• Gerhard Brenner

Die Top-Kiberer 2022

Wiener Kriminalisten klärten einen Raubmord, drei Home-Invasions, sowie sechzig Einbrüche und wurden „Kriminalisten 2022“. Die Vereinigung österreichischer Kriminalisten vergab den Award zum 19. Mal.


Kriminalbeamte vor den Vorhang zu holen, die in mühevoller Detailarbeit oft komplexe Tatzusammenhänge aufklären – darum gehe es der Vereinigung österreichischer Kriminalisten, sagte deren Präsident Mag. Alfred Ellinger bei der Verleihung des Awards „Kriminalisten des Jahres“ am 7. Oktober 2022 im Wiener Rathaus. Die Arbeit der Kriminalisten werde meist nicht nur von einigen wenigen gesehen, sie werde meist auch nicht entsprechend gewürdigt und geschehe oft sogar „mit Gegenwind behaftet“.

Die Auswahl der Finalisten sei in fast allen eingereichten Fällen „äußerst schwierig“, sagte Ellinger. „Vor allem die besten drei sind so eng beisammen, dass eine Unterscheidung zwischen den Plätzen eins, zwei und drei oft kaum möglich ist.“

Der Titel „Kriminalist des Jahres“ wurde heuer zum 19. Mal vergeben. Der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit Dr. Franz Ruf betonte, dass die Auswahl der „Kriminalisten des Jahres“ ein Zeichen der hohen Aufklärungsqualität in Österreich sei. „Viele Länder beneiden uns um unsere Kriminalpolizei“, sagte Franz Ruf. Er sprach auch die Kriminaldienstreform an. Diese befinde sich „im letzten Drittel“ ihrer Ausführung.


1. Rang: Kriminalisten des LKA Wien (EB01/02) und StA Wien.

Erster Platz. „Kriminalisten 2022“ wurde ein Team aus dem Landeskriminalamt (LKA) Wien. Die Kriminalistinnen und Kriminalisten klärten im Vorjahr die Ermordung eines Juweliers auf. Er war bei einem Überfall mit einem Messer attackiert und derart geschlagen und misshandelt worden, dass er an seinen Verletzungen verstarb. Die Täter waren zunächst unerkannt entkommen. Die Ermittler des LKAs Wien forschten zwei Männer aus, die über Tschechien und die Slowakei geflüchtet waren. In weiterer Folge ermittelten sie insgesamt zwölf Verdächtige, denen sie neben dem Juwelierraub drei Home-Invasions zur Last legten sowie sechzig Einbrüche in Geschäfte und Büros.

Josef Kerbl, BA MA, Leiter des Landeskriminalamts Wien, hob die Konstanz der Wiener Kriminalpolizei hervor. Es habe sich in den vergangenen Jahren viel getan, was Ausrüstung und Ausbildung betreffe. „Aber das Engagement und das Herzblut, das viele Kriminalbeamte in Wien in ihre Arbeit investieren, kann einem keine Ausbildung eintrichtern“, sagte Josef Kerbl.


2. Rang: Kriminalisten des LKA Wien, Außenstelle West und StA Wien.

Platz zwei. Zweite im Bewerb um den Kriminalisten 2022 wurde ein weiteres Tam aus dem LKA Wien und eine Staatsanwältin des Landesgerichts Wien. Sie klärten einen versuchten Mord auf. Das Opfer sollte im Auftrag seines Ex-Schwiegervaters ermordet werden, weil sich dieser von ihm an seiner Ehre verletzt gefühlt hatte. Es befindet sich seit der Tat im Wachkoma.

Obwohl die Ermittler den Auftraggeber und einen Komplizen wegen Mordversuchs recht bald überführt hatten und diese bereits zu hohen Haftstrafen verurteilt worden waren, ermittelten sie weiter und überführten auch den ausführenden Täter und einen Gehilfen. Sie nahmen dazu drei Anläufe, bis die Tat in all ihren Einzelheiten geklärt war.

In beiden Fällen des Wiener Landeskriminalamts waren Staatsanwälte mit am Podium der Ausgezeichneten: Im Fall des ermordeten Juweliers war es MMag. Markus Göschl, im Fall des versuchten Auftragsmordes war es MMag. Kerstin Wagner-Haase. Die Staatsanwältin bzw. der Staatsanwalt hatten sich derart in die Ermittlungen eingebracht, dass auch sie als „Kriminalistin des Jahres“ bzw. „Kriminalist des Jahres“ geehrt wurden.

„Das ist für uns eine besondere Ehre“, sagte Dr. Marie-Luise Nittel, Leiterin der Staatsanwaltschaft Wien. Sie betonte, dass für Staatsanwältinnen und Staatsanwälte dieselben Eigenschaften im Mittelpunkt stünden wie für Kriminalbeamtinnen und -beamte, nämlich Ausdauer, Engagement, Hartnäckigkeit und ein Nicht-Nachlassen.


3. Rang: Kriminalisten vom LKA Oberösterreich und dem Bundeskriminalamt.

Platz drei. Dritte im Bewerb um den „Kriminalisten des Jahres 2022“ wurden Kriminalbeamte aus Oberösterreich. Sie deckten in der Operation Rudolf einen Fall von „Geschäftsführer-Betrug“ auf, bei dem sich Betrüger per E-Mail als Beauftragte des Geschäftsführers bzw. als er selbst ausgegeben hatten und eine leitende Angestellte zur Überweisung von insgesamt 50 Millionen Euro veranlasst hatten. Die Ermittler deckten internationale Strukturen organisierter Kriminalität auf.

