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  • Rosemarie Pexa

Anlagebetrug mit Kryptowährungen

Mit fiktiven Kursverläufen, Pyramidenspiel-Konstruktionen und künstlich geschaffenen „Blasen“ ziehen Betrüger den Anlegern das virtuelle Geld aus der Tasche.



Das Internet kennt keine Grenzen, was somit auch für den Handel mit Kryptowährungen gilt. Ebenso grenzenlos ist oft die Gutgläubigkeit oder die Gier von Betrugsopfern, die in Zeiten wie diesen Renditen von über zehn Prozent – pro Woche! – für möglich halten. Das, so Rat Mag. Patrick Schreiner, MSc, von der Abteilung II/BK/7 Koordinierungsstelle Ermittlungen im Bundeskriminalamt, mache es den Tätern so leicht, mit verschiedenen Arten von Anlagebetrug tatsächlich Gewinne zu lukrieren, die weit jenseits von allem liegen, was seriöse Anbieter ihren Kunden offerieren.

Schreiner hat sich auf Fälle von Anlagebetrug mit Kryptowährungen wie Bitcoin spezialisiert. Wenn er Begriffe und Abläufe aus der Finanzwelt erklärt, merkt man, dass hier jemand „vom Fach“ spricht. Am Anfang seiner Karriere bei der Polizei stand nicht der Dienst in Uniform, sondern ein wirtschaftswissenschaftliches Studium. 2013 absolvierte er den Lehrgang Wirtschaftskriminalität und Cybercrime an der Fachhochschule Wiener Neustadt, wo sich seine Abschlussarbeit bereits der kriminellen Verwendung von Kryptowährungen und deren Bedeutung für die Strafverfolgungsbehörden widmete. Sein Interesse für Kryptowährungen führte dazu, dass er sich bereits früh mit den kriminalistischen Aspekten dieses Themas auseinandersetzte.

Die kriminelle Nutzung der Krypto-Leitwährung Bitcoin hat Schreiner von Anfang an mitverfolgt. Die Entwicklung der ersten als globales Zahlungssystem fungierenden Kryptowährung stand unter dem Eindruck der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/08. Für den bzw. die unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto agierenden Erfinder von Bitcoin war es ein Anliegen, ein dezentrales Zahlungsmittel zu schaffen, das nicht durch Geldpolitik deflationär oder inflationär lenkbar ist. Bis Bitcoin von „normalen“ Bürgern und Investoren als Zahlungsmittel und Geldanlage entdeckt wurde, dauerte es allerdings noch über ein Jahrzehnt.


Pseudonyme Währung. Akteure auf der „dunklen Seite“ waren da wesentlich schneller. Als im Jahr 2011 mit Silk Road der erste nennenswerte Marktplatz im Darknet entstand, machten sich die (halb-)seidenen Geschäftemacher einen besonderen Vorteil von Bitcoin zunutze: seine – angebliche – Anonymität. „Bitcoins sind nicht anonym, sondern pseudonym, weil die Blockchain öffentlich ist. Man weiß, von welcher Bitcoin-Adresse wie viel an welche andere Bitcoin-Adresse überwiesen worden ist“, erläutert Schreiner. Auf eine herkömmliche Transaktion übertragen wären zwar die Namen von Sender und Empfänger geheim, aber deren IBANs bekannt.

Vor zehn Jahren waren Bitcoins also tatsächlich eine Sache, von der viele redliche Geschäftsleute lieber die Finger ließen. „Der Darknet-Bezug lag damals bei 40 Prozent der gesamten Krypto-Marktkapitalisierung. Heute geht man von einer kriminellen Nutzung von insgesamt 0,34 Prozent bei allen in Umlauf befindlichen Kryptowährungen aus, das sind zirka zehn Milliarden Dollar. Der Löwenanteil innerhalb der Verwendung von Kryptowährungen entfällt dabei auf das Trading sowie die Veranlagung“, so Schreiner.

