• Werner Sabitzer

Die „Mordbestie von Raabs“

Ein Jugendlicher schoss in der Zwischenkriegszeit in Traiskirchen in Niederösterreich auf einen Gendarmen und rottete einige Jahre später in Raabs an der Thaya fast eine ganze Familie aus.


Ehemaliges Bezirksgericht Raabs an der Thaya: Dreifacher Mord im Gerichtsgebäude.

Ein Gendarmeriebeamter aus Dietmanns im Waldviertel brachte am Sonntag, 25. Juli 1927, in der Früh einen in der Nacht festgenommenen Mann zum Bezirksgericht Raabs an der Thaya. Das Gerichtsgebäude war verschlossen, auf Läuten und Klopfen reagierte niemand. Der Postenkommandant ließ einen Schlosser holen, der das Tor des Gerichtsgebäudes gewaltsam öffnete.

Auch die Türen im Haus waren versperrt und der Schlosser brauchte einige Zeit, alle Türschlösser zu öffnen. In den Kanzleiräumen im zweiten Stock fanden die Gendarmen bewusstlos auf dem Boden liegend den Vollstreckungsbeamten und Gefängnisaufseher Karl Hermann in einer Blutlache. In der Nähe lag ein eiserner Kleiderständer, mit dem Hermann offenbar niedergeschlagen worden war.

Im Keller lag Anna Hermann, die 23-jährige Ehefrau des Gefängnisaufsehers. Ihr Schädel war mit Hackenhieben zertrümmert worden. Außerdem hatte ihr Mörder versucht, die Leiche zu schänden. Neben der Toten lag ihr vierjähriger Sohn. Der Täter hatte ihm mit der Axt fast den Kopf abgetrennt. In der Küche der Dienstwohnung Hermanns fanden die Gendarmen die acht Monate alte Tochter. Das Kleinkind lag tot in einer Wiege, erdrosselt mit einer Wäsche­leine.

Die Gendarmen ermittelten bald einen Verdächtigen. Der 18-jährige Johann Sourada war Untersuchungshäftling im Gerichtsgebäude. Karl Hermann hatte ihn am Samstag aufgefordert, die Gerichtskanzlei zu reinigen. Sourada war seitdem verschwunden. Tschechoslowakische Gendarmen erkannten aufgrund der Personsbeschreibung den Geflüchteten in der Nähe der Grenze auf der Straße und verhafteten ihn und brachten ihn in das Bezirksgericht Jamnitz (Jemnice). Im Verhör gestand Sourada die Bluttat. Er behauptete, von einem Mithäftling aufgefordert worden zu sein, den Gefängniswärter zu überwältigen und zu flüchten.


Tathergang. Johann Sourada schilderte die Bluttat ohne Reue. Nachdem ihn der Gefängnisaufseher aufgefordert hatte das Büro zu reinigen, nahm er den eisernen Kleiderständer und schlug damit Hermann mehrmals auf den Schädel. Lebensgefährlich verletzt sank das Opfer zu Boden. Der Täter ging in den ersten Stock, wo ihm die Ehefrau Hermanns und ihr Sohn entgegenkamen. Als Sourada ein Messer zog und auf die Frau losgehen wollte, flüchtete sie mit dem Kind in den Keller. Sourada lief ihnen nach, attackierte die Frau, nahm die Axt vom Hackstock und schlug sechs- oder siebenmal auf den Kopf seines Opfers, abwechselnd mit der scharfen und stumpfen Seite der Hacke. Dann begann er, sich an der Leiche zu vergehen. Als der Bub ihn von der Leiche der Mutter wegziehen wollte, nahm er die Hacke und erschlug auch das Kind. Danach ging er in die Dienstwohnung nach oben und hörte den Säugling schreien. Er würgte das Kleinkind und erdrosselte es mit einer Schnur. Nach den Morden stahl er etwas Geld, sperrte alle Türen im Gerichtsgebäude ab, nahm die Schlüssel mit und verließ das Gerichtsgebäude am frühen Morgen. Sourada flüchtete Richtung tschechoslowakische Grenze. In der Nähe von Großau überfiel er ein zwölfjähriges Mädchen, vergewaltigte es und verletzte es schwer. Kurz darauf überwältigte er eine 19-Jährige, verletzte sie mit Messerstichen und vergewaltigte sie ebenfalls. Wäre er nicht rasch verhaftet worden, hätte er weiter gemordet, geraubt und vergewaltigt, waren die Gendarmen überzeugt. Karl Hermann überlebte den Überfall, ihm musste aber ein Auge entfernt werden.

Johann Souradas Vater war Gendarm in Bosnien, übersiedelte mit der Familie in die Tschechoslowakei und kam Anfang der 1920er-Jahre nach Brunn am Gebirge in Niederösterreich, wo er als Portier und Nachwächter in einer Fabrik arbeitete. Er war ein starker Trinker und trank laut eigener Aussage im Tag oft ein bis zwei Liter Wein und eine Flasche Schnaps. Sein Sohn Johann kam 1909 in Bosnien nach einer Zangengeburt bewusstlos auf die Welt. Sein Kopf war von der Geburtszange flachgedrückt worden. Mutter und Kind wären beinahe gestorben. Als Zehnjähriger fiel Johann Sourada von einem Ziegelofen vier Meter in die Tiefe und verletzte sich schwer am Kopf. Seitdem soll er sich sonderbar verhalten haben. In der Schule war er verhaltensauffällig und wurde von Mitschülern gemobbt.

