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  • Herbert Windwarder

Der Seniorenclub

Wenn Sie sich noch an die Sendung mit Alfred Böhm erinnern können, wär’s jetzt höchste Zeit für eine Darmspiegelung. Aber das ist nicht unser Thema. Die Impfungen kommen in Schwung, das schiache Virus verliert an Bedeutung. Zeit, sich wieder den schnöden Alltagsproblemen zu widmen. Dem Altersdurchschnitt bei der Kripo zum Beispiel.

Wird uns die Zeit mit Corona abgehen? Gehen uns Zahnweh oder die Steuer­erklärung ab? Wobei, es gab schon auch gute Momente. Manch einen Zeitdieb nicht treffen zu müssen, ohne sich eine gefinkelte Ausrede einfallen lassen zu müssen. Die Vorsorgeuntersuchung zu canceln: „Schatz, du weißt ja, derzeit bekommt man leider nirgends einen Termin!“ Aber vor allem: Der Verkehr! Und damit meine ich nicht die geschlossenen Hotels und Bordelle. Erinnern Sie sich an den Morgenverkehr im ersten Lockdown? Auf der Wiener Stadtautobahn, sonst ein Garant für Stoßstangenkuscheln bis zum Erbrechen, fühlte man sich wie der einsame Will Smith im Zombiethriller „I am Legend“. Nun, wenn nur 10 % der Arbeitnehmer vermehrt Homeoffice machen würden, könnte das eine Lösung für viele Verkehrs- und Parkplatzprobleme sein. Vor allem die Pendler könnten viel Geld, Zeit und Nerven sparen. Hoffentlich sind Staat und Arbeitgeber schlau genug, die nötigen Anreize und Voraussetzungen zu schaffen.


Apropos Homeoffice: Auch bei der Exekutive wurde, soweit möglich, auf Homeoffice umgestellt. Der Kriminaldienst hat da durchaus Potential, Telefonate mit Kollegen, Staatsanwältinnen, Zeugen und Informanten beispielsweise. Auch Dienstplanung und E-Mails lassen sich daheim bearbeiten. Und wenn es mehr Laptops mit PAD-Zugang gäbe, wäre auch die Aktbearbeitung kein Mirakel. Natürlich besteht unser Geschäft primär aus direkter Dienstleistung wie Vernehmungen, Tatortarbeit, Festnahmen oder Erhebungen. Aber wie gesagt, in Zeiten von CO2-Ablasshandel und einer traurig schauenden Greta ist jede Möglichkeit zur Verringerung des Straßenverkehrs eine Überlegung wert.


Apropos Laptops: Die EDV-Probleme der letzten Monate, insbesondere im Bereich Wien, haben ein unschönes Ausmaß angenommen. Ein streikender Computer ist heutzutage störender als ein Patschen am Funkwagen. Ein Polizist ohne Computer ist im PAD-Zeitalter so nützlich wie eine Glock mit Ladehemmung. Man hört, dass veraltete und überlastete Server das Datennadelöhr sind. Auch der Wiener Fachausschuss hat sich eingeschaltet und den Dienstgeber aufgefordert, das Problem zu lösen. Diese Forderung können wir nur unterstützen. Es ist äußerst unangenehm und auch unprofessionell, wenn man Geladene wieder wegschicken muss oder einen Haftakt nicht bearbeiten kann.


Apropos PAD: Unser Protokollierungssystem war ja noch nie für seine Userfreundlichkeit berühmt. Unlängst wurde noch die Depositengebarung überarbeitet – mit dem zu erwartenden Ergebnis: es wurde komplizierter und zeitaufwendiger. Ein kleines Beispiel? Hatte früher ein Beschuldigter Heroin, Kokain und Substitol bei sich, konnte das unter einer Depositenzahl verwahrt werden, jetzt sind es drei Zahlen. Man kann sich vielleicht vorstellen welcher Aufwand entsteht, wenn bei einem Hehler 30 mutmaßlich gestohlene Gegenstände sichergestellt werden. Unsere Kanzleien leisten schon Schwerarbeit, sie müssen nicht noch durch vermeidbare Fleißaufgaben belastet werden. Auch den Kriminalbeamten „erfreut“ der Depositenbutton immer wieder, wenn er unaufgefordert auf sich aufmerksam macht..


