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  • Rosemarie Pexa, Ferdinand Germadnik

„Brennen“ für die Kriminalpolizei

Kriminaldienstreform und Cybercrime haben für BK-Direktor Andreas Holzer oberste Priorität.


General Mag. Andreas Holzer, MA, seit 16. Februar 2021 Direktor des Bundeskriminalamts, über „seine“ Themen und die Schwerpunkte im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität.



Kriminalpolizei: Herr General Holzer, Sie haben eine bemerkenswerte Karriere vom Landgendarm zum Direktor des Bundeskriminalamts hinter sich. Was können Sie von den einzelnen Stationen Ihrer Berufslaufbahn für Ihre aktuelle Tätigkeit mitnehmen?

Andreas Holzer: Fangen wir bei „Adam und Eva“ an: Ursprünglich habe ich mir unterschiedliche Berufe vorstellen können, vor allem auch kreative: zum Beispiel Fotograf – oder Sportler. Ich habe in meiner Jugend sehr viel Sport betrieben, vor allem Bergsport und Schwimmen. Ein Verwandter von mir war Bezirkskommandant in Hallein, der hat dann vorgeschlagen, dass ich zur Gendarmerie gehen soll. Er hat gemeint, der Beruf sei sehr vielfältig, vom Dienst in Sondereinheiten bis zur Kriminalpolizei.

Nach dem Bundesheer habe ich die Bundesgendarmerieschule in Großgmain besucht, die mir Einblicke in die grundsätzliche Arbeit der Polizei geboten hat. Mir ist klar geworden, dass ich dorthin möchte, wo sich etwas tut. Daher habe ich mir den größten Posten ausgesucht, den in Hallein.

In den Kriminaldienst bin ich gekommen, weil ich das Angebot bekommen habe, eine Suchtgift-Gruppe auf Bezirksebene mit aufzubauen. Ich habe mich damals vor allem für das Gendarmerieeinsatzkommando – den Vorläufer der Cobra, die Alpinpolizei und auch für die Kriminalpolizei interessiert. Ich habe mich für die Kriminalpolizei entschieden und dafür zu „brennen“ begonnen. Dieses Feuer brennt nach wie vor.

Damals habe ich mir nicht träumen lassen, dass ich einmal hier in Wien im Bundeskriminalamt im 5. Stock auf dem Chefsessel sitzen werde. Ich habe diese Funktion auch sehr demütig angenommen. Mir ist wichtig, geerdet zu bleiben und nie zu vergessen, wo man herkommt – polizeilich und privat.


Ab 2008 waren Sie im Bundeskriminalamt stellvertretender Leiter des Büros zur Bekämpfung der Suchtmittelkriminalität. Was hat sich in diesem Bereich seit Ihrer Tätigkeit in der Suchtgift-Gruppe im Bezirk geändert?

Holzer: Damals war der Handel mit Suchtgift analog. Es sind hauptsächlich die klassischen Drogen Marihuana und Haschisch, Heroin und Kokain gehandelt worden. Die Probleme mit synthetischen Drogen wie Crystal Meth, Speed und Ecstasy haben zugenommen, auf diese haben wir einen Schwerpunkt gelegt.

Synthetische Drogen werden zur Zeit sehr häufig im Darknet gehandelt. Es gibt, wie bei legalen Geschäften im Internet, ein Bewertungssystem für die Verkäufer, Vendoren genannt, was dazu geführt hat, dass die Qualität des Stoffs sehr hoch ist. Der hohe Reinheitsgrad dabei, den die Konsumenten nicht gewohnt sind, führt auch zu Todesfällen. In Wien beträgt der Reinheitsgrad bei Heroin oder Kokain im Straßenhandel meist fünf bis sechs Prozent, im Darknet sind es 75 bis 80 Prozent. Aber man darf nicht vergessen, dass nach wie vor rund 80 Prozent des Suchtgifthandels auf der Straße stattfinden.


Was war die nächste Station Ihrer Karriere?

Holzer: Der letzte Kurs für Dienstführende Wachebeamte der Gendarmerie hat im Jahr 2000 in Mödling stattgefunden, den habe ich besucht. Es wäre geplant gewesen, dass ich anschließend in Saalfelden im Pinzgau eingesetzt werde. Ich wurde dann aber gefragt, ob ich bei einem Projekt in Wien mitarbeiten möchte – und so bin ich ins Bundeskriminalamt gekommen. Ich habe 2001 ein paar Monate lang im Projektteam Kriminaldienstreform mitgearbeitet und mich ab 2002 mit dem Aufbau der neuen Zielfahndungseinheit im Bundeskriminalamt befasst.

