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  • Werner Sabitzer

Der Massenmörder von Unterkärnten

Franz Podritschnig überfiel 1941 in Raubabsicht zwei Kleinbauernhöfe in Unterkärnten und ermordete drei Frauen und sechs Kinder.



In der Pototschnigkeusche in Kaunz im Wölfnitzgraben bei Griffen zündete die Kleinbäuerin Ursula Verschnig am 29. August 1941 nach Einbruch der Dunkelheit eine Kerze an. Ihr Mann befand sich in der Deutschen Wehrmacht an der Front. Plötzlich stand sie einem Mann gegenüber, der in das Haus eingedrungen war. Als Verschnig zu schreien begann, schlug sie der Eindringling mit einem Prügel nieder, stach mit einem Taschenmesser auf sie ein und durchschnitt ihr den Hals. Dann schlug er die drei Kinder nieder, die sich im Wohnraum befanden, und schlitzte ihnen den Hals auf. Der Gewalttäter durchsuchte das Haus nach Geld und anderen Gegenständen und traf im Unterdachraum auf zwei weitere Kinder, die beim Anblick des Fremden zu schreien begannen. Der Mann ermordete mit seinem Taschenmesser bestialisch auch diese beiden Kinder.

Der Raubmörder erbeutete eine Brieftasche mit Bargeld sowie Lebensmittel und Kleidung, darunter einen Männeranzug und ein Hemd. Am nächs­ten Tag wurden die blutüberströmten Leichen der Bäuerin und ihrer fünf Kinder entdeckt.

Falscher Verdacht. Die nationalsozialistischen Sicherheitsbehörden vermuteten polnische Zwangsarbeiter als Mörder. Kriminalpolizisten, Gestapo-Leute und Gendarmen nahmen 38 Polen fest und brachten sie nach einem ers­ten Verhör im Gendarmerieposten Griffen in das Polizeigefangenenhaus Klagenfurt. Bei den Verhören wurden die Festgenommenen geschlagen und auf andere Weise misshandelt.

Eine Woche nach dem sechsfachen Mord erzählte die 19-jährige Magd Apollonia Media ihrem Dienstgeber in Haberberg eine aufregende Geschichte: Ein am gleichen Hof beschäftigter Knecht habe ihr einen Tag nach der Bluttat gestanden, dass er und acht weitere polnische Zwangsarbeiter die Mörder seien. Der Bauer verständigte die Gendarmerie. Bei der Befragung wiederholte die Dienstmagd die Anschuldigung, schilderte angebliche Details der Tat und nannte die Namen der angeblichen Täter oder wo sie beschäftigt waren. Apollonia Media war in ihrer Kindheit schwer misshandelt worden. Sie galt als geistig beeinträchtigt und konnte sich nur schwer verständigen.

Die neun von ihr beschuldigten Polen und ein weiterer Zwangsarbeiter wurden festgenommen und verhört. Sie bestritten vehement, etwas mit dem Kapitalverbrechen zu tun gehabt zu haben. Der Knecht, der Media den Raubmord gestanden haben soll, beteuerte, die Behauptungen seien erlogen. Möglicherweise handle es sich um einen Racheakt, weil ihm das Mädchen am Hof immer wieder nachgestiegen sei und er sie zurückgewiesen habe. Der Griffener Heimatforscher Valentin Hauser, der in seinem 2018 erschienenen Buch „Die Bluttaten des Franz P.“ auch die Lebensgeschichten der Beteiligten recherchiert hat, vermutet, dass Media mit ihrer Aussage den wirklichen Mörder schützen wollte. Die Magd wurde viermal eindringlich befragt, blieb aber bei ihrer Darstellung.


Bluttat am Töllerberg. Die 48 polnischen Zwangsarbeiter befanden sich als Mordverdächtige noch in Haft, als bei einem Raubüberfall auf einen Kleinbauernhof drei weitere Menschen ermordet wurden.

