Diagnostik und Behandlung in derzeit sieben Sprachen


 

       

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Prävention I

Sexuelle Wünsche im Verborgenen.

Die webbrowserbasierte Selbsthilfe-App „Troubled Desire“ für Menschen, die sich sexuell zu Kindern oder/und Jugendlichen in der beginnenden Pubertät hingezogen fühlen, gibt es bald in zehn Sprachen. Sie feierte kürzlich ihr zweijähriges Bestehen.

„Troubled Desire“ wurde am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin entwickelt. Vor zwei Jahren ging das Online-Management-Tool an den Start. Hier werden anonym und kostenlos Diagnostik und Behandlung in derzeit sieben Sprachen angeboten (Deutsch, Englisch, Spanisch, Marathi, Portugiesisch, Französisch und Türkisch). Bis Ende des Jahres soll das Programm in insgesamt zehn Sprachen verfügbar sein.

5.400 potenzielle Täter. Das Angebot wird weltweit rege genützt: In den vergangenen zwei Jahren wurden 5.400 Interviews mit potenziellen Sexualstraftätern gestartet, 2.800 davon wurden abgeschlossen. 1.600 Internet-User monatlich besuchen die Website www.troubled-desire.com. Sie stammen aus etwa 80 Ländern. Die Besucher der Internet-Website verweilen im Schnitt drei Minuten lang auf der Seite von „Troubled Desire“.

Verursacherbezogene Prävention. Univ.-Prof. Dr. Klaus M. Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité Berlin sagt, die verursacherbezogene Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch müsse zu einem sichtbaren Angebot führen, und „es muss von den Betroffenen niedrigschwellig in Anspruch genommen werden können“.

Pädophilie betreffe rund ein Prozent der männlichen Bevölkerung, sagt Klaus M. Beier. „Damit sind etwa 250.000 Männer in Deutschland betroffen“, erklärt der Wissenschaftler. Missbrauchsabbildungen werden nicht nur dort genutzt, wo sie produziert werden, „sie werden international genutzt“, sagt Beier. „So ist in der Europäischen Union, bezogen auf 500 Millionen Einwohner, von 1,5 Millionen Betroffenen auszugehen.“ Nicht verwunderlich sei daher, dass die Anzahl der weltweit verfügbaren Missbrauchsabbildungen steige. Nach Erhebungen der Internet-Watch-Foundation hat sich die Zahl der entdeckten Webseiten mit Missbrauchsabbildungen seit 2010 von 1.351 auf 105.047 Webseiten 2018 verhundertfacht. „Deshalb müssen Angebote wie Troubled Desire unbedingt ausgebaut und finanziell sowie politisch gefördert werden“, sagt Beier.

Kein Täter werden. Die Angebote von Troubled Desire gingen aus dem Berliner Projekt „Kein Täter werden“ hervor (www.kein-taeter-werden.de). Es startete 2005 als Präventionsprojekt zur Aufhellung des Dunkelfelds. 2011 ging daraus ein Präventionsnetzwerk hervor, mit zwölf Standorten in Deutschland. Ein ähnliches Projekt gibt es seit 2012 in Wien unter dem Titel „Nicht Täter werden“.

 

diekriminalisten.at, Dezember 2019