Mary Vetsera war eindeutig durch einen Kopfschuss getötet worden.


 

       

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Knöcherne Geheimnisse

Oberst Helmut Reinmüller, Leiter der Zielfahndungseinheit im .BK, hat den Diebstahl der Gebeine der Kronprinzen-Geliebten Mary Vetsera 1992 dokumentiert.

Im Jagdschloss Mayerling im Wienerwald schoss sich am 30. Jänner 1889 Kronprinz Rudolf, der einzige Sohn des Kaisers Franz Josef I., eine Kugel in den Kopf. Neben ihm lag seine erst 17-jährige Geliebte Mary Freiin von Vetsera, getötet ebenfalls durch einen Kopfschuss. Es folgte eine Vertuschungs- und Vernebelungsaktion des Kaiserhofs und die Tragödie von Mayerling sorgt bis heute für Spekulationen über den Tathergang. Vetsera war freiwillig mit ihrem Geliebten aus dem Leben geschieden, wie aus einem, erst 2015 in einem Safe der Schoellerbank gefundenen Abschiedsbrief an ihre Mutter Helene hervorgeht.

Während Kronprinz Rudolf bei seinen Ahnen in der Wiener Kapuzinergruft seine letzte Ruhe fand, wurde Baronesse Vetsera als vermeintliche Selbstmörderin im Friedhof Heiligenkreuz nahe der Friedhofsmauer verscharrt und erst Monate später über Betreiben ihrer Mutter in eine Gruft umgebettet. Nach der Tragödie wurde das Jagdschloss Mayerling in ein Karmelitinnen-Kloster umgebaut.

Grabraub in Heiligenkreuz

Im Dezember 1992 gab es neuerlich Aufregung um Mary Vetsera. „Kronen Zeitung“-Chronist Georg Markus berichtete, dass die sterblichen Überreste der Baronesse aus ihrem Grab im Friedhof Heiligenkreuz gestohlen worden seien. Markus, der vom Grabräuber kontaktiert worden war, erstattete Anzeige im Wiener Sicherheitsbüro. Rasch wurde der Fall geklärt: Der Linzer Möbelhändler Helmut Flatzelsteiner öffnete in der Nacht auf den 26. Juli 1991 mit zwei Helfern die Gruft der Mary Vetsera am Friedhof in Heiligenkreuz und stahl den Sarg samt den sterblichen Überresten der Thronfolger-Geliebten.

Flatzelsteiner war historisch interessiert und wollte das Rätsel von Mayerling auf seine Art lösen, nachdem er erfahren hatte, dass der Abt des Stiftes Heiligenkreuz die Exhumierung der Leiche Vetseras abgelehnt hatte. Er versteckte den Sarg im Lager seines Möbelhauses in Linz. Der Unternehmer ließ den Schädel, die Gebeine und die Reste der Kleidung aus dem Sarg von einem Gerichtsmediziner, einem Kieferspezialisten und Expertinnen für Kostümkunde untersuchen. Zur Verschleierung erfand er die Geschichte, dass es sich um die Gebeine seiner Urgroßtante handelt, die in Tschechien ermordet worden sei, und dass er nun Genaueres über die Todesursache wissen wolle.

Die Ergebnisse der Untersuchungen überzeugten den Sargdieb, dass es sich tatsächlich um die Gebeine von Mary Vetsera handelt und sie eindeutig durch einen Kopfschuss getötet worden ist. Nun wollte Flatzelsteiner seine Erkenntnisse der Öffentlichkeit präsentieren. Er wandte sich mit seiner Geschichte an den ORF und den Privatsender RTL sowie an Zeitschriften und Tageszeitungen in Österreich und Deutschland. Seine Angebote wurden aber abgelehnt, denn damals waren die Medienmacher noch sensibilisiert vom „Stern“-Skandal um die gefälschten „Hitler-Tagebücher“ und außerdem hatten die Medien mit dem Auffinden des „Ötzi“, der über 5.000 Jahre alten Gletschermumie aus den Ötztaler Bergen, bereits eine historische Sensation für die Titelseiten.

