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  • Rosemarie Pexa

Anstieg bei Cybermobbing

Während der Pandemie haben Online-Beschimpfungen und -beleidigungen unter Jugendlichen zugenommen.

Bild: Pixabay

Cybermobbing rangiert unumstritten auf Platz eins unter den Themen, zu denen Jugendliche und deren Bezugspersonen Informationen bei Saferinternet.at suchen. Dass die Fallzahlen in den letzten zwei Jahren deutlich gestiegen sind, hat einen Grund: Die zum Schutz vor der Pandemie getroffenen Maßnahmen wie Lockdowns, Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen hatten eine Verlagerung der sozialen Aktivitäten ins Internet zur Folge – ein Trend, der nach wie vor anhält.

Um sich einen genauen Überblick über die aktuelle Situation zu verschaffen, gab Saferinternet.at eine Studie mit dem Titel „Cyber-Mobbing. Eine Herausforderung in Zeiten der Pandemie“ in Auftrag, die anlässlich des 19. internationalen Safer Internet Day vorgestellt wurde. Die Präsentation, die hybrid abgehalten wurde, fand am 7. Feb­ruar 2022 im Bundeskanzleramt statt.

Cybermobbing-Studie. Durchgeführt wurde die Studie im Dezember 2021 vom Institut für Jugendkulturforschung, das 400 repräsentativ ausgewählte Personen zwischen 11 und 17 Jahren online befragte. „Knapp die Hälfte – 48 Prozent – hat angegeben, dass sie schon mit Beschimpfungen und Beleidigungen konfrontiert war. Von Ghosting, dem abrupten Abbrechen von Kontakten, waren 46 Prozent betroffen, von der Verbreitung von Lügen und Gerüchten 41 Prozent. Auch Identitätsdiebstahl, der Empfang unangenehmer Nachrichten und Einschüchterung wurden genannt“, fasste Mag. Bernhard Jungwirth, Projektleiter von Saferinternet.at und Geschäftsführer des Österreichischen Instituts für angewandte Telekommunikation (ÖIAT), die Aussagen zusammen.

Er wies darauf hin, dass solche Situationen zwar unangenehm seien, aber nicht notwendigerweise bereits Cybermobbing darstellen würden. Laut Definition müssen vier Kriterien erfüllt sein, so Jungwirth: „1. Es handelt sich um eine bewusste aggressive Handlung. 2. Diese richtet sich gegen eine konkrete Person, nicht gegen eine diffuse Bevölkerungsgruppe. 3. Die Handlung ist nicht einmalig, sondern tritt wiederholt auf. 4. Es gibt ein Machtungleichgewicht zwischen den Beteiligten. Wenn ein Konflikt auf Augenhöhe ausgetragen wird, handelt es sich nicht um Cybermobbing.“

Typisch für Cybermobbing sind laut Jungwirth drei Rollen. Neben dem Täter und dem Opfer gibt es die sogenannten Bystanders, also Beobachter. 42 Prozent der interviewten Jugendlichen sagten, dass sie Cybermobbing schon in der Beobachterrolle mitbekommen hatten, 17 Prozent hatten Cybermobbing als Opfer erlebt und jeder Zehnte gab zu, selbst gemobbt zu haben. In Summe antwortete knapp die Hälfte aller Befragten, mit Cybermobbing in einer, zwei oder allen drei Rollen konfrontiert gewesen zu sein.


Täter. Wie leicht man selbst zum Täter werden kann, zeigt die Frage nach dem vermuteten Grund dafür. Mit 44 Prozent wurde am häufigsten die Schwierigkeit genannt, die Grenze zwischen Spaß und Ernst zu erkennen. „Das ist für die Jugendlichen tatsächlich nicht so einfach. Die Betroffenen müssten sagen: 'Das geht jetzt zu weit, das empfinde ich nicht mehr als Spaß.' Aber diesen Dialog gibt es oft nicht“, ortete DI. Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von Saferinternet.at, ein Kommunikationsproblem.

Derartige „Missverständnisse“ sind allerdings nicht der einzige Grund für Cybermobbing. 43 Prozent der Jugendlichen glauben, dass es den Tätern darum gehe, Macht auszuüben und ihr Opfer gezielt fertigzumachen. Auch Gruppendruck, das „Zeigen von Gruppenzugehörigkeit“, wird als Motiv vermutet, warum jemand beim Mobbing mitmacht. Zu Opfern werden Gleichaltrige außerhalb des eigenes Freundeskreises und insbesondere Personen mit einer anderen Weltanschauung, Religion oder ethnischen Zugehörigkeit.

Einen weiteren Grund für Cybermobbing sehen die Befragten darin, dass die Täter ihre Emotionen nicht kontrollieren könnten. Buchegger spricht von dem „Mangel, mit dem eigenen Zorn umzugehen, in einer Situation, in der man sich nicht mehr zu helfen weiß“. Das von den Jugendlichen angeführte Mobbing aus Langeweile erklärt die Pädagogin unter anderem damit, dass zwei Jahre Pandemie an den Jugendlichen nicht spurlos vor­übergegangen seien.

