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Österreich findet euch

Der vom ehemaligen Leiter des Abgängigenreferats gegründete Verein „Österreich findet euch“ ergänzt die Arbeit der Polizei.



Dass die Polizei bei der Suche nach Vermissten gute Arbeit leistet, weiß Christian Mader aus eigener Erfahrung – schließlich hat er selbst jahrelang das Abgängigenreferat im Bundeskriminalamt geleitet. Gerade deswegen ist ihm aber auch bewusst, wo die Grenzen polizeilicher Arbeit liegen. Insbesondere bei der Betreuung von Angehörigen lange abgängiger Personen reichen die zeitlichen Ressourcen der Behörde nicht aus. Als Ergänzung zur polizeilichen Ermittlungstätigkeit hat Mader den Verein „Österreich findet euch“ gegründet.

Die Beschäftigung mit Abgängigkeit ließ Mader nicht mehr los, auch wenn ihn unterschiedliche Themen begeisterten, mit denen er im Zuge seiner polizeilichen Berufslaufbahn befasst war. Diese begann auf unkonventionelle Art: Da ihm als Brillenträger der angestrebte Dienst in Uniform verwehrt blieb, nahm er mit 17 Jahren eine Stelle als Verwaltungsbeamter im Büro für Erkennungsdienst, Kriminaltechnik und Fahndung der Bundespolizeidirektion Wien an. Dort absolvierte er eine Ausbildung in Daktyloskopie, die er auch praktisch anwandte.

Die nächste berufliche Station war 1989 das Bezirkspolizeikommissariat Ottakring, bevor er 1990 als Rechnungsführer ins Sicherheitsbüro kam. Noch im selben Jahr wurde er dort Leiter des Referats zur Auffindung von abgängigen Menschen und Identifizierung von unbekannten Leichen und Katastrophenopfern – für einen Nicht-Polizisten und Nicht-Juristen ein außergewöhnlicher Karrieresprung. Für seine Verdienste wurde ihm das Silberne Verdienstzeichen der Republik Österreich verliehen.

1998 kam Mader ins Bundesministerium für Inneres, Gruppe D Kriminalpolizei (das heutige Bundeskriminalamt) und wurde mit der Erstellung eines einheitlichen Berichtssystems, der Suchtmittelstatistik ONLINE, Teil der Kriminalstatistik ONLINE, betraut. Ab 2006 konzipierte und organisierte er von der EU geförderte Projekte im Bereich Suchtmittel. Seit April 2021 ist er im Büro 3.1 Organisierte Kriminalität des Bundeskriminalamts tätig.


Folgenreiche Veröffentlichung. Seine Erfahrungen als Leiter des Abgängigenreferats verarbeitete Mader 2014 in dem Buch „Vermisst. Spektakuläre Fälle im Visier der Fahnder“, in dem er wahre Fälle spannend schildert und in einem Anhang über die Abgängigenfahndung in Österreich informiert. Dazu kommen Tipps und eine Liste von Anlaufstellen für Betroffene. Das große Echo auf das Buch überraschte ihn: „Nach der Veröffentlichung haben sich mehrere Personen über den Verlag bei mir gemeldet, darunter DI Clemens Liehr, der eine Facebook-Site mit dem Titel 'Vermisst' gehabt hat, und Elisabeth Fleischmann, ein französisches Besatzungskind.“

Angesichts des regen Interesses an dem Thema entschloss sich Mader zur Gründung des Vereins „Österreich findet euch“, in dem Liehr als stellvertretender Vorsitzender fungiert. Neben der Suche nach Vermissten bilden Nachforschungen, um Angehörige von Nachkommen alliierter Soldaten zu finden, das durch den Kontakt mit Fleischmann entstandene zweite Standbein des Vereins. Dieser verzeichnete ein rasches Wachstum; innerhalb von sechs Jahren konnten Sektionen in allen Bundesländern aufgebaut werden.

