„Aus den Archiven des Wiener Kriminalmuseums zusammengestellt“


 

       

Bücher

Verbrechen in Wien

Historische Kriminalfälle, veröffentlich von Max Edelbacher und Harald Seyrl.

Wer bei der Buchpräsentation am 12. Dezember 2019 im Wiener Kriminalmuseum knapp dran war, musste mit einem Stehplatz vorlieb nehmen – so groß war das Interesse an dem neuen Buch von Hofrat Mag. Max Edelbacher und Mag. Harald Seyrl. Aus den Archiven des Wiener Kriminalmuseums hatten die beiden Autoren die interessantesten Fälle vom Ende der Monarchie bis in die 1990er Jahre ausgewählt und in einem reich bebilderten Band mit dem Titel „Verbrechen in Wien. Historische Kriminalfälle im 20. Jahrhundert“ zusammengefasst.
Edelbacher, der letzte Leiter des Wiener Sicherheitsbüros, und Seyrl, Direktor des Wiener Kriminalmuseums, stellten an diesem Abend nicht nur einige der in ihrem Werk beschriebenen Fälle vor, sondern boten darüber hinaus Einblicke in die historischen Hintergründe, die zum Verständnis der Kriminalität der damaligen Zeit beitragen. Die Autoren erzählten auch, was sie persönlich am Verbrechen und an der Persönlichkeit der Täter faszinierte.

Psychologie und Geschichte. In jungen Jahren hatte er seine Berufung nicht in der Verbrechensbekämpfung gesehen, verriet Edelbacher, der sich mit Fällen wie den Favoritner Mädchenmorden, der Mordserie im Krankenhaus Lainz und den Prostituiertenmorden durch Jack Unterweger einen Namen gemacht hat: „Ursprünglich wollte ich Lehrer für Mathematik und Psychologie werden, habe dann Jus studiert und bin über Umwege bei der Kriminalpolizei gelandet.“ Dort fand er ein breites Betätigungsfeld für die Anwendung seines psychologischen Wissens – mit der „Möglichkeit, mit Tätern und Opfern zu sprechen, in ihre Seelen hineinzuschauen“.
Für Seyrl ergänzen von der offiziellen Geschichtsschreibung unbeachtete historische Kriminalfälle das Bild von früheren Epochen: „Kriminalgeschichte ist Teil der Kulturgeschichte. Wie verhält sich der Staat gegenüber dem Bürger, wie der Bürger gegenüber dem Staat?“ Seyrl ist Generalsekretär des Instituts für Historische Kriminologie, als Lehrender für politische Geschichte und Zeitgeschichte in der polizeilichen Ausbildung tätig und hat in jahrelanger Arbeit das Schloss Scharnstein renoviert und dort ebenfalls ein Kriminalmuseum eingerichtet.

Spektakuläre Fälle. Der erste der auch in „Verbrechen in Wien“ beschriebenen Fälle, den Seyrl schilderte, ereignete sich Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein polizeibekannter vorbestrafter Gewalttäter überfiel eine alte Trafikantin, tötete sie durch mehrere Messerstiche und raubte ihr nicht nur Geld, sondern auch Rauchwaren. Als man ihn verhaftete, saß er rauchend auf einer Parkbank im Prater. Er wurde zum Tod durch den Strang verurteilt. „Nach seinem letzten Wunsch gefragt, wollte er eine Zigarre rauchen. Die Sucht hat ihn bis zum Galgen begleitet“, so Seyrl.
Bei der zweiten Kostprobe aus dem Buch ging es um einen Fall aus den 1920er Jahren. Der aus Rumänien stammende Tenor Trajan Grosavecsu lebte mit seiner Frau Nelly in Wien-Josefstadt. Als ihr Mann ihr mitteilte, dass er auf die bevorstehende Gastspielreise nicht sie, sondern seine Sekretärin mitnehmen würde, kam es zum Streit, und seine eifersüchtige Ehefrau erschoss ihn mit einer Pistole. Bei dem folgenden Sensationsprozess wurde sie wegen Totschlags angeklagt. Da ihr die Geschworenen eine „Sinnesverwirrung zum Zeitpunkt der Tat“ bescheinigten, kam es jedoch zu einem Freispruch.
„Im Kriminalmuseum steht ein Würgegalgen. Eines Tages sehe ich, wie ein alter Herr den Galgen anschaut. Als ich eine Stunde später wieder vorbeikomme, steht er immer noch da und sagt: „Fast hätte ich auf diesem Gerät mein Ende gefunden“, erinnert sich Seyrl. Der Mann, Ing. Julius Kausel, war 1949 beschuldigt worden, seine Dienstgeberin Blanche Mandler, bei der er in Untermiete wohnte, ermordet und beraubt zu haben. Einbruchsspuren waren keine gefunden worden, und er hatte den Schlüssel zu ihrer Wohnung. Der Todesstrafe entging Kausel nur, weil ein ehemaliger Geschäftspartner von Mandler wegen Diebstahls verhaftet wurde und man bei ihm die aus ihrer Wohnung entwendeten Gegenstände fand.

Nicht museumsreif. Schließlich berichtete Seyrl von einem Fall, den man nicht im Buch nachlesen kann. Vor der Eröffnung des Kriminalmuseums wurde diese in einer Tageszeitung angekündigt, woraufhin ein Mann anrief und um eine ungestörte Aussprache bat. „Der Mann war an die 90, gebrechlich und verängstigt. Er hat gesagt, dass er wegen der Eröffnung in großer Sorge sei. 1939 hatte er aus Eifersucht einen Mord begangen und war verurteilt worden“, so Seyrl. Der Mann, der seine Strafe verbüßt hatte, fürchtete, sein Fall werde im Kriminalmuseum zur Schau gestellt und seine Familie, die von der Tat nichts wusste, könnte davon erfahren. Seyrl beruhigte den Mann – so spektakulär war die Tat nicht, dass sie im Museum gezeigt werde.                               

Rosemarie Pexa

Historische Kriminalfälle im 20. Jahrhundert, von: Harald Seyrl, Max Edelbacher, Verlag: Elsengold Verlag, EAN: 9783962010263, € 25,-


diekriminalisten.at, April 2020