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  • Rosemarie Pexa

Chancen für Junge

Oberst Winkler, seit August Leiter des Ermittlungsdienstes, setzt neue Schwerpunkte.


Gerhard Winkler: „Die Täter werden immer jünger und brutaler“.

Eine „Schonfrist“ hatte Oberst Gerhard Winkler, BA MA, nicht, nachdem er am 1. August 2023 zum Leiter des Ermittlungsdienstes und stellvertretenden Leiter des Landeskriminalamts bestellt worden war. „Es hat gleich einige heikle Fälle wie die Mordserie an Obdachlosen und den Tod einer 83-jährigen Frau, deren Leiche unter dem Bett gefunden worden ist, gegeben. Da war relativ wenig Einarbeitungszeit“, so Winkler. Zugute kam ihm dabei seine langjährige Erfahrung in unterschiedlichen Funktionen innerhalb des Wiener Kriminaldienstes, zuletzt als Leiter der LKA-Außenstelle Süd.

Kriminalpolizist war für Winkler, selbst Sohn eines Polizisten, schon immer sein Wunschberuf. Er bewarb sich nach der Matura bei der Wiener Polizei, absolvierte in den Jahren 1984 bis 86 die Polizeischule und versah an­schließend im Wachzimmer Preindlgasse im 13. Bezirk seinen Dienst. „Die Kameradschaft war gut. Man hat Funkwagenpartner gefunden und ist regelmäßig gemeinsam gefahren“, erinnert er sich. Weniger positiv fand Winkler die spartanische Ausstattung des Wachzimmers und der Funkwägen sowie den mit minus 26 Grad frostigen Winter 1986 in unzureichend schützender Kleidung, der – z. B. bei der Bewachung von Botschaften – „Kältepausen“ erforderlich machte.

Dem damals jungen Polizisten fiel auf, dass die Hierarchie unter den Uniformierten viel stärker ausgeprägt war als bei den Bezirkskriminalbeamten. Diese pflegten auch zu ihren Kollegen in Uniform ein kollegiales, zum Teil sogar freundschaftliches Verhältnis. Kompetent und gleichzeitig „lässig“ in Zivil, das imponierte Winkler, der 1989 die erste Gelegenheit nutzte, den einjährigen Grundausbildungslehrgang für Kriminalbeamte zu absolvieren.

Ein begnadeter Rhetoriker unter den Vortragenden machte Winkler die Berufslaufbahn bei der Wirtschaftspolizei schmackhaft: Die rechtliche Absicherung – etwa bei Festnahmen oder Hausdurchsuchungen – sei gegeben. Die Täter bei White Collar Crime würden glauben, dass man sie nicht erwischen könne, also müsse man als Kriminalist einfach schlauer sein. Diese Herausforderung wollte Winkler gern annehmen. Als Klassensprecher des Lehrgangs hatte er das Privileg, sich seinen zukünftigen Arbeitsbereich aussuchen zu dürfen, also fing er im Oktober 1990 bei der Wirtschaftspolizei an.


Wirtschaftspolizei. Die Rahmenbedingungen erfüllten seine Erwartungen, nur der hohe Altersschnitt war für ihn gewöhnungsbedürftig. Mit Winkler als erstem „Jungen“ seit längerer Zeit begann ein Generationswechsel, bei dem er die Rolle übernahm, die weiteren frisch aus den Kriminalbeamten-Kursen kommenden Kollegen einzuschulen. Bald bildete sich eine schlagkräftige junge Truppe, die über die Aufträge des Polizeijuristen hinaus ermittelte und den direkten Kontakt zur Staatsanwaltschaft suchte.

In seine erste Dienstzeit bei der Wirtschaftspolizei, die bis 1995 dauerte, fielen einige große Fälle, die ihn gleich ins Ausland führten. Unter anderem nach Deutschland, wo Anfang der 1990er Jahre die „Gauck-Behörde“ zur Aufarbeitung der Stasi-Akten gegründet worden war. Dabei kamen auch Wirtschaftsdelikte mit Österreichbezug ans Tageslicht. Die Berliner Kriminalpolizei in Kooperation mit der österreichischen Wirtschaftspolizei konnte den Tätern Delikte mit einer Schadenssumme von insgesamt zwei Milliarden Schilling nachweisen.