Souradas kriminelle Karriere begann bereits in der Kindheit. Er beging Diebstähle und Einbrüche und trug schon als Kind einen Revolver. Als 14-Jähriger vergewaltigte er 1923 auf der Straße ein Mädchen, wurde aber für diese Gewalttat nicht verurteilt, weil ein Gerichtssachverständiger in seinem Gutachten vermerkte, Sourada sei nicht in der Lage gewesen, das Unrecht der Tat einzusehen und könne deshalb dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden. Er sei aber „gemeingefährlich“. Auf mehreren Lehrstellen hielt er es nicht lange aus. Ein Lehrmeister entließ ihn, weil er das Stubenmädchen missbraucht hatte. 1924 wurde Sourada vom Landesgericht II in Wien wegen Eigentumsdelikten, Erpressung und Vagabundage zu fünf Monaten schweren Kerkers verurteilt. Laut psychiatrischem Gutachten sei der Jugendliche nicht geisteskrank gewesen, habe aber „charakteriologische Abnormitäten“ aufgewiesen. Er sei für die Straftaten voll verantwortlich. In der Anklageschrift stand, Sourada schrecke „vor keiner Untat zurück, um seinen Neigungen fröhnen zu können“. Der Richter sprach auch die Zulässigkeit der Einlieferung in eine Zwangsarbeitsanstalt aus.

Im Mai 1925 überfiel Sourada in der Hinterbrühl eine Villenbesitzerin, setzte ihr eine Pistole an die Brust, beraubte sie und sperrte sie in eine Kammer. Beim Gerichtsverfahren im September 1925 waren die Geschworenen anderer Meinung als die psychiatrischen Gutachter und sprachen den Jugendlichen wegen „Sinnesentrückung“ frei. Souradas Motiv für den Raub: „Ich hab’ halt Geld haben wollen.“


Erster Mordversuch. Schon als Jugendlicher versuchte Johann Sourada seinen ersten Mord. Als er wegen eines Einbruchs in Traiskirchen von einem Gendarmen festgenommen wurde, zog er eine Faustfeuerwaffe und schoss auf den Gendarmen; der Schuss ging daneben. Daraufhin schoss sich Sourada in den Mund, überlebte aber. Er kam in die berüchtigte Jugendstrafanstalt Kaiser-Ebersdorf, aus der er im Mai 1927 entlassen und seinen Eltern übergeben wurde. Er verließ bald das Elternhaus und wurde Ende Juni 1927 neuerlich festgenommen, weil er bei einer Veranstaltung in Schweinburg im Waldviertel ein Mädchen mit dem Messer bedroht und vergewaltigt hatte. Er wurde auch verdächtigt, in Geras einen Einbruch verübt zu haben. Seitdem saß er in Untersuchungshaft im Bezirksgericht Raabs an der Thaya.


„Hängt ihn auf!“. Johann Sourada wurde von den tschechoslowakischen Gerichtsbehörden nach Österreich ausgeliefert. Ursprünglich war angenommen worden, er besitze die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft und könne daher nicht ausgeliefert werden. Eine Überprüfung ergab aber, dass er nicht mehr tschechoslowakischer Staatsbürger war. Sourada wurde in das Inquisitenspital des Wiener Landesgerichts I gebracht, wo er psychiatrisch begutachtet wurde. Im Inquisitenspital verletzte er einen Zellengenossen schwer.

Der Geschworenenprozess begann am 11. Juni 1928 im Kreisgericht in Krems. Die Anklage lautete auf dreifachen Mord, Mordversuch, drei Vergewaltigungen, eine Schändung und einige andere Delikte. Besucher riefen im Gerichtssaal „Hängt ihn auf!“ und ähnliche Hetzparolen. Die Gerichtspsychiater kamen in ihren Gutachten zur Ansicht, dass Sourada zur Tatzeit weder geisteskrank noch geistesgestört gewesen und für seine Taten voll verantwortlich sei. Der Staatsanwalt bezeichnete Sourada in seinem Schlussplädoyer als „schwers­ten, scheußlichsten und furchtbarsten Verbrecher“, den der Staat derzeit beherbergen müsse.

Der Angeklagte, in der „Illustrierten Kronen Zeitung“ als „Mordbestie von Raabs“ bezeichnet, wurde von den Geschworenen einstimmig schuldig gesprochen und zu achtzehn Jahren schweren Kerkers verurteilt, verschärft durch einen Fasttag vierteljährlich und einsame Absperrung in einer dunklen Zelle an jedem Jahrestag der Mordtat. Als der Verurteilte in das Gemeindegefängnis gebracht wurde, griffen ihn erregte Männer an und wollten ihn lynchen. Das konnte von Gendarmen verhindert werden. Souradas Verteidiger Dr. Hans Gürtler erhob Nichtigkeitsbeschwerde. Diese wurde im Oktober 1928 vom Obersten Gerichtshof als unbegründet verworfen.

Im Jänner 1936 versuchte Sourada, in der Strafanstalt Stein an der Donau einen Mithäftling zu vergewaltigen. Als dieser ihm einen Faustschlag versetzte, stürzte sich Sourada auf ihn und fügte ihm eine schwere Schnittverletzung am Hals zu. Außerdem ging er mit einem Brett auf Justizwachebeamte los. Dafür wurde Sourada zu zwei weiteren Jahren schweren Kerkers verurteilt.