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  • Rosemarie Pexa

Arge Maghreb

Die Arbeitsgruppe der Außen­stelle West ermittelt gegen für ihre Brutalität bekannten nordafrikanischen Drogenbanden.


Sicherstellungen der Arge Maghreb

Als „Drogenclowns“ haben sie heuer im April Schlagzeilen gemacht, die Mitglieder einer algerischen Tätergruppe. Die bei ihnen sichergestellte Clownmaske erinnert jedoch nicht an einen fröhlichen Spaßmacher, sondern an den psychopathischen Gegenspieler „Joker“ der Comics-Figur „Batman“. Derart maskiert schlugen die Täter die Wohnungstür eines angeblichen Informanten ein und verletzten ihn schwer. Das ist kein Einzelfall: „Bei der nordafrikanischen Suchtgiftszene handelt es sich um eine extrem aggressive Klientel. Sie 'bestraft' ihre eigenen Leute mit Hieb- und Stichwaffen, wenn der Verdacht besteht, dass diese mit der Polizei zusammenarbeiten“, erklärt Oberstleutnant Klaus Mair, BA, MA, Leiter der Außenstelle West.

Die Angst der Mitglieder nordafrikanischer Drogenbanden vor massiven Repressionen durch Personen aus den eigenen Reihen und der fehlende Respekt vor der Polizei zeigt sich auch bei Zugriffen, die die Arbeitsgruppe Magh­reb der Ast West immer mit Unterstützung von Cobra oder WEGA durchführt. Die Täter reagieren sogar in für sie aussichtslosen Situationen mit Gewalt. Manche versuchen, sich durch einen Sprung aus dem Fenster, auch aus dem zweiten oder dritten Stock, einer Festnahme zu entziehen. Bei Einvernahmen schweigen sie meist eisern. Dementsprechend schwierig gestalten sich Ermittlungen in dieser Szene.


Hohe Motivation. Trotzdem können die Mitarbeiter der 2015 gegründeten Arge Maghreb beachtliche Erfolge verbuchen. Einen Grund dafür sieht Gruppenführer Chefinspektor Gernot Kaes in der hohen Motivation: „Die Arge besteht aus fünf Kollegen, die diese Arbeit aus Überzeugung machen. Sie recherchieren oft auch in ihrer Freizeit und sogar im Urlaub.“ Dazu kommt, dass die Ermittler die nordafrikanische Drogenszene in Wien schon seit ihrem Entstehen im Visier haben.

Die ersten Tätergruppen aus den Maghreb-Staaten kamen im Zuge der Flüchtlingsbewegung 2015 nach Österreich. Zu diesem Zeitpunkt hatte man in der Ast West schon reichliche Erfahrungen mit westafrikanischen Drogenbanden gesammelt. Der Arbeitsgruppe Nigeria gelang es nicht nur, große Mengen an Suchtgift sicherzustellen, sondern auch, mit ihren Ermittlungen bis in die Führungsstrukturen der Tätergruppen vorzudringen und so auch zahlreiche Drahtzieher hinter Gitter zu bringen.

Diese Vorgehensweise bewährte sich auch bei den Nordafrikanern. Der damalige Leiter der Außenstelle Oberst Georg Rabensteiner initiierte gemeinsam mit Bezirksinspektor Martin Glöckler, der nach wie vor der Arge Maghreb angehört, erste Strukturermittlungen im Bereich der nordafrikanischen Tätergruppen. Bereits damals hatten die beiden den Stellenwert der noch jungen Szene erkannt. „Zu Beginn haben die Banden vor allem Eigentumsdelikte verübt und sich dann zunehmend auf den lukrativeren Suchtgifthandel verlegt“, erinnert sich Revierinspektor Rainer Kern, einer der Mitarbeiter der Arge Maghreb.


Veränderungen. Zuerst handelten die nordafrikanischen Tätergruppen nur mit Cannabis, mittlerweile haben sie ihr „Sortiment“ um Kokain und Amphetamine erweitert. Auch ihre Vorgehensweise hat sich geändert, weiß Kern: „2015 sind Ware und Geld in derselben Wohnung gelagert worden, dann ist eine Vorgabe von den Chefs gekommen, das zu trennen.“ Dadurch, dass die einfachen Bandenmitglieder über die Aktivitäten der jeweils anderen nicht Bescheid wissen, hat man das Risiko des 'Verrats' im Zuge einer Vernehmung reduziert. Den Überblick behalten nur die Drahtzieher, die häufig in Frankreich, der ehemaligen Kolonialmacht, sitzen.

