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  • Rosemarie Pexa, Ferdinand Germadnik

Die Wahrheit ist zumutbar

Aktualisiert: 18. Dez 2020

Volkert Sackmann über seinen „Seitenwechsel“ von der Staatsanwaltschaft in die

Rechtsanwaltskanzlei.



Kriminalpolizei: Herr Mag. Sackmann, als Staatsanwalt haben Sie 2009 in einem Interview mit der „Kriminalpolizei“ gesagt: „Mit den Kriminalbeamten des Ermittlungsbereichs Wirtschaftskriminalität im Landeskriminalamt Wien bilden wir ein Ermittlungsteam, in dem es Spaß macht zu arbeiten.“ Ist Ihnen im Lauf der Jahre der Spaß an der Arbeit als Staatsanwalt vergangen?

Sackmann: Das würde ich so nicht sagen, aber ich habe gefühlt, dass es an der Zeit ist, sich einmal die andere Seite anzuschauen.


Steht man als Rechtsanwalt wirklich auf der anderen Seite?

Sackmann: Nein, ich habe mich immer als Teil der Strafrechtspflege verstanden und gesehen.


Ein Team bilden Sie mit den Ermittlern des LKA ja nicht mehr. Wie sieht Ihr Kontakt mit der Polizei jetzt aus?

Sackmann: Situationsbedingt na­türlich nicht mehr so intensiv. Kontakt habe ich heute vor allem bei Vernehmungen von Mandanten. Ich bin mit sehr vielen Beamten per Du, wir begegnen einander respektvoll. Manchmal plaudern wir auch über alte Geschichten.


Was waren die Gründe dafür, dass Sie im Jahr 2017 „die Seiten gewechselt“ haben und Rechtsanwalt geworden sind? In einem Interview mit der Wiener Zeitung führen Sie als Hauptargument das „Bauchgefühl“ an, darüber hinaus gebe es mehrere Faktoren, auf die Sie aber nicht näher eingehen. Was für Faktoren sind das und was sagt Ihnen Ihr Bauch jetzt?

Sackmann: Der Bauch und auch der Kopf sagen, es war die richtige Entscheidung. Ich habe gemerkt, dass ich nicht gut damit zurechtkomme, mich unterordnen zu müssen, es vor allem nicht mag, wenn man mir vorschreibt, wie ich zu arbeiten habe. Das ist in einer Hierarchie, wie sie die Staatsanwaltschaft zweifellos ist, ein Hemmschuh. Der Beruf des Rechtsanwalts ist hingegen in jeder Hinsicht ein „freier Beruf“.


Nach dem Wechsel von der Staatsanwaltschaft zur Brandl & Talos Rechtsanwälte GmbH im Jänner 2017, haben Sie sich schon im April 2018 als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei selbstständig gemacht. Warum?

Sackmann: Man braucht eine Ausbildungskernzeit von drei Jahren bei einem Rechtsanwalt, ich musste also noch 14 Monate als Rechtsanwaltsanwärter „abdienen“. Mein Ziel war von vornherein, als selbstständiger Rechtsanwalt zu arbeiten. Ich habe mir binnen kürzester Zeit eine Infrastruktur geschaffen, die funktioniert und auf die ich stolz bin. Ich kann jetzt unheimlich effizient arbeiten.


Mehr als davor als Staatsanwalt?

Sackmann: Ja, auf jeden Fall.


Welche Erfahrungen als Staatsanwalt haben sich für Ihre jetzige Tätigkeit als besonders nützlich erwiesen?

Sackmann: Ich wage zu behaupten, dass ich aus Akten mehr als andere herauslesen kann, weil sie nie die Brille des Staatsanwalts aufhatten. Es fällt mir leicht, sofort den wunden Punkt eines Ermittlungsakts zu finden und dann den Finger in die Wunde zu legen, das ist sicherlich ein großer Vorteil. Ich habe außerdem gesehen, wie große Unternehmungen organisiert sind, wie sie funktionieren und habe in meiner Zeit als Staatsanwalt mein Wissen im Bereich des Steuerrechts und Buchhaltungswesens vertiefen können.


Was haben Ihre früheren Kollegen von der Staatsanwaltschaft zu Ihrer beruflichen Veränderung gesagt?

Sackmann: Die meisten haben meine Entscheidung respektiert – ein wenig habe ich das Gefühl, dass ich jetzt mit den Richtern besser auskomme als früher.


Haben Sie eine Idee, warum?

Sackmann: Als Staatsanwalt habe ich mich wohl ein wenig impulsiv verhalten, jetzt gehe ich die Verhandlung mit mehr Bedacht an. Ich habe bis jetzt aus Überzeugung auch noch nie Konfliktverteidigung betrieben, weil ich diese Art der Verteidigung nicht für sinnvoll halte, da gibt es bessere Mittel.


Wie würden Sie Ihre Art der Verteidigung beschreiben?