Um mir Know-how anzueignen, bin ich auch ins Ausland geschickt worden. 2003 habe ich drei Wochen lang Training-on-the-Job beim United States Marshals Service (USMS) in Manhattan, auf Long Island und in New Jersey gemacht, und ich war im Bundeskriminalamt Wiesbaden.


Was können die US-Amerikaner bei der Zielfahndung, das wir in Österreich nicht können?

Holzer: Was die eigentliche Polizeiarbeit betrifft, die Ausbildung, die Kompetenzen, sind wir on top. Darüber hinaus sind wir historisch bedingt auf sehr hohem Niveau – in Österreich wurde schon vor hundert Jahren erkannt, wie wichtig die internationale Kooperation ist. Immerhin ist die Interpol 1923 in Wien gegründet worden. Die USA ist von den Behördenstrukturen sehr schlecht mit Österreich vergleichbar, das FBI beispielsweise ist jedoch hinsichtlich der Kooperation mit Wissenschaft und Technik und der Ressourcen sehr gut aufgestellt.


Und worin ist uns Deutschland, das BKA Wiesbaden, voraus?

Holzer: In Europa hat es bis zum RAF-Terror keine Zielfahndung gegeben, da hat das BKA Wiesbaden Pionierarbeit geleistet. Die Deutschen haben eine Systematik in der spezialisierten Fahndung entwickelt und Leitfäden erstellt, wie man an so einen Fall herangeht: die gesamten Akten lesen, den Gefahndeten so gut kennenlernen wie den eigenen besten Freund, sein Umfeld abfragen, recherchieren, welche Kreditkarte er verwendet, welche Gewohnheiten, Hobbys und Leidenschaften er hat. Dieses Konzept haben wir übernommen und ausgebaut. Mittlerweile gibt es in Europa und mehreren Drittstaaten mit ENFAST ein Netzwerk an Zielfahndern, von denen jeder weiß, welche Standards gelten. So ist es vor Kurzem auch gelungen, einen gesuchten Juweliermörder an der serbisch-ungarischen Grenze zu fassen.

Um noch mehr Fälle bearbeiten zu können, wird die Zielfahndung im Bundeskriminalamt weiter ausgebaut, auch personell.


Zurück zu den Stationen Ihrer Karriere: 2007 und 2008 waren Sie bundesinterner Koordinator des Projekts „International Anti-Corruption Academy“ ...

Holzer: Ich habe ein Jahr lang daran mitgewirkt, die IACA aufzubauen, dann bin ich wieder in den Kriminaldienst zurückgekehrt.


Zum Thema Korruption: Wie korrupt ist Österreich?

Holzer: Das internationale Ranking spiegelt nicht wider, dass Österreich sehr gut dasteht, was die Polizei betrifft. Innentäter werden rigoros verfolgt, die Polizei hat eine gute Selbstreinigungskraft. Wenn man mit den Kollegen redet, hört man, dass ein korrupter Polizist das Schlimmste überhaupt ist.


2008 bis 2011 waren Sie stellvertretender Leiter des Büros zur Bekämpfung der Suchtmittelkriminalität, 2009 haben Sie die Leitung der Sonderkommission Doping übernommen ...

Holzer: Suchtgiftbekämpfung ist „mein“ Thema, ich komme ja aus diesem Bereich, war Drogenfahnder. Ich wollte immer schon unbeschrittene Wege gehen, deshalb habe ich gerne auch die SOKO Doping geleitet und danach ein eigenes Dopingreferat im BK etabliert – das übrigens nach wie vor überaus erfolgreich arbeitet.


In Österreich hat es ja einige Fälle von Doping gegeben.

Holzer: Doping ist ein Kontrolldelikt, wir haben deshalb in den letzten zwölf Jahren viele Fälle gehabt, weil wir genau hinschauen – auch auf die Gefahr hin, dass der Eindruck entsteht, Österreich habe ein größeres Problem als andere. Das Gegenteil ist nämlich der Fall: Nur durch konsequentes Vorgehen, repressiv und präventiv, lässt sich nachhaltig etwas verändern. Die Augen verschließen ist leicht.