Ing. Harald Kapper, Präsident von Internet Service Providers Austria (ISPA), stellte fest, die Studie habe den „Mythos der anonymen Täterschaft“ widerlegt: „Fast drei Viertel der Jugendlichen kennen entweder den Täter oder haben zumindest eine sehr gute Idee, wer dahintersteckt.“ Als Angreifer vermuteten die Befragten zu 43 Prozent Mitschüler, zirka jeder Fünfte verdächtigte Internet-Bekanntschaften und acht Prozent Personen aus dem Offline-Bekanntenkreis.


Tatorte. Unter den virtuellen Orten, an denen von den Befragten wahrgenommenes Cybermobbing am häufigsten stattfindet, führt Instagram mit 56 Prozent, gefolgt von TikTok, Facebook und Snapchat, einem Instant-Messaging-Dienst, bei dem vor allem Fotos und kurze Videos geteilt werden. Dahinter rangieren die Messenger-Dienste WhatsApp, Signal und Telegram sowie deutlich abgeschlagen die von einem Viertel der Jugendlichen genannten Onlinespiele. Rund jeder Zehnte berichtete von Cybermobbing in Videochat-Anwendungen wie Microsoft Teams oder Zoom, die insbesondere für Distance Learning genutzt werden.

Welche große Rolle es spielt, ob Unterricht online oder offline stattfindet, zeigt die von den Jugendlichen vorgenommene Bewertung der Aussage, dass Cybermobbing während des Home-Schoolings häufiger vorkomme als in der normalen Schulzeit: Mit 48 Prozent stimmte fast die Hälfte zu, ein Drittel sah keinen Unterschied und jeder Fünfte machte dazu keine Angabe.

Auch direkt beim Distance Learning werden Schüler gemobbt. „30 Prozent der Jugendlichen haben gesagt, dass ihnen die Teilnahme am Online-Unterricht absichtliche schwer gemacht worden ist. 23 Prozent sind von schulischen Informationen ausgeschlossen, 22 Prozent während des Online-Unterrichts verspottet worden. Diese Situationen sind von den Jugendlichen als sehr schmerzhaft wahrgenommen worden und haben dazu beigetragen, dass Schule in dieser Zeit nicht sehr erfreulich war“, so Buchegger.

Die Schule sei somit der Bereich, in dessen Umfeld sich Cybermobbing abspiele, stellte Buchegger fest – allerdings handle es sich dabei ebenso um einen Ort der Information und Aufklärung. Von den 85 Prozent der Jugendlichen, die angaben, bereits Informationen zum Umgang mit Cybermobbing erhalten zu haben, nannten 84 Prozent Lehrende als Informationsquellen, deutlich vor Eltern, dem Internet und Workshops. Auch in diesem Zusammenhang würden sich negative Auswirkungen der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zeigen, betonte die Psychologin: „Präventionsworkshops haben in den letzten beiden Jahren nicht so oft stattgefunden.“ Hier gebe es einen deutlichen Aufholbedarf.


Hilfe. Zumindest den „wichtigsten Merksatz“, der im Rahmen von Mobbing-Präventionsmaßnahmen vermittelt wird, haben sich die Jugendlichen laut Kapper gemerkt: „Hilfe suchen! Wenn ich in eine Cybermobbing-Situation komme, hole ich mir Hilfe, einerseits bei meiner Peer Group, bei den Freundinnen und Freunden, andererseits bei den Eltern oder bei den Pädagogen in der Schule.“

Am hilfreichsten bei Cybermobbing empfinden fast acht von zehn Jugendlichen ihre Freunde, rund sieben von zehn die eigenen Eltern. Bei den Lehrenden, die von 64 Prozent als hilfreich genannt wurden, unterscheiden sich die jüngeren von den älteren Schülern. Von den 11- bis 14-Jähigen gab ein Viertel an, dass Pädagogen eine Cybermobbing-Situation schon einmal nicht ernst genommen hatten, bei den 15- bis 17-Jährigen waren es 43 Prozent. Kapper sieht einen Grund dafür in der veränderten Beziehung zwischen Schülern und Lehrern: „Die Altersgruppe 15 bis 17 ist nicht immer einfach zu erreichen, wenn man als Lehrer hilfreich sein möchte. Man kann jüngeren Kindern in Mobbingsituationen einfacher helfen als älteren.“

In einem höheren Ausmaß als erwartet sehen die Jugendlichen die Möglichkeit als hilfreich an, Cybermobbing bei der jeweiligen Plattform zu melden. Knapp 60 Prozent sprachen sich dafür aus, während 70 Prozent auf Selbsthilfe bauen und die Täter blockieren bzw. sperren. Die von Experten als wenig zielführend betrachteten Optionen, sich mit „Zurückschimpfen“ und Beleidigen zu revanchieren oder nichts zu tun, wurden mit 18 bzw. 17 Prozent nur von einer Minderheit der Befragten als hilfreich betrachtet.

Kapper vermutet, dass jene Jugendlichen, die sich von Melden und Sperren des Täters keine Abhilfe erwarten, diesbezüglich selbst schon negative Erfahrungen gemacht oder aus ihrem Freundeskreis mitbekommen haben: „Ein Beitrag muss gesperrt werden, wenn er gegen die Community-Richtlinien oder gegen ein Gesetz verstößt. Wenn der Inhalt zwar nicht nett ist, aber bleiben kann, dann ist das vermutlich eines dieser Nicht-so-hilfreich-Erlebnisse.“ 45 Prozent der Befragten gaben „nicht wie erwartet bearbeitete“ Meldungen auf Plattformen an.









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