Ein Unbekannter kam am 30. September 1941, um sieben Uhr früh, zur Gregorkeusche bei St. Margarethen am Töllerberg. Er begrüßte die Kleinbäuerin Gertrud Sajowetz und sprach mit ihr einige Worte. Als die Frau in den Kuhstall ging, folgte ihr der Mann und schlug mit einer Hacke auf die Frau ein, bis sie regungslos am Boden lag. Dann drang er in das Wohnhaus ein, traf in der Küche auf Klara Kummer, die Mutter von Gertrud Sajowetz, und ermordete auch sie mit Hackenschlägen. Als er in einem Nebenraum einen weinenden Buben sah, spaltete er mit der Hacke den Kopf des Kindes. Die Beute bestand aus etwas Bargeld, alten Silbermünzen, einem Hemd, einer Hose und einem Fahrrad.


Großfahndung. Noch am Tattag begannen Kriminalbeamte und Gendarmen mit einer Großfahndung. An Straßen, Brücken, Kreuzungen, Ortseinfahrten und anderen Stellen wurden Doppelposten aufgestellt. Die Bevölkerung wurde zur Mithilfe auf der Suche nach dem Serienmörder aufgefordert.

Der Verdacht der Kriminalpolizei richtete sich auf den 41-jährigen, wegen Eigentumsdelikten mehrfach vorbestraften Franz Podritschnig, der schon nach dem Raubüberfall auf die Pototschnigkeusche in Kaunz in den Fokus der Kriminalpolizei geraten war, aber nicht aufgespürt werden konnte. Er war damals in der Nähe des Tatortes gesehen worden und hatte sich auffällig verhalten. Das Interesse, nach ihm zu fahnden, war gesunken, nachdem die Dienstmagd Apollonia Media mit konkreten Angaben polnische Zwangsarbeiter als Täter bezichtigt hatte und diese festgenommen worden waren. In der „Kleinen Zeitung“ wurde am 1. Oktober 1941 ein Foto des dringend Verdächtigen Podritschnig veröffentlicht.

Ein Klagenfurter Zimmermeister sah am 1. Oktober am Nachmittag in der Feldkirchner Straße, dass ein Lastwagen anhielt. Ein Mann stieg aus und ging in eine Trafik. Er ähnelte stark dem gesuchten Podritschnig auf dem Fahndungsfoto. Der Zimmermeister schrieb das Kennzeichen des Lastwagens auf, verständigte von einem Telefon in einer Wäscherei aus die Kriminalpolizei und fuhr mit dem Fahrrad dem Lastwagen nach. Kriminalbeamte requirierten ein Fahrzeug und nahmen die Verfolgung auf. Im Klagenfurter Stadtteil Waidmannsdorf konnten sie den Lastwagen stoppen und den verdächtigen Mitfahrer festnehmen. Es handelte sich um Franz Podritschnig. In seiner Tasche wurden eine Pistole und Teile der Raubbeute sichergestellt.


Franz Podritschnig wurde am 13. Juni 1900 in Rinkolach im Bezirk Völkermarkt als unehelicher Sohn einer Magd geboren. Als Zweijähriger kam er auf den Hof seines Onkels in Rinkolach, wo er als Kind und Jugendlicher in der Landwirtschaft arbeitete, tageweise auch auf anderen Bauernhöfen. Seine erste Freiheitsstrafe erhielt er, weil er als 16-Jähriger seinen Onkel bestohlen hatte. Im letzten Kriegsjahr 1918 rückte er ein. Nach Kriegsende kehrte er nach Rinkolach zurück, arbeitete gelegentlich und blieb unstet. Immer wieder wurde er wegen Straftaten verurteilt, hauptsächlich waren es Einbrüche und Diebstähle, aber auch Körperverletzungen und andere Delikte.