Der stellvertretende Landespolizeidirektor Dr. Rudolf Keplinger betonte die Schwierigkeiten in der Bekämpfung derart internationaler Wirtschaftskriminalfälle, wie es im oberösterreichischen Ermittlungsakt war. Hinzu kam die Weitläufigkeit – von Europa über Israel bis nach Asien. Auch in solchen Fällen stehe Hartnäckigkeit an oberster Stelle der Eigenschaften, die ein Kriminalist aufbringen müsse.

Mag. Manuel Scherscher, stellvertretender Direktor des Bundeskriminalamts, fügte hinzu, dass solchen Ermittlungen neuerdings nicht ohne eine Cyber-Komponente ablaufen. Es sei daher wichtig, in die Bekämpfung der Cyber-Kriminalität zu investieren – sowohl was die Ausrüstung anlange, als auch Personelles.


„Newcomerin“ Bettina Strieder von der LPD Tirol.

Kriminalistennachwuchs. Bettina Strieder von der Landespolizeidirektion Tirol wurde als „Newcomerin“ geehrt. Sie hatte erst wenige Monate zuvor die Polizeischule absolviert, als sie in der Polizeiinspektion (PI) Niederndorf einem Tankwagenfahrer nachwies, dass er über mehrere Jahre hindurch Diesel und Benzin abgezweigt hatte – im Gesamtwert von 1,5 Millionen Euro. In einem zweiten Fall überführte sie eine „Love-Scammer-Gruppierung“. Eine Frau hatte sich in einen angeblich 47-Jährigen im Internet verliebt und ihm in mehreren Teilen knapp 220.000 Euro überwiesen. Bettina Strieder gewann das Vertrauen der Frau. Es bedurfte einiger Überzeugungskraft, dem Opfer bewusst zu machen, dass es einem Liebesbetrüger aufgesessen war.

Unter Mithilfe der Betrogenen wurden im März 2022 drei Verdächtige verhaftet.

Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit – wie sie den Inhabern der ersten Plätze zugeschrieben wurden – hätten bereits in frühen Stufen einer Kriminalistinnenkarriere ihre Auswirkungen, stellte Mag. Christian Schmalzl fest. Er ist stellvertretender Landespolizeidirektor von Tirol. „Und wie der Fall unseres Dietmar Wachter zeigt, sind das bestimmende Eigenschaften über ein gesamtes Dienstleben hinweg“, sagte Schmalzl.


Dietmar Wachter von der LPD Tirol wurde für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Der Tiroler Polizist Dietmar Wachter wurde von der Vereinigung österreichischer Kriminalisten für sein Lebenswerk mit dem „Ernst-Hinterberger-Preis“ ausgezeichnet.

Der Tiroler Kriminalbeamte trat 1984 in die Gendarmerie ein und war ab 1992 vorwiegend im Kriminaldienst tätig. Dabei bearbeitete er unter anderem als Tatortbeamter 173 Todesfälle und war bei 40 Obduktionen dabei. Er erwischte Einbrecher und Diebe auf frischer Tat, klärte Morde, Suchtgiftdelikte und Raubüberfälle. Wachter schrieb neben seiner Arbeit fünf „Tiroler“ Kriminalromane. Seit Juli 2022 ist er in Pension.


„Ernst-Hinterberger-Preis“ für Norbert Kappel vom LKA Wien.

Kriminalbeamter mit Herz und Seele. Ebenfalls mit dem „Ernst-Hinterberger-Preis“ ausgezeichnet wurde Norbert Kappel vom LKA Wien, Außenstelle Zentrum-Ost. Sein Laudator Martin Roudny, BA MA, Leiter der LKA-Außenstelle Zentrum-Ost bezeichnete ihn als „Kriminalbeamten mit Herz und Seele“.

Neben zahllosen Ausforschungen, Festnahmen und Klärungen von Straftaten als „Bezirkskiberer“ übernahm Norbert Kappel 2013 die zentrale Bekämpfung des Taschendiebstahls in Wien. „Er hat dort ein schlagkräftiges Team um sich geformt und die Datenbank Taschendiebstahl aufgebaut“, betonte Roudny. Seit 2015 stehe diese allen Polizistinnen und Polizisten in Österreich zur Verfügung.

Norbert Kappel war Gründungsmitglied der Arge Taschendiebstahl. Diese wurde 2009 ins Leben gerufen, als die Zahl der Taschendiebstähle in Österreich, speziell in Wien durch die Decke ging. Von den 38.000 Delikten im Jahr 2008 bundesweit, bzw. den 25.000 Fällen Wien-weit wurden nur wenige Delikte aufgeklärt. 2013 lag die Taschendiebstahlsaufklärung der Wiener Polizei erstmals über der als magisch geltenden Fünf-Prozent-Marke und ist es bis heute geblieben. Die Zahl der Delikte sank auf 4.000 Fälle. Seit 2009 wurden mehr als tausend Personen wegen Taschendiebstahlsverdacht festgenommen, zwei Drittel davon wurden in Untersuchungshaft genommen.

Norbert Kappel wurde 2021 mit dem Goldenen Verdienstzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. Roudny bezeichnete ihn als „verlässlichen, treuen, blitzgescheiten Kriminalbeamten mit Führungskompetenz, Pflichtbewusstsein und Durchschlagskraft“. Er habe einen pragmatischen und zielstrebigen Zugang und sei ein Kriminalbeamter mit Ecken und Kanten, „der die Wahrheit auf der Zunge trägt“.