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  • Rosemarie Pexa

30 Jahre Suchtgiftbekämpfung

Chefinspektor Markus Wander wurde für sein Lebenswerk mit dem Ernst-Hinterberger-Preis geehrt.



Chefinspektor Markus Wander ist im Kriminaldienst in Tirol eine Institution und hat die Geschicke der Suchtgiftbekämpfung in Innsbruck mehr als drei Jahrzehnte mitgestaltet und geprägt. Sein Fachwissen ist erstaunlich und er kennt die Suchtgiftszene im Großraum Innsbruck wie kein anderer.“ Mit diesen Worten beschrieb Laudator Oberstleutnant Christoph Kirchmair, B.A., M.A., Leiter des Kriminalreferats beim Stadtpolizeikommando Innsbruck, seinen Freund und Mitarbeiter. Wander wurde bei der Verleihung des Awards „Kriminalisten des Jahres“ am 16. Oktober 2020 für sein Lebenswerk mit dem Ernst-Hinterberger-Preis ausgezeichnet. Die Ehrung Wanders, des am längs­ten dienenden Suchtgiftermittlers in Tirol, erfolgte in seinem 40. Dienstjahr. Seine polizeiliche Karriere begann am 1. November 1980 mit der Grundausbildung in Innsbruck. Auf diese folgten drei Jahre Rayonsdienst im damaligen Hauptwachzimmer Innere Stadt, dem größten Wachzimmer Innsbrucks. Auch wenn Wander von der „super Gruppe“ seiner damaligen Kollegen schwärmt und zu einigen von ihnen immer noch Kontakt hat, war sein eigentliches Ziel nicht der Dienst in Uniform. Seine Faszination galt von Anfang an der Kriminalpolizei.

Rossauerkaserne. Wander nutzte daher die erste Gelegenheit, sich für den Kriminalbeamtenkurs zu bewerben, der in Wien stattfand. Mit drei anderen Tirolern teilte er sich ein Zimmer in der Rossauerkaserne – eine Erfahrung, die für ihn zur Lebensausbildung zählt, denn das sei etwas ganz anderes gewesen, als „jeden Tag daheim bei der Mama zu schlafen“: „Wenn wir am Sonntagabend aus Tirol gekommen sind, war es im Zimmer eiskalt. Wir haben selber einheizen und in der Früh schnell sein müssen, damit wir noch Kohlen erwischen. Warmwasser gab es wochenlang keines.“

Dafür aber eine exzellente Ausbildung, die Wander den heutigen angehenden Kriminalbeamten auch wünschen würde. Die Vortragenden, etwa der mittlerweile verstorbene Oberst Kurt Schwartling, seien wahre „Koryphäen“ gewesen, so Wander: „Zu denen haben wir aufgeschaut. Das waren Kiberer der alten Schule, die uns gelehrt haben, logisch zu denken und den Hausverstand einzuschalten.“ Das Gelernte konnte Wander anschließend im Vermögensbereich des Kriminalbeamteninspektorats der BPD Innsbruck in die Praxis umsetzen.


Bodypacker. Schon bald fand Wander, wie es sein Laudator ausdrückte, „seine wahre Bestimmung“ im Referat 1 in der Suchtmittelgruppe. Dabei wurde er mit einem neuen Phänomen konfrontiert: mit Bodypackern. Im Jahr 1987 fiel den Ermittlern am Flughafen Innsbruck der erste Körperschmuggler, ein Kolumbianer, in die Hände. „Es hat geheißen, wenn eine Suchtgiftkapsel im Körper aufgeht, stirbt man“, erinnert sich Wander, der damals Sachbearbeiter war. Also setzte man alles daran, dass der Mann das Gift so schnell wie möglich wieder loswurde. Ein Arzt gab ihm zu diesem Zweck Sauerkraut zu essen und, als das nichts half, Lebertran – woraufhin die Päckchen „oben und unten“ herauskamen.

