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  • Alfred Ellinger

Die Bedeutung des Todes

Allerheiligen/Allerseelen, die weltweit unglaublich hohe Zahl an Corona-Toten und die tödlichen islamistischen Terroranschläge in Deutschland, Frankreich und Österreich veranlassten mich intensiv über den Tod nachzudenken.



Der Tod ist „prägnant“ im Sinne von bedeutsam. „Prägnant“ leitet sich aus dem lateinischen Adjektiv „prägnans“ – schwanger, trächtig ab. Synonyme dazu sind auch: bedeutsam, inhaltsvoll, hervorgehoben. Die Gewissheit des Todes stellt uns vor die Fragen: Was hast Du aus Deinem Leben gemacht, was hast Du in Deinem Leben gemacht und was machst Du gegenwärtig und in der verbleibenden Zukunft damit?

Damit ist gesagt, dass der Tod auch über sich hinausweist, mit anderen Worten, dass der Beginn, die Geburt, das Ende, der Tod und dazwischen das Schöpferische eines Lebens in einem unauflöslichen Zusammenhang stehen.

Dieser Zusammenhang ist auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil Geburt und Tod die Brennpunkte der menschlichen Subjektivität sind, der Subjektivität des Menschen, der fähig ist zu erleben, zu denken und Initiativen zu ergreifen. Der Mensch findet sein Dasein in vorgegebenen Bedingungen, natürlicher, kultureller und his­torischer Art, die er nicht selbst gesetzt hat. Aber dennoch entscheidet er (über sich) selbst darüber, was er im Wesentlichen ist.

Da der Mensch aber zunächst stets in der fraglosen Geborgenheit seiner äußeren Bedingungen lebt, bedarf es eines besonderen Anstoßes, der ihn auf seine eigene Existenz zurückwirft. Dabei handelt es sich stets um Grenzsituation: Tod, Kampf, Leiden, Schuld.

Im Durchleben einer Grenzsituation wird offenbar, dass der vordergründige Halt an äußeren Lebensbedingungen zerbrechen kann und der Mensch radikal auf sich selbst zurückgeworfen wird. Wohl am stärksten geschieht dies im Bewusstsein des Todes, der das bloße Dasein schlechthin bedroht.

Was im Angesicht des Todes wesentlich bleibt, ist existentiell getan, was hinfällig wird, ist bloßes „Dasein“. Aber der Mensch kann seine Existenz nicht ohne die Bedingungen des Daseins verwirklichen. Gemeint ist die Geschichtlichkeit als Einheit von Dasein und Existenz, Notwendigkeit und Freiheit, Zeit und Ewigkeit.

Seine Existenz gelangt auch nicht allein zur Selbstverwirklichung, sondern bedarf des anderen, bedarf der Mitmenschen. Daher ist die Kommunikation von großer Bedeutung. Nur durch den Anderen kommt der Mensch zur Klarheit über sich selbst (inhaltlich aus Karl Jaspers Hauptwerk „Philosophie“ 1932).

Der Mensch lebt im Bewusstsein seines Todes. Das stets drohende Ende des Lebens verwehrt ein Dahinleben ohne zu fragen, drängt zum Nachdenken über sich selbst und zur Entscheidung, was im Leben als Wesentliches gemacht werden soll. Dies stellt zweifellos den Ursprung der Philosophie dar. „Der Mensch ist das Wesen, das stets mehr will, als es kann, und mehr kann, als es soll“ (W. Wickler, Verhaltensforscher und Publizist).

Wie unzureichend menschliches Leben, als Summe chemisch oder physikalisch gesteuerter Reaktionen begriffen ist, zeigt die Bedeutung des Todes für das Leben. Der Tod ist zwar auch das Ende bestimmter biologischer Funktionen, konstruiert aber den jeweils einmaligen geschichtlichen Wert des Lebens: Es gewinnt angesichts seiner Endlichkeit Sinn und zwar unabhängig von Annahmen über die Unsterblichkeit der Seele oder die Exis­tenz Gottes.