Oft reisen Mitglieder nordafrikanischer Banden über Frankreich nach Österreich und in andere europäische Länder. „Sie sind mit gefälschten Ausweisen, die sich nur schwer als Fälschungen erkennen lassen, ausgestattet“, so Revierinspektorin Irene Klauser von der Arge Maghreb. Ein häufiger Wechsel von Wohnungen und Handynummern soll verhindern, dass die Täter auffliegen. Wird der Fahndungsdruck gegen ein Bandenmitglied zu groß, tauscht man es aus und setzt es in einem anderen Land ein. Auch für Personen in den oberen Rängen ist laut Bezirksinspektor Andreas Mayer, ebenfalls von der Arge, rasch Ersatz gefunden: „Wenn wir gegen führende Mitglieder einschreiten, stellen sie sich neu auf. Wie bei einer Hydra wachsen Köpfe nach.“

Dass die Tätergruppen keine Nachwuchsprobleme haben, liegt auch an der guten „Medienarbeit“ ihrer Mitglieder. Aufgrund der Auswertung von Handydaten weiß man, dass die Täter gern mit Geldbündeln, in Markenkleidung und mit anderen Statussymbolen vor der Kamera posieren. Die Aufnahmen verbreiten sie über Soziale Medien, vor allem über Facebook und Instagram, was ihren Landsleuten das Drogenbusiness äußerst attraktiv erscheinen lässt. Der Großteil der Täter stammt aus Algerien, gefolgt von Marokko und Tunesien, aber auch Asylsuchende aus anderen Ländern wie Sy­rien werden rekrutiert.

Ein Teil der von ihren Bandenchefs nach Österreich geschickten Personen lebt im Untergrund, andere suchen hier um Asyl an – manchmal sogar, nachdem sie bei einem Drogendeal erwischt worden sind. „Wenn die Täter einen Asylantrag stellen, machen sie ganz andere Angaben als bei unserer Einvernahme. Wir übermitteln daher jedes Einvernahmeprotokoll an das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl“, erklärt Mair.


Erste Erfolge. Trotz falscher Identitäten und wechselnder Akteure gelang es der Arge Maghreb, mehrere Delikte, die sich zum Teil auf dieselben Tätergruppen zurückführen ließen, aufzuklären. Als einer der ersten großen Erfolge konnten von September 2017 bis März 2018 insgesamt 35 Mitglieder einer Drogenbande festgenommen und erhebliche Mengen an Cannabis sichergestellt werden. Den Auftakt machte eine Aktion am 14. September 2017, bei der in einer Bunkerwohnung im 3. Bezirk – ausgerechnet gegenüber einer Suchtberatungseinrichtung – acht Dealer aus Algerien, Libyen und Afghanistan festgenommen wurden.

Nicht in der Wohnung befand sich ein von den Ermittlern gesuchtes führendes Mitglied der Tätergruppe, der Algerier Bareddine A. Eigentlich hätte er sich in Schubhaft befinden sollen, war dieser aber durch einen Sprung aus dem zweiten Stock entkommen. Im Zuge einer Amtshandlung, bei der er einen Beamten mit dem Messer bedroht hatte, war ihm ein zweites Mal mit einem Sprung durch ein Fenster die Flucht geglückt. Seiner Festnahme im November 2017 folgte die weiterer Dealer aller Hierarchieebenen.

Der nächste Schlag gegen die nordafrikanische Suchtgiftszene war Erkenntnissen über die Routen der Drogentransporteure zu verdanken. Die Arge Maghreb informierte das Landeskriminalamt Kärnten und die Grenzkontrollstellen, dass Cannabis in Mietfahrzeugen mit italienischem Kennzeichen über Italien nach Österreich gebracht wurde. Beamte der Autobahnpolizei Villach hielten am 25. November 2017 einen verdächtigen italienischen Mietwagen an, in dem 32 kg Haschisch und 26 kg Marihuana versteckt waren. Der Tätergruppe konnte auch die Einfuhr von 30 kg Cannabis nachgewiesen werden, die man im Oktober 2017 als Zufallsfund bei einer Hausdurchsuchung wegen eines Eigentumsdelikts in Meidling entdeckt hatte.