Später wurde den Bodypackern unter ärztlicher Aufsicht in der Klinik ein Abführmittel verabreicht. Ein Mann, so Wander, musste sogar operiert werden. Dass der 60-Jährige von der Polizei erwischt und ins Krankenhaus gebracht wurde, rettete ihm das Leben, eine Suchmittelkapsel hatte sich nämlich im Darm quergelegt. Leicht verdient waren die 1.500 Dollar Lohn nicht, wie die davor meist unbescholtenen südamerikanischen Körperschmuggler den Ermittlern erzählten. Während des Flugs sollten sie nichts essen und so wenig wie möglich trinken, um die Kapseln nicht auszuscheiden. Wenn das doch passierte, waren sie angewiesen, die Päckchen noch einmal zu schlucken.

Nachdem zu viele Bodypacker abgefangen wurden, verlegten sich ihre Hintermänner auf andere Methoden. Gepresstes Kokain wurde im doppelten Boden von Koffern und sogar in indianischen Masken geschmuggelt. Doch auch bei dieser Vorgehensweise schöpften Wander und seine Kollegen schnell Verdacht: „Wir haben die Gegenstände mit einem ganz feinen Bohrer angebohrt und einen Drogen-Vortest gemacht.“


Zufallsfund. Selbst wenn die meis­ten Erfolge im Kampf gegen den Drogenhandel auf gezielte Ermittlungen zurückzuführen waren, gab es auch Zufallsfunde. So stellte sich 1988 ein Irrtum als Treffer heraus: Im Zuge der Tätersuche zu einem Mordfall im Zuhältermilieu öffnete das Mobile Einsatzkommando die Wohnungstür eines Mannes, der nicht nur den gleichen Namen wie der Verdächtige hatte, sondern genauso wie dieser im Olympischen Dorf wohnte. „Im Wohnzimmer ist Cannabis offen herumgelegen“, beschreibt Wander, der vor Ort war. Die Polizei stellte mehrere Kilogramm Cannabis sicher, der Drogenhändler wurde in die Justizanstalt Innsbruck eingeliefert.

1990 wurde Wander während des Journaldiensts von einem Mordfall verständigt, er führte die Erhebungen und die Erstaufnahme durch. Dieser Fall sei der schlimmste in seiner polizeilichen Karriere gewesen: „Ein kleines Mädchen ist von seiner Mutter durch zahlreiche Messerstiche am ganzen Körper getötet worden. Die Mutter hat einen Suizidversuch unternommen, sie ist in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher gekommen.“ Dem jungen Kollegen, der mit Wander Journaldienst gemacht hatte, sei der Fall noch mehr zu Herzen gegangen als ihm selbst.

Teamgeist und Führungsqualität zeigte Wander laut Kirchmair nicht nur während dieser besonders belastenden Amtshandlung: „Sein Führungsstil ist von Empathie und Kollegialität geprägt. Auch wenn er die Zügel scheinbar locker hält, den Giftermittlern selbstständiges Arbeiten ermöglicht, Freiräume eingesteht, leitet zweifelsfrei er diese Gruppe.“ Die menschlich-soziale Komponente müsse im Polizeiberuf eine Rolle spielen, betont Wander, seine Mitarbeiter könnten auch mit privaten Problemen zu ihm kommen. Dieses Vertrauensverhältnis trage Früchte: „Wenn ich am Sonntag wen brauchen und vier meiner Leute anrufen würde, wäre die Antwort viermal: 'Ja, ich komme!'“


Kollegin Uschi. Eine besonders eifrige „Kollegin“ begleitete Wander von 1992 bis zu ihrem Tod im Jahr 2000: seine Diensthündin. Die Idee, dass auch ein Kriminalbeamter einen Suchtmittelspürhund gut brauchen könnte, fand beim Personalvertreter offene Ohren. Also durfte sich Wander bei der Polizeidiensthundeeinheit in Wien-Strebersdorf einen Hund aussuchen und entschied sich für die Deutsche Schäferhündin „Uschi“. „Sie ist nie scharf gemacht worden, war kein Schutzhund, sondern nur ein Suchtmittelspürhund. Aber bei meinem ersten Sohn, der 1997 auf die Welt gekommen ist, hätte ich niemandem geraten, den Kinderwagen anzugreifen“, charakterisiert Wander „seine Uschi“, der er zahlreiche Suchtgiftfunde verdankt.

