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  • Rosemarie Pexa

Betrug im Internet

Seit dem ersten Lock-down im Frühjahr 2020 haben sich viele Aktivitäten ins Internet verlagert – auch die von Kriminellen.



Frühjahr 2020: „Bleiben Sie zu Hause“ lautete das Motto. Die meisten hielten sich daran – und stellten bald fest, dass sich die verordnete Sesshaftigkeit in Form von „Corona-Kilos“ bemerkbar machte. Die Lösung: Sport in den eigenen vier Wänden. Da kam einem Wiener das Rudergerät, das auf einer Handelsplattform günstig angeboten wurde, gerade recht. Dass der Verkäufer in Westösterreich wohnte, schien kein Problem zu sein, schließlich gab es ja die Möglichkeit einer Zustellung. Express, am selben Tag, an dem der Betrag überwiesen werde, versprach der Verkäufer.

Das ist kein fiktiver Fall, sondern einer, der sich tatsächlich zugetragen hat. Fiktiv war allerdings das nie gelieferte Rudergerät. Der kaufwillige Wiener wurde Opfer eines Bestellbetrugs – und er teilt dieses Schicksal mit einer Vielzahl anderer Betroffener. „Im ers­ten Lock-down haben wir zwei Dinge gesehen. Erstens: Die Gesamtbetrugszahlen sind richtiggehend eingebrochen, gewisse Vorgehensweisen temporär verschwunden. Zweitens: Die Täter haben nach einem kurzen Inne­halten ein anderes Betätigungsfeld gesucht und gefunden – den digitalen Betrug“, erklärt Mag. Claus Peter Kahn, Leiter des Büros 7.1 Betrug, Fälschung und Wirtschaftskriminalität im Bundeskriminalamt.

Der Grund für diese Umorientierung liegt auf der Hand: Wenn die Geschäfte geschlossen und kaum Leute auf der Straße sind, tun sich die Tätergruppen mit Betrug im analogen Umfeld, z. B. mit Geldwechselbetrug, schwer. Laut Kahn steigt die Anzahl der Fälle von Internetbetrug seit Ende des ersten Lock-downs kontinuierlich an, die Relation von analoger zu digitaler Kriminalität verschiebt sich in Richtung der digitalen. Zwischen rein analogem und rein digitalem Betrug existieren auch Mischformen mit analoger Kontaktaufnahme und digitaler Vollendung. So kann etwa die Anbahnung analog bei einem Telefonanruf erfolgen, z. B. durch Anbieten eines lukrativen Investments, der Rest wird über das Internet abgewickelt.


Bestellbetrug. Der weitaus überwiegende Teil aller Internet-Betrügereien entfällt auf vier Formen: Bestell-, Abbuchungs-, Vorauszahlungs- und Anlagebetrug; insgesamt ist mehr als die Hälfte dem Bestellbetrug zuzuordnen. „Anders als im analogen Bereich muss im Distanzgeschäft einer der Beteiligten in eine Vorleistung gehen, den ersten Schritt tun, also die Ware liefern oder sie bezahlen“, so Kahn. Diesen Umstand nutzen Betrüger aus, die sich entweder als Verkäufer oder als Käufer ausgeben. Der Verkäufer kann, wie im Fall des Rudergeräts, als Privatperson auftreten oder als professioneller Händler mit einem vorgetäuschten eigenen Webshop.

„Der Betrüger lässt sich eine Domain registrieren, baut einen Fake-Webshop auf und bietet Waren zu Schleuderpreisen an. Geliefert wird nur gegen Vorauskasse“, beschreibt Kahn die Vorgehensweise. In ihrem – nicht real existierenden – Sortiment haben die Betrüger besonders begehrte Gegenstände. Das waren im Lock-down z. B. Sportgeräte für das Training zu Hause sowie Computer und Zubehör. Vor Weihnachten 2020 sorgte eine neu auf den Markt gekommene Spielkonsole dafür, dass auf rund jede zweite tatsächliche Lieferung einer Konsole ein betrügerisches Geschäft kam, bei dem der Käufer leer ausging.