Die Zusammenarbeit mit anderen Dienststellen hat sich nicht nur in diesem Fall bewährt. „Die Arge Maghreb sieht sich als Servicedienststelle, die auch andere Referate unterstützt. Sie führt die zentralen Ermittlungen, weiß über die Strukturen und Handlungsweisen der Tätergruppen Bescheid“, erläutert Kaes. Kollegen, die Hinweise auf Mitglieder nordafrikanischer Drogenbanden oder Fotos von Verdächtigen haben, sollen diese der Ast West zukommen lassen.


Italien-Connection. Der nächste Drogenschmuggel aus Italien, den die Arge Maghreb aufdeckte, erfolgte per Bahn. Am 8. April 2018 wurden zwei anerkannte Konventionsflüchtlinge aus Syrien, ein Mann und eine Frau, am Hauptbahnhof nach Verlassen eines Zugs aus Mailand angehalten und kontrolliert. Die beiden führten einen Koffer mit über 15 kg Haschisch mit, den sie in Mailand von einem Marokkaner übernommen hatten. Das Suchtgift war für einen weiteren Marokkaner, Youness L., in Wien bestimmt. Bei dem einschlägig vorbestraften L. handelte es sich um keinen Unbekannten; bei einem durch einen verdeckten Ermittler durchgeführten Scheinkauf war er der Hintermann des Straßenverkäufers. Er konnte – ebenfalls am 8. April 2018 – an seiner Wohnadresse festgenommen werden.

Auch am 27. August 2018 wurde, wie die Arge Maghreb in Erfahrung gebracht hatte, eine Suchtgiftlieferung aus Italien erwartet. Als der italienische Drogenkurier seine Ware, über 20 kg Haschisch, in einer Pizzeria im 10. Bezirk an zwei Marokkaner übergeben wollte, erfolgte der Zugriff. Infolge weiterer Observationen wurde der Auftraggeber, ebenfalls ein Marokkaner, festgenommen. Bei der an­schließenden Durchsuchung seiner Wohnung im 11. Bezirk konnten 8 kg Haschisch und 43.126,35 Euro Bargeld sichergestellt werden.

Mehrere Mitglieder einer vor allem aus Algeriern bestehenden Tätergruppe wurden am 25. Oktober 2019 aus dem Verkehr gezogen. Ermittler der Arge Maghreb, unterstützt von der WEGA, beobachteten vor einer Bunkerwohnung im 20. Bezirk die Übergabe von Suchtgift an drei Subdealer. Diese wurden ebenso festgenommen wie ein weiteres Bandenmitglied, das sich in der Wohnung aufhielt. An selben Tag gelang es, im Zuge einer von der Staatsanwaltschaft angeordneten Hausdurchsuchung im 11. Bezirk einen der Drahtzieher der Bande, Mohamad L., und seine aus Polen stammende Freundin festzunehmen. Insgesamt wurden rund 30 kg Marihuana und 4.450 Euro Bargeld sichergestellt, darüber hinaus fand man zahlreiche Kontobelege über hohe Summen.

Dem Haupttäter wurde zwar das Handwerk gelegt, seine „rechte Hand“, der Algerier Nasreddine C., führte die dezimierte Drogenbande aber weiter. Die Positionen der Festgenommenen wurden nachbesetzt, neue Suchtgiftlieferanten gefunden und die Drogen auf mehrere immer wieder wechselnde Bunkerwohnungen aufgeteilt. In drei davon fanden am 19. April 2021 in einer gemeinsamen Aktion von Arge Maghreb, Cobra und Abteilung für Anhaltevollzug und Fremdenwesen Hausdurchsuchungen statt; auch für den Drogentransport genutzte Fahrzeuge wurden durchsucht.

Dabei gingen der Polizei Nasreddine C. und zwei weitere nordafrikanische Täter ins Netz sowie ein Serbe, der die Bande regelmäßig mit großen Mengen Cannabis beliefert hatte. Über 36 kg Marihuana und 4.830 Euro Bargeld wurden sichergestellt. Ein weiterer Gegenstand aus einer der Wohnungen brachte Licht in einen in den Medien fälschlich als brutale Home Invasion bezeichneten Fall: die eingangs erwähnte Clownmaske, die die Täter bei ihrer „Strafaktion“ gegen Mitglieder der eigenen Bande verwendet hatten.












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