Welche Schwerpunkte haben Sie ab 2011 als Leiter des Büros zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität gesetzt?

Holzer: Die Schwerpunkte waren damals Rockerkriminalität, russische OK und die italienische Mafia.

Nach Auflösung der EDOK ist ein Vakuum im Bereich Strukturermittlungen entstanden, das gefüllt werden musste. Ich habe das Büro zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität im Jahr 2011 mit 21 Mitarbeitern übernommen, jetzt sind es 45 – und das ist gut so. Das Büro ist die einzige Zentralstelle zur OK-Bekämpfung. Der Kampf gegen die Organisierte Kriminalität ist eines meiner kriminalistischen Herzensthemen.


2018 haben Sie die Leitung der Abteilung 3, Ermittlungen, organisierte und allgemeine Kriminalität, übernommen. Wie fühlt man sich, wenn man als Nachfolger in die Fußstapfen des legendären Dr. Ernst Geiger treten muss?

Holzer: Ernst Geiger war der Do­yen der Mordermittlungen, ein Sir und guter Ratgeber. Meine Schwerpunkte waren die Stärkung der Ermittlungen gegen Sexualdelikte und Kinderpornographie, ich habe dazu ein eigenes Referat etabliert und personell ausgestattet. Als Vater von zwei Kindern ist dieses Thema für mich emotional besetzt und ich bin froh und beeindruckt, wie hochprofessionell meine Leute mit diesen Ermittlungen umgehen.

Ein weiterer Schwerpunkt war Cybercrime, vor allem Erpressungs-E-Mails. Ein Täter schickt auf Knopfdruck Hunderttausende Mails – und die Aufgabe der Polizei ist es, diese zusammenzuführen, zu erkennen, dass es sich um einen einzigen Täter handelt.


Cybercrime ist ja nach wie vor einer Ihrer Schwerpunkte. Was haben Sie zu diesem geplant?

Holzer: Die Anzahl der Cybercrime-Spezialisten im Bundeskriminalamt wird verdoppelt. Wir werden temporär Wissenschafter, TU- und HTL-Absolventen in die Behörde holen – für die Jungen ist es attraktiv, wenn sie ein bis zwei Jahre für uns tätig sind und dann „Bundeskriminalamt“ in ihrem Lebenslauf steht. Aber mir ist es genauso wichtig, dass ein niederschwelliger Wissenstransfer zu unseren Leuten stattfindet. Man braucht beides: Know-how über neue Technologien und fundierte Old-School-Ermittlungsarbeit.

Gleichzeitig muss das Wissen auch in die Fläche gebracht werden. Jeder Polizist auf einer PI in ganz Österreich soll einen Ansprechpartner im Bezirk haben, der „vorforensisch“ arbeiten kann. Da geht es darum, dass man ein Handy an ein Auswertegerät ansteckt und sieht: Da ist was vorhanden hinsichtlich Suchtmittel oder Waffen, da ist eine IS-Flagge, in diesen Netzen war das Gerät eingeloggt. Das muss in zehn Minuten fertig sein. Eine Anwendung ist z. B. die Smart Identification im Schlepper-Bereich.

Die Bezirks-IT-Ermittler sollen gestärkt und mit Technik ausgestattet werden. Dafür werden wir uns zuerst den Bedarf anschauen, mit verschiedenen Firmen Kontakt aufnehmen und dann investieren.


Wann wird das umgesetzt?

Holzer: Derzeit ist der Projektauftrag zu einer Kriminaldienstreform in Konzeption. Durch die steigende Zahl der Fälle hat Cybercrime eindeutig Priorität. Dabei geht es um drei Punkte: um Cybercrime im engeren Sinn, also um Angriffe auf Datenanwendungen, um Cybercrime in weiteren Sinn, z. B. Internet-Betrug, Erpressung durch Ransomware oder Kinderpornographie, und um den Umgang mit großen Datenmengen, die man schnell auslesen muss, wie bei der SOKO Tape (Ibiza) oder beim Terroranschlag vom letzten November.


Bei der SOKO Ibiza ist ja nicht alles optimal gelaufen.