Warum Konsumenten den Internet-Betrügern so leicht auf den Leim gehen, begründet Kahn folgendermaßen: „Studien zeigen, dass Menschen, die im Internet kaufen, eher risikoaffin sind. Wenn etwas um 50 Prozent des Marktpreises angeboten wird, nehmen sie das Risiko eines etwaigen Verlusts in Kauf.“ Um dieses zu minimieren, sollte man entweder bei bekannten Online-Händlern bestellen oder sich zumindest über den Webshop, bei dem man kaufen möchte, informieren. Alarmzeichen sind das Fehlen von Gütesiegeln oder eines Impressum. Gibt man in eine Suchmaschine den Namen des Shops und Wörter wie „Erfahrungen“ oder „Betrug“ ein, kann man Hinweise darauf bekommen, ob es sich um einen Fake-Webshop handelt.


Händler als Opfer. Gute Geschäfte machen Betrüger auch mit Waren, die sie in Online-Shops bestellen, ohne zu bezahlen, und dann weiterverkaufen. Der Täter generiert eine Scheinidentität oder missbraucht eine fremde Identität – etwa, indem er Name und Kontaktdaten einer Person aus dem Telefonbuch oder eines Anbieters auf einer Handelsplattform verwendet. Als Lieferadresse gibt er eine Paketstation an. Dabei haben es die Betrüger laut Kahn nur auf bestimmte Güter abgesehen: „Nicht alle Warengruppen sind gleich betrugsanfällig. Eine Klomuschel ist einfach weniger begehrt als hochpreisige Elektronikgeräte. Und es werden oft Betriebe geschädigt, die vorher noch nie Zielscheiben von Betrug waren.“

Von dieser Kriminalitätsform sind insbesondere Geschäftsleute betroffen, die wenig Erfahrung mit dem Online-Handel haben. Unternehmer, deren Geschäftslokale in den Lock-downs geschlossen waren, versuchen, ihre Verluste durch neu geschaffene Web­shops in Grenzen zu halten, ergreifen aber oft keine ausreichenden Sicherheitsmaßnahmen.

Bei „digitalen Filialen“ gibt es vier Punkte, die berücksichtigt werden müssen. Als ersten nennt Kahn die technische und organisatorische Ausgestaltung des Webshops. So lässt sich durch Limitierung für den Warenkorb die Stückzahl gleicher Produkte pro Einkauf beschränken, was bei teureren Produkten Sinn machen kann. Punkt zwei, eine Identitäts- und Bonitätsprüfung ist vor allem bei Erstkunden und bei höheren Summen angeraten. Bei Stammkunden weiß man über die Zahlungsmoral Bescheid. Ihnen kann man bei Punkt drei, der Zahlungsartensteuerung, auch Kauf auf Rechnung anbieten, während man bei Erstkunden mit Überweisung oder Kauf mit Kreditkarte auf Nummer sicher gehen sollte. Viertens spielen auch die Lieferoptionen eine Rolle. Die Erlaubnis, als Verkäufer ein Umrouten der Lieferung auf eine Paketstation zuzulassen, sollte im Vorfeld der Lieferung gut überlegt sein.


Abbuchungsbetrug. Eine weitere häufige Form des Internet-Betrugs ist der Abbuchungsbetrug, bei dem der Täter meist über Phishing zu den Daten seines Opfers kommt. Kahn führt drei Varianten an: Hat der Täter die Bankdaten des Opfers in Erfahrung gebracht, kann er direkt von dessen Konto abbuchen. In der Regel achtet man bei Bankdaten mehr auf Sicherheit als bei den Zugangsdaten zum Einkaufs-Account auf einer Handelsplattform und ist daher auch weniger misstrauisch, wenn man in Bezug auf diese die Meldung erhält: „Leider ist ein Problem bei Ihrem Konto aufgetreten. Bitte geben Sie Ihre Zugangsdaten ein.“ Tut man es, bekommt man die Rechnung für die Bestellung des Betrügers. Bei der dritten Variante, dem „Card not present“-Fraud, nutzt der Täter die Kreditkartendaten, um Einkäufe zu tätigen.


Vorauszahlungsbetrug. Auch beim Vorauszahlungsbetrug gibt es mehrere Varianten. Die Tricks, mit denen die Täter das Vertrauen der coronabedingt häufiger am Computer sitzenden Menschen zu gewinnen versuchen, sind nicht neu – und trotzdem oft von Erfolg gekrönt. „Wir haben im April 2020 vor Love Scam gewarnt. Die Täter haben sich damals leichtgetan, weil Treffen nur im Cyberspace möglich waren. Wichtig: Wenn aus einer digitalen Beziehung eine Geldforderung erwächst, dann hat das mit Liebe nichts zu tun, dann ist das vermutlich ein Betrugsversuch“, betont Kahn. Zur psychischen Belastung durch die reduzierten Sozialkontakte komme für die Opfer, die viel in die virtuelle Beziehung projiziert hätten, eine „persönliche Verletzung“.