Sackmann: Im Wirtschaftsstrafrecht kann es in großen Verfahren mit 20, 30 Beschuldigten manchmal besser sein, wenn man unter dem Radar bleibt. Ich mache nur dann auf mich aufmerksam, wenn ich wirklich überzeugt bin, dass ein Fehler passiert ist, und rüge diesen dann mit den zur Verfügung stehenden Mitteln. Im Hauptverfahren muss meiner Meinung nach das Ziel sein, jeden für die Entscheidung relevanten Widerspruch im Akt oder in der Anklage aufzuzeigen. Dabei muss man ins Detail gehen und die Entscheider – Richter, Schöffen und Geschworene – sozusagen an der Hand und mit auf die Reise nehmen, ohne dabei aufdringlich oder besserwisserisch zu wirken. Authentizität ist dabei besonders wichtig, weil sonst schnell der Eindruck entsteht, man will nur eine Nebelgranate werfen und Verwirrung stiften.


Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Sackmann: Einer meiner Mandanten war wegen versuchten Mordes angeklagt. Ein Zeuge hat geschildert, dass mein Mandant den Kläger an der Schulter gepackt, mehrmals mit dem Messer auf ihn eingestochen und geschrien hat: „Ich bring dich um!“ Das Opfer hatte aber nur eine Schnittverletzung an der Hand und oberhalb des Knies. Es ist denkunmöglich, dass jemand so oft zusticht und den anderen dabei nicht ernsthaft verletzt. Ich habe daher den Entscheidern plastisch und authentisch vor Augen geführt, dass die gesagten Worte nicht der Realität entsprechen können. Vor zirka einem Monat haben die Geschworenen entschieden, dass mein Mandant aus Notwehr gehandelt hat, und er wurde freigesprochen.


Seit Mai 2020 hat es in Ihrem Berufsleben eine weitere Veränderung gegeben. Sie haben angekündigt, mit Jarolim Partner eine Kanzleikooperation zu beginnen. Welche Synergieeffekte erwarten Sie sich davon?

Sackmann: Jarolim Partner ist eine der renommiertesten Wirtschaftskanzleien des Landes. Ich schätze die Kolleginnen und Kollegen fachlich und menschlich sehr und bin mit einigen auch persönlich gut befreundet. Ich ergänze Jarolim Partner mit meiner Kompetenz im Bereich White Collar Crime. Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend. Die Kooperation bietet beiden Seiten Vorteile, ohne dabei die Selbstständigkeit aufzugeben oder Strukturen verändern zu müssen. Die Idee haben wir gemeinsam sehr gut umgesetzt.


Auf öffentliches Interesse gestoßen ist einer Ihrer jüngsten Fälle, die Verteidigung von Johann Gudenus in der Causa Ibiza. Wie waren die Reaktionen darauf, dass Sie diesen doch umstrittenen Politiker als Mandanten angenommen haben?

Sackmann: Jeder Beschuldigte hat das Recht auf einen Beistand. Die meis­ten Anwälte kommen nicht auf die Idee zu sagen, diese Person ist nicht „everybody's darling“, die nehme ich nicht, das würde jedenfalls meinem und – so denke ich – auch generell dem Selbstverständnis des Rechtsanwaltsstandes widersprechen. Aber auch mein privates Umfeld hat die Mandatsübernahme als selbstverständlich angesehen.


Gibt es auch Personen, die Sie nicht vertreten würden?

Sackmann: Kollege Rudi Mayer hat immer wieder betont, er vertritt jeden Straftäter, nur keine Tierquäler, ich tue mir hingegen bei Sexualstraftätern schwer.


Heißt das, Sie haben noch nie einen vertreten?

Sackmann: Doch, einmal. 2017 ist ein Mann zu mir gekommen, der wegen schweren sexuellen Missbrauchs Unmündiger angeklagt war. Ich wollte den Fall zuerst nicht übernehmen, habe ihn mir dann doch näher angeschaut. Seit der Tat waren zehn Jahre vergangen, der Täter war damals 17, das damalige „Opfer“ 13. Ich konnte in der Hauptverhandlung herausarbeiten, dass ihm das Mädchen schon ein Jahr vor der Tat gesagt hat, es sei 14 Jahre alt. Mein Mandant ist freigesprochen worden, weil er nachweislich nicht gewusst haben konnte, dass das „Opfer“ zum Zeitpunkt der geschlechtlichen Handlung unter 14 war.


Ein weiterer Fall mit FPÖ-Bezug ist der des Polizeijuristen im Bundesamt für Korruptionsbekämpfung, der versetzt worden ist, weil ihn ein Justizwachebeamter in einer WhatsApp-Nachricht an Strache als „100% pro FPÖ“ bezeichnet hat. Als Anwalt des Mannes haben Sie die Versetzung einen „Skandal“ genannt. Warum?