Apropos umständlich: Für besonderen Frohsinn sorgt das PAD auch immer dann, wenn in einem großen Akt etwas gesucht wird. Stellen wir uns einen TÜ-Akt (Telefonüberwachung) vor, mit über 50 Ordnungszahlen. Dann kommt von der Staatsanwaltschaft der Auftrag auf Widerruf einer Aufenthaltsermittlung. Nun darf sich der Sachbearbeiter auf die Suche nach der richtigen OZ machen – natürlich manuell, eine nach der anderen, bis die Ausschreibung gefunden ist. Da habe ich auf Google schneller den Abschusscode für die russischen Atomraketen gefunden. Vielleicht könnte man ja einmal bei Bill Gates vorstellig werden, nach seiner Scheidung von Gattin Melinda hat er sicher wieder mehr Tagesfreizeit. Bei der Gelegenheit möchte ich mich bei ihm persönlich bedanken! Seit mir der Impfchip gespritzt wurde, ist der W-LAN Empfang viel besser geworden.


Apropos Datenschutz und dessen Vermeidung: Die Exekutive wurde ja schon öfter durch Datenschutzbestimmungen eingebremst, manchmal zu recht, großteils ... naja. Und dann passieren Dinge. Geistig kranke Menschen verletzen oder töten Mitbürger und alle wundern sich, wieso die Gesundheitsbehörde und die Sicherheitsbehörde nicht vernetzt waren. Männer verletzen oder töten die Frau, die sich trennen will. Und wieder taucht die Frage auf, wieso Opferschutzeinrichtungen, Justiz und Polizei nicht alle nötigen Informationen haben. Terroristen verletzen oder töten Bürger und irgendwie fanden verschiedene Informationen nicht zusammen. Sehr oft ist der Datenschutz die Wand zwischen den einzelnen Behörden, und so kommen fehlerhafte Einschätzungen zustande. Aber es ist kein Problem, wenn ich nun meinem Wirten, dem Friseur und in jedem Geschäft den negativen PCR-Test herzeige, mit meinem Namen, Geburtsdatum und der Sozialversicherungsnummer.


Apropos Frauenmorde: Wenig überraschend ergab eine Analyse der Femizide, dass ein Großteil der Täter bereits zuvor wegen Drohungen oder Gewaltdelikten aktenkundig war. Schnell kam von theoretisch klugen Menschen der Vorwurf, dass die Polizei ja quasi vorgewarnt war und die Tat verhindern hätte können. Ähnlich der Vorwurf, wieso der Terrorist, der ja eh schon aktenkundig war, nicht rechtzeitig gestoppt wurde. Nun, werte hochdenkende Mitmenschen: Nehmen wir an, 1000 Männer bedrohen/schlagen ihre Frau, sie werden weggewiesen und angezeigt. Einer davon wird seine Drohung wahr machen und die Frau ermorden. Wer wird es sein? Nehmen wir weiters an, 1000 Islamisten hören den Hassprediger im Internet, sie klatschen Beifall und kündigen ihre Unterstützung an. Einer davon wird seine Drohung wahr machen und mit einem Messer Amok laufen oder mit einem Auto in die Menge fahren. Wer wird es sein? Wenn Sie die Lösung haben, melden Sie sich bitte beim Kontaktbeamten ihres Vertrauens.


Apropos keine Ahnung: Die Poli­zis­ten an der Front freuen sich natürlich immer über Tipps von außen. Nichts hilft der Motivation mehr auf die Sprünge, als ein wertvoller Hinweis von einem Bürger, Journalisten oder Politiker, der noch nie in seinem Leben etwas mit Polizeiarbeit zu tun hatte. Natürlich wäre unser „Fachmann“ mit der tobenden Psychose locker fertig geworden, ohne Gewalt anzuwenden. Er hätte auch den hasstriefenden Demons­tranten mit ein paar NLP-Techniken ruhig gestellt und dem Angreifer mit dem Messer hätte er dieses locker aus der Hand geschossen. Ich finde das ausbaufähig und finde, dass Laien sich viel mehr einbringen sollten! Warum sollten nur Fußballtrainer und Polizisten davon „profitieren“? Die Absolventen des Google- und Youtube-Studiums könnten doch einem Chirurgen mit ein paar Tipps unter die Arme greifen, den Forschern endlich erklären wie sie den Corona-Impfstoff verträglicher gemacht hätten, oder dem Mechaniker erklären, wieso das Spezialöl sicher für 50.000 km gut ist.


Apropos kommunizieren: Man könnte diese Einwürfe von außen ja abtun, aber durch das Internet erreichen diese Meinungen Ahnungsloser eine breite Masse. Und können damit echten Schaden anrichten. Dazu kommt, dass Justiz und Polizei aus der Tradition heraus eher sparsam kommentieren und dadurch die Stimmen der Kritiker viel lauter sind als die Stimmen der Vernunft und des Sachverstands. Es nützt nichts, wenn die Amtshandlung nach Monaten der Untersuchung als rechtskonform und in Ordnung beurteilt wird, wenn die Facebook-Inquisition im Schnellverfahren das Urteil „schuldig“ für den Beamten gesprochen hat. Vielleicht sollte die Organisation Polizei hier etwas mehr in die Offensive gehen und versuchen, gesetzliche Vorgaben und Einsatztaktiken zu kommunizieren. Sicher keine leichte Aufgabe, aber vielleicht könnte so manchem Blödsinn frühzeitig der Wind aus den Segeln genommen werden.