Bei Love Scams hält sich die Anzahl männlicher und weiblicher Opfer die Waage. Bei Männern geben sich die Täter meist als junge, attraktive Damen aus, bei Frauen als weltmännische Soldaten, Ärzte oder Ingenieure, die ihr Beruf in ferne Länder verschlagen hat. Das dient auch als Vorwand, um dem Opfer einen – zu Beginn meist geringeren – Geldbetrag herauszulocken. „Der Klassiker dabei ist oftmals: 'Ich möchte zu dir, aber ich habe keinen Reisepass'“, so Kahn. Nach dem Pass muss noch das Flugticket bezahlt werden, dann wird das Gegenüber vermeintlich bei der Ausreise aufgehalten, weil es kein Visum hat, das natürlich ebenfalls etwas kostet. Häufig ereignet sich auch noch ein Unglück, etwa ein Todesfall in der Familie, was eine neuerliche Finanzspritze erforderlich macht.

Nach dem Anstieg von Love-Scam-Fällen erlebte in Vorjahr eine andere schon bekannte Art des Vorauszahlungsbetrugs einen Boom: Gewinnversprechen. Die Betrüger verschicken Spam-Mails, in denen Sätze wie „Sie haben in der Lotterie gewonnen“ zu lesen sind. Dann folgt die Begründung, warum vor der Auszahlung des – hohen – Gewinnbetrags eine Zahlung zu leisten ist. Das können nicht näher bezeichnete „Bearbeitungsgebühren“ oder Notarkosten sein. Interessanterweise fallen selbst Menschen, die an gar keinem Glücksspiel teilgenommen haben, auf diese Betrugsmasche herein.

Eine weitere Vorgehensweise, bei der aus dem Mangel an leistbarem Wohnraum Kapital geschlagen wird. „Eine Wohnung in guter Lage wird preisgünstig um 500 Euro Miete pro Monat angeboten. Der Besitzer erklärt, dass er zu Besichtigung und Schlüsselübergabe nicht persönlich kommen kann, weil er sich aus beruflichen Gründen im Ausland aufhält. Er verspricht, nach der Überweisung von drei Monatsmieten und einer Kaution auf ein Konto im Ausland den Schlüssel zuzuschicken“, beschreibt Kahn ein typisches Beispiel eines Mietbetrugs. Als „vertrauensbildende Maßnahme“ lässt der Täter dem Interessenten einen gescannten Reisepass sowie Grundriss und schöne Bilder der Wohnung zukommen.


Anlagebetrug. Bei der letzten der vier verbreitetsten Formen des Internet-Betrugs macht man sich den Wunsch zunutze, Geld auch in Zeiten niedriger Sparzinsen gewinnbringend anzulegen. Beim Anlagebetrug kann der erste Kontakt vom Täter oder vom Opfer ausgehen. Letzteres ist der Fall, wenn das Opfer im Internet aktiv nach Anlageformen – z. B. Aktien, Rohstoffen oder Kryptowährungen – sucht. Dabei stößt es auf professionell gestaltete Websites und tritt über diese mit dem Täter in Verbindung. Mitunter scheinen Prominente als Werbe-Testimonials auf diesen Sites auf, die allerdings nichts davon wissen, dass ihr Foto verwendet wird. Im zweiten Fall kontaktiert der Täter das Opfer per Telefon oder Chat und schlägt ihm ein Investment vor. Wenn das meist niedrige Erstinvestment lukrative Gewinne abwirft, macht dies die Opfer unvorsichtig und veranlasst sie meist zu einer Ausweitung des Investments.

Um den international agierenden Internetbetrügern auf die Schliche zu kommen, setzt die Polizei neben nationalen Ermittlungen auch auf die grenz­überschreitenden Zusammenarbeit, so Kahn: „Die Kooperation zwischen den Polizeibehörden ist ein wesentlicher Faktor, um diesen internationalen Kriminalitätsformen zu begegnen.“ Potentiellen Opfern rät er, sich gut zu überlegen, ob man eine Zahlung tatsächlich auch durchführen will, und auf ihr „Bauchgefühl“ zu hören, denn: Wenn etwas zu gut aussieht, um wahr zu sein, dann ist es zumeist nicht wahr.

Rosemarie Pexa

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