Einem österreichischen Betrüger, der Firmen mit Niederlassungen in Deutschland gegründet hatte, kam die Polizei in Rheinland-Pfalz auf die Schliche. Diese stellte bei Hausdurchsuchungen Berge an Unterlagen sicher, die sie Winkler und seinen Kollegen bei einer Dienstreise zur Sichtung vorlegten. Dass die Österreicher diese Arbeit schon in fünf Tagen – statt, wie von den Deutschen erwartet, in zwei Wochen – erledigten, führt Winkler auf die Routine seiner damaligen Truppe zurück.


Innere Stadt. Von dieser musste er sich nach dem 1995/96 absolvierten Offizierskurs verabschieden. Noch während des Kurses reduzierte der seinerzeitige Innenminister Dr. Caspar Einem die Zahl der Offiziersplanstellen in Wien von vier auf zwei, die Planstelle bei der Wirtschaftspolizei fiel der Einsparung zum Opfer. Als Lehrgangsbester war Winkler eine Planstelle sicher, allerdings nicht im ursprünglich erhofften Bereich, sondern als stellvertretender Leiter der Kriminalbeamten-Abteilung im 1. Bezirk.

„Der 1. Bezirk hat mehrere Besonderheiten: ein nobles Klientel, das Regierungsviertel, damals auch die Suchtgiftszene am Karlsplatz“, beschreibt Winkler. Ein Jahr lang blieb er in der Inneren Stadt und wuchs dabei in seine neue Funktion als leitender Kriminalbeamter hinein. Das bedeutete auch, für seine Mannschaft als Führungsperson präsent zu sein, indem er sich in operative Amtshandlungen, etwa als Streifenleiter oder bei Festnahmen, einbrachte.

Abschöpfungsgruppe. Es folgte ein kurzes Intermezzo als interimistischer Leiter der Wirtschaftspolizei, danach war Winkler von 1997 bis 2000 stellvertretender Leiter. Gemeinsam mit dem damaligen Leiter der Kriminalbeamtenabteilung bei der Wirtschaftspolizei, Oberst Wolfgang Haupt, fungierte er als Projektverantwortlicher für die Abschöpfungsgruppe. Anregungen holten sie sich auf Dienstreisen nach Deutschland und Holland, wo bereits Konzepte zur Einziehung von Einkünften aus Verbrechen existierten. Ein von der Abschöpfungsgruppe erstelltes Konzept bildet nach wie vor die Basis für die Arbeit der Kriminalis­ten, die es mitunter mit Schadenssummen im dreistelligen Millionenbereich zu tun haben.

Die nächste Station in Winklers Karriere stellte von 2000 bis 2003 die des Referatsleiters im Kriminalbeamteninspektorat dar. Wieder war es eine Arbeitsgruppe, in deren Rahmen er Pionierarbeit leistete. „Wir haben im Kriminalbeamteninspektorat eine Internetservicestelle zur Unterstützung der Bezirkskriminalbeamtenabteilungen aufgebaut und dabei auch mit Internetserviceprovidern zusammengearbeitet“, so Winkler, der dafür mit dem Sicherheitsverdienstpreis ausgezeichnet wurde. Die Schwerpunkte reichten vom damals beginnenden Bestellbetrug bis zur Kinderpornographie.


Referat 3. Im Zuge der Polizeireform 2003 wurde die Kriminalpolizei bekanntlich mit der Sicherheitswache fusioniert, was auch für das Kriminalbeamteninspektorat das Ende bedeutete. Die Wirtschaftspolizei wurde mit der Betrugsabteilung des Sicherheitsbüros und der Abteilung für Umweltkriminalität im Referat 3 Wirtschafts- und Finanzdelikte zusammengefasst. Winkler übernahm das Referat und leitete es bis 2008. Dabei galt es, die unterschiedlichen Philosophien in der Ermittlungsarbeit von Wirtschaftspolizei und Sicherheitsbüro auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Die Jahre ab 2003 waren für Winkler durch lange dauernde Wirtschaftsverfahren mit einer hohen Anzahl an Geschädigten gekennzeichnet. Ermittlungen zur börsennotierten Immofinanz und zur Constantia Privatbank führten schließlich auch zum Auffliegen des BUWOG-Skandals. Beim AMIS-Anlagenbetrug versuchten sich zwei Manager der Strafverfolgung zu entziehen, indem sie sich nach Venezuela absetzten. Sie wurden von der Zielfahndung aufgestöbert, landeten in einem überfüllten venezolanischen Gefängnis – und waren laut Winkler froh darüber, als sie nach Österreich ausgeliefert wurden.