Apropos Einsatztechnik: Es wäre auch eine Überlegung wert, ob nicht mehr Angehörige der Zivilgesellschaft, insbesondere NGOs, Journalisten und Politiker, zu einem Besuch beim Einsatztraining eingeladen werden sollten. Sie könnten dann selbst unter sicheren Bedingungen probieren, was sie sich theoretisch vorgestellt haben – und ob es funktionieren würde. Sie könnten dann selbst versuchen wie „leicht“ es ist, einem verkrampft auf seinen Händen liegenden Verdächtigen die Handfesseln am Rücken anzulegen. Oder wie man einen Tobenden mit einem Messer bändigt, ohne ihn zu verletzen, oder ... Das Repertoire ist ja reichhaltig. Gerade die Journalisten könnten wesentlich zu einer sachlicheren Diskussion beitragen.


Apropos Journalisten: Es schmerzt besonders, wie die Kollegen in den USA immer wieder medial geschlachtet werden. „Schwarzes Mädchen in Ohio von Polizei erschossen“ titelte der Standard im April. Zum Glück wurde der Einsatz von der Bodycam des Beamten gefilmt und man sieht deutlich, wie die äußerst aggressive Jugendliche mit einem Messer auf ein anderes Mädchen in Höhe des Oberkörpers einstechen will. Der Beamte hat also durch sein schnelles Handeln vermutlich das Leben des anderen Mädchens gerettet. Warum schreibt man dann über ein „schwarzes Mädchen“ und nicht über eine „mit einem Messer bewaffnete Jugendliche“? Hat das seriöser Journalismus wirklich nötig?


Apropos Schlagzeile: „Polizeigewalt in den USA – 13jähriger erschossen“ titelte die Wiener Zeitung am 16. April 2021. Wieder gab es Aufnahmen aus der Bodycam. Die Beamten aus Chicago erhielten einen Einsatz wegen einer Schießerei. Der Verdächtige 13-Jährige floh sofort, dabei hatte er eine 9mm Ruger-Pistole in der Hand. Dann drehte er sich zu dem Beamten um und der schoss. Vor dem Umdrehen hatte der Jugendliche die Pistole fallen gelassen, was in der Dunkelheit nicht zu sehen war.

Natürlich verstört es jeden normal denkenden Menschen, wenn es zu so einem traurigen Vorfall kommt, und man will jemanden dafür verantwortlich machen – aber: Ein 13-Jähriger mit einer 9mm-Pistole – ist wirklich die Polizei das Problem? Wieso werden nie die sozialen Hintergründe angeprangert? Das Jugendamt? In den letzten vier Jahren konnte man neben der Polizei auch Donald Trump für fatale Fehlentwicklungen verantwortlich machen. Jetzt haben Joe Biden und seine Demokraten zumindest vier Jahre Zeit, das Land zu reparieren. Barack Obama schaffte es in acht Jahren nicht, die Hoffnungen halten sich also in Grenzen. Eine sachliche Berichterstattung und nicht das Bedienen des „Polizei erschießt Schwarzen-Klischees“ wäre nicht zu viel erwartet, aber eine fetzige Schlagzeile ist nicht nur Wolfgang Fellner viel wert.


Apropos Seniorenclub: Kommen wir zurück zu unserer Operettenrepublik und den eigenen Problemen. Die Babyboomer kommen zunehmend ins Pensionsalter und der Nachwuchs tröpfelt etwas spärlich nach. Der Mittelbau, also alt genug für viel Erfahrung, aber jung genug für den harten Schichtdienst, fehlt großteils auf Grund der Versäumnisse der Strasser Jahre.

Beispiel Landeskriminalamt Wien: in den nächsten zehn bis zwölf Jahren werden rund 2/3 der Leitenden Beamten in Pension gehen, ein Generationswechsel wie nie zuvor. Der nun ausgeschriebene Fachkurs soll gerüchteweise 50 Leitende Beamte ausbilden, so viele wie nie zuvor. Hoffentlich sind genug gelernte Kriminalisten darunter. Ein solides Fachwissen ist unsere Stärke und diese Fackel wollen wir an die nächste Generation weitergeben!


Meinungen und Leserbriefe bitte an:

krimi@aon.at






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