Deshalb wartete Flatzelsteiner einige Monate zu und traf sich am 1. Dezember 1992 mit Georg Markus. Die „Kronen Zeitung“ erwarb von Flatzelsteiner die Exklusivrechte an der Geschichte. Zur Sicherheit sollten die Gebeine von weiteren Gerichtsmedizinern untersucht werden. Weil Georg Markus aber befürchtete, dass andere Medien vom Grabraub der Mary Vetsera erfahren und ihm die Sensationsgeschichte „abschießen“ könnten, entschloss er sich, die Story noch vor den gerichtsmedizinischen Untersuchungen zu veröffentlichen. 

Gegen Helmut Flatzelsteiner wurde wegen der Straftatbestände schwerer Diebstahl, dauernde Sachentziehung und Störung der Totenruhe ermittelt. Die Gebeine und der Sarg von Mary Vetsera wurden am 28. Oktober 1993 wieder in der Gruft in Heiligenkreuz beigesetzt. Das Strafverfahren gegen Helmut Flatzelsteiner wurde am 10. September 1993 vom Kreisgericht Wiener Neustadt eingestellt, ihm konnte kein Bereicherungsvorsatz nachgewiesen werden und das Delikt der Störung der Totenruhe war verjährt. Die bei ihm beschlagnahmten Beweisgegenstände wurden wieder ausgefolgt. In einem vom Stift Heiligenkreuz angestrengten Zivilverfahren verglich sich der „Grabräuber“ mit dem Kläger und zahlte eine Entschädigung.

Kriminalfall von „historischer Bedeutung“

Im Ermittlerteam der Fachgruppe „Kunstdiebstahl und Amtsmissbrauch“ des Sicherheitsbüros, das den Grabraubfall bearbeitete, befand sich Helmut Reinmüller. Er absolvierte später den Offizierskurs und leitet heute die Zielfahndungseinheit im Bundeskriminalamt.

Im Frühjahr 2018 hielt Oberst Reinmüller alte Unterlagen zum „Grabraub der Mary Vetsera“ wieder in seinen Händen. „Mir wurde bewusst, dass dieser Fall von historischer Bedeutung ist und die Unterlagen gesichert gehören“, betont Reinmüller. Er machte sich auf die Suche nach Polizei- und Gerichtsakten, Polizeifotos, Dokumenten und anderen Unterlagen. Gleich danach begann er diese Unterlagen aufzuarbeiten und führte Gespräche mit dem „Grabräuber“ Helmut Flatzlsteiner, mit Staatsanwälten, Polizeijuristen, Gutachtern, Kriminalbeamten, Zeugen und anderen Personen, die in den Fall involviert waren. Flatzelsteiner schenkte Reinmüller Gegenstände und Unterlagen, die er zu „seinem Fall“ aufbewahrt hatte, darunter Exponate von Mary Vetsera, Dias und Fotos. Auch ehemalige Beweisstücke waren dabei, wie ein Wagenheber, den er für das Anheben der 200 Kilogramm schweren Grabplatte verwendete, oder die Taschenlampe, deren Vorderteil in die Gruft fiel und Flatzelsteiner überführte.

Das Ergebnis der Recherchen Reinmüllers fasst er in einem Buch zusammen. In „Mary Vetsera. Der Grabraub 1992“ schildert der Zielfahndungschef detailreich den Kriminalfall von der Anzeigeerstattung bis zur Einstellung des Strafverfahrens. Er dokumentiert die Planung, die Tatausführung, das Motiv und die Folgen. Er berichtet über die Interessen des Knochendiebes Flatzelsteiner und des Journalisten Georg Markus und geht auf die Besonderheiten dieses außergewöhnlichen Falles ein, der von einem enormen Medieninteresse begleitet wurde. Das Buch enthält zahlreiche Fotos und Fakten, die bisher unveröffentlicht waren. Fotomontagen stellen beispielsweise die Schussverletzung und den Schusskanal durch den Schädel besser dar. Reinmüller ist es mit Unterstützung von Expertinnen des Instituts für Kostümkunde an der Hochschule für angewandte Kunst gelungen, Vetseras Kleidung im Sarg genau zu rekonstruieren. Mithilfe eines Experten konnte auch festgestellt werden, dass die 161,5 cm große Mary Vetsera mit Schuhgröße 33/34 sehr kleine Füße hatte.         

W. S.

Helmut Reinmüller: Mary Vetsera. Der Grabraub 1992. Darstellung der Tat aus kriminalpolizeilicher Sicht mit neuen Fakten, Details und Bildern. Kral-Verlag, Berndorf, 2019. www.kral-verlag.at



diekriminalisten.at, Juni 2019