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  • Werner Sabitzer

Der „Herzerlfresser“ von Kindberg

Der Landarbeiter Paul Reininger ermordete Ende des 18. Jahrhunderts In der Steiermark sechs Mädchen und Frauen. Bei zwei Opfern schnitt er das Herz heraus und aß davon.



Die Dienstmagd Magdalena Angerer aus Kindberg in der Steiermark wollte am 15. Jänner 1786 in der Möstlmühle bei Kindberg ihren Brautkranz abholen, weil ihre Hochzeit bevorstand. Sie kam dort nicht an. 18 Tage später, am 2. Februar 1786, fielen einem Bauern in der Nähe von Kindberg Vögel auf, die über einer Stelle am Waldrand kreisten. Er entdeckte dort eine übel verstümmelte Leiche und einige Kleiderreste. Der Leib war aufgeschnitten, der Kopf lag einige Meter neben dem Torso und das Herz fehlte. Der Bauer erkannte in der Leiche die verschwundene Magdalena Angerer und berichtete dem Landgericht vom Leichenfund.

Als dringend Tatverdächtiger wurde der aus der ersten Ehe stammende Sohn des Bräutigams verhört. Er hatte sich vehement gegen die Wiederverheiratung seines Vaters ausgesprochen. Der junge Mann hatte aber ein Alibi und wurde wieder freigelassen. Die weiteren Ermittlungen verliefen zunächst ergebnislos und die Leiche wurde am 7. Februar 1786 beerdigt. Man vermutete, ein herumziehender Räuber hätte Magdalena Angerer ermordet.

Einen Monat später, am 7. März 1786, wandten sich zwei Bauern an das Landgericht und beschuldigten den 30-jährigen Taglöhner Paul Reininger, die Magd umgebracht zu haben. Am Abend jenes Tages, an dem Angerer verschwunden war, habe Reininger in einem Gasthaus in Kindberg getrunken und Geld verspielt. Er sei auch in der Nähe des Auffindungsorts der Leiche gesehen worden. Bei der Durchsuchung der Truhe Reiningers fand man blutige Kleidungsstücke, Angerers Brautkranz und die Überreste eines menschlichen Herzens. Reininger wurde daraufhin verhaftet und verhört.

Paul Reininger, geboren um 1756 als unehelicher Sohn einer Dienstmagd und eines Viehhirten, hatte eine harte Kindheit. Sein Vater starb früh und als Paul drei Jahre alt war, übergab ihn die Mutter seinem Taufpaten, einem Bauern, wo er unter den Dienstboten aufwuchs. Als Fünfjähriger hütete er Schafe, als Dreizehnjähriger arbeitete er als Knecht bei einem anderen Bauern. Eine Schulbildung war für ihn nicht vorgesehen, er lernte nie richtig lesen und schreiben. Reininger arbeitete als Landarbeiter auf Bauernhöfen, hielt es aber nirgends über eine längere Zeit aus. Er galt als Trinker und Spieler.


Sechs Morde in sieben Jahren. Bei den Verhören gestand Paul Reininger nicht nur, Magdalena Angerer umgebracht zu haben, sondern auch fünf weitere Mädchen und Frauen. Seine erste Bluttat verübte er am Fronleichnamstag 1779. Nach dem Fronleichnamsumzug betrank er sich in einigen Gasthäusern in Kindberg. Auf dem Heimweg traf er eine Dienstmagd, die er kannte. Er vergewaltigte sie, tötete sie durch Stiche in den Hals und versteckte die Leiche in einem Gebüsch. Als Motiv nannte der Mörder, er habe Angst davor gehabt, dass die Frau schwanger werden könnte.

Reiningers zweite Bluttat war ein Raubmord. Nachdem er wieder einmal betrunken beim Kartenspiel Geld verloren hatte, drang er an einem Sonntag in der Faschingszeit 1781 um Mitternacht in das Zimmer eines ihm bekannten „Badstubenweibs“ ein, erwürgte die Frau und stahl Geld.