Kurz nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Podritschnig im November 1939 zum Grenzschutz am Seebergsattel eingezogen. Anfang Mai 1940 desertierte er und ging über die Grenze nach Jugoslawien, wo er in einem Steinbruch arbeitete. Nach der Besetzung Jugoslawiens durch die deutsche Wehrmacht 1941 kehrte Podritschnig heimlich nach Kärnten zurück und arbeitete gelegentlich als Taglöhner auf Bauernhöfen, deren Besitzer er kannte. Ansonsten hielt er sich versteckt, weil er wegen Desertion gesucht wurde.

Bei den Verhören durch die Kriminalpolizei Klagenfurt gestand Franz Podritschnig noch in der Nacht die Überfälle auf die beiden Kleinbauernhöfe im August und im September 1941. Außerdem gab er zu, von Juni bis Ende September 1941 mindestens 17 Einbrüche verübt zu haben, darunter viermal in eine Kantine in Kading bei Maria Saal. Er stahl hauptsächlich Lebensmittel, Getränke, Fahrräder und weitere Gegenstände.

Nach dem Geständnis von Podritschnig wurden die polnischen Zwangsarbeiter aus dem Polizeigefangenenhaus Klagenfurt entlassen und nach Griffen gebracht.


„Mordlust und Habgier“. Die Nazi-Justiz machte „kurzen Prozess“ mit Franz Podritschnig. Der neunfache Mörder vom Wölfnitzgraben und Töllerberg, wurde für zurechnungsfähig erklärt und am 15. Oktober 1941 von einem Sondergericht des Landgerichtes Klagenfurt wegen neunfachen Raubmordes zum Tod verurteilt. Der Staatsanwalt bezeichnete den Angeklagten als einen „gemeinen, verrohten, bestialischen Menschen, dessen Motive „Mordlust und Habgier“ gewesen seien. Podritschnig wurde vor der Gerichtsverhandlung in einem Drahtkäfig am Neuen Platz in Klagenfurt öffentlich zur Schau gestellt – wie in früheren Jahrhunderten.

Nach der Urteilsverkündung wurde Podritschnig in das Landesgerichtliche Gefangenenhaus Wien überstellt. Eine Woche nach dem Todesurteil, am 22. Oktober 1941, wurde er mit dem Fallbeil enthauptet.

Apollonia Media, die polnische Zwangsarbeiter des Sechsfachmordes in der Pototschnigkeusche beschuldigt hatte, wurde wegen Verleumdung angeklagt und Anfang November 1941 zu achtzehn Monaten schweren Kerkers verurteilt. Nach der Strafverbüßung kam sie nach Unterkärnten zurück und wurde bald danach von den Nazis zwangssterilisiert.

Im Jänner 1942 wurde im Landgericht Klagenfurt ein 47-jähriger Schuhmacher aus St. Georgen am Weinberg bei Völkermarkt zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er von Podritschnig den Herrenanzug übernommen und gewusst hatte, dass der Anzug beim Überfall in die Pototschnigkeutsche geraubt worden war. Außerdem hatte er Podritschnig nach seiner Desertion und Rückkehr nach Kärnten in seinem Stall nächtigen lassen und ihn verköstigt.




Quellen/Literatur:

Die Hetzjagd nach dem Massenmörder. In: Illustrierte Kronen-Zeitung, 4. Oktober 1941, S. 6.

Neun Morde eingestanden. In: Alpenländische Rundschau, 11. Oktober 1941, S. 6.

Mörder Podritschnig zum Tode verurteilt. In: Alpenländische Rundschau, 18. Oktober 1941, S. 2.

Die Spur des Mörders verheimlicht. In: Alpenländische Rundschau, 10. Jänner 1942, S. 7.

Schuldlose der Mordtat bezichtigt. In: Alpenländische Rundschau, 8. November 1941, S. 7.

Hauser, Valentin: Die Bluttaten des Franz P. Zwei Familientragödien aus Kärnten. Mohorjeva/Hermagoras, Klagenfurt, 2018.


Bild: Tatort Gregorkeusche am Töllerberg. (Foto: Kriminalpolizeistelle Klagenfurt – Sammlung Valentin Hauser)





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