Zu den insgesamt 80 Mitarbeitern bei „Österreich findet euch“ zählen unter anderem Polizisten, Juristen und Psychologen. Für ihre Tätigkeit sollten sie bestimmte Voraussetzungen mitbringen, erklärt Mader: „Als regionaler Ansprechpartner muss man sowohl mit Angehörigen von Vermissten als auch mit Behörden wie Polizei oder Feuerwehr reden können. Zum Beispiel pensionierte Kiberer, die auch Zeit für eine ehrenamtliche Tätigkeit haben, beherrschen das.“ Bis zu einem gewissen Grad sei es möglich, Mitarbeiter von den ausgebildeten Psychologen im Verein schulen zu lassen. Letztere würden auch besonders „schwierige Fälle“ übernehmen.

Mader betont, wie vielseitig das Thema Abgängigkeit ist. Von zu Hause oder einer Betreuungseinrichtung ausgerissene Jugendliche werden ebenso als vermisst gemeldet wie alte, demenzkranke Menschen, die nicht mehr in ihre Wohnung oder ins Seniorenwohnheim zurückfinden. Dazu kommen Wanderer und Kletterer, die in den Bergen verunfallen. Dass es sich bei Vermissten um Verbrechensopfer handelt, ist nicht so häufig der Fall, wogegen Suizidfälle öfter zu verzeichnen sind.


Hauptaufgabe Reden. Meist sind es Angehörige, die sich an „Österreich findet euch“ wenden. Diese können auf der Homepage des Vereins ein Vermisstenprofil erstellen, müssen davor allerdings eine Abgängigkeitsanzeige bei der Polizei erstatten. „Wir treten gleich in Kontakt mit den Betroffenen und erkundigen uns, ob sie Hilfe brauchen. Sie sollen das Gefühl bekommen, dass jemand für sie da ist, der ihre Sorgen und Ängste versteht“, so Mader. Er sieht als Hauptaufgabe des Vereins das Gespräch – einerseits, um die Angehörigen zu unterstützen, andererseits auch, um für das Auffinden des Vermissten wichtige Informationen zu erhalten.

Mader und seine Mitarbeiter erkundigen sich nach dem vermuteten Grund der Abgängigkeit und betreiben Ursachenforschung. So lassen sich etwa aus dem Milieu, in dem sich der Vermisste bewegt hat, Rückschlüsse auf einen möglichen Aufenthaltsort ziehen. Welche Aussagen von Angehörigen relevant sind, beurteilt Mader anhand von „Erfahrung und Bauchgefühl“: „In einer Ausnahmesituation erfinden manche Menschen etwas, ein Verbrechen, um die Schuld von sich zu weisen, die sie z. B. wegen eines vorhergegangenen Streits empfinden.“ Bekommt der Verein ermittlungsrelevante Hinweise, gibt er diese sofort an die Polizei weiter.

Die Alarmglocken sollten laut Mader schrillen, wenn der Abgängige einen Abschiedsbrief hinterlassen hat oder von seinen Konten Geld abgehoben worden ist: „Wird ein Verbrechen, ein Suizid oder ein Unfall befürchtet, kann die Polizei nach § 24 Sicherheitspolizeigesetz Ermittlungen aufnehmen, z. B. das Handy des Vermissten orten.“ Bei Personen, die auf die regelmäßige Einnahme von Medikamenten angewiesen sind, etwa bei Diabetes, sei es möglich, dass der Betroffene gesundheitlich zu beeinträchtigt ist, um allein heimzukehren.

Besonders belastend für Angehörige ist eine lange andauernde Unge­wiss­heit über das Schicksal eines Vermissten. „Österreich findet euch“ bietet ihnen eine Betreuung durch regelmäßige Gespräche an. Juristen des Vereins leisten rechtlichen Beistand, z. B. in Todeserklärungsverfahren. Psychologische Unterstützung gibt es auch, wenn ein Abgängiger tot aufgefunden wird. Wie hilfreich die Betroffenen die Bemühungen von Mader und seinen Mitarbeitern empfinden, zeigt sich unter anderem daran, dass der Verein auf Partezetteln erwähnt wird.