Um Suchtgift ging es auch, als Wander 1999 beim Snowboard-Event von Air-&-Style im Bergiselstadion im Einsatz war. Die Beamten fanden bei der Schwerpunktkontrolle vor allem Ecstasy. Abgesehen davon gab es keine Probleme, bis die Zuschauer zum Ausgang drängten, um zur After-Show-Party zu gelangen. „Die Leute hinten haben gedrückt, weil vorn nichts weitergegangen ist. Die körperlich Schwächsten, meist Mädchen, sind zu Sturz gekommen. Die Polizei hat versucht, eine Sperre durch uniformierte Kräfte zu machen, hat in die Luft geschossen, aber die hinten haben das nicht gehört“, schildert Wander die dramatische Situation, die zum Tod von vier Mädchen führte. Ein Kollege, der Psychologie studierte, wurde bei der Innsbrucker Polizei als erster Psychologe angestellt, um das Erlebte besser aufarbeiten zu können.

2003 wurde Wander zum Gruppenführer bestellt – eine Funktion, die er bis heute inne hat. Auch nach der Zusammenlegung der Wachkörper im Jahr 2005 blieb er dem Stadtpolizeikommando Innsbruck treu und lehnte einen Wechsel ins Landeskriminalamt ab. Seine Dienstbezeichnung wurde bei gleicher Tätigkeit von Gruppenführer in Fachbereichsleiter geändert, er erhielt seinen heutigen Amtstitel Chefinspektor. Die Kooperation mit dem LKA beschreibt Wander als konstruktiv: „Sie machen ihre Sache, wir machen unsere. Wir sprechen uns ab, wer was bearbeitet, und bieten ihnen unsere größeren Sachen an. Wenn sie einen Fall übernehmen, übernehmen sie ihn, wenn nicht, machen wir es selbst.“

Eine punktuelle Zusammenarbeit gab es mit der Wiener Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität im Kampf gegen die Drogenszene im Innsbrucker Rapoldipark. Um den von Nordafrikanern dominierten Suchtgifthandel unter Kontrolle zu bekommen, führte die Polizei bis zu drei Schwerpunktaktionen pro Woche durch – mit Erfolg. Hilfreich seien auch die von der Stadtregierung gesetzten Maßnahmen gewesen, so Wander: „Die Stadt hat Videokameras installieren lassen, die auf die Polizeiinspektion Pradl aufgeschaltet waren. Mit der neuen Beleuchtung lassen sich weite Teile des Parks taghell ausleuchten.“


Drogenring. Schlagzeilen machte die Aushebung eines Drogenrings 2019, die der guten Nase eines Diensthundes zu verdanken ist. „Zwei Hundeführer waren auf dem Weg vom Rapoldipark zu ihrem Dienstauto. Da ist ein Hund auf ein Auto zugesprungen, das gerade ausgeparkt hat. Die Kollegen haben das Auto einer Kontrolle unterzogen. Im Kofferraum waren mehrere Kilogramm Cannabisharz versteckt“, schildert Wander den Fall, der von seinem Fachbereich übernommen wurde. Es konnte Suchtgift mit einem Straßenverkaufswert von insgesamt 2,5 Millionen Euro sichergestellt werden, darunter 179 kg Cannabisharz, 3,6 kg Kokain, 3 kg Amphetamine, 1.300 LSD-Trips und 10.500 Stück Ecstasy.

Durch seine jahrzehntelangen Ermittlungen im Drogenmilieu kennt Wander auch viele Süchtige, etliche von ihnen sogar beim Namen. „Sucht ist eine Krankheit, ich habe selbst geraucht und weiß, wie schwer es ist, das zu lassen“, zeigt Wander Verständnis für seine „Klientel“. So verwundert es auch nicht, dass ihm diese mitunter Informationen zukommen lässt – etwa, woran man einen Kiberer erkennen könne: unter anderem an den sauber geputzten Schuhen.

Seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 habe sich die Szene verändert, erklärt Wander: „Die Dealer haben sich in die Privatsphäre zurückgezogen, man findet sie nicht mehr so leicht. Jetzt wird mehr Suchtgift über das Darknet verkauft.“ Derartige Fälle seien sehr zeitaufwändig: mehrere Monate dauernde Telefonüberwachungen, Beantragung von Hausdurchsuchungen, Sicherstellung von Computern und Mobiltelefonen. Eine Arbeit, da ist sich Wander sicher, die ihn und seine Mitarbeiter auch in Zukunft vor Herausforderungen stellen wird.

Rosemarie Pexa

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