Laut Chainanalysis, einer Plattform, die Daten zum Thema Blockchains sammelt und online zur Verfügung stellt, ist das Verschleiern von inkriminierten Vermögenswerten – die eigentliche Geldwäsche – der Hauptgrund für die illegale Nutzung von Kryptowährungen. Will jemand seine auf kriminelle Art erzielten Gewinne realisieren, muss er die Kryptowährung in eine von einer Regierung unterstützte sogenannte Fiat-Währung wie Euro oder Dollar wechseln.

Das geschieht an einer der weltweit hunderten Handelsbörsen, wo Kryptowährungen gehandelt werden. In Europa müssen diese seit Jänner 2020 gemäß der fünften Geldwäsche-Richtlinie der EU-Kommission den Verdacht auf Geldwäsche melden. Allein im Jahr 2020 gingen bei der Geldwäschemeldestelle des Bundeskriminalamts 42 Verdachtsmeldungen österreichischer Handelsbörsen ein – und in den ersten beiden Monaten 2021 bereits 41.


Erpressung, Betrug, Geldwäsche. Der Sicherheitsmonitor bietet einen Überblick über die gesamte Kriminalität in Zusammenhang mit der nach wie vor am meisten verbreiteten Kryptowährung. In den letzten eineinhalb Jahren hat es in ganz Österreich zirka 1.600 Anzeigen mit dem Wort „Bitcoin“ im Sachverhalt gegeben, die Hauptdelikte waren § 144 StGB Erpressung, § 146 StGB Betrug, § 147 StGB Schwerer Betrug und § 165 StGB Geldwäscherei. Rund zehn Prozent aller Fälle können geklärt werden.

Bei den angezeigten Delikten handelt es sich aber nur um die Spitze des Eisbergs, wie Schreiner betont: „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Wenn ein Unternehmen nach einem Ransomware-Angriff für die Entschlüsselung seiner Daten Lösegeld in Bitcoin bezahlt, hängt es das nicht an die große Glocke. Private werden oft wegen des Besuchs von Pornoseiten erpresst und schweigen aus Scham.“ Häufig verzichten Opfer auch auf eine Anzeige, weil sie denken, dass der Täter ohnehin nicht ausgeforscht werden kann.

Betrachtet man nur den Anlagebetrug, zeigt sich ein globaler Anstieg, der bezogen auf die Gesamtsumme seinen bisherigen Höhepunkt 2019 erreicht hat. Im Vorjahr war die Schadenssumme geringer, die Anzahl der Opfer dagegen höher. „Es suchen immer mehr Leute nach alternativen Investments, sind aber bei der Höhe der investierten Summen vorsichtiger geworden“, erklärt Schreiner dieses Phänomen. Bei der Auswahl der Angebote würden viele aber jegliche Vorsicht vermissen lassen, wie Schreiner feststellt – Jüngere aus Gier, ältere Semester eher aus Gutgläubigkeit. Bevor man investiert, sollte man überprüfen, ob es eine Warnung der Finanzaufsicht oder negative Berichte im Internet über das Unternehmen gibt.


Investment Fraud. Die verbreitetste Form des Anlagebetrugs mit Kryptowährungen ist eine Variante des „klassischen“ Investment Frauds. Der Kontakt kann entweder vom Opfer oder vom Täter ausgehen. In letzterem Fall ruft der Betrüger bei einer aus dem Telefonbuch herausgesuchten Nummer, die meist jemandem mit einem altmodisch klingenden Vornamen gehört, an, und überredet diesen zu einem Investment in Kryptowährung.

Schwieriger als Betrug zu erkennen sind professionell gestaltete, oft als bezahlte Anzeige bei einer Internet-Suche weit oben angezeigte Web-Sites, die lukrative Kryptowährungs-Investments versprechen. Fällt jemand auf der Suche nach einer Geldanlage auf den Betrug herein und investiert, kann er den – fiktiven – Kursverlauf auf der Site bzw. auf seinem personalisierten Dashboard verfolgen. Da dieser steil nach oben zeigt, gelingt es den Betrügern oft, ihren Opfern noch mehr Geld herauszulocken. Wenn der Anleger sein Geld ausgezahlt bekommen will, bricht der Kontakt ab.