Soziale Medien. In den meisten Fällen erfüllen sich die schlimmsten Befürchtungen zum Glück nicht. Vor allem Jugendliche kehren oft von selbst wieder nach Hause zurück oder werden bald von der Polizei gefunden. Eine Rolle dabei spielen Soziale Medien, die auch „Österreich findet euch“ nutzt, so Mader: „Bei abgängigen Minderjährigen ist die Einbindung von Facebook und Instagram zielführend, da junge Menschen über diese Medien kommunizieren. In den von unserem Verein verbreiteten Suchmeldungen stehen auch Kontaktadressen, was manchmal dazu führt, dass sich minderjährige Abgängige mit diesen Kontaktstellen in Verbindung setzen.“

Häufiger sind es andere Nutzer Sozialer Medien, die vermisste Jugendliche auf geposteten Fotos erkennen und die Polizei informieren. So wurde Anfang September 2021 eine abgängige junge Oberösterreicherin anhand eines Bildes auf Instagram gefunden. Sogar grenzüberschreitende Erfolge ließen sich verbuchen – etwa bei einem Mädchen, dessen Aufenthaltsort in der Slowakei vermutet wurde, was „Österreich findet euch“ auf Facebook postete. Daraufhin lieferte eine slowakische Hilfsorganisation den entscheidenden Hinweis.

Auch volljährige Abgängige konnten schon mit Hilfe Sozialer Medien aufgespürt werden. Ein auf den Rollstuhl angewiesener Wiener wurde von seinen Angehörigen als vermisst gemeldet. Diese ersuchten den Verein, die Abgängigkeit auf Facebook zu veröffentlichen. Kurz darauf meldete sich eine Facebook-Nutzerin, die einen Rollstuhlfahrer mit passender Personenbeschreibung in der Fußgängerzone in Mödling gesehen hatte. „Österreich findet euch“ leitete diesen Hinweis unverzüglich an das Kompetenzzentrum für abgängige Personen im Bundeskriminalamt weiter, das die zuständige Polizeiinspektion verständigte. Eine Funkstreifenbesatzung traf den Mann wohlbehalten in der Fußgängerzone an.


Straftaten klären. Erfährt „Österreich findet euch“ im Zuge der Suche nach einem Vermissten von einer Straftat, erstattet der Verein Anzeige – im Fall einer abgängigen Niederösterreicherin wegen Verdachts auf Freiheitsentziehung, schwere Körperverletzung und gefährliche Drohung. Der erwachsene Sohn der Frau erstellte auf der Web-Site des Vereins ein Vermisstenprofil, dieser veröffentlichte die Abgängigkeit auf Facebook. Die Gesuchte kehrte von selbst nach Hause zurück.

Bei einem Telefonat mit einem Mitarbeiter des Vereins erzählte die Frau, was geschehen war: Sie hatte einen Mann türkischer Abstammung kennengelernt und sich mit ihm verabredet. Beim dritten Treffen fuhr er mit ihr nach Wien und sperrte sie in einer Baracke ein. Als er mitbekam, dass die Frau gesucht wurde, ließ er sie frei. Bereits am darauffolgenden Tag wurde der Täter ausgeforscht, er war einschlägig polizeibekannt.

Diese und weitere Fälle zeigen laut Mader, wie sein Verein die Polizeiarbeit unterstützen und erleichtern kann. Mit der raschen Veröffentlichung von Fotos Abgängiger in Sozialen und mitunter auch in herkömmlichen Medien erhalte man Hinweise aus der Bevölkerung, ohne dadurch die Ermittlungen zu gefährden. Mader würde eine Kooperation vergleichbar jener von Opferschutzeinrichtungen mit der Polizei begrüßen: „Unser Ziel ist, dass die Polizei jedem ein Infoblatt über den Verein in die Hand gibt, der eine Abgängigkeitsanzeige erstattet.“



Kontakt: Verein „Österreich findet euch“ https://www.oesterreichfindeteuch.at/

Literatur: Christian Mader: Vermisst. Spektakuläre Fälle im Visier der Fahnder, Amalthea Signum Verlag, Wien 2014

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