ehefrau fand, gingen die Ermittler von einer Familientragödie aus und die Toten wurden beerdigt. Als sich jedoch herausstellte, dass auf die vermeintliche Mörderin und Selbstmörderin zweimal geschossen worden war, und weil es weitere Ungereimtheiten gab, wurden die Leichen am 11. Oktober 1949 exhumiert und gerichtsmedizinisch untersucht. Die Gerichtsmediziner kamen zum Ergebnis, dass die Frau nicht geschossen haben kann. Der Verdacht fiel nun auf Erich R. Er gestand den Dreifachmord, widerrief aber sein Geständnis und behauptete immer wieder, unschuldig zu sein. Er wurde in einem Indizienprozess am 26. Oktober 1950 vor dem Schwurgericht Korneuburg wegen dreifachen Meuchelmordes zu einer lebenslangen, schweren Kerkerstrafe, verschärft mit Dunkelhaft und hartem Lager an jedem Jahrestag der Tat verurteilt. Erich R. bestritt weiterhin, die Bluttat begangen zu haben.

Der Journalist und Verleger Gustaf Adolf Neumann, der vermutlichen Jus­tizirrtümern nachging und eine Reihe von Verurteilten rehabilitieren konnte, nahm sich des Falles Erich R. an. Nach jahrelangen Bemühungen gelang es Neumann, dass Erich R. 1966 nach 17 Jahren Haft in der berüchtigten Vollzugsanstalt Stein freigelassen wurde.


Höchststrafe. Im Fall des Dreifachmörders Leopold K. kamen die psychiatrischen Gutachter zum Ergebnis, dass der Lehrling bei seinen Bluttaten zurechnungsfähig gewesen sei. Der Angeklagte wurde des Mordes an seiner Großmutter und Mutter und des Raubmordes an seinem Stiefvater von den acht Geschworenen am 7. März 1967 einstimmig schuldig gesprochen. Leopold K. wurde zu fünfzehn Jahren Kerker verurteilt – zur Höchststrafe nach dem Jugendstrafrecht. Der Verurteilte verzichtete nach der Urteilsverkündung auf Berufung und Nichtigkeitsbeschwerde.















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