Seinen dritten Mord verübte er wieder an einem Fronleichnamstag, zwei Jahre nach dem ersten Mord. Auf dem Heimweg von einem Gasthaus in Kindberg traf er die siebenjährige Elisabeth Leitner, die Schafe und einen Ziegenbock hütete. Er log dem Mädchen vor, er hätte dem Bauern den Ziegenbock abgekauft und werde ihn nun mitnehmen. Als er den Bock töten wollte, um ihm die Haut abzuziehen, protestierte das Mädchen. Daraufhin tötete Reininger die Siebenjährige mit einem Stich in den Hals, schnitt ihr Herz heraus und aß einen Teil davon. Den Rest des Herzens verwahrte er in seiner Truhe. Die Leiche des Mädchens wurde drei Wochen nach dem Mord gefunden; man vermutete als Täter herumziehende Männer.

Reiningers nächstes Opfer war eine 50-jährige, geistig etwas beeinträchtigte Dienstbotin. Er brachte sie am 6. November 1783 in einem Buchenwald um, durchsuchte die Kleidung nach Geld, fand einige Münzen und warf die Leiche ins Wasser. In der Nacht davor hatte er seinen Lohn beim Kartenspielen verloren.

Fünf Tage später, am 11. November, erstach Reininger nach einer Tanzveranstaltung in Turnau eine 17-jährige Dienstmagd aus Göriach, die ihn abgewiesen hatte. Ihre sterblichen Überres­te wurden erst ein halbes Jahr später auf einer Weide gefunden.

Dass er sein letztes Opfer Magdalena Angerer bestialisch verstümmelt hatte, verantwortete Reininger mit einem „übernatürlichen Antrieb“, seiner „Gottlosigkeit“ und seinem „unsittlichen Lebenswandel“. Er habe Lust verspürt, an der Leiche „herumzumetzgern“. Er habe geglaubt, wenn er die Herzen von drei Jungfrauen verzehre, werde ihm eine übernatürliche Kraft verliehen, sodass er beim Schießen und Kegeln immer treffen, beim Kartenspielen immer gewinnen und bei Frauen unwiderstehlich werde. Außerdem könne ihn dieses Ritual unsichtbar machen, sodass er bei seinen Straftaten nicht entdeckt würde.

Reininger schnitt bei zwei Frauen das Herz heraus, aß aber nur von einem Herzen. Vor dem anderen blutenden Herz habe er sich derart geekelt, dass er es weggeworfen habe, sagte er aus.


Todesstrafe und Begnadigung. Paul Reininger, in der Bevölkerung „Herzlfresser“ genannt, wurde am 24. April 1786 vom Landgericht Wieden in Kapfenberg, dem größten Landgericht in der Steiermark, zum Tod durch Rädern verurteilt. Vor der Hinrichtung sollte er mit einer glühenden Zange in die Brust gezwickt und es sollten ihm Fleischstücke aus dem Rücken geschnitten werden.

Bei der Hinrichtungsart des Räderns wurde der Delinquent mit den Armen und Beinen an Pflöcken am Boden festgebunden, dann zerbrach der Henker mit einem bleibeschwerten Rad mit kräftigen Stößen Beine und Arme und versetzte ihm schließlich den „Gnadenstoß“ in die Herzgegend. War man gnädig, erfolgte das Rädern „von oben“. Dabei wurde zuerst der Brustkorb zertrümmert, sodass der Tod eintrat, und erst danach wurden die Gliedmaßen zerschmettert. Die Leiche wurde auf ein zweites Rad „geflochten“, das auf einem Holzpflock aufgerichtet wurde. Die deformierte Leiche wurde oft sehr lange zur Schau gestellt.