Ast Süd. Die nächste Polizeireform 2008 brachte für Winkler wiederum eine Veränderung mit sich. Die Kriminaldirektionen wurden aufgelöst, an die Stelle der Referate traten Ermittlungsbereiche. Winkler bewarb sich um eine Führungsposition in einer der neu geschaffenen LKA-Außenstellen und wurde Leiter der Ast Süd – eine Funktion, die er bis Juli 2023 innehatte. Seiner – mittlerweile ehemaligen – Mannschaft in der Ast Süd bescheinigt er viel Engagement, eine ausgezeichnete Arbeitsmoral und eine hohe Expertise im jeweiligen Ermittlungsbereich.

2014 erhielten Winkler und seine Kollegen von der Außenstelle Süd den Sicherheitsverdienstpreis für die Zerschlagung einer international agierenden Tätergruppe, der Suchtmittelhandel, Schmuggel und Geldwäscherei zur Last gelegt wurde. Die Bande hatte aus Marokko stammende Drogen von Spanien nach Österreich geschmuggelt. Die in Plastik eingeschweißten Cannabisplatten waren namensgebend für die „Operation Plastico“ der Ermittler. Insgesamt konnten Suchtmittel mit einem Straßenverkaufswert von rund einer Million Euro sichergestellt werden.


Verhandlungsgruppe. Im Nebenamt ist Winkler seit 2004 in der Verhandlungsgruppe tätig, seit 2007 als deren Leiter. „Man muss eine Beziehung zum Täter aufbauen und sein Vertrauen gewinnen, damit man Einfluss auf sein Verhalten nehmen kann“, erläutert Winkler die Vorgehensweise der Verhandler. Das gelang auch, als ein Mann 2007 in einer BAWAG-Filiale in der Mariahilferstraße Bankangestellte als Geiseln nahm. Der Täter, der keine konkreten Forderungen stellte, sondern mit der Tat auf seine persönlichen Probleme aufmerksam machen wollte, ließ während stundenlanger Verhandlungen alle Geiseln frei und gab schließlich auf.

Mit Jahresende will Winkler dieses fordernde Nebenamt abgeben, um sich voll und ganz auf seine Tätigkeit als Leiter des Ermittlungsdienstes konzentrieren zu können. Einer der Schwerpunkte, die er dabei setzen möchte, ist die Neuregelung der Zuständigkeiten der Außenstellen bzw. der Zentralstelle. Letztere soll bestimmte Fälle – etwa, wenn sich ein Seriendelikt abzeichnet – sofort übernehmen können, da sich Zusammenhänge zentral besser erkennen lassen und mehr Personalressourcen zur Verfügung stehen. Im Fokus steht für Winkler auch die Betrugskriminalität; sowohl in der Zentralstelle als auch in den Außenstellen sollen Maßnahmen gesetzt werden, um den enormen Arbeitsanfall im Bereich der Bekämpfung der Betrugskriminalität besser bewältigen zu können.


Cybercrime. Ein besonderes Anliegen ist Winkler die Bekämpfung der Cyberkriminalität – ein Bereich, für den im Rahmen der Kriminaldienstreform ab 2024 zusätzliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. „Wir brauchen IT-Spezialisten, die ermittlungsunterstützend tätig sind. Ein Probebetrieb wie derzeit in den Außenstellen soll auch in der Zentrale installiert werden“, nennt Winkler eine geplante Maßnahme. Zusätzliches Personal sei sowohl in der Zentralstelle als auch in den Stadtpolizeikommanden und Polizeiinspektionen erforderlich.


Nachwuchs. Das Thema Personal stellt angesichts der aktuellen und bevorstehenden Pensionierungen eine große Herausforderung dar. Das Ziel sei, einen möglichst reibungslosen Generationswechsel durchzuführen, so Winkler. An Interessenten für den Kriminaldienst würde es nicht mangeln, allerdings müssten die Absolventen des E2a-Kurses auch die Chance bekommen, möglichst rasch ins LKA zu wechseln.

Um eine andere Art von „Nachwuchs“ geht es bei der Arbeitsgruppe zum Thema Jugendkriminalität, an der Winkler derzeit teilnimmt. „Die Täter werden immer jünger und brutaler“, charakterisiert er die Entwicklung, und nennt als Beispiel Jungendbanden rund um den Liesinger Platz, auf deren Konto strafrechtliche Delikte von Sachbeschädigung über Körperverletzung bis zu schwerem Raubüberfall gehen. Hier sei Zusammenarbeit innerhalb der Polizei, etwa mit den lokalen PIs und dem Kriminalpolizeilichen Beratungsdienst, aber auch mit externen Institutionen wie der Kinder- und Jugendhilfe gefragt.











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