Unsere Zivilisation in Wissenschaft und Forschung versteht den Menschen zunehmend als Objekt, macht ihn zum Objekt der Analyse und Synthese. Auch die Technik, die technologische Zivilisation, macht in einer übersteigerten Objektivierungs- und Unterwerfungstendenz den Menschen zu einem „Organon“ (griechisch: Werkzeug, Instrument) ihres dynamischen Umgestaltens unserer Welt zu einer künstlichen Welt. In der Atemlosigkeit eines geradezu zwanghaften Aktionismus vernimmt der Mensch nicht mehr die Fragen, die der Tod an das Leben stellt.

Eine Frage, die nicht neu ist, nur neu gestellt werden kann, lautet: Wie kann der Mensch als lebendiges, erlebendes und spontan handelndes und denkendes Subjekt wieder in die Mitte aller politischen und kulturellen Überlegungen und Absichten gestellt werden?

Das Rätsel und die Mythen von Geburt und Tod verdichteten sich im Laufe unendlicher Zeit zur biblischen Geschichte, in der der Mensch als geschichtliches Wesen verstanden wird. Die weitgehend von den Weltreligionen getragenen geistigen Entwicklungen stellten den Mensch als Subjekt der Geschichte dar.


Unsere moderne, schnelllebige Gesellschaft hat die bleibende Aktualität der Geschichte von Geburt und Tod aus unserem Denken verdrängt. Im täglichen Leben ist diese Geschichte auch eine Geschichte von Geben, Nehmen und Hinnehmen. Das zentrale Element dieses „commerciums“ (Handels) in Gesellschaft, Gemeinschaften und Familie ist dabei das „Darbieten“, das „Anbieten“. Welche Form des „Darbietens“, welche Initiative ist in erster Linie der Sinn des Lebens? Das kritische Element im Leben des „geschichtlichen Menschen“ ist das Treffen von Entscheidungen. Es liegt in der Natur des Lebens selbst, dass dem Menschen Entscheidungen abverlangt werden. Auch wenn der Mensch oft notwendigen Entscheidungen, vor die ihn das Leben häufig stellt, auszuweichen versucht, muss er letztlich Entscheidungen treffen oder der Fortgang des Lebens trifft sie für ihn, häufig in einer gar nicht erwünschten Weise. Es sollte aber nicht übersehen werden, dass solche notwendigen Entscheidungen dem Leben einen schöpferischen Sinn verleihen.

Der Sinn des Lebens in seiner schöpferischen Bedeutung liegt in Entscheidungen, durch die der Mensch, einer als schlecht und korrupt erkannten Wirklichkeit, eine ehrliche und als richtig erkannte Wahrheit entgegen stellt. Da solche Entscheidungen auch heute noch häufig gefährlich und existenzbedrohend, ja in Einzelfällen tödlich sein können, prägen so manche entschlossene Einsätze, ja sogar der Tod, den Charakter, die Entwicklung und die Lebendigkeit der Kulturen.

Das subjektive „Drama“ des menschlichen Lebens zwischen Geburt und Tod ist der Herzschlag aller Kulturen. Dieses „Drama“ ist gekennzeichnet durch ein doppeltes Wagnis, denn nicht jedes Angebot findet die erwünschte Annahme. Die Herausforderung der Wahrheit, die sich einer korrupten Wirklichkeit entgegenstellt, bedeutet in aller Regel Gefahr.

Wenn ein großer Schaden, die Existenzvernichtung oder gar der Tod am Ende der Gefahr steht, so ist das doch nicht das Ende einer wahren und wichtigen Botschaft. Der bedeutende griechische Philosoph Sokrates(469 bis 399 v. Chr.) wählte nach dem gegen ihn gefällten Todesurteil aus Respekt vor dem Gesetz den Weg in den Tod, statt zu fliehen und sein Tod war die Botschaft selbst. Sokrates setzte der Dekadenz der Regierenden in der Polis (Staatsverband im antiken Griechenland) die Wahrheit entgegen und beugte sich nicht einer als falsch erkannten Ideologie.