Sackmann: Weil es ein Skandal ist. Natürlich kennt die Strafprozessordnung die Möglichkeit, Zufallsfunde zu verwerten, doch was die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) hier machte, war aktives Suchen nach Zufallsfunden. Stellen Sie sich vor, Sie werden zu Ihrem Chef gebeten, der Ihnen mitteilt, dass er Sie versetzt, weil eine Person, die Sie einmal getroffen haben, eine WhatsApp-Nachricht an HC Strache, den Sie gar nicht kennen, geschrieben hat. Mein Mandant stand und steht keiner politischen Partei nahe. Wie kommt da die WKStA dazu, diese Nachricht zu verschriftlichen, wissend, dass kein Anfangsverdacht einer strafbaren Handlung besteht und es offenbar billigend in Kauf nehmend, dass dadurch eine Karriere zerstört wird? Es wurden Daten meines Mandanten verarbeitet, ohne dass es hierfür eine Rechtsgrundlage gab. Deshalb: Skandal.

Ich habe auch in einem anderen Verfahren erlebt, dass die WKStA ein beschlagnahmtes Handy eines Beschuldigten ausgewertet, die Daten verschriftlicht und die von der Kommunikation betroffenen Personen, insbesondere den Beschuldigten, davon nicht informiert hat. Den Auswertungsbericht verschickte die WKStA an eine andere Behörde, obwohl kein strafbares Verhalten der Kommunizierenden ersichtlich war. Eine Ausfertigung behielt die WKStA in ihrem nichtöffentlichen Tagebuch, welches aber sehr wohl den Mandataren im Untersuchungsausschuss übermittelt wurde. Von dort gelangte diese Ausfertigung an die Medien, und der Beschuldigte erfuhr dann gleichzeitig mit allen anderen Menschen in Österreich, dass seine Chats verschriftlicht worden waren. Auch sein – zum Handkuss kommender – Gesprächspartner konnte dann seine Chats in den Zeitungen nachlesen und kam in die Verlegenheit, sich – nota bene: für nichts! – rechtfertigen zu müssen. Das ist schwer bedenklich, vor allem dann, wenn die WKStA meine Beschwerde hierüber mit dem Hinweis „es hatte nichts mit dem Akt zu tun, deshalb findet es sich auch nicht im Akt“ abschmettern will. Warum hat die WKStA dann überhaupt aktiv danach gesucht und den Chat verschriftet?


Auf Ihrer Web-Site schreiben Sie, dass Sie im Rahmen Ihrer Beratung mitunter nicht das sagen, was Ihr Mandant gern hört. Sie begründen das so: Erst wenn die Karten auf dem Tisch liegen, kann eine sinnvolle Strategie festgelegt werden. Wie reagieren Ihre Mandanten auf diese Vorgehensweise?

Sackmann: Der Mandant kommt zu mir, weil er Hilfe braucht. Ich bin niemand, der Dinge schönredet und ich weiß aufgrund meiner Erfahrung, dass es überhaupt nichts bringt, Sachverhalte nicht anzusprechen, nur, weil sie unangenehm sind. Wenn man ein belastendes Element im Ermittlungsverfahren oder vor Gericht proaktiv anspricht, nimmt man der Anklagebehörde damit den Wind aus den Segeln.


Wie Sie auf Facebook schreiben, lautet Ihr Lieblingszitat „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar!“ von Ingeborg Bachmann. Ist die Wahrheit immer zumutbar?

Sackmann: Ja, das ist die Art und Weise, wie ich berate. Das wichtigste am Verhältnis Mandant-Anwalt ist das Vertrauen. Wenn alles auf dem Tisch liegt, kann ich mir überlegen, wie man vor der Staatsanwaltschaft oder vor Gericht argumentiert, ich kann eine Strategie entwickeln. Der größte Feind der Strategie ist ein Detail, das nicht bekannt war, dann stürzt alles zusammen.


Bekanntlich nimmt in wirtschaftlich schlechten Zeiten auch die Kriminalität zu. Haben

Sie bereits Auswirkungen der Corona-Krise zu spüren bekommen bzw. erwarten Sie welche?

Sackmann: Bisher habe ich nichts bemerkt. Ich schätze, dass nächstes Jahr ein paar Verfahren wegen zu Unrecht bezogener Kurzarbeitshilfe anfallen werden. Andererseits kommen aber die staatlichen Hilfen zu einem nicht vernachlässigbaren Teil gar nicht bei den Unternehmern an. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir zumindest eine kleine Depression durchmachen werden und denke auch, dass es zu einem Anstieg von Strafverfahren gegen Unternehmer kommen wird. Den Stresstest haben aus meiner Sicht viele Unternehmen nicht gut bestanden.


Das heißt, die Rechtsanwälte profitieren von dieser Situation?

Sackmann: Es kommt darauf an, ob sich die Menschen dann noch den Luxus eines Anwalts leisten werden können.

Interview: Rosemarie Pexa,

Ferdinand Germadnik




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