Diese grausame und schändliche Hinrichtung blieb dem sechsfachen Frauenmörder erspart. Kaiser Josef II. hatte 1781 den Gerichten angeordnet, eine verhängte Todesstrafe nicht zu vollziehen. Bis zum Inkrafttreten des neuen Strafgesetzes im April 1787, mit dem die Todesstrafe außer im standrechtlichen Verfahren abgeschafft wurde, wandelten die Richter alle Todesurteile in Kerkerstrafen um.

Im Fall Paul Reininger wurde durch eine kaiserliche Entschließung vom 16. Juni 1786 entschieden, ihn nicht zu rädern, sondern ihn an den Wangen zu brandmarken, ihm an drei Tagen hintereinander jeweils 100 Stockschläge zu verabreichen, ihn danach nach Graz zu bringen und in einer Kerkerzelle auf dem Schlossberg bei Wasser und Brot „für immer“ anzuschmieden. Vierteljährlich sollte er weitere 50 Stockschläge erhalten. Die ersten 300 Stockschläge erhielt er am 4., 5. und 6. Juli 1786 im Landgericht Wieden verabreicht. Dabei sollen vierzehn Stöcke zu Bruch gegangen sein. Am dritten Tag der Prügelstrafe wurde Reininger ohnmächtig, sodass man einen Priester holte. Der Serienmörder überlebte aber die Prozedur und wurde am 12. August 1786 in die Kasematten auf dem Grazer Schlossberg gebracht. Die unmenschlichen Bedingungen im Kerker überlebte er nur drei Monate. Er starb am 11. November 1786.


„Herzlfresserweg“. In einem Hohlweg oberhalb des Schlosses Oberkindberg, in dessen Nähe Paul Reininger die beiden Morde verübt hatte, bei denen er den Opfern das Herz herausgeschnitten hatte, wurde 1913 ein Wegkreuz („Marterl“) aufgestellt, das an die Opfer des abergläubischen Serienmörders erinnern soll. Der Weg, der zum Wegkreuz führt, hat im Volksmund den Namen „Herzlfresserweg“.

Werner Sabitzer



Quellen/Literatur:

Brauneis, Herwig: Herzlfresser. In: Mürztaler Geschichten. Graz, 1992; S. 33-36.

Ein schauerlicher Aberglaube in Steiermark. Die Herzlfresser. In: Neues Wiener Journal, vom 21. Juni 1917; S. 16.

Jäger, Franz: Der Krieglacher Herzfresser oder Ein vergessener Mürztaler Wetterzauberer. In: Mitteilungen des Steiermärkischen Landesarchivs, Nr. 50/51, 2001; S. 415-421.

Pscholka, Gustav: Der Herzfresser von Kindberg. Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik, Jg. 48/1912, 1-2; S. 62-73.

Rabenlechner, Michael Maria: Der „Herzfresser“ von Kindberg. Ein gruseliges Marterl und seine Geschichte. In: Neuigkeits-Welt-Blatt, 24.9.1931, S. 19.

Reiterer, Karl: Altsteirisches. 1. Auflage, Graz, Deutsche Vereins-Druckerei, 1916.

Sabitzer, Werner: Lexikon der inneren Sicherheit, Neuer wissenschaftlicher Verlag, Wien/Graz, 2008.

Schmut, Johann: Über die Entstehung der Kindberger Herzensfressersage. In: Blätter zur Geschichte und Heimatkunde der Alpenländer, Nr. 29, 11. Jahrgang; Beilage im Grazer Tagblatt, vom 29. Jänner 1911.

Tuczay, Christa Agnes: Die Herzesser. Dämonische Verbrechen in der Donaumonarchie. Wien, 2007.

Wanggo, Cajetan: Der Herzenfresser. Eine steyermaerkische Kriminal-Geschichte aus dem Jahre 1786. In: Der Aufmerksame. Nr. 41, vom 6. April 1816.

Zur Herzlfresser-Sage. In: Grazer Tagblatt, vom 28. Juni 1913; S. 20.



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