Ponzi-Scheme. Anlagebetrug nach dem „Ponzi-Scheme“ funktioniert ähnlich wie ein Pyramidenspiel: Man in­ves­tiert in Form von Kryptowährung mit der Aussicht auf Renditen von über zehn Prozent pro Woche – und bekommt zu Beginn tatsächlich seinen „Gewinn“ ausbezahlt. Dieser ergibt sich aber nicht daraus, dass das Geld besonders günstig veranlagt worden ist, sondern nur durch Einzahlungen später dazugekommener Kunden. Bleiben diese aus oder übersteigen die auszuzahlenden Summen die Einzahlungen der Neukunden, bricht das System zusammen.


Exit-Scam. Beim Exit-Scam, bei dem der Kunde im Voraus bezahlte Waren oder Dienstleistungen nie erhält, gibt es ebenfalls eine Kryptowährungs-Variante. Bei dieser setzen Betrüger auf die Hoffnung von Inves­toren, mit neu generierten Kryptowährungen besonders hohe Gewinne zu erzielen. Im Zuge eines „Initial Coin Offering“ wird dem Kunden vorgegaukelt, er könne mit einer bereits etablierten Kryptowährung wie Bitcoin oder Ethereum Anteile der neuen Währung günstig erwerben. Diese exis­tiert allerdings gar nicht. Nach einiger Zeit sind die „Erfinder“ der neuen virtuellen Währung für ihre Kunden nicht mehr erreichbar.

Manchmal stehlen sich die Betrüger nicht still und heimlich davon, sondern mit einer durchaus plausibel klingenden Ausrede. Bei der Exit-Scam-Version „Pretend Hacker“ teilen die Täter ihren Kunden mit, das Unternehmen sei einem Hacker-Angriff zum Opfer gefallen, bei dem man leider auch das investierte Kapital verloren habe.


Pump and Dump. Auch beim Anlagebetrug „Pump and Dump“ spielen im Vergleich zu Bitcoin oder Ethereum unbedeutende Kryptowährungen eine Rolle, die im Unterschied zum Exit-Scam tatsächlich existieren. Die Betrüger investieren große Summen in eine weitgehend unbekannte Kryptowährung und machen für diese vor allem in Sozialen Medien Werbung. Oft missbrauchen sie dafür die Identität bekannter Personen, die scheinbar als Testimonials auftreten und behaupten, selbst investiert zu haben.

Daraufhin kommt es vermehrt zu Investitionen in die beworbene Kryptowährung, woraufhin der Kurs steigt. Dieser Phase des „Pump“ folgt die des „Dump“: Die Betrüger verkaufen ihre Anteile an der Kryptowährung und machen damit große Gewinne. Der Kurs bricht ein, was den übrigen Anlegern hohe Verluste beschert – die künstlich geschaffene „Blase“ ist geplatzt.

Hinter Kryptowährungs-Anlagebetrug in großem Stil stehen organisierte Gruppen, die arbeitsteilig vorgehen. Für die Kollegen auf den Polizeiinspektionen, die Anzeigen von Geschädigten entgegennehmen, ist oft nicht ersichtlich, worum es sich handelt. Das liegt auch daran, dass viele Opfer keine klaren Angaben machen. „Der Ermittler, der die Anzeige entgegennimmt, muss die richtigen Fragen stellen, z. B.: 'Auf welche Adresse haben Sie die Bitcoins überwiesen?'“, erklärt Schreiner. Auf den PIs würden in der Regel sowohl das Wissen als auch die Werkzeuge fehlen, um derartige Fälle bearbeiten zu können – und diese leite man nur bei höheren Schadenssummen an die Landeskriminalämter weiter. Allerdings sei es für die Ermittlungen wichtig, oft über ganz Österreich verstreute Akten zusammenzuführen, um Zusammenhänge zu erkennen.

Schreiner geht davon aus, dass auf ihn und seine Kollegen in Zukunft noch mehr Arbeit zukommen wird: „Weil die Zinsen im Keller sind, suchen Menschen andere Anlageformen. Kryptowährungen werden zum Mainstream.“ Diese Gelegenheit, einer wachsenden Anzahl potentieller Anleger das Geld aus der Tasche zu ziehen, lassen sich Betrüger sicher nicht entgehen.








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