Holzer: Auf Seite der Polizei schon. Es war ein riesiger Erfolg, eine kriminalistische Meisterleistung, dass das Video in einer Steckdose in einer Wohnung in Wiener Neustadt gefunden worden ist. Unsere Leute sind fast 24 Stunden lang vor den Auswertegeräten gesessen, das war eine hoch professionelle Arbeit, die mich immer noch beeindruckt. Die Hintermänner sind ausgeforscht und zum Teil inhaftiert worden. Ich habe handverlesene Kriminalisten aus ganz Österreich dafür herangezogen, die dann durch politische und mediale Involvierung unschuldig zum Handkuss gekommen sind.


Wie politisch ist die Funktion als Direktor des Bundeskriminalamts?

Holzer: Sie wird vielleicht von manchen politisch gesehen, ist es aber nicht, das ist eine Management-Aufgabe. Ich habe ein Haus von mehr als 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu führen, wir sind national und international Ansprechpartner für kriminalpolizeiliche Ermittlungen und Kooperation.


Anlässlich Ihres Amtsantritts haben Sie gesagt, dass Sie die Zusammenarbeit mit der Justiz auf neue Beine stellen wollen. Was ist damit konkret gemeint?

Holzer: Eine gute Ermittlung funktioniert nur, wenn Polizei und Justiz Schulter an Schulter arbeiten, nicht gegeneinander. Es geht darum, Vertrauen zu haben. In einer heiklen Situation muss man sich darauf verlassen können, dass die jeweiligen Maßnahmen gesetzt werden, weil sie den Ermittlungen dienen und nicht politischen Zwecken. Wenn es heißt, jemand hat das Amtsgeheimnis verletzt, dürfen weder die Polizei noch die Justiz einem Beißreflex nachgeben, der zu gegenseitigen Beschuldigungen führt. Flapsig ausgedrückt dürfen wir uns nicht medial auseinanderdividieren lassen.

In der StPO steht, dass Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft und Gericht die Wahrheit zu erforschen und alle Tatsachen aufzuklären haben, die für die Beurteilung der Tat und des Beschuldigten von Bedeutung sind. Im Grunde geht es darum, gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren professionell zu führen.


Zurück zu den Schwerpunkten Ihrer Arbeit: Als Sie 2018 mit der Leitung der Abteilung Ermittlungen, organisierte und allgemeine Kriminalität betraut worden sind, haben Sie als Schwerpunkt die Verbesserung des subjektiven Sicherheitsgefühls genannt. Ist das nach wie vor eine Ihrer Prioritäten?

Holzer: Das ist damals noch in Zusammenhang mit der Migrationsbewegung von 2015 und 2016 gestanden. Der 2017 ausgearbeitete „Aktionsplan Sicheres Österreich“ ist fast zur Gänze umgesetzt. Mittlerweile haben wir andere Schwerpunkte. In der Pandemie waren die Grenzen zu, bestimmte Kriminalitätsformen haben abgenommen bzw. sich vermehrt ins Internet verlagert, z. B. der Suchtgifthandel. Wir bereiten uns jetzt auf die Öffnung der Grenzen vor und haben auch schon mit den Polizeichefs der Balkanländer Kontakt aufgenommen.


Ist Wirtschaftskriminalität auch ein Schwerpunkt?

Holzer: Das war bislang nie so meine Welt, aber jetzt bin ich für alle Bereiche zuständig. Ich habe mich näher damit befasst – und es hat mich auch gefesselt: Betrug im Internet, Sozialleistungsbetrug, Wirtschaftsgroßverfahren. Da geht es um enorme Schadenssummen und man braucht eine sehr tiefgreifende Expertise, z. B. im Umgang mit Bilanzen. Ich darf aber auch auf andere Bereiche des Kriminaldienstes hinweisen, die mir wichtig sind: Kriminaltechnik, Analyse, die Assistenzdienste, die internationale Kooperation, Prävention, die Präsidialaufgaben wie Budget und Personal – um nur einige zu nennen. Auch diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Hintergrund ihre Arbeit machen, möchte ich hinkünftig mehr vor den Vorhang holen.


Apropos Expertise: Wie sieht es mit der Ausbildung für Kriminalbeamte aus? Eine Neuauflage des Kriminalbeamtenkurses ist ja schon mehrmals angekündigt worden.

Holzer: Daran wird gearbeitet. Das fließt auch in eine mögliche Kriminaldienstreform ein und hat – gepaart mit dem Thema Cybercrime – oberste Priorität.







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