Die Jagd nach dem Glück, die moderne Ideologie des „pursuit of happi­ness“ (US-autobiographisches Filmdrama von Gabriele Muccino aus dem Jahre 2006), endet in Frustration und Sinnleere. Sie führt zur Verdrängung der existenziellen Themen von Geburt und Tod und letztlich zu einem Siechtum der Lebensfreude, die wir auch Kultur nennen und die ohne das Wagnis der Wahrheit der Menschheit nicht gegeben wird.

Freilich liegt es an uns, die im Zuge der fortschreitenden Zivilisation zunehmende Einschränkung des Kulturbegriffs, aufzudecken und zu revidieren. In unserem Sprachgebrauch werden unter Kultur nur noch die Künste als menschliches Kulturprodukt und Ergebnis kreativer Prozesse verstanden. Von der im menschlichen Wesen gründenden Forderung auf völlige Entfaltung des Menschen ist kaum mehr die Rede. In Vergessenheit geraten scheint die Tatsache, dass es auch eine Geisteskultur (Marcus Tullius Cicero, 106 bis 43 v. Chr., römischer Staatsmann und Philosoph) gibt.

Für Immanuel Kant vollzieht sich die Bestimmung des Menschen als kulturschaffendes Wesen im Verhältnis zur Natur. Mensch und Kultur sind der Endzweck der Natur (Kritik der Urteilskraft, § 83, Von dem letzten Zwecke der Natur als eines teleologischen Sys­tems, Akademie-Ausgabe, Band 10, S. 387). Mit diesem „Endzweck“ der Natur ist die moralische Fähigkeit des Menschen zum „kategorischen Imperativ“ verbunden: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

Die Idee der Moralität ist somit Bestandteil der Kultur (Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784, Akademie-Ausgabe, Band 8, S 26). Der bedeutendste Denker des 20. Jahrhunderts, Ludwig Philipp Albert Schweizer (1875 bis 1965, Arzt, Philosoph und Theologe) schrieb, dass die Kultur die geistige und sittliche Vollendung des Menschen erstrebt (Kultur und Ethik, S 35).

Offenbar ist in unserer Gesellschaft die Vorstellung von menschlicher Existenz defekt geworden. Wenn da und dort der Begriff „Kultur“ als Teil eines zusammengesetzten Wortes oder attributiv strapaziert wird, wie zum Beispiel „Rechtskultur“ oder „politische Kultur“, dann wird damit zumeist nur offengelegt, was bereits längst abhanden gekommen ist. Mit dem „Zurechtrücken“ des Kulturbegriffes müss­te man das Menschenbild, die Vorstellung von sittlich rechter menschlicher Existenz neu begründen, – oder sich an Immanuel Kant und andere große Denker erinnern.


„Todesanschauung“. Wenn wir unserer „Lebensanschauung“ auch eine „Todesanschauung“ zur Seite stellen würden, könnten wir vielleicht Geburt, Leben und den Tod anders, besser verstehen. Dann wäre verständlich, dass der Tod ohne Leben nicht denkbar ist, dass aber auch ein höheres Leben ohne den Tod undenkbar ist. Man müsste dann nicht mehr das Sterben dem Tod und die Angst vor dem Sterben der Todesangst gleichsetzen. Wir könnten vielleicht vielerlei belastende Bindungen ablegen und das wirklich Wertvolle pflegen. Unsere Bindung an die Menschen, vor allem an jene, die wir vor anderen lieben, wäre wohl von anderer, intensiverer Qualität.

Vielleicht bewege ich mich mit meinen Vorstellungen im Bereich der Utopie, wohl aber doch, wie ich glaube, im Bereich jener Wirklichkeit, die man Wahrheit nennt, die, wie ich hoffe, noch viele